Vom Lesen in der Anderzeit. Heute: Christine Brückner WERKAUSGABE. Ullstein 1999

Neben Lockerungsskepsis und Herdenimmunität stieß mir letzte Woche das Ableben des Cheflektors von Suhrkamp traurig auf.

Raimund Fellingers Arbeit war vergleichbar mit der eines Hirnchirurgen: Keiner traut sich ran, aber gemacht werden muss sie. Denn seine Autoren waren keine aufstrebenden Ersteinreicher unverlangter Manuskripte, sondern Max Frisch, Uwe Johnson, Peter Handke und weitere dieses Kalibers, die mindestens so austeilen konnten, wie er einstecken.

Er habe „an allen Texten Stellen verändert“, sagte er einmal, er „sage nur nicht, wo“.

Mit Albert Ostermaier. © https://www.derseehof.at/

Bei meiner Lektüre der Nachrufe keimt die Hoffnung, die Berufung eines Berufes kehre irgendwann in unsere Wahrnehmung zurück. Wie von einem prähistorischen Relikt wird von ihr fabuliert, denn nur so lässt sie sich in der Vergangenheit archivieren und als vergangen betrachten.

Den Beruf des Lektors umgibt seit jeher eine Aura: Verlagshaus. Abendlicht verschwindet hinter den Dächern. Den Kopf unter seiner Schreibtischlampe sitzt der Lektor gebeugt über einem Stapel loser Blätter. Einen Bleistift in der Hand, den Radierer zwischen den Fingern der Linken drehend wie einen Handschmeichler.

© The New Yorker

Als ich vor 21 Jahren eintauchte in diesen See der Märchenfische, waberten Rauchschwaden durch die Gänge des Verlages. Kollege M. lektorierte Romane einer maritimen Reihe. Und weil sein Ketterauchen bei ihm zu Hause unerwünscht war, rauchte er die Kette im Verlag. Die U-Boot-Krieg-Autoren starben ihm nach und nach unterm Bleistiftstummel weg, also schrieb er ketterauchend ihre Romane selbst zu Ende. Vornehmlich nachts.

Dann kam das Rauchverbot, und Kollege M. drohte, nicht mehr ins Büro zu kommen, was die Seeschlachten wenig friedlich beendet hätte. Er schlug vor, ab sofort für alle Welt sichtbar im Mumienschlafsack auf dem Hof im Gartenstuhl zu lektorieren. Kollege M. durfte weiterrauchen, die See schlachtete weiter. Bei geschlossener Bürotür.

Als Kollege M. schließlich in Rente ging, wurden die Wände seiner Behausung vierfach getüncht. Heute noch liegt dort der Hauch einer Ahnung von Dunhill in der Luft, hat überlebt, wie auch seine Romane und er selbst.

Es gab sie, die zweibeinigen Gedächtnisse der Verlage, und es waren ihre Autoren, die ihnen Denkmäler setzten. So Christine Brückner („Wenn du geredet hättest, Desdemona“) meiner „Frau Jacobi“, die anders hieß, aber vom Herstellungsleiter in der freitäglichen Schnapsrunde so getauft wurde, jeder einen Weinbrand im Schwenker und bald auch im Kopp.

3.Juli 1975

„Liebe Frau J,

anliegend die Antwort… wobei ich mir gestatte, daran zu erinnern, daß Shakespeare im 13. Jahrhundert Kanonen schießen ließ und Goethes Fehler den stattlichen Band `Hier irrt Goethe‘ füllen. … Schade, daß mein Verleger nichts anderes zu dem Buch zu sagen hatte. Ein Strauß Levkojen[1] wäre nicht unangebracht gewesen….“

3. März 1985

„… wenn ich an Ullstein denke, denke ich nie an Geschäftspartner, sondern an Freunde. Danke! Grüße und: que le bon Dieu fasse le reste!“

Es sieht nur so aus, als wäre ich nach 5 Wochen Archivierung meiner Bücher-DNA erst beim B wie Brückner. Es gibt erstaunlich viele Autoren mit B. Und da rede ich gar nicht von Böll und Bukowski, sondern von Borchert, den Braschs, dem Braun und dem Byron.

Ich bin längst durch, hab mich nochmal ordentlich bei den beiden Z für Zweig, die da Arnold und Stefan heißen, festgelesen und dann das neue Regal bestellt. Denn von S wie Seghers bis zu den Zweigen lagen die auf Boden, die nirgendwo mehr Platz fanden: Und das hatten Silitoe, Tolstoi und Zwetajewa wahrlich noch nie erlebt. (Den Braun habe ich nebenbei sogar repariert. Das ist dem auch noch nie passiert.)

Für Bruno[2] (1979)[3]

… Die Vernehmer glauben sich zu verhören / Im Knast agitiert er die Mönche / Als wüßten die nicht wo Gott wohnt / Die Folter verfängt nicht: er singt ein ´Tedeum / Wohin mit ihm? Die Hölle nimmt ihn nicht auf / Verbrennen wäre die Lösung, doch die ist nicht neu

Flugs im Worldwideweb Regale bestellt und das Mal-schnell-ins-Grüne-Vehikel zu einem Lieferwagen ausgeklappt, mit dem ich die Bretter, die mir die Welt bedeuten, samt Bastelbögen zu mir holte. Sehr glücklich über das Vorher- und das Nachher-Bild, die ich mir zur Bestätigung rahme.

 

Ihr merkt, es hört nicht auf, und das ist gut so beim Lesen und Leben in der Anderzeit.

Euer

Spirit of Kasimir

[1] Christine Brückner. Jauche und Levkojen. Werkausgabe Ullstein 1999

[2] Giordano Bruno

[3] aus: Volker Braun. Training des aufrechten Gangs. Mitteldeutscher Verlag Halle Leipzig. 1987

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