Rezo ist Silber. Machen ist Gold.

Lieber Rezo,

ich reagiere nicht auf Dich, sondern auf die (von der CDU abgesehen) nahezu ungeteilte Begeisterung für Dein CDU&Co.-Zerstörungs-Video.

Deine Botschaft und die 14 Millionen Klicks darauf formulieren sich für mich zu einer einzigen Frage: Wo seid ihr jenseits von Manifestation und Videobotschaft, wenn man Euch braucht?

Wo seid ihr, wenn Gleichaltrige den angebotenen Ausbildungsplatz (Quelle 1) nicht annehmen und nach dem erschöpfenden Abitur, das ursprünglich mal auf einer Backe abgesessen wurde, eine „Auszeit“ brauchen? (Quelle 2) In welcher Nervenzelle lungert der Klimagedanke, während sich mit Shoots in Plastikflaschen in der S-Bahn für die Clubparty aufgewärmt wird? Und wo sind Deine Follower, wenn es um die Wahl geht, um die Wahl nämlich, ob man überhaupt wählen geht oder aus „Politikverdrossenheit“ am Sonntag lieber chillt und damit die eigene Stimme nicht nur (ich zitiere) „nicht der CDU und nicht der SPD“, sondern auf jeden Fall jemandem gibt, der sich über jede ungenutzt gültige Stimme freut? (Quelle 3)

Ihr Mid-Twenties seid seit zirka zehn Jahren wahlberechtigt, und die Mehrzahl Deiner Liker ist es wahrscheinlich schon viel länger. Denkberechtigt und -verpflichtet seid ihr qua Geburt. Eltern habt ihr auch, und einige von Euch haben auch Kinder. Hast Du auch nur ein μ Deiner Botschaft, bevor sie in den Äther ging, wirksam an Deinem eigenen Umfeld, Deiner Family, in Deinem Hood und in Deiner Clique ausprobiert? Ist dort wirklich jeder dabei, keine Nestlé-Produkte zu kaufen, sich um einen steuerpflichtigen Job zu kümmern, um eine nachhaltige Erziehung der eigenen Kinder und um Konsum jenseits des Plastikwahnsinns?

Woher kommen Du und Greta jetzt, da sich in einem Großteil unseres Landes (den 30-Jahre-„neuen“ Bundesländern nämlich) und in ganz Europa rechte Kräfte längst freigeschwommen haben?

Wo wart ihr und Eure Überzeugungsarbeit an der Basis, wo wir heutigen Looser (CDU und SPD) immer noch (jenseits von Tagesschau und Anne Will) ziemlich viel bewegen (nur kann nicht jeder Ortsverein seinen eigenen Youtube-Channel starten), Euch die Parteien aber zum Mitwirken zu uncool sind, obwohl ihr genau dort tatsächlich etwas verändern könntet?

Ich teile Deine Meinung, dass „junge Leute mehr Politik machen“ sollen, aber diese erschöpft sich eben nicht darin, dass „junge Leute sagen, was Scheiße ist“. (Quelle 4) Das reicht mir nicht. Labern kann ich auch. Machen ist die Parole.

Selbst Stéphane Hessel meinte mit „Empört Euch!“ als alter Résistancler etwas mehr als Kamera an und raus mit dem Scheiß. Vor der Empörung kommt das Engagement. Auch wenn es dort unbequemer ist als in der Komfortzone am PC.

Genau dorthin grüßt Dich, lieber Rezo,

Dein bekennender SPD-Looser,

The Spirit of Kasimir

Foto: Martin Hartung

SOKurzgefasst

Einen so gewaltigen Aufschrei wie den um Juso-Chef Kühnert hätte ich mir bei der kürzlich erfolgten Bekanntgabe deutscher Rüstungsexporte (49 Mrd €) gewünscht.
Juso-Vorsitzender Gerhard Schröder forderte 1978 die Beseitigung der Vorrechte der herrschenden Klasse im Allgemeinen, seine Jusos damals die Abschaffung des Maklerberufs im Speziellen. Die Panik blieb aus und die Makler gibt’s auch noch, so sie sich neben Airbnb halten konnten.
„In jenen Zeiten war das Denken in gesellschaftlichen Alternativen wesentlich normaler als heute.“* Heute äußert sich der aktuelle Juso-Chef zum Sozialismus und sorgt für einen Tsunami im Wasserglas. Statt des Denkens IN Alternativen überlassen wir selbiges nämlich neuerdings DEN so genannten. Und schon finden sich AfD, CDU/CSU und FDP im einheitlichen Protestmodus gegen das Interview eines jungen Wilden, der in einer weniger wilden Wochenzeitung über ein Wort sinniert, das mancher von uns eine Schulzeit lang durchdeklinieren musste.
Die Empörung erreicht eine Kraft, die ich mir beim Schul- und Wohnungsbau oder wenigstens beim Abriss des BER wünsche, und ausgerechnet von CSU-verkehrt-Minister Scheuer wird Kühnert als „verirrter Phantast“ bezeichnet. Schön. Denn ein bisschen mehr Phantasie und weniger B.Scheuert klingt hier nach einer ECHTEN Alternative.

Euer heute kurz angebundener Spirit of Kasimir

 

*Holger Schmale / Berliner Zeitung 3.5.2019

Nicht die Hoffnung stirbt zuletzt. Danach kommt noch die SPD.

Leute, wir sind bei 17%. Das schaffen weder Graue Panther noch die restliche Tierschutzallianz. Wir sind auch stärker als die Violetten mit ihrer spirituellen Politik, haben die Partei für Gesundheitsforschung haushoch überflogen, auch die ÜberPartei der Bergsteiger haben wir gnadenlos abgehängt. Da ist viel Musike drin, was soll uns denn jetzt noch passieren? Dem Außenseiter AfD haben wir bei unserem Höhenflug sogar noch auf das Siegertreppchen geholfen. So sind wir nämlich, wir Genossen: immer für den anderen da. Selbstlos. Machtlos. Ziellos.

Und falls jetzt nochmal einer fragt: ja, ich bin trotzdem noch drin. Weil so eine Partei eben keine Facebookgruppe ist, die ich wütend verlasse, weil der aufgeklärte Rainer die Regeln geändert hat und nun doch keine Postings mit Foodporn nichtveganen Inhalts akzeptiert.

So eine Partei ist auch keine Gesichtsmaske, die ich mir auflege und wieder abrubbele, sobald es ä bissl zu jucken beginnt. Die zehn Minuten muss ich schon durchhalten, sonst bröckelt mir die Verjüngung im Ausguss weg.

20180921_SOK_SPD

Ja, es ist Mist und ja, ich wünschte mir auch eine Chefin, die als Rampensau mehr als einen Pippi Langstrumpf-Song drauf hat und nicht über alle Maaßen und Köpfe hinweg Entscheidungen mitträgt, die soviel Mut brauchen wie ein Panzerfahrer beim Überwinden einer Barriere aus Nussschalen.

Aber meine SPD ist ganz einfach noch nicht weit genug unten, da geht noch weniger als 17%, und ich bin mir sicher, auch das schaffen wir. Denn erst, wenn der Daumennagel am Boden des Eimers kratzt, poppt die Gänsehaut auf, verteilt den Schauer auf der Haut und macht wach.

Währenddessen reißen wir uns in den Ortsvereinen weiter den Allerwertesten auf, rennen neben Job und Familie in die Ausschüsse für Bau und Gleichheit und Inklusion und ökologische Stadtentwicklung und Mieterschutz, machen Euch schöne Sommerfeste bei Freibier und halten den ABC-Schützen bei der Einschulung am Samstagmorgen auch gerne mal die Schultüte, während das eigene Kind zuhause beim Babysitter sitzt.

In Berlin kann SPD übrigens außer Nichtgewähltwerden auch Mindestlohn, Zuschüsse für Sozialmieten, höhere Investitionen in Krankenhausversorgung, Familienfördergesetz gegen Kinderarmut, verbilligtes Sozialticket und neue Hochschulverträge mit mehr Zuschuss. Nur klingt das alles leider nicht so sexy wie der schmatzende Sound der Häme. Gegen diese Art von Lärmbelästigung wende ich renitent das gleiche Mittel an: Einfach machen. Einfach weitermachen.

Mit nur einem Messer im Rücken gehen wir noch lange nicht nach Hause. Und ja, ich bin gekommen, um zu bleiben. Als Exoten werden wir doch irgendwann sowieso unter Artenschutz gestellt, und wer mich kennt, der weiß, wie ich diese Art von Aufmerksamkeit genieße.

Weniger sind mehr, heißt es doch so schön. Und ganz wenige sind dann die allermeisten.

Euer Spirit of Kasimir,

der sich heute mal das Parteibuch unter das Kopfkissen legt. (Bei der Zahnfee hat das mit der Belohnung schließlich auch geklappt.)

 

 

 

Mein allererstes Krankheits-Posting

Facebook benutzt meine Daten, meine Gewohnheiten? Super! Hier meine öffentliche Botschaft an Pharmakonzerne und sonstige Lobbyisten des Gesundheitssystems und JA, ihr Humbug-Analyticas, bitte nehmt ZUGRIFF auf diese äußerst privaten Nutzerdaten, TEILT die Schande und WEIDET sie aus (und da mein GPS im Handy 24/7 angeschaltet ist, kein Problem für euch rauszufinden, wo überall ich mich heute aufgehalten habe, also go ahead FOLLOWING ME!):

Kleine Utopie, am ersten Tag der Osterferien mit entzündeter Arthrose einen Arzt zu finden. PAH! Hab ich schon erwähnt, dass ein aufgeblasenes Knie Schmerzen verursacht und einen Teil der entzündlichen Flüssigkeit als Schweiß auf die Stirn katapultiert? Hangel mich an Geländern und Häuserwänden entlang, mache Fahrstühle und Rolltreppen ausfindig in Ecken, die ich wegen der hohen Konzentration an Pisse bisher gemieden hatte (besteht ein stringenter Zusammenhang zwischen Blasenschwäche und Rollstuhlrampen?).

  • Friedrichstraße, Orthopäde meines Vertrauens: Leider gar nix mehr frei, alle im Urlaub, morgen 15 Uhr. – Ok, noch 30 Stunden bis dahin. Darauf eine Ibu 600.
  • Linienstraße, next exit: Hausarzt meines Vertrauens. Wünsche schöne Ostern, mich vertritt die nette Kollegin in der Dorotheenstraße. – Ok, waren ja nur 1000 Meter. Darauf ein Fishermen´s Friend.
  • Vor der Tür der netten Kollegin die Feststellung, dass sie a) nix Orthopädisches und b) erst in 2 Stunden aufmacht. Dafür nebenan ein … ORTHOPÄDE! Der aber erst in einer Stunde wieder zum Punktieren bereitsteht. – Ok. Ist dann ja nur noch 1 Stunde. Darauf ein Gaffel-Kölsch im Gaffel-Kölsch gegenüber. Iss ja schon Mittag, bin ja schon 3 Stunden auf den Beinen (minus einem entzündeten) unterwegs.
  • Pünktlich beim Orthopäden: Bin Notfall. Bin Schmerzpatient. Laufen nicht mehr möglich (liegt nicht am Bier). Sie lässt mich gar nicht ausreden, soll mich auf 3 Stunden Wartezeit einrichten. Sehne mich zurück ins Gaffel-Kölsch. Zwei Bunte und zwei Gala halten mich davon ab. Nach einer Stunde hab ich Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Und wenn es die einer Notaufnahme ist. Gehe in die Charité, sage ich. Ja, sagt sie lächelnd. Da warten Sie noch länger. Streicht mich – immer noch lächelnd – von der Liste, und ich möchte sie schlagen. – Ok. Sind ja nur 2000 Meter. Darauf ein Tempo an die Stirn und eine Ibu 400 auf Ex.
  • Am Wegesrand das Schild zur Orthopädischen Ambulanz Charité. Weil ich den Leuten mit Messer im Bauch nicht den Platz wegnehmen will, gehe ich lieber dahin. Weit gefehlt. Rothaarige übersieht die Tränen auf meiner Stirn und in mittlerweile auch meinen Augen und erklärt mir das Organigramm einer Universitätsklinik. Was ich hier also wolle, schnickschnack Schmerzen, das gehe so nicht. (Wenn im Gesundheitssystem Deutschlands der Ton die Musik macht, haben wir mehr zu überdenken als unsere Nationalhymne.) – Ok. Nun also doch das harte Programm und nochmal 1000 Meter. Ibu sind alle, kein Gaffel in der Nähe, also wieder ein Fishermen. (An meinem Atem isses bestimmt nicht gescheitert.)
  • Stehe vor der Tür der Notaufnahme. Hohes Gras zwischen  den Betonplatten. Wundere mich über die Ruhe. Ein Graffitikreuz sagt genau das: Ruhe sanft. 26.10.2016. Die sind also umgezogen. Hangel mich neben einem Penner an der Wand entlang und beneide den Typen in seiner Suffsorglosigkeit. Wir haben den gleichen Weg. Aber ich bin die schnellere von uns beiden Lahmen.
  • In der neuen, ganz frischen Emergenzia dann nach zwei Aussortierungen ein weißes Bändchen am Arm wie meine Tochter zu ihrer Geburt hier vor 23 Jahren, zu meinem fußballdicken Knie und mir Simulantin sagt der Arzt wie auf Speed: Haben Sie es schon mit Ibuprophen versucht? Oder an ein künstliches Kniegelenk gedacht? An den Krücken, die er mir als Notbehandlung mitgibt, möchte ich ihn kreuzigen. Frohe Ostern sage ich noch.

Bin ganz friedlich. Habe ja in petto noch den Termin beim Orthopäden meines Vertrauens, bis zu dem es nun nur noch 16 von ehemals 30 Stunden sind. Darauf eine Thrombospritze und eine Ibu 600, die ich zuhause noch gefunden habe. – So, ihr Datentrüffelschweine, nun teilt das auch bitte allen mit, dann sind wir wieder Freunde.

Euer Spirit of Kasimir

 

Bewegung im Vielvölkerstaat

Momentan scheint alles in Bewegung. Pegida nennt sich so und wird drei Jahre alt.

Ein dritter Geburtstag hat drei Kerzen auf der Torte, und Heliumherzen kleben an der Zimmerdecke. Der Jubilar trägt keine Windeln mehr und weiß ziemlich genau, dass Spinat nicht zu seinen Lieblingsspeisen gehört. Er kann immer längere Satzfetzen spucken und hat mit Kommunikation noch nix an der Pudelmütze. Er hustet raus, was ihm quersitzt, und die geladenen Tanten und Onkels feiern jede dieser Äußerungen wie die Rezitation eines Rilke-Gedichtes.

Nun hat die Evolution aber auch für die Dreijährigen dieser Welt eine Weiterentwicklung vorgesehen und im konkreten Fall die Entwicklung vom Satzhuster zum Gesprächspartner. Gespräche wiederum setzen mindestens ein Gegenüber voraus, solange es sich noch nicht um Selbstgespräche im Greisenstadium handelt. Kurz gefasst: Einer von beiden muss anfangen zu reden. Mit dem anderen.

  (c) Jan Tomaschoff

Pegida nennt sich Bewegung, als gäbe es ringsum nur Starre. Pegida nennt sich „das Volk“, zu dem ich doch auch gehöre, woraus ich schlussfolgere,  in  einem  Vielvölkerstaat zu leben. In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es „Pegida“ nur in Personalunion mit „AfD“. Beide werden in der dritten Person, wahlweise Singular oder Plural, besprochen, wo doch zum Ansprechen die zweite Person gehört.

Nach der Senatswahl 2016 in kleiner Runde sprach selbst unser Regierender nur in der dritten Person und über den Landesvorsitzenden der AfD, der einen Meter neben ihm stand, statt in der ersten mit ihm zu reden. Ich freue mich auf einen regen Austausch, wäre eine Möglichkeit gewesen, die stiernackig vertan wurde. Schiebst du den anderen mit Ignoranz in die Schmuddelecke, passiert genau das, was du nicht willst: Das Schmuddelkind mausert sich zum Outlaw, der Outlaw ist interessant.

Nach der Bundestagswahl 2017 redete die Kanzlerin vor laufender Kamera davon, die Wählerinnen und Wähler der AfD zurück holen zu wollen. Auch das in der dritten Person. Dabei hätte sie vor dem Millionenpublikum der Sendung am Wahlabend die 12 Prozent davon, die sie zurückhaben will, doch ganz einfach direkt ansprechen können. Ich bin auch eure Kanzlerin, nennt mir anstelle von rassistischen Parolen doch ganz einfach die Alternative, nach der sich eure Partei benennt, her damit, wir reden drüber. – Zweite Person Plural, ganz einfach.

Es fehlt der Mut, sich dieser Partei und ihrer Bewegung zu stellen. Natürlich gibt es Erquicklicheres, als mit Menschen zu diskutieren, auf deren Facebook-Chronik es aussieht wie bei Sudel-Ede damals im „Schwarzen Kanal“. Aber es gibt sie, die Möglichkeit. Tatsächlich.

Es ist ein gutes Jahr her, dass irgendein Clown meine Daten an die NPD und die AfD gleichzeitig weitergegeben hat mit dem Hinweis, man müsse mir nur noch Beitrittsformulare schicken, ich sei soweit. Dem Anruf eines NPD-Ortsvereinlers auf meiner privaten Handynummer (er schlug mir einen Hausbesuch vor – bei mir zu Hause, versteht sich!) parierte ich mit der Frage, ob er mir als SPD-Mitglied den Service des Anbieterwechsels gleich mit anböte. So wie das Telekom und Kabel Deutschland praktizierten. Den AfD-Ausweis in der Post einen Tag später bekam der Absender als Puzzle zurück.

Warum ich das hier erwähne? Weil das schon mal zwei Reaktionen meinerseits auf übelste Beleidigungen waren, bei denen ich nicht ein einziges Schimpfwort verwenden musste, um meinen Standpunkt klarzumachen.

Gibt der Klügere nun nach oder gibt er einfach nur klein bei?

Mit Leuten zu reden, die bereit sind, Politiker mit rassistischen Ansichten in den Bundestag einziehen zu lassen, ist keine intellektuelle Herausforderung, sondern eine gesundheitliche, da sich unsereins immer knapp an der Brechreizgrenze entlang diskutieren wird. Aber diese Demokratie haben wir uns nun mal ausgesucht, und zu dieser Demokratie gehört eben auch jener Schulfreund, der heute AfD wählt und vor nicht langer Zeit noch zur Abiturprüfung das Blauhemd zuhause ließ und Protestler war, als das noch unangenehme Folgen hatte.

Die ersten Anleitungen für eine neue Art der Kommunikation zur Rückeroberung der verlorenen Streitkultur erscheinen nach und nach*… Und es wird noch viele brauchen.

Seit ich den Buchtipp heute bei Twitter gepostet habe, geht es übrigens auf meinem Account zu wie auf einem AfD-Parteitag….

Es gibt also noch einiges zu tun.

Fangen wir doch schon mal an.

Euer

Spirit of Kasimir

*

Leo/Steinbeis/Zorn: mit Rechten reden. Ein Leitfaden, Klett-Kotta, 2017

Kleffner/Meisner: Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen. Ch. Links Verlag, 2017

Bildnachweis:

Cartoon © Jan Tomaschoff

 

Udo Voigt lädt zum Sommerfest. (Der Versuch einer Absage)

Ach Udo

ich dachte, das hätten wir hinter uns, aber nun hat Deine Praktikantin schon wieder Mist gebaut und auch mir eine Einladung zu Deinem Sommerfest geschickt.

Es gibt Wildschwein am Spieß und auch Kinder sind willkommen, schreibst Du da. Und dass Du als Veranstalter vom Hausrecht gegen antideutsche, linksextreme oder sonstige menschenverachtende Besucher Gebrauch machen wirst.

Aber wer wird denn dann für Stimmung sorgen? Ich meine, nur ihr kleinen braunen Würstchen mit Starkbier in der Hand am Grill stehend – das ist doch in etwa so aufregend wie eine Rauchpause auf dem Dixi-Klo?

Und dann das Bühnenprogramm! Ein Brite, der als Parteivorsitzender einer Facebookgruppe gilt und ein Tscheche, der seine Arbeiterklasse vertritt, solange sie heterosexuell ist.

Komischerweise kommt erst danach der Kabarettist. Wie soll der Arme das denn toppen? Oder soll der angekündigte „Volkssänger“ auf dem Stimmungsbarometer das „Mädel mit der Fahne“ intonieren, um den Abend zu retten?

Lasst das doch beim nächsten Mal die Profis machen. Das gilt auch für Euren Einladungsverteiler:

SPD-Mitglieder kannste löschen.

Mir mein Hausverbot von Dir, lieber Udo, persönlich abzuholen, klingt in etwa so verlockend wie eine Darmspiegelung. Und die macht unsereins bekanntlich erst, wenn die Kacke am Dampfen ist.

„Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis, wenn nur man ihn zu pflegen weiß“, lockst Du in Deiner Einladung mit Goethe;

wie stark wohl stinkt der kleinste Scheiß, wenn man ihn nicht zu meiden weiß, lautet meine wohltemperierte Absage.

Ich freu mich auf unser Treffen am Sonntag im Wahllokal (denn obwohl Du vergessen hast, Deinen Berliner Kandidaten aufzustellen, wirst Du ja hoffentlich nicht vergessen, ihn nun auch zu wählen 😀 )

Dein

Spirit of Kasimir

 

 

 

Mein Wort zum Sonntag – oder über „Eine einfältige Weise zu beten“

18670835_1152830121488308_8428125911810638916_n

Nein, Jesus wurde nicht mit Reißzwecken ans Kreuz getackert, aber Luthers Genagele ist auch nicht zu 100 Prozent erwiesen. Eins aber hat er gemacht: dem Meister Peter Beskendorf, Barbier von Wittenberg (der sich im 16. Jahrhundert auch „Chirurg“ nennen und als solcher operieren durfte) auf dessen Frage hin das Beten erklärt.

Seinem „lieben Meister Peter“ verspricht Luther in der Einleitung, es ihm „so gut zu geben, als ich´s hab“, und was dann folgt, ist Luthers To-Do-Liste, die er abarbeitet, wenn er „in die Kirche zum Haufen“ (das sind wir) geht, „und hebe an, die zehn Gebote, den Glauben (die drei Artikel) und, je nachdem ich Zeit habe, etliche Sprüche Christi, Pauli oder Psalmen“ herunterzubeten. Und wer für den Gang in die Kirche keine Zeit hat, könne es doch im stillen Kämmerlein tun oder unterwegs auf der Straße oder sogar bei der Arbeit. Denn nur „wer ohne Unterlaß betet, hütet sich vor Sünden und Unrecht“.

Ich glaube ja auch. Ich glaube nämlich Folgendes: Ich glaube, dass wir gar keine so gottlose Gesellschaft sind, als die wir uns gerne hinstellen. Ich sehe gefaltete Hände um Mobiltelefone allerorts auf Straßen und Plätzen, sehe Fußballgötter in Bronze und Modegötter auf dem Shoppingkanal; und mit welcher Inbrunst die letzte Visite eines Politikers beim Papst – immerhin dem Stellvertreter Gottes – von uns allen verfolgt wurde, ist jedem Missionar bis hin nach Papua-Neuguinea ein innerer Kirchentag. Und es war ja wohl unsere (!!) Kanzlerin, die mit der Raute den weltweiten Trend der neuen Handfaltung beim Beten losgetreten hat.

Auf dem Kirchentag in Berlin sitzen Alt-68er aus Oer Erkenschwick beim Bier, obwohl sie eigentlich (nun schon mal in Berlin) vorauseilend Benno Ohnesorg (50. Todestag 2. Juni) gedenken wollten, man an der Deutschen Oper aber nicht so lecker draußen sitzt wie hier in Mitte. Da wippt man auch gerne mit beim muslimischen Poetry-Slammer, der spontan am Ende des Tisches performt.

kirchentag894_v-vierspaltig

(Sami el-Ali und Dennis Kirschbaum von I-Slam, Poetry zum Kirchentag in der Kreuzberger St.Thomas Kirche; Quelle ndr.de)

Selbst das Halten eines Bierglases hat hierzulande eine spirituelle, wenn nicht gar religiöse Dimension erreicht, der sich nur Wenige entziehen können. Und bringen wir Genossen der SPD einen neuen Kandidaten aufs Podium, dann wird der auch außerhalb der Partei zum Retter – und damit Heiland – erkoren, eine Ehre, die bei den Christlichen Parteien seltsamerweise  noch keinem zuteil wurde. Versucht William Paul Young in seinem Überraschungsknaller „Die Hütte“ (gerade erfolgreicher als erwartet im Kino) einfach nur, Gott ein Gesicht zu geben, dann kapieren wir auch das sehr schnell, und schon sieht der alte Junge da oben aus wie Mark Zuckerberg.

Aber eigentlich halte ich es mit Pfarrer Führer, denn der hatte m.E. die beste Theorie:

win_6582_kopie

(Pfarrer Christian Führer (1943-2014) vor »seiner« Nikolaikirche im Jahr 2008 © Jan Adler)

Wer seine Hände zum Gebet faltet, hat schon mal keine frei für eine Ohrfeige (und das ergo kennen wir auch: Hat ein anderer genau diese frei und knallt dir eine, dann halt ihm auch noch die andere Wange hin.) Gewaltlosigkeit von Atheisten im völlig unbewussten Gebet zeigte uns der 9. Oktober 1989 in Leipzig. Da waren 70.000 Leute viel zu sehr damit beschäftigt, mit einer Hand die Kerze zu halten und ebenjene mit der anderen vor dem Herbstwind der Friedlichen Revolution zu schützen.

DDR - Friedensgebet in Leipzig

(Leipzig, 9.10.1989 © Waltraud Grubitzsch, P-A/ZB)

Es war schlichtweg keine Hand mehr frei, um einem Vopo im Anschlag einen Pflasterstein an den Kopp zu knallen. (Tomaten waren wegen der damaligen Versorgungslage eh ein No Go.) Leider verbieten die Sicherheits- und Brandschutzverordnungen brennende Kerzen in Fußballstadien, doch warte ich auf den Tag, da sich Hooligans mit kunstvoll dekorierten Altarkerzen vor selbigen drängeln und um friedlichen Einlass bitten, um endlich voller Stolz im Kameraschwenk ihr Meisterwerk ins Öffentlich Rechtliche halten zu können.

Ich lege mir meinen Luther ja gerne so aus, wie es mir pragmatischen, atheistischen Protestantin liegt: frei und passend. Und weil das momentan mit jeder Religion so gehandhabt wird, habe ich noch nicht mal schlechtes Gewissen dabei, sondern ein unendlich gutes Gefühl bei meinem ganz persönlichen Wort zum Sonntag und zu diesem Kirchentag: Wie oft und gut wir alle beten, ist uns gar nicht bewusst. Drum lasst es uns so weiter tun, denn wer die Hände nicht frei hat, der kann auch keinen Unfug damit treiben.

Darauf ein Amen und einen Gin.

18671218_1152829994821654_1864463366361613645_n

Euer

Spirit of Kasimir

***

Lesenswertes dazu aus der phm’schen Bibliothek:

  • Martin Luther „Eine einfältige Weise zu beten“ Evangelische Verlagsanstalt GmbH. Berlin 1962
  • Christian Führer mit Patricia Holland Moritz „Und wir sind dabei gewesen – Die Revolution, die aus der Kirche kam“. Ullstein Buchverlage GmbH. Berlin 2009
  • William Paul Young „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“. Allegria 2009