Rainer Klis (1955 – 2017)

Das Wort „Metapher“ habe ich von ihm gelernt. Und mit den Lehrern ist es wie mit den Eltern. Sie tendieren dazu, vor ihren Schülern, ihren Kindern zu sterben. Rainer Klis war einer für mich, ein Lehrer im großen Sinne des Wortes. Der nichts tun musste, außer zu schreiben. En miniature – denn die kleine, die präzise Form war seine Kunst.

Zu Zeiten von Zensur und Druckgenehmigungsverfahren schrieb Klis in Hinter großen Männern

Gräbt der Archäologe, kann es sein, daß er eiserne Waffen freilegt, dann Bronzebeile und Keramikscherben. Die Faustkeile aber findet er uns als letztes.

Grübe er dennoch weiter und fände zuunterst noch Eierbecher, wir müßten ihm seinen Spaten nehmen.

Bummer-Anke, die Stimme der schweigenden Mehrheit, arbeitet für zwei, trinkt für vier, und James, das große Baby, das im Juni mit langen Hosen zur Schule kam und nie ein schlechtes Wort sagte, begleiten mich, seit ich Mitte der 80er Zuflucht suchte im Schreiben. Und in der monatlich rauchenden Runde am Klis´schen Küchentisch landete.

Klis Sachse

Meine Hoffnung von damals ist schnell umrissen: Wäre ich erst Schriftstellerin, dann käme ich mit meinen 20 Kilo Übergewicht gerade wegen meiner voluminösen Strickpullis, unreiner Haut und schwerstpubertärem Körpergeruch endlich runter von der Halde der ungewollten Mädchen.

phm 80er

Die vom Literaturinstitut sahen schließlich alle so aus. Das war mein Plan. Und es war Konjunktiv. Und es war DDR.

Was wir ihm auch an Geschichten anschleppten, Klis dampfte sie uns zu Miniaturen zusammen. Alles raus, was keine Miete in die Geschichte einzahlt. Beiwerk frisst Brot. Und das kostet. – So in etwa klangen seine konstruktiven Hinweise zu meinen Texten, die ich tatsächlich für Kurzgeschichten hielt. Daniil Charms („Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung“) lernte ich durch Klis kennen und auch nur allmählich verstehen. Wie der die Geschichte des rothaarigen Mannes einläutet, den man Rotfuchs nannte, der aber eigentlich gar keine Haare hatte, auch keine Augen, keine Ohren, keinen Mund zum Sprechen, keinen Rücken, keine Eingeweide, also eigentlich gar nichts und von dem er daher lieber doch nicht erzählen wollte, war auf neue Art bewusstseinserweiternd in dieser eng gefassten Welt.

In jener Klis´schen Welt saß auch die Stasi mit am Küchentisch, wie er später erfuhr. Dennoch war diese Welt in dem Maße groß, wie seine Texte kurz und komprimiert waren. Texte, die alles sagten und alles sahen und alles in einem Augen-Blick erfassten.

Kürzlich wurde ich in einer Runde gefragt, wie man in der DDR denn lernte „zwischen den Zeilen zu lesen“. Klis wäre an dieser Stelle wortlos gegangen. Alles konnte man mit ihm dann doch nicht machen. Oder er wäre geblieben, hätte einen seiner druckreifen Sätze als Molotov-Cocktail reingeworfen und wäre dann gegangen. Ohne sich noch einmal umzudrehen. Noch nicht mal im Zorn.

Die DDR löste sich im Westen auf, und wir verloren uns aus den Augen. Bis uns Leipzig und die Buchmesse wieder zusammenbrachte.

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(mit Autor Michael J. Stephan, 2012)

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(mit Autorin Caritas Führer aus der weit verzweigten Leipziger Pfarrersfamilie von Christian Führer, 2012)

Aber da war er schon zum Indianer geworden. In den Navajo fand er sich wieder wie früher bei seiner Großmutter Sally Knox, die in der Sonne vorm elterlichen Kolonialwarenladen Malzbier trank und abends Baldrian bekam von ihrem Freimaurer-Vater und ihrer Spiritisten-Mutter. Er reiste vom Yellowstone zum Wounded Knee zu Gräbern mit Aufschriften wie Wallace Walking Elk, Blue Horse oder Red Thunder.

Klis_Chemnitzer Verlag

Und er schrieb darüber, wie er an „hunderttausend Klapperschlangen, einsamen Gerippen, verirrten Kühen und rolligen Pumas“ vorbeifuhr, um am Ende des Weges auf Indianer in Race-against-the-Machine-T-Shirts zu treffen.

Ach Rainer.

Wäre ich im Frühling in Chemnitz mal nicht meiner damaligen Ausbilderin begegnet, die mir erzählte, dass Du gestorben bist. Jahrelang wäre ich noch auf der Messe um den Stand der Chemnitzer Freien Presse herumgeschlichen auf der Suche nach meinem Indianer. Wieder das Versprechen im Gepäck, Dich irgendwann zu besuchen in Deiner zigarrenverrauchten Whiskyhöhle in Hohenstein-Ernstthal.  Allein, um nochmal zu hören, wie Du „Badrizscha“ zu mir sagst.

Die zarte Ironie der Geschichte ist, dass es Dich beim Einkaufen erwischt hat, dass Du einfach umgefallen bist. Ich hoffe, die Flasche Whisky in Deiner Hand hat den Sturz überlebt und Du genießt sie nun da oben in Erinnerung an Deine Figuren „mit veilchenblauem Gemüt“, die „hineingetauschten Mieter“ des Hauses, in dem Du wohntest und an Herrn Osser, der schon mit „zwanzig, klein und von pyknischer Fülle Freud kaufte, Camus, Marx und Luther“. 

Alle Dir so ähnlich. Und doch keiner wie Du.

Mach´s gut, mein Freund. Ich traure in epischer Breite.

 

 

 

 

 

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Roland Spranger – TIEFENSCHARF (polar. 2018)

Sollte es für Noir eine Steigerung geben, dann ist das der Noiret: „Tiefenscharf“ von Roland Spranger.

Da sind Drogendealer Max und seine seriensüchtige Freundin Kira auf der einen, Videojournalist Sascha und seine schwangere Freundin Lydia auf der anderen Seite. Max vertickt sein Crystal Meth auch an Nazis (ein feiner Zug des Autors, dem Begriff der Bewusstseinserweiterung eine weitere Nuance zu verleihen), und Sascha hat die Schnauze voll von einem Job, der dem des Journalisten so fern ist wie unser Heimatminister einem guten Gefühl von Zuhause.

Die Handlung lässt sich nicht nacherzählen, so sehr die Umschlagtexte auch bemüht werden, denn hier ist sie tatsächlich Aktion. Und was für eine. An ihrem Ende bleibt der Nachgeschmack, mit genau dem Typen mitgegangen zu sein, vor dem uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Der uns in Abgründe blicken lässt und auf den Bodensatz einer Gesellschaft, in der ein Like so wichtig ist, wie es früher die verheißungsvoll hinterlassene Telefonnummer auf einer Zigarettenschachtel war; einer Gesellschaft, in der sich mehr Gaffer als Ersthelfer an einer Unfallstelle einfinden und die von der Wurzel bis zur Krone gedopt scheint. Im Buch wird zwar politisch korrekt geraucht, aber spätestens die erste Szene in Saschas Redaktion spiegelt die perverse Welt, in der wir leben, und das alles in einer „Landschaft, die so freundlich ist, dass man in sie kotzen möchte“.

(Gern wüsste ich, ob man sich tatsächlich selbst aus Kabelbindern befreien kann, mit denen die Leute in Serien dauernd gefesselt werden. Aber das ist auch die einzige Frage, die nach der Lektüre offen bleibt.) Ein peitschender Soundtrack bestimmt das Lesetempo und lässt einen À bout de souffle zurück, wie im  gleichnamigen Film Noir. Großes Kino.

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Roland Spranger

Tiefenscharf

Polar Verlag

Broschur

ISBN 9783945133590

18,– € [D], 18,50 € [A]

 

Transmedialer Nosferatu: Großes Kino im Delphi

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1922 war das Jahr der Erstaufführung von „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“. Stephen Kings kürzlich verfilmte Horrorgeschichte um den grausamen Mord an einer Frau und die Albträume ihres Mörders heißt „1922“, und das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Oder doch?

Genau hier beginnen sie, die wunderbar gesponnenen Theorien aus Horror und Mystik um jenes etwas „Mehr“ zwischen Himmel und Erde, das kein Wissenschaftler beschreiben kann und das doch so gern als bare Münze genommen und ausgegeben wird. Gab es sie wirklich, die transsylvanischen Vampire, wie Graf Orlok einer war?

Friedrich Wilhelm Murnau schuf dem Dämon ein Denkmal in einer Zeit, die ihm selbst hart zusetzte. Da war der Bruch mit seinen Eltern wegen seiner Homosexualität und seiner Berufswahl. Da war sein Einsatz im Ersten Weltkrieg, in dem er sein Flugzeug in den sicheren Hafen Schweiz lenkte, während sein Lebenspartner an der Ostfront buchstäblich verreckte. Sein Stummfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ ist als einer der ersten Vertreter des Horrorgenres Filmgeschichte geworden. Nach heutigen Horrorkriterien eher leichter Tobak, was ziemlich viel – und nichts Gutes – über die Zeit sagt, in der wir leben. Von dem Film gibt es mindestens so viele restaurierte Fassungen wie verschiedene Arten der Aufführung. Der US-amerikanische Experimentalmusiker Sean Derrick Cooper Marquardt hat dieser Galerie nun im ehemaligen Stummfilmkino Delphi in Berlin-Weißensee ein weiteres Bild hinzugefügt. Sein S&M Accidental Orchestra Experience Berlin formiert sich immer wieder neu wie bunte Splitter in einem Kaleidoskop, das Resultat in beiden Fällen nicht planbar. Und das ist gut so. Denn wer im Rahmen des «CTM Festival for Adventurous Music and Art» der Transmediale einen kuscheligen Absinth-Abend bei einem Stummfilmklassiker erwartet, hält Rammstein auch für eine deutsche Schlagerkombo, nur weil ihre Lieder „Amour“, „Du riechst so gut“ und „Engel“ heißen.

An diesem Abend im Delphi gab es Experimentelles, und zwar die volle Packung. Auf einem handgewobenen Klangteppich – gemacht aus Accidental Gitarre, Bass, Elektroniksounds, Gesang, gesprochenem Wort, Klavier, Akkordeon, Perkussion, Sampling, Theremin und Violoncello – suchte der alternde Nosferatu die Erfüllung seines höchsten Verlangens und fand Verderb und schließlich den Tod.

Zwischen dem Konzert und der Uraufführung liegen 96 Jahre. Hätte FW Murnau die Premiere seines Filmes ebenso für eine Rückschau um 96 Jahre genutzt, er hätte sie in einer Sternwarte veranstaltet: unter 20 Galaxien, die allein im Jahr 1826 entdeckt wurden.

NOSFERATU MIT SINFONISCHEM LIVE-SOUNDSCAPE nahm einige Hörgewohnheiten auseinander und setzte sie völlig neu wieder zusammen. Es war dem geneigten Hörer eine Erfahrung des Zulassens, wo sonst der Finger so schnell auf der Fernbedienung ist. Experimentelle Musik ist immer auch ein Experiment für die Musiker selbst, was Energien freisetzt, die im Rahmen vorgefasster Tonfolgen oft zwischen den Notenblättern verglühen. Allein das Akkordeon gab den Filmszenen Akzente, wie es ein Cliffhanger am Ende eines Kapitels tut und so ein Buch zum Pageturner macht. Ein Hörerlebnis, das unweigerlich zu einem Gedankenexperiment führt: Woher kommt sie, unsere Leidenschaft für das Monströse? Für Dracula, Frankenstein und die Aliens? „Das Anarchische des Monsters erscheint uns verführerisch“, schreibt Marcus Stiglegger im arte-Magazin, „und doch zeigen wir mit Abscheu darauf. Das Echo dieser Anklage aber lautet: Das Monster – sind wir selbst.“

Weder Nosferatu, noch das (wunderbarerweise von sehr engagierten Betreibern erhaltene) Delphi, noch die experimentelle Musik eines SDCM und seines Orchesters sind gefällig, indem sie um jeden Preis gefallen wollen. Aber eines ist jeder für sich: ganz großes Kino.

 

Fotos: Emma Holland

 

 

 

Selbstoptimierung war gestern – IKIGAI ist heute

von Patricia Holland Moritz mit Francesc Mirallesmit freundlicher Genehmigung von Resonanzboden, dem Blog der Ullstein Buchverlage.

Ein japanisches Sprichwort sagt: „Nur, wenn du aktiv bleibst, wirst du dir wünschen, hundert Jahre zu leben.“ Und beim ersten Mal las ich „attraktiv“ statt „aktiv“ und hätte das genauso unterschrieben.

Während sich der Okzident nun fleißig und geschäftstüchtig in Selbstoptimierung übt, kommt aus dem Orient ein Ding namens Ikigai als Schlüssel zum gesunden und damit möglichst langen Leben in Aktivität und Attraktivität. Und das ganz ohne Schnickschnack; es verlangt weder einen aufwendigen Ernährungsplan, noch schlauchende Trainingseinheiten oder teure Fitnessutensilien. Das Ikigai ist bereits das Utensil, ist die Smartwatch des bewusst lebenden Menschen. „Die Kunst zu altern und dennoch jung zu bleiben“ ist eine Eigenschaft des Ikigai, und jeder trägt sie bei sich, aber nur wenige sind sich der eigenen Kunstfertigkeit bewusst.

Spiritualität ist im Alltag angekommen

Obwohl es schon bemerkenswert ist, in welchem Maße spirituelle Themen Einzug in unsere rationale Gesellschaft gehalten haben: Nahezu jeder von uns kennt jemanden, der im Yoga oder Tai Chi Erholung von der 40-Stunden-Woche findet; sich vegan oder paleo ernährt; bei Beziehungsproblemen einem Coach vertraut und eine Meditation mit einem angesagten tibetischen Lama jeder Party vorzieht. Was sich vor noch nicht allzu langer Zeit „Esoterik“ nannte und wie Post vom Finanzamt so lange wie möglich ignoriert und dann kritisch begutachtet wurde, kann sich nun unter dem Begriff einer neuen Spiritualität zunehmender Sympathiepunkte erfreuen. Und nicht nur das: In Zeiten abnehmender politischer, religiöser und sozialer Werte hat der Mensch nur noch einen verlässlichen Partner, nämlich sich selbst. ‚Wer bin ich?‘ wird schon lange nicht mehr mit ‚Und wenn ja, wie viele?‘ beantwortet, sondern ist zu einer existentiellen Frage geworden.

Ein seismographisches Gespür für diese Entwicklung zeigen die Romane von Francesc Miralles. Schon lange interessiert sich der Autor für die Verbindung von Psychologie und Spiritualität. In Miralles` Romane kann man sich geradezu hineinfallen lassen, und sein Faible für Japan bringt er in „Das unvollkommene Leben oder Wie das Glück zu Samuel fand“ mit großer Poesie zum Ausdruck. Sein neuestes Buch – „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden“ – ist das erste Sachbuch des Romanautors, er hat es gemeinsam mit dem Computerspezialisten und Blogger Héctor García (Kirai) verfasst.

Héctor García lebt in Tokio. Von dort – der 13 Millionen-Metropole, die dem Rest der Welt immer einen Schritt voraus ist und dennoch wie ein schlafender Riese in sich zu ruhen scheint – zogen die beiden aus, um auf Okinawa das Geheimnis der Hundertjährigen zu erforschen, von denen es dort weltweit die meisten gibt.

Die Regeln des Ikigai

Was ist es, dieses Ikigai, das die Bewohner angeblich so alt werden lässt? Steht es für die Qualität der Nahrung, der Luft, des Wassers, der Sonneneinstrahlung, oder hat es gar einen mystischen Hintergrund?

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Die Autoren Francesc Miralles (li.) und Héctor García in einem Altersheim auf Okinawa.

Das Ikigai ist schnell beschrieben: Es ist das, wofür man lebt, es ist der Grund, morgens aufzustehen. Es ist kein abgezahltes Haus und auch nicht der gerade zurückliegende Urlaub. Es ist keine aktuelle Liebschaft, die sich morgen wieder erledigt haben kann. Ein Ikigai ist mehr, es ist nachhaltig und es war schon immer da, oft verschüttet von Verhaltensmustern, die unsereins sich schneller angewöhnt als diese zehn einfachen Regeln:

  1. Bleiben Sie zeitlebens aktiv, setzen Sie sich nie zur Ruhe.
  2. Bewahren Sie die Ruhe.
  3. Essen Sie sich nicht satt.
  4. Umgeben Sie sich mit guten Freunden.
  5. Halten Sie sich fit für Ihren nächsten Geburtstag.
  6. Lächeln Sie.
  7. Nehmen Sie wieder Kontakt zur Natur auf.
  8. Bedanken Sie sich.
  9. Leben Sie den Augenblick.
  10. Folgen Sie Ihrem Ikigai.*

Wie nun seinem Ikigai folgen, wenn man zwar weiß, was es ist, aber nicht, ob man selbst eines hat? Eine Umfrage im Verlag und unter Lesern zeigte die Vielschichtigkeit des Ikigai – der Verlass auf die Familie, die Neugier auf jeden Tag, die Freiheit im Wochenendhaus, die immer wieder neue Verliebtheit in den eigenen Partner, oder – wie in meinem Falle – ich selbst und damit das gute Gefühl bei jeder getroffenen Entscheidung. Das Ikigai wechselt nicht mit dem Umfeld und ist unabhängig von der eigenen Tagesform. Es geht auch nicht verloren, wenn einem bei einer Trennung oder Pleite die Freundin oder das Vermögen abhanden kommen. Das Ikigai lässt uns jeden Lebensumstand bewusst erleben und auch den Ausweg aus einer ausweglos scheinenden Lage erkennen.

Diagramm

Ikigai gegen Stress

Und wo liegt der Zusammenhang zwischen Ikigai und langem Leben? Im Stress und wie Ikigai ihn vermeidet.

Stress steht einem langen Leben vermutlich entgegen, und viele Menschen wirken aufgrund von Stress viel älter, als sie tatsächlich sind. Stress setzt degenerative Prozesse im Körper frei, darunter leidet die – eingangs genannte, altersunabhängige – Attraktivität. Was dem Höhlenmenschen die reale Gefahr eines Raubtiers war, ist dem heutigen Menschen das Klingeln des Handys. In der realen Gefahrensituation schüttete der Körper des Höhlenmenschen eine erhöhte Menge an Cortisol zu seinem Schutze aus. Den heutigen Menschen durchströmen permanent kleinere Cortisolmengen.

Viele Menschen hierzulande fühlen sich der japanischen Kultur näher als ihrer eigenen. In Japan sind weder die Teller voll belegt noch die Wohnungen vollgestellt. Minimalismus zieht sich durch jeden Lebensbereich bis hin zur Mode. Das Auge, der Magen, das Äußere, das Umfeld wird von Ballast freigehalten. Nur was im Fokus steht, ist wichtig. Die vielfach belächelte Regelhörigkeit der Deutschen, ihre Disziplin bis hin zur Selbstaufgabe entpuppt sich schnell als Mär. Wir Deutschen sind groß im Verfassen von Regeln, doch im selben Zuge gilt es als hip, sie zu brechen. In Tokio geht  man nicht bei Rot über die Straße. Und dieses Verhalten gilt auch bei einer leeren Kreuzung nicht als lächerlich. Regeln zu befolgen bedeutet, ich muss mich in diesem Moment um rein gar nichts kümmern, auch nicht darum, ob nicht doch ein Auto um die Ecke prescht oder ein Polizist in der Nähe ist. Ich kann hier stehen und warten und ganz bei mir sein, bis die Ampel auf Grün schaltet. Kleine Fluchten im Alltag, bewusstes Annehmen einer Situation, keinerlei Ablenkung durch die Möglichkeit anderer Möglichkeiten, Aufgeräumtheit statt Chaos machen es aus, das kleine gute Gefühl im Alltag und vermeiden ihn, den kleinen alltäglichen Stress.

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Freude an Hachikō, dem Inbegriff von Treue: Der Hund saß noch 10 Jahre nach dem Tod seines Herrchens, einem Universitätsprofessor, am Bahnhof Shibuya und wartete auf dessen Rückkehr.      Foto Tokio 2016 © Patricia Holland Moritz

Dem Ikigai näherkommen

Das Geheimnis jener zu lüften, denen ein langes und ganz offensichtlich glückliches Leben gegönnt ist, war den Autoren Ansporn für ihr Buch. Was kann es für uns alle Spannenderes geben, als das Rezept für ein langes Leben? Mit ihrer Vermutung, damit eine der größten Sehnsüchte des Menschen zu berühren, lagen die Autoren richtig: Ihr Buch „Ikigai“ wurde  unmittelbar nach seinem Erscheinen in Spanien ein großer Erfolg und binnen kurzer Zeit in 30 weitere Länder verkauft. Allein in den Niederlanden gab es im ersten Monat nach dem Erscheinen fünf Auflagen davon. Mittlerweile geht Autor Francesc Miralles mit einem Ikigai-Workshop europaweit auf Lesereise und berichtet von einem überwältigenden Interesse der Menschen. Das eigene Leben mit einem Sinn  und mehr Energie auszustatten, scheint eines der größten Ziele in diesem bewegten Zeiten zu sein. Mit Übungen und in Gesprächen über alles, was sie in ihrem Innersten bewegt, bringt Francesc Miralles jeden Teilnehmer auf die Spur zu dessen Ikigai und damit zu einer einzigartigen Erfahrung.

Sollten Sie nun noch immer nicht wissen, was Ihr Ikigai ist, dann sind das Lesen dieses Artikels und Ihr Nachdenken darüber schon die ersten Vorboten dafür, dass es nicht mehr lange dauern wird und auch Sie ihn haben, den wirklichen Grund, morgens aufzustehen.

Francesc Miralles & Héctor García „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden“. Allegria 10.3. 2017. 224 Seiten. 17,00€. ISBN 978-3-7934-2317-1

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*aus: Francesc Miralles / Héctor García (Kirai): IKIGAI Gesund und glücklich hundert werden, S. 218ff „Zehn Ikigai-Regeln“

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Jung und Alt am Sonntag im Ueno Park. Foto: Tokio 2016 © Patricia Holland Moritz

Robert Baur – Engelsflug (Gmeiner, 2016)

Berlin wird nie die Stadt der Engel sein. Und doch ließen sich zwei von ihnen aus dem Himmel über Berlin auf uns herab. Sie sind Beobachter in der geteilten Stadt, können die Gedanken der Menschen lesen und sind dabei zur Untätigkeit verdammt, erleben den Segen als Fluch. Ausgerechnet eine Trapezkünstlerin am künstlichen Himmel eines Zirkuszeltes gewinnt das Herz eines der beiden … und der Rest ist Filmgeschichte. „Engelsflug“ schreibt Kriminalgeschichte.

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An manchen Büchern lese ich lange. Sie führen mich ständig zu weiteren Büchern.

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Und sie verführen mich dazu, willkürlich Artikel aus der Tageszeitung zu reißen, die ich sonst wohlbehalten dem Katzenklo übergebe. Manche Bücher verführen mich beim Lesen zu Filmen und Dokumentationen, sie schaffen Bilder im Kopf, die wiederum neue Bilder schaffen und sich schließlich zu einem großen Ganzen fügen. Solche Bücher schreibt Robert Baur. „Engelsflug“ ist sein zweiter Kriminalroman um den Exkommissar Robert Grenfeld.

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Er führt in das Berlin der 1920er Jahre und dort in die Friedrichstraße, Ecke Leipziger. Hier hat der privat Ermittelnde Grenfeld sein Büro über einer Galerie.

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Aus ebenjener Galerie wird eine Lithographie mit dem Titel „Zirkus“ gestohlen. Am Tag der Filmpremiere von Fritz Langs „Metropolis“ wird vor dem Ufa-Palast ein Mann überfahren. Der Fahrer begeht Fahrerflucht. Grenfeld war im Kino gewesen und ist somit als Erster vor Ort. In der Manteltasche des Toten findet er eine Zeichnung, das Motiv ist identisch mit der gestohlenen Lithographie. Für Grenfeld gibt es Fügungen, aber keine Zufälle. Unter argwöhnischer Beobachtung durch seine früheren Kollegen ermittelt Grenfeld nun auf eigene Faust gegen die Zeit und gegen die schnell verbreitete Annahme, es habe sich lediglich um einen Unfall gehandelt.

„Nur der Kopf hat sich an den rasanten Verkehr gewöhnt. Die Beine laufen immer noch zwischen den Pferdedroschken. Vom Kopf bis in die Beine, das dauert.“

An seine Seite drängt sich Olja Grekova, die Sekretärin der Galerie unter Grenfelds Büro. Schon lange träumt sie davon, es ihrem Idol Joe Jenkins gleichzutun. Nur widerwillig fügt sich Grenfeld ihrem Ermittlungsdrang und dem einiger schräger Gestalten aus seinem Umfeld, die den Leser in die Berliner Unterwelt und in ein Flüchtlingslager nach Wünsdorf führen. Nun ist es der Leser, der chauffiert wird – allerdings nicht im betulichen Tempo eines Touristenbummels, sondern mit Hochstart und sofort rasant. Und genau hier beginnt auch meine Reise, die mich immer wieder an das eigene Bücherregal und an den Bildschirm führt. Im „Engelsflug“ lande ich bei Ernst Gennat – der Koryphäe Berliner Kriminalgeschichte, die der Autor nicht glorifiziert, sondern als Zeitzeugen hinzuzieht.

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Obwohl es Gennat schon gegeben hat, wird dieser Haudegen kriminalistischer Ermittlungsarbeit immer wieder neu erfunden, er taucht in zahllosen Filmen und Romanen auf, mal als Zitat, mal als Figur, mal als Referenz – aber immer auch als Kompliment. So auch bei Fritz Lang, zu dem mich der „Engelsflug“ führt und der Stadt, die einen Mörder sucht.

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Ich scrolle durch Archive, die mir den Potsdamer Platz zu Zeiten des Hotel Esplanade vor Augen führen und sitze im Kakadu auf einen Cocktail. Ich lande an einem Essensautomaten, der statt Himbeerkuchen Würstchen mit Senf ausspuckt und damit genauso ist wie das Leben, nämlich

„…ein großer Automat voller Verheißungen. Man warf einen Groschen ein und bekam garantiert eine Überraschung serviert.“

Ich lande auf dem Trapez im Zirkus Sternheim, wo ein Mädchen vermisst wird, Amina. Die blutjunge Schönheit aus dem Kaukasus ist die Einzige, die das Wunder des „Engelsfluges“ beherrscht, ein

„Manegenspiel, … das den Mut und die Kraft eines Mädchens aus den Bergvölkern“

zeigt, eine Nummer auf dem Hochseil, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Ein wichtiger Zeuge Grenfelds begeht Selbstmord, denn

„wo der Krieg langsam in Vergessenheit gerät, braucht der Tod neue Verbündete“.

Doch dass in der Masse jener Lebensmüder auch der eine oder andere Mord unentdeckt geparkt werden kann, scheint nur Grenfeld zu interessieren.

Es ist der Sog der Sätze, die ohne unnötige Absätze einen Lesefluss entspringen lassen; ohne Schnörkel wird die Handlung spannend aufgebaut und straft das trotz seines Erfolges seltsam belächelte Genre des „Regionalkrimis“ mit einer großen Portion Geschichtswissen und Gesellschaftskritik ab. Denn was sich hier in der Gigantomanie des 20er Jahre Berlins abspielt, erinnert unmittelbar an das Berlin von heute. In sehr präzisen Metaphern findet der Autor ein Bild für Berlin, das sich bis heute nicht abgenutzt hat. Es ist der Kaukasier Jaragi, dem er die Worte in den Mund legt für diese Stadt, an deren Beschreibung man eigentlich nur scheitern kann.

„Die Gesichter Berlins. Das Phänomen der toten Augen. … Selbst ein Fisch in den Gebirgsbächen seiner Heimat besaß lebendigere Augen. Vielleicht lag es an den Behausungen…. den kilometerlangen gleichförmigen Mietskasernen, in denen die Menschen zu wohnen gedachten.“

Nach „Mord in Metropolis“ (Gmeiner 2014) ein weiteres Glanzstück des Autors mit jenem orwellschen Gespür für einen glaubhaften, wahrhaften und immer spannenden Kontext aus Vergangenheit und dem, was wir mal wieder nicht daraus gelernt haben.

Dieses Buch hat meine ganz persönliche Leseempfehlung.

PS: Eine geniale Ergänzung am Schluss sind das Kapitel „Fiktion und Wirklichkeit“, in dem der Autor den realen Bezug zu den Protagonisten und Handlungsorten in seinem Roman offenlegt, sowie die Danksagung, in der sich für jeden Autoren hilfreiche Informationen über Fachleute und Archive finden.

phm. 12/16

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photocredits:

1 „Himmel über Berlin“; Bruno Ganz, Solveig Dommartin © wimwendersstiftung.de

2 Desk / phm.2016

3 Sittengeschichte der Inflation von Hans Ostwald / phm.2016

4 Robert Baur „Engelsflug“ © Gmeiner 2016

5 Berliner Verkehr. Friedrichstraße Ecke Leipziger Straße / Robert Baur 2016

6 Ernst Gennat © picture-alliance / Rolf Kremming

7 aus: Fritz Lang „M. Die Stadt sucht einen Mörder“ © Praesens

Hugo Race. ROAD SERIES

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Der Titel ROAD SERIES lässt ein Road-Movie vermuten, und dieses Versprechen hält dieses Buch; das Debut von Hugo Race als Schriftsteller.

Wir kennen ihn als Poeten, bei dem Poetry auf treibende Sounds trifft und das eine das Schmiermittel des anderen ist; das eine der Wind im Rad des anderen und Wasser auf dessen Mühle. Seine Songs zu hören, ihn live zu erleben und dieses Buch zu lesen fühlt sich an wie Fahren ohne Limit, nur Gaspedal und keine Bremse und ein breites Band, das sich beim Blick nach vorn entrollt und nicht zu enden scheint. Melbourne, London, Prag, Berlin, Siziliens Catania …

„This is a zona popolare, its ghetto frustrations ossified in black volcanic stone“,

Bamako, Neuruppin (!) … Von 1981 an bis 2012 auf Papier und im Bild festgehaltene Gedanken und Begegnungen.

Ganze Demokratien, Diktaturen und Träume wurden belebt oder abgeschafft in jenen Jahrzehnten vom trendsettigen Berlin Bowies, der Einstürzenden Neubauten und des Kalten Krieges bis in die globalisierte Zeit der Stammesfehden in Mali und Sao Paolos Shopping-Mall-Kapitalismus neben den Slums.

Am besten zu lesen bei einem Glas rauchigen Whiskeys und zum Sound der Bad Seeds oder der Stimme von Salif Keita … Hugo Race arbeitet seit 2007 zusammen mit Chris Eckman und Chris Brokaw Folk-Rock-Bandprojekt Dirtmusic …

„Dirt is important; mistakes and errors make music real to me.“

Er ist Gründungsmitglied bei Nick Cave and the Bad Seeds und seit 1988 Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Band Hugo Race & The True Spirit.

Aufgewachsen in einer  Hippie-Community im australischen Melbourne, sieht sich Race in der Tradition der Beat-Generation. Jack Kerouacs „On The Road“ klingt an bei der Lektüre der ROAD SERIES, was nicht nur am verheißungsvollen Namen, sondern an dieser prickelnden Schreibe aus Empathie und Lokalkolorit liegt.

Race schaut sich nicht nur die Menschen genau an, denen er on the road und jenseits davon begegnet; er schaut ihnen auch „auf‘ s Maul“ und hinterfragt dabei auch sich selbst.

„Consciousness is only the beginning of the road; the ultimate destination is unknown.“

Detailgetreu nimmt er die Patina seiner Schauplätze auf …

„They say the earth is an entity in itself. In the desert, you can hear the planet breathe, feel it slowly turning … Cities too have some kind of soul, like human beings, possessed by fantasy, dreams and heartache …“,

… und verewigt so in jeder Schilderung jene Typen, Charaktere und Ecken dieser Welt, die sich einem nicht sofort erschließen, weil sie nur off the road zu finden sind …

„… a girl dressed in nun-grey and somewhere between twenty-five and sixty years old, depending on the light and the angle…“

Es ist die Stärke dieses Buches, dass es nicht als Musikerbiographie daherkommt, sondern als mitreißender Song einer ganzen Generation Freigeister, erfolgreicher und auch gescheiterter Existenzen, die eines vereint: dieser Sog, sich dem Leben und jeder Faser jenseits von Restriktionen hinzugeben und das mit einer Leidenschaft zu tun, die auch zerstören kann.

„The bullets of truth and lies / penetrate every part of me / all those years of love gone / with one final smoking bullet / in my brain.“

Das Debüt eines Profis. Eines Profis mit einer Schwäche für´s Detail. Wunderbar.

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Road Series ist sowohl Liebesgeschichte und Elegie, eine wahre und aufschlussreiche Story, … eine poetisch verfasste Suche, … einschneidend und exquisit geschrieben. Der Wunsch, als Weltbürger zu leben, ist die kreative Kraft dieses Künstlers und seines Buches, das in den reichhaltigen Möglichkeiten des Alltäglichen geerdet ist. Musik und Reisen kollidieren und verschmelzen, und der Leser erfährt aus erster Hand, was es bedeutet, sein Leben einer nicht endenden musikalischen Reise zu widmen, um die Welt auf der Suche nach ihrem wahren Geist zu durchqueren.“

Michael John „Mick“ Harvey

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Hugo Race / Road Series

publisher: Transit Lounge / ISBN: 978-0-9943958-0-1 / Trade PB 368pp

Rights: WorldRelease / Publication Date: 01 /03 /2016 /

Cover photo by Corrado Lorenzo Vasquez

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London 1984. With Blixa Bargeld.

„There is great tension between the band members because the stakes are high – an epochal recording is sought and nothing less will do. The other guitarist, Blixa, a Nietzschean avatar from mythical Berlin, sets the agenda…“ Hugo Race in ROAD SERIES

NICKCAVEFIXES.COM

NICK CAVE AND THE BAD SEEDS, SAN FRANCISCO 1984,

PICTURE BY STANLEY GREENE

L-R: BLIXA BARGELD, NICK CAVE, HUGO RACE, BARRY ADAMSON, MICK HARVEY

(Blog: http://nickcavefixes.com/2009/09/)

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im Web:

Buch

Hugo Race

Youtube

 

 

Johanna Adorján. Meine 500 besten Freunde. Stories.

500besteFreunde (c) phm.2016

Bei der Menge an Büchern über Berlin stellt sich die Frage, ob hier einer nach Antworten sucht.

„Kein Himmel über Berlin“ (Brose) fragt nach dem „Glauben in der Metropole“.

Daneben Spaziergänge „ … kiezig und kitschig, kultig und kulturell, klassisch und konservativ, kämpferisch und kapriziös, keck und keusch“ (Rittberger + Knapp);

Berlin für Junge, für Alte, für Schwule, für mit Kind, für mit Hund, für ohne Geld.

Berlin als Setting für Krimis und Lovestories, für Kriegsgeschichten vor und nach WWI und WWII, vor der Mauer, nach der Mauer.

Berlin zurück bis in die 30er und Döblins Roman „Alexanderplatz“, den Volker Klotz 1969 als „bis heute einzigen belangvollen Roman in deutscher Sprache, der vorbehaltlos die zeitgenössische Großstadt zu seiner Sache macht“ bezeichnete und dem Buch damit einen Rang verlieh, den es bis heute innehat.

Nun gehöre auch ich zu den Nassauern dieser Stadt, weil ich mich für das Reinfühlen und die „Recherche“ für den nächsten Berlin-Krimi („Und schon geh´n wir mit Gesang auf ins nächste Restorang!“) nur vor die Tür, in die S-Bahn und jene „Restorangs“ bewegen muss. Wahlweise willkürlich besuchte Vernissagen unbekannter und selten prägender Künstler; Performances, die ich der spontanen Bierbekanntschaft beim Rauchen vor der Tür noch á la ‚Alle Kunst hat ihre Berechtigung‘ gutrede; S-Bahn-Fahrten mit meinen geliebten „Zahnlückenjohnnys“ („Mein Opa, der hat ja noch ´n dritten Weltkriech mitalebt!“ „Äh, ´n dritten Weltkriech? Den jabs ja noch jar nisch!“ „Aba wenn dit so weitajeht mit die Flüschtlingskrise, denn kommt der bestimmt oooch noch!“).

Alles hier in Berlin ist schon da, muss nicht bestellt werden und wird trotzdem gratis geliefert.

Und als ich gerade denke, ich hätte schon alles gehört, gelesen und eingeatmet, da schenkt mir eine Freundin ein Buch. Eine der Wenigen, die sich das noch traut. Und dann lagen sie vor mir „Meine 500 besten Freunde“ von Johanna Adorján.

Am besten lässt sich der Genuss mit den Worten der Autorin umreißen, die von atemlos drolligen Frauen erzählt und von Leuten, die aussehen, als hätten sie die Zähne von jemand anderem im Mund. Aus der vor mir entrollten Kulisse einer Vernissage („Der Otter“) kehre ich mit dem Gefühl zurück, die ganze Stadt sei „abgefüllt in dickbauchige schwarze Flaschen, deren Flüssigkeit in Hals und Bäuchen unförmiger Gebilde mit Nasen und Augen zu sehen ist“ … Dabei hat die Autorin nur eins der Bilder an der Wand beschrieben, vor der die Geladenen stehen wie die heute Belächelten einst vor des Kaisers neuen Kleidern.

Ein wunderbares Werk – nicht nur innen, auch außen. Hier hat sich der Hersteller ins Zeug gelegt, dass auch ein Ebooknerd der Haptik frönt (und wenn er es ganz heimlich in der Buchhandlung tut, mit der Handfläche über die Prägung auf dem leinenen Einband fährt und am tiefblauen Buchschnitt schnuppert in der Hoffnung auf bewusstseinserweiternde Ausdünstungen).

Die Stories handeln von der Herzinfarktgefahr bei „hidden tracks“ auf Platten und von Kleidern, die man nicht versteht. Und die Autorin schaut der Stadt aufs Maul, das diese Stadt so gerne aufreißt.

Umwerfend, wie die erste Story in der letzten ihre Auflösung findet. Ein Band von Erzählungen mit einem Spannungsbogen. Das hab ich ja noch nie erlebt. Und das ist gut so. Denn deshalb kann ich es euch erzählen.

Johanna Adorján

Meine 500 besten Freunde

Stories

250 S., Luchterhand 2013

Foto: Nezze Holland-Moritz mit Buch. Und mit 500 besten Freunden. (c) phm.2016