Werkstattbericht “Perlmutter” – Vom Entstehen eines Romans – Part Two – Immer passierte was

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Paris, St. Germain des Prés 2005

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Perlmutter

oder

Das kurze Leben der Madame Beauvoir

 Roman

Immer passiert irgendwas

Ihr veränderter Tonfall am Telefon war mir aufgefallen. Ich griff zum Laptop. Easyjet one way Paris für sofort, bitte. Dann flog ich zu ihr und ihren Knoten.

Mutter sagte: Immer wenn du bei mir in Paris bist, passiert irgendwas! So auch diesmal.

Am Sonntag fuhr sich Schauspieler Jocelyn Quivrin auf der Péripherique tot. Am Mittwoch blieben wir im Bus zum Place Monge hängen. Am selben Abend die Hand Gottes (und Thierry Henrys) gegen Irland; Frankreich fuhr zur Fußball WM und Irland nicht. Am Donnerstag wurde das südkoreanische Topmodel Daul Kim erhängt in seiner Wohnung am Montmartre aufgefunden. Am Freitag Schießerei am Gare du Nord. Am selben Tag entdeckten wir den Einbruch in Mutterns Auto. Am Samstag geriet die Fahrt per RER nach St. Michel zum Nerventest, als wir für zwanzig Minuten im Dunkeln feststeckten.

Meistens ging auch in ihrer Wohnung etwas kaputt wenn ich gerade da war. Am Sonntag explodierte der Seifenspender im Bad. Da war ich allerdings gerade zur Tür raus. Aber wenigstens hatten wir uns nun nicht ständig mit ihren Laborwerten befasst.

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Work in progress. Roman in Arbeit.

 

Werkstattbericht “Perlmutter” – Vom Entstehen eines Romans – Part One – Das Sterben

Mama 1967

Meine Mutter. Mme Elke Olivier. 1967

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Perlmutter

oder

Das kurze Leben der Madame Beauvoir

 Roman

Das Sterben

Es war ein sonniger Februartag, und als ich um 18.02 Uhr zum ersten Mal wieder auf die Uhr schaute, wusste ich, dass meine Mutter starb. Ich saß neben ihr am verstellbaren Heilbett und trank Flensburger Bier aus einem Coca Cola Glas. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass es meine Mutter war, die da von mir ging. Und es fiel mir leicht, es nicht wahrzuhaben, denn meine Mutter sah nicht mehr aus wie die Frau, die ich kannte, deren Stimme und Wortschöpfungen mir vertraut waren und die ich gut riechen konnte. Wir würden uns nicht die legendären letzten Worte hinterlassen, im Gegenteil, seit langem konnte sie sich nicht mehr artikulieren, und an jenem Februartag klang sie wie ein waidwundes Tier, das im Graben liegt und auf Erlösung wartet. Gibt es die letzten Worte? Und sind wirklich so viele Menschen in den Armen ihrer Lieben friedlich eingeschlafen? War es oft nicht doch ein jämmerliches, einsames Ersticken, während der Rest draußen schnell eine Zigarette rauchte?

Die berühmten letzten Worte vernahm ich noch in Paris, als wir den Umschlag mit den Tumormarkern aufgerissen hatten und sie sagte „Das kann´s doch nicht gewesen sein.“

Und nun musste es das doch gewesen sein. Ihr letztes Bier im Leben war also ein irisches Kilkenny, und das hat sie noch nicht mal selbst rausgesucht, sondern ich für sie, genauso wie die T-Shirts und Schlabberhosen, die ich dem Pflegedienst morgens raus legte und die nun seit Monaten als Ersatz für ihre geliebten Kleider herhalten mussten. Es folgten drei tiefe Atemzüge, und einer war der Letzte, der Allerletzte. Meine Gedanken gingen dann in eine ungewöhnliche und doch ganz selbstverständliche Richtung, die ja schon vorgelegt war wie ein Pfad ausgetreten ist: Wen rufe ich? Wen rufe ich an? Später sagte mir jemand, einer der schnell Herbeigeeilten: Öffne das Fenster, die Seele muss raus…

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Work in progress. Roman in Arbeit.

Werkstattbericht “Das Chamäleon II” – Vom Entstehen eines Romans – Part Four – Der letzte Schritt

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Am Ende eines Buches fällt die Handlung ins Wasser. Hier entscheidet sich, ob sie an den Grund des Sees versinkt oder obenauf schwimmt. Der letzte Korrekturgang ist die letzte Chance, das das Eine oder das Andere zu bewirken. Das Erscheinen des Buches ist der Wurf eines Farbbeutels an die Wand. Der Fleck, der entsteht, verläuft sich zu einem als Kunstwerk geschätzten Bild oder einem störenden Fleck, der übermalt gehört.

Schauspieler reden davon, wie familiär sie während des Drehs mit der Crew zusammenwachsen und wie tief das Gefühl der Einsamkeit ist, das sie nach dem letzten Drehtag überkommt.

Schriftsteller sind schon während des Schreibens mit sich allein. Denkt man.

Beim Schreiben an diesem Band hatte ich Menschen um mich, die mich dabei begleitet haben. Manche völlig unbewusst. Sind sie mir doch zufällig in dieser Phase meines Lebens begegnet. Auch sie haben ihre Spuren in der Handlung hinterlassen. „Wenn sich ein Schriftsteller in dich verliebt, wirst du nie sterben“, heißt es. Nicht jedes Mal war Liebe im Spiel. Manchmal sogar Gleichgültigkeit. Doch diese dann so ausgeprägt, dass ich sie beim Schreiben als Geschenk betrachtete.

Und so wird jedes Buch eines Schriftstellers – so utopisch oder verfremdet die Handlung darin auch sein mag – zu einem Dokument der Situation, in der er sich beim Schreiben befand. Kafka sagte, ein Buch müsse die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Und das Leben ringsum hält nicht still, bis das Wort ENDE in die Tasten gehauen ist. Alles geht weiter. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt hält der Alltag in jeder Minute seinen Facettentreichtum an Herausforderungen bereit.

Der zweite Band des Chamäleons ist geschrieben, gesetzt und die letzte Korrektur eingebracht. Und damit das Panoptikum eines ganzen Lebensjahres von mir auf Papier verewigt. Ein Jahr wie eine Blaupause meines Lebens aus überraschenden Freundschaften und ebenso unerwarteten Enttäuschungen.

Ob ich nun in das Loch der Einsamkeit falle, in dem schon all die Schauspieler nach Drehschluss sitzen, wird sich zeigen. Fest steht, dass ich mit diesem Buch eine weitere Tür in meinem Leben geschlossen habe. Um schon nach der nächsten Klinke zu greifen…

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(Titel und Cover sowie detaillierte Informationen zum 2. Teil der Chamäleon-Serie um Rebekka Schomberg demnächst hier. Das Buch erscheint Anfang Juli bei Gmeiner.)

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photo 2: Corse. Bonifacio (c) phm.2012

Werkstattbericht “Das Chamäleon II” – Vom Entstehen eines Romans – Part Three – Recherche im Gefängnis „La Santé“ in Paris

Die Vorbereitung…

Nach einem Jahr intensiven Bemühungen nun die befreiende Nachricht – in Verbindung mit einem Besuch in einer Haftanstalt ein wohltuender Begriff:

Am Dienstag, dem 2. Dezember 2014 um 14 Uhr bin ich im Pariser Gefängnis „La Santé“ („Die Gesundheit“) für lediglich eine Szene im neuen Buch, in welcher der Häftling Mathieu Ceva (aka Mathurin, Mittäter von Thierry Paulin) nach seiner so genannten „lebenslänglichen“ Freiheitsstrafe wieder auf freien Fuß gesetzt wird.

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Freilassung ist keine Befreiung. Die Kerkerstrafe ist zu Ende, nicht die Verurteilung.

Victor Hugo, Die Elenden

Meine Ermittlerin Rebekka Schomberg hat einen eigenen Begriff von Gerechtigkeit und ist der Meinung, dieser Mann, „die Bestie von Paris“ (Marie-Luise Scherer im SPIEGEL, 1991), habe sein Leben verwirkt. Wird sie ihn ausfindig machen und sicherstellen können, dass er niemandem mehr Schaden zufügt?

Der Besuch in La Santé wäre nicht vonnöten, schließlich lässt sich alles online und in Büchern recherchieren. Doch es geht um mehr. Ich muss den Gang sehen, den er entlang läuft zum Haupttor. Muss die Atmosphäre erspüren, in der er fünfzehn Jahre vegetierte und die er nun verlässt. Denn dieses Gefängnis, eine Trutzburg aus dem 19. Jahrhundert, ist, so heißt es in Le Monde, ein „Ghetto, unsere Schande“.

Während des Zweiten Weltkrieges waren in La Santé neben Kriminellen auch Gegner der deutschen Besatzung inhaftiert.

Bis kurz vor Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich im Jahr 1981 diente La Santé als Hinrichtungsstätte. Die letzten Enthauptungen fanden am 28. November 1972 statt, betroffen waren die Mörder Roger Bontems und Claude Buffet (auf dem Bild beim Verlassen des Gerichtsgebäudes Richtung La Santé).

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Das Treiben in La Santé kümmerte dann lange niemanden. Für 1200 Insassen konzipiert, saßen zeitweise 1800 Häftlinge aus 81 Nationalitäten ein. Vor fünf Jahren durchbrach die damalige Anstaltsärztin Véronique Vasseur die Mauer des Schweigens.

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In ihrem Bestseller „Chefärztin in La Santé“ beschrieb sie den alltäglichen Wahnsinn voller Gewalt, Drogen, Selbstmorde und Vergewaltigungen – voller Schmutz und Ungeziefer: Bis zu 200 Kakerlaken zählten Gefangene im Bettzeug. „Oft müssen vier Häftlinge auf 7,20 Quadratmetern vegetieren, mit nur einer Toilette und einer Klorolle pro Monat“, schrieb die Ärztin. Ein Häftling sei fast erstickt, als ihm Wärter eine Tränengasbombe in die Isolationszelle warfen. Da es keine unabhängige Kontrolle und keine Beschwerdestelle gibt, kann das Personal seiner Willkür freien Lauf lassen. (Quelle: FOCUS)

Berüchtigte Insassen (Fotos /CV: Wikipedia / Wikimedia):

Ilich Ramírez Sánchez (aka Calos, der Schakal), venezuelanischer Terrorist, der für zahlreiche internationale Anschläge ab 1973 verantwortlich ist. Seit 1994 inhaftiert. 1997 und 2011 jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt.

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Issei Sagawa,  japanischer kannibalischer Frauenmörder. Befand sich nach seiner Tat nur wenige Jahre in psychiatrischer Unterbringung und veröffentlichte mehrere Sachbücher und Romane.

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Jacques Mesrine, französischer Gewaltverbrecher. Aufgrund der Morde und seiner Gewalttätigkeit war Mesrine bis zu seinem Tod in Frankreich Staatsfeind Nummer 1. In der Öffentlichkeit war er aufgrund seiner Fähigkeit, mittels Verkleidung unerkannt zu bleiben, auch als Mann mit den tausend Masken bekannt und wurde als moderner Robin Hood stilisiert. (siehe auch „Loi Mesrine“: Nach seiner erfolgreichen Autobiografie, die während seiner Haft schrieb, erließ die Regierung ein Gesetz, das festlegte, dass niemand mehr Gewinn mit der Veröffentlichung seiner Verbrechen machen dürfe.)

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Marie-Claude Vaillant-Couturier, Mitglied der Résistance, wurde durch ihre Aussage bei den Nürnberger Prozessen einem breiteren Publikum bekannt. (Image par Henri Cartier-Bresson)

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Arsène Lupin, fiktiver Meisterdieb, eine Romanfigur des französischen Autors Maurice Leblanc.

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Guillaume Apollinaire, französischer Autor italienisch-polnischer Abstammung. Seine Lyrik gehört zur bedeutendsten französischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. (Das Foto entstand 1911 während seines Prozesses um den Raub der Mona Lisa aus dem Louvre.)

Guillaume Apollinaire

Au revoir á Paris. Ich nehme (gestreiften) Pyjame und Zahnbürste vorsichtshalber mit.

phm

Werkstattbericht “Das Chamäleon II” – Vom Entstehen eines Romans – Part Two

Gegen das Vergessen der eigenen Ideen und deutschen Sprache ankämpfen zu müssen, ist brutal.

Gerade beim Schreiben (aber mittlerweile auch beim Reden) spüre ich die gefürchtete Blockade. Ich kann mir problemlos ein Schnitzel und ein Bier bestellen, aber ein Synonym für das hundertste „beeindruckend“ in meinem Buch fällt mir nicht ein. Waren sie anders geboren, die Modianos und Irvings?

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In der „Gasse der dunklen Läden“ erzählt unser frischgebackener Nobelpreisträger Modiano von einem Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Und ich freu mich einfach nur darüber, die alte Ausgabe (1984, Aufbau Verlag) tatsächlich im Regal und damals sogar gelesen zu haben, jetzt, da Modiano den größten Preis von allen bekommen hat.

Guy Soundso hat das Gedächtnis für sich selbst verloren, und ich meins für Worte, und da stoße ich auf ihn, der seit Jahren in meinem Regal steht und lese ihn wieder, weil er gerade diesen Preis bekommen hat.

„So ist also von dem, der ich einst gewesen bin, nur ein Schatten im Gedächtnis zweier Barkeeper geblieben, noch dazu halb verdeckt von dem Schatten eines gewissen Stioppa de Djagoriew.“

Und ich muss sie schnell verwenden, die Worte und Ideen, die ich gerade habe, weil sie sonst den Hang hinunterrollen und sich dort unten zu einem Steinhaufen türmen, der undurchschaubar ist. Denn der Alltag so ganz nebenbei bleibt mir beim Schreiben ja auch nicht erspart. Ich muss mit der Idee schnell zu Potte kommen, weil der Impuls sonst wieder verebbt im Aufwischenmüssen von Katzenkotze, im Aufhängenmüssen vom Duschvorhang, und das Einkaufen bei Norma auch sonntags bis 22 Uhr nicht zu vergessen.

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Und weil es um Crystal Meth geht im Chamäleon II zu alldem auch noch „Breaking Bad“ auf dem Bildschirm, mal liegt das Skript drüber, dann nur Ton, aber das reicht völlig, dann wieder liegt das Bild drüber, das ich am liebsten malen würde, weil ich sowas, denke ich, in Worten nicht wiedergeben kann. Als wären aus meinem Wörterbuch ein paar Seiten rausgerissen, die nun ein Anderer hat, nämlich genau der, der die besseren Bücher schreibt.

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Freu mich über den Modiano, weil ich zwei von ihm im Regal und gelesen habe, so auch über den Irvingschen „Garp“ und den Hellerschen „IKS-Haken„. Habe sie in einem Alter gelesen, als ich noch die Erste damit war und die anderen Asterix in Zeichensprache zitierten.

Warum weiß ich dann heute nicht mehr, was drin steht? Außer der Stelle mit dem Blowjob im Auto bei Garp und dass ich beim IKS-Haken auch am Ende nicht wusste, wie er funktioniert und das für eine besonders gewiefte Idee des Autors hielt? Und warum sind aus all der quergepflügten Musst-du-gelesen-haben-Lektüre lediglich der Highsmiths`sche Schneckenforscher und Kishons Plastikschuppen hängen blieben, die sein Held den Leuten auf der Rolltreppe im Kaufhaus auf die Schultern streut?

Kommt man als Schreiber mit diesem mageren (mit fehlt ein besseres Synonym, siehe oben) Handwerkszeug weiter?

Ich sollte durchatmen und mir was Gesundes kochen, begegne in der Küche jedoch einer angerissenen Tafel Schokolade, und Kochen hat sich damit auch erledigt.

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Alles geht weiter. So auch das Vergessen, das vielleicht schon bald in einem überraschenden Erinnern gipfelt.

Wünscht mir Glück!

phm

Werkstattbericht „Das Chamäleon II“ – Vom Entstehen eines Romans – Part One

“Writing about a writer’s block is better than not writing at all.”
Charles Bukowski, The Last Night of the Earth Poems

Es gibt keine Entschuldigung mehr – ich schicke Rebekka II auf die Piste, die sie hoffentlich zum Jahresende im Ziel und mit einem zweiten Fall für das Chamäleon im Gepäck erreicht. Ich bin der strukturiert-optische Typ Autor. Um mich herum und in mir drin muss Ordnung herrschen…

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… an der Wand genügend Platz für Pinnwände mit Zetteln zum Aufbau des Buches sein: Artikel aus der Recherche und Zeichnungen sowie Fotos zur Motivation…

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Motivation. Und ein Moodboard des Unerreichbaren: einen Roman zu verfassen, der spannend und stimmig ist und noch dazu auch rechtzeitig fertig wird. Ich habe bis zum Jahresende, und auch das – nicht das Jahresende, aber der Termin – ist bereits neu vereinbart. Das Thema ist brisant, es mangelt mir nicht an Schreibzeit, aber ich verbringe die wertvollen Stunden mit Interviews, Zeitungslektüre, und die Google-Alerts zu meinem Thema legen mir täglich das Email-Postfach lahm.

„Bei einem Roman die Recherche zu loben ist ungefähr so, als lobe man die Rechtschreibung. Beim Schreiben eines Romans ist Recherche einfach eine mehr oder weniger lästige Notwendigkeit.“ – Andreas Eschbach auf seinem Blog

Und trotzdem ist sie für mich das A und O, entsteht doch dabei so manche ganz neue Geschichte…

Ich nehme Euch mit beim Schreiben – wünscht mir Glück… 😉

phm