Gigantismus – und eine geteilte Stadt

Nach 22 Jahren ist Berlin wieder geteilt –

in den Tegel-Sektor, der sich gerade auf ein neues Leben ohne Fluglärm freute und den Brandenburg-Sektor, der nun noch mal Zeit gewonnen hat. Im Osten wird die schwerhörige Oma ein zweites Mal seit November 2011 zurück ins Pflegeheim gebracht und ein neuer zweiter Frühling lärmfrei und harmonisch genossen. Das Einzige, was hier jetzt noch Krach macht, sind knallende Sektkorken und Kronverschlüsse von Bierflaschen, die neben dem liebevoll geputzten Grill auf die Zementplatten vor der Wochenenddatsche purzeln. Der Neubau des Flughafens Schönefeld wird also ein uneröffneter – nur für Besucherhorden am Wochenende als modernes Museum zu besichtigender – Neu-Bau bleiben. Wenn die anfangen, Eintritt zu verlangen, sollten wir stutzig werden.

Hier wurde zielstrebig wild gebaut, dass die eine oder andere Brandschutztür wohl zur Falltür gerierte. Als bei der Abnahme der Satz „Normal hält das!“ fiel, war der neuste Flughafen der Republik so sehr Geschichte,wie es sein Aushängeschild Willy Brandt schon lange ist.

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Matthias Kalle, NORMAL HÄLT DAS, soeben erschienen bei ullsteinextra

Die Schieberei von Schönefeld passt in die Zeit eines Gigantismus, der sich gerade selbst ad absurdum führt. Erst kürzlich jährten sich die Jahrestage von Titanic-Untergang und Hindenburg-Absturz. Und? Was haben wir aus den Katastrophen dieser unsinkbaren, unabstürzbaren, gigantischen Konterfeis eines präzisen Handwerks im Dienste des Prunkes gelernt? Wasser ist Wasser und Luft ist Luft. Wasser macht bei Kälte einen Eisberg, und ein Funke Feuer kann Luft in ein Inferno verwandeln. Da können wir vorher rabotten und schweißen und verkleiden und noch fünfundachtzig weitere Rettungsringe aus purem Gold anbringen – die vier Elemente schert das gar nicht. Einmal in hundert Jahren feiert sich die Menschheit im Gigantentum, und wir wären hundert Jahre später wieder drangewesen –  aber mit der Abwahl von Sarkozy in Paris hat sich das eventuell erledigt. Der Sozialist Hollande jedenfalls muss sich keine Prunkbauten mehr errichten. Das hat sein einziger sozialistischer Vorgänger Francois Mitterand bereits aufs Prächtigste getan: mit der gläsernen Pyramide im Hof des Louvre, der neuen Oper am Place de la Bastille, der neuen Nationalbibliothek. Und ebenso „nicht aus persönlichem Ehrgeiz“ durchgesetzt, sondern mit „Ambition für Frankreich“ wurde die Grand Arche gebaut, das weiße Tor im Banken- und Büroviertel La Défense.

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La Defense

Mitterrand war „Mitterramses“ im Volksmund, aber wir liebten ihn doch und seine Bauwut, die uns immer wieder gern zurückkehren lässt in die schönste Stadt der Welt. Für seinen Gigantismus  hatte er natürlich auch mehr Zeit als Sarkozy. Dieser kann sich nun in seinen kleinen Absatzschühchen in aller Ruhe ins Privatleben zurückziehen. Vielleicht als Anwalt für Ausländer- und Asylrecht? Ich schlage die Satellitenstadt Garges-lès-Gonesse im Norden von Paris vor. Dann kann er seine Mandanten per pedes erreichen, denn die Staatskarosse wird ihm nicht mehr zur Verfügung stehen. Es hält sich die Mär, Carla Bruni-Sarkozy habe ihren Beziehungsstatus auf Facebook von „verheiratet“ auf „in einer Beziehung“ geändert. Bleibt zu vermuten, dass es sich da schon um den Nächsten handelt, denn Carla wollte immer einen, der nicht gut aussehen muss (das hat sie ja geschafft), aber so mächtig ist, dass er im Zweifelsfall die Atombombe zünden könnte. Also entweder sie nimmt sich jetzt einen Nordkoreaner (dann kann sie ja weiter ihre flachen Ballerinaschühchen tragen) oder sie findet sich damit ab, dass bei Monsieur BlingBling das einzig Entzündbare momentan seine Augen und das Porsche-Feuerzeug zum morgendlichen Zigarettchen sind.

Neben Schönefeld wird hierzulande momentan die „Großbaustelle Urheberrecht“ (Titel © Michael Roesler-Graichen im Börsenblatt) beackert. www.aufmeinemmistgewachsen.de wäre doch ein schöner Verlagsname für alles – Doktorarbeiten, die man selbst verfasst hat, Artikel, aus denen nicht abgeschrieben werden soll usw., und wer dort veröffentlicht, wird vierteljährlich pauschal honoriert, wenn der GEZ-Mann zweimal klingelt. Die Grenzezwischen dieser und der Diskussionder Vorratsdatenspeicherung wird im Übrigen zunehmend fließend. Was auch immer bei dem einen oder anderen herauskommen mag – ein gigantischer Aufwand an Kontrollbehörden und -mechanismen wird vonnöten sein, um illegalen Downloadern und Schwerverbrechern im Netz die Handwerke zu legen. Wobei sich die Frage stellt, wer die Kontrollbehörden eigentlich kontrolliert bzw. erstmal schult, bevor sie ihr wichtiges Amt einnehmen. Profis wie unser Regierender Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck haben das mit dem Kontrollieren in Schönefeld schon mal nicht auf die Reihe bekommen, obwohl sie doch im Aufsichts(!)-Gremium sitzen. Und in Leipzig tut sich noch Gigantischeres: Trete ich in meiner Lieblingsmessestadt aus dem Bahnhof, habe ich die ersten maroden Fabrikhallen wie hohle Zähne in einem gesunden Gebiss schnell ausgemacht. Verlasse ich das schnucklige Stadtzentrum, dann dauert es nicht lange, und das Talent dieser Stadt zum „Ruinen schaffen ohne Waffen“ manifestiert sich mir an allen Ecken. Da kann man mal wieder sehen, wie wenig man sich vom ersten Eindruck täuschen lassen sollte. Von 565 angeblich herrenlosen und sich in erbärmlichem Zustand befindenden Grundstücken wurden 411 schon längst und weit unter Preis vertickt. Die Käufer sahen wohl mehr darin, als es die Mitarbeiter der Stadtverwaltung taten. Die gaben sich nicht einmal die Mühe, vor dem Verkauf die rechtmäßigen Eigentümer ausfindig zu machen. Von wegen – altes Haus…

Ruine Hoppegarten

In Leipzig bekommt dieser Spruch eine ganz neue Bedeutung! Begegnet Ihnen dort ein altes Haus, dann ist das nach Kosten/Nutzen-Rechnung ein Goldtempel, der gerade jetzt, während ein lausiges Straßenhündchen an sein Gemäuer pullert, zum fünften Mal gewinnbringend verhökert wird! Das nenne ich blühenden Immobiliengigantismus in den neuen Bundesländern. Nur dass der optisch leider so gar nicht wahrnehmbar ist. Wir wollen also die Kontrolle im Internet einführen – und an allen Ecken und Kanten unseres Landes versagt die Kontrolle komplett? Abgesehen davon nützt die feinste Kontrolle des Urheberrechts im Internet so viel wie eine lauwarme Kartoffel kurz vor dem Verdursten, solange es Leute wie CDU-Mann Florian Graf gibt, die gleich aus der Zeitung abschreiben. Copyand Paste (siehe Spirit of Kasimir vom 23.02.2011) war ihm zu einfach, so ein bisschen Arbeit wollte er sich dann schon machen.

Wenig Kontrolle der Kontrolle herrschte auch bei den Ermittlern rund um die Morde des Zwickauer Neonazi-Trios. Umso um-triebiger sind die Behörden jetzt, vom Ministerium des Inneren zum Verfassungsschutz bis hin zur kleinsten Polizeistube in Sachsen, umtriebigst wird die Schuld vom einen zum anderen geschoben, werden Telefonprotokolle ausgewertet – nein, nicht die der Täter, sondern die der zwischen den Behörden gelaufenen Telefonate. Und plötzlich werden alle hellwach: Jetzt hat die NPD auch noch das Thema Umweltschutz („Schutz der deutschen Kulturlandschaften“, Warnung vor „Invasion fremder Arten“) für sich entdeckt und will damit ganz augenscheinlich Sympathien gewinnen. Na, das checkt die Kichererbse doch! Die lässt sich doch nicht zu Braunwurzbrei zerkochen!  Die Erbse kichert sich eins, bis der Erbsenzähler kommt, was bei uns Menschen schon wieder den Aufstand vor der Volkszählung provozieren würde. Wissen Sie eigentlich, dass auch Vegetarier sich mittlerweile fragen müssen, WEN sie essen? (Titel © Maritta Tkalec in der Berliner Zeitung). Israelische Forscher haben die grüne Erbse auf ihre Wüstentauglichkeit getestet. (Wer macht denn sowas?) Über ihre Wurzeln gab diese dann die Information: „Mann, ist das heiß hier! Sind wir denn schon bei Iglo?“ an die anderen Pflanzen weiter. So konnten die sich vorbereiten und die Strickjacke zu Hause lassen. Nicht übel, oder? Aber auch irgendwie beängstigend. Mein Ficus schaut mich schon so argwöhnisch an.

Ein Entspannungsprogramm ist an dieser Stelle das Kartendeck Farben der Naturengel von Darsho M. Willing, erschienen bei Allegria –  Sie werden staunen.

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Und nun lasst uns weggehen von den Großbaustellen und Ruinen, hin zur hoffentlich demnächst ebenfalls urheberrechtlich geschützten Natur, das könnte der Slogan für einen gediegenen Herrentag sein und das lange Wochenende im Anschluss – atmet durch!

Es atmet mit Ihnen und Euch

                                                                                                                                      der Spirit of Kasimir

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