Selbstoptimierung war gestern – IKIGAI ist heute

von Patricia Holland Moritz mit Francesc Mirallesmit freundlicher Genehmigung von Resonanzboden, dem Blog der Ullstein Buchverlage.

Ein japanisches Sprichwort sagt: „Nur, wenn du aktiv bleibst, wirst du dir wünschen, hundert Jahre zu leben.“ Und beim ersten Mal las ich „attraktiv“ statt „aktiv“ und hätte das genauso unterschrieben.

Während sich der Okzident nun fleißig und geschäftstüchtig in Selbstoptimierung übt, kommt aus dem Orient ein Ding namens Ikigai als Schlüssel zum gesunden und damit möglichst langen Leben in Aktivität und Attraktivität. Und das ganz ohne Schnickschnack; es verlangt weder einen aufwendigen Ernährungsplan, noch schlauchende Trainingseinheiten oder teure Fitnessutensilien. Das Ikigai ist bereits das Utensil, ist die Smartwatch des bewusst lebenden Menschen. „Die Kunst zu altern und dennoch jung zu bleiben“ ist eine Eigenschaft des Ikigai, und jeder trägt sie bei sich, aber nur wenige sind sich der eigenen Kunstfertigkeit bewusst.

Spiritualität ist im Alltag angekommen

Obwohl es schon bemerkenswert ist, in welchem Maße spirituelle Themen Einzug in unsere rationale Gesellschaft gehalten haben: Nahezu jeder von uns kennt jemanden, der im Yoga oder Tai Chi Erholung von der 40-Stunden-Woche findet; sich vegan oder paleo ernährt; bei Beziehungsproblemen einem Coach vertraut und eine Meditation mit einem angesagten tibetischen Lama jeder Party vorzieht. Was sich vor noch nicht allzu langer Zeit „Esoterik“ nannte und wie Post vom Finanzamt so lange wie möglich ignoriert und dann kritisch begutachtet wurde, kann sich nun unter dem Begriff einer neuen Spiritualität zunehmender Sympathiepunkte erfreuen. Und nicht nur das: In Zeiten abnehmender politischer, religiöser und sozialer Werte hat der Mensch nur noch einen verlässlichen Partner, nämlich sich selbst. ‚Wer bin ich?‘ wird schon lange nicht mehr mit ‚Und wenn ja, wie viele?‘ beantwortet, sondern ist zu einer existentiellen Frage geworden.

Ein seismographisches Gespür für diese Entwicklung zeigen die Romane von Francesc Miralles. Schon lange interessiert sich der Autor für die Verbindung von Psychologie und Spiritualität. In Miralles` Romane kann man sich geradezu hineinfallen lassen, und sein Faible für Japan bringt er in „Das unvollkommene Leben oder Wie das Glück zu Samuel fand“ mit großer Poesie zum Ausdruck. Sein neuestes Buch – „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden“ – ist das erste Sachbuch des Romanautors, er hat es gemeinsam mit dem Computerspezialisten und Blogger Héctor García (Kirai) verfasst.

Héctor García lebt in Tokio. Von dort – der 13 Millionen-Metropole, die dem Rest der Welt immer einen Schritt voraus ist und dennoch wie ein schlafender Riese in sich zu ruhen scheint – zogen die beiden aus, um auf Okinawa das Geheimnis der Hundertjährigen zu erforschen, von denen es dort weltweit die meisten gibt.

Die Regeln des Ikigai

Was ist es, dieses Ikigai, das die Bewohner angeblich so alt werden lässt? Steht es für die Qualität der Nahrung, der Luft, des Wassers, der Sonneneinstrahlung, oder hat es gar einen mystischen Hintergrund?

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Die Autoren Francesc Miralles (li.) und Héctor García in einem Altersheim auf Okinawa.

Das Ikigai ist schnell beschrieben: Es ist das, wofür man lebt, es ist der Grund, morgens aufzustehen. Es ist kein abgezahltes Haus und auch nicht der gerade zurückliegende Urlaub. Es ist keine aktuelle Liebschaft, die sich morgen wieder erledigt haben kann. Ein Ikigai ist mehr, es ist nachhaltig und es war schon immer da, oft verschüttet von Verhaltensmustern, die unsereins sich schneller angewöhnt als diese zehn einfachen Regeln:

  1. Bleiben Sie zeitlebens aktiv, setzen Sie sich nie zur Ruhe.
  2. Bewahren Sie die Ruhe.
  3. Essen Sie sich nicht satt.
  4. Umgeben Sie sich mit guten Freunden.
  5. Halten Sie sich fit für Ihren nächsten Geburtstag.
  6. Lächeln Sie.
  7. Nehmen Sie wieder Kontakt zur Natur auf.
  8. Bedanken Sie sich.
  9. Leben Sie den Augenblick.
  10. Folgen Sie Ihrem Ikigai.*

Wie nun seinem Ikigai folgen, wenn man zwar weiß, was es ist, aber nicht, ob man selbst eines hat? Eine Umfrage im Verlag und unter Lesern zeigte die Vielschichtigkeit des Ikigai – der Verlass auf die Familie, die Neugier auf jeden Tag, die Freiheit im Wochenendhaus, die immer wieder neue Verliebtheit in den eigenen Partner, oder – wie in meinem Falle – ich selbst und damit das gute Gefühl bei jeder getroffenen Entscheidung. Das Ikigai wechselt nicht mit dem Umfeld und ist unabhängig von der eigenen Tagesform. Es geht auch nicht verloren, wenn einem bei einer Trennung oder Pleite die Freundin oder das Vermögen abhanden kommen. Das Ikigai lässt uns jeden Lebensumstand bewusst erleben und auch den Ausweg aus einer ausweglos scheinenden Lage erkennen.

Diagramm

Ikigai gegen Stress

Und wo liegt der Zusammenhang zwischen Ikigai und langem Leben? Im Stress und wie Ikigai ihn vermeidet.

Stress steht einem langen Leben vermutlich entgegen, und viele Menschen wirken aufgrund von Stress viel älter, als sie tatsächlich sind. Stress setzt degenerative Prozesse im Körper frei, darunter leidet die – eingangs genannte, altersunabhängige – Attraktivität. Was dem Höhlenmenschen die reale Gefahr eines Raubtiers war, ist dem heutigen Menschen das Klingeln des Handys. In der realen Gefahrensituation schüttete der Körper des Höhlenmenschen eine erhöhte Menge an Cortisol zu seinem Schutze aus. Den heutigen Menschen durchströmen permanent kleinere Cortisolmengen.

Viele Menschen hierzulande fühlen sich der japanischen Kultur näher als ihrer eigenen. In Japan sind weder die Teller voll belegt noch die Wohnungen vollgestellt. Minimalismus zieht sich durch jeden Lebensbereich bis hin zur Mode. Das Auge, der Magen, das Äußere, das Umfeld wird von Ballast freigehalten. Nur was im Fokus steht, ist wichtig. Die vielfach belächelte Regelhörigkeit der Deutschen, ihre Disziplin bis hin zur Selbstaufgabe entpuppt sich schnell als Mär. Wir Deutschen sind groß im Verfassen von Regeln, doch im selben Zuge gilt es als hip, sie zu brechen. In Tokio geht  man nicht bei Rot über die Straße. Und dieses Verhalten gilt auch bei einer leeren Kreuzung nicht als lächerlich. Regeln zu befolgen bedeutet, ich muss mich in diesem Moment um rein gar nichts kümmern, auch nicht darum, ob nicht doch ein Auto um die Ecke prescht oder ein Polizist in der Nähe ist. Ich kann hier stehen und warten und ganz bei mir sein, bis die Ampel auf Grün schaltet. Kleine Fluchten im Alltag, bewusstes Annehmen einer Situation, keinerlei Ablenkung durch die Möglichkeit anderer Möglichkeiten, Aufgeräumtheit statt Chaos machen es aus, das kleine gute Gefühl im Alltag und vermeiden ihn, den kleinen alltäglichen Stress.

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Freude an Hachikō, dem Inbegriff von Treue: Der Hund saß noch 10 Jahre nach dem Tod seines Herrchens, einem Universitätsprofessor, am Bahnhof Shibuya und wartete auf dessen Rückkehr.      Foto Tokio 2016 © Patricia Holland Moritz

Dem Ikigai näherkommen

Das Geheimnis jener zu lüften, denen ein langes und ganz offensichtlich glückliches Leben gegönnt ist, war den Autoren Ansporn für ihr Buch. Was kann es für uns alle Spannenderes geben, als das Rezept für ein langes Leben? Mit ihrer Vermutung, damit eine der größten Sehnsüchte des Menschen zu berühren, lagen die Autoren richtig: Ihr Buch „Ikigai“ wurde  unmittelbar nach seinem Erscheinen in Spanien ein großer Erfolg und binnen kurzer Zeit in 30 weitere Länder verkauft. Allein in den Niederlanden gab es im ersten Monat nach dem Erscheinen fünf Auflagen davon. Mittlerweile geht Autor Francesc Miralles mit einem Ikigai-Workshop europaweit auf Lesereise und berichtet von einem überwältigenden Interesse der Menschen. Das eigene Leben mit einem Sinn  und mehr Energie auszustatten, scheint eines der größten Ziele in diesem bewegten Zeiten zu sein. Mit Übungen und in Gesprächen über alles, was sie in ihrem Innersten bewegt, bringt Francesc Miralles jeden Teilnehmer auf die Spur zu dessen Ikigai und damit zu einer einzigartigen Erfahrung.

Sollten Sie nun noch immer nicht wissen, was Ihr Ikigai ist, dann sind das Lesen dieses Artikels und Ihr Nachdenken darüber schon die ersten Vorboten dafür, dass es nicht mehr lange dauern wird und auch Sie ihn haben, den wirklichen Grund, morgens aufzustehen.

Francesc Miralles & Héctor García „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden“. Allegria 10.3. 2017. 224 Seiten. 17,00€. ISBN 978-3-7934-2317-1

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*aus: Francesc Miralles / Héctor García (Kirai): IKIGAI Gesund und glücklich hundert werden, S. 218ff „Zehn Ikigai-Regeln“

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Jung und Alt am Sonntag im Ueno Park. Foto: Tokio 2016 © Patricia Holland Moritz
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Robert Baur – Engelsflug (Gmeiner, 2016)

Berlin wird nie die Stadt der Engel sein. Und doch ließen sich zwei von ihnen aus dem Himmel über Berlin auf uns herab. Sie sind Beobachter in der geteilten Stadt, können die Gedanken der Menschen lesen und sind dabei zur Untätigkeit verdammt, erleben den Segen als Fluch. Ausgerechnet eine Trapezkünstlerin am künstlichen Himmel eines Zirkuszeltes gewinnt das Herz eines der beiden … und der Rest ist Filmgeschichte. „Engelsflug“ schreibt Kriminalgeschichte.

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An manchen Büchern lese ich lange. Sie führen mich ständig zu weiteren Büchern.

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Und sie verführen mich dazu, willkürlich Artikel aus der Tageszeitung zu reißen, die ich sonst wohlbehalten dem Katzenklo übergebe. Manche Bücher verführen mich beim Lesen zu Filmen und Dokumentationen, sie schaffen Bilder im Kopf, die wiederum neue Bilder schaffen und sich schließlich zu einem großen Ganzen fügen. Solche Bücher schreibt Robert Baur. „Engelsflug“ ist sein zweiter Kriminalroman um den Exkommissar Robert Grenfeld.

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Er führt in das Berlin der 1920er Jahre und dort in die Friedrichstraße, Ecke Leipziger. Hier hat der privat Ermittelnde Grenfeld sein Büro über einer Galerie.

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Aus ebenjener Galerie wird eine Lithographie mit dem Titel „Zirkus“ gestohlen. Am Tag der Filmpremiere von Fritz Langs „Metropolis“ wird vor dem Ufa-Palast ein Mann überfahren. Der Fahrer begeht Fahrerflucht. Grenfeld war im Kino gewesen und ist somit als Erster vor Ort. In der Manteltasche des Toten findet er eine Zeichnung, das Motiv ist identisch mit der gestohlenen Lithographie. Für Grenfeld gibt es Fügungen, aber keine Zufälle. Unter argwöhnischer Beobachtung durch seine früheren Kollegen ermittelt Grenfeld nun auf eigene Faust gegen die Zeit und gegen die schnell verbreitete Annahme, es habe sich lediglich um einen Unfall gehandelt.

„Nur der Kopf hat sich an den rasanten Verkehr gewöhnt. Die Beine laufen immer noch zwischen den Pferdedroschken. Vom Kopf bis in die Beine, das dauert.“

An seine Seite drängt sich Olja Grekova, die Sekretärin der Galerie unter Grenfelds Büro. Schon lange träumt sie davon, es ihrem Idol Joe Jenkins gleichzutun. Nur widerwillig fügt sich Grenfeld ihrem Ermittlungsdrang und dem einiger schräger Gestalten aus seinem Umfeld, die den Leser in die Berliner Unterwelt und in ein Flüchtlingslager nach Wünsdorf führen. Nun ist es der Leser, der chauffiert wird – allerdings nicht im betulichen Tempo eines Touristenbummels, sondern mit Hochstart und sofort rasant. Und genau hier beginnt auch meine Reise, die mich immer wieder an das eigene Bücherregal und an den Bildschirm führt. Im „Engelsflug“ lande ich bei Ernst Gennat – der Koryphäe Berliner Kriminalgeschichte, die der Autor nicht glorifiziert, sondern als Zeitzeugen hinzuzieht.

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Obwohl es Gennat schon gegeben hat, wird dieser Haudegen kriminalistischer Ermittlungsarbeit immer wieder neu erfunden, er taucht in zahllosen Filmen und Romanen auf, mal als Zitat, mal als Figur, mal als Referenz – aber immer auch als Kompliment. So auch bei Fritz Lang, zu dem mich der „Engelsflug“ führt und der Stadt, die einen Mörder sucht.

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Ich scrolle durch Archive, die mir den Potsdamer Platz zu Zeiten des Hotel Esplanade vor Augen führen und sitze im Kakadu auf einen Cocktail. Ich lande an einem Essensautomaten, der statt Himbeerkuchen Würstchen mit Senf ausspuckt und damit genauso ist wie das Leben, nämlich

„…ein großer Automat voller Verheißungen. Man warf einen Groschen ein und bekam garantiert eine Überraschung serviert.“

Ich lande auf dem Trapez im Zirkus Sternheim, wo ein Mädchen vermisst wird, Amina. Die blutjunge Schönheit aus dem Kaukasus ist die Einzige, die das Wunder des „Engelsfluges“ beherrscht, ein

„Manegenspiel, … das den Mut und die Kraft eines Mädchens aus den Bergvölkern“

zeigt, eine Nummer auf dem Hochseil, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Ein wichtiger Zeuge Grenfelds begeht Selbstmord, denn

„wo der Krieg langsam in Vergessenheit gerät, braucht der Tod neue Verbündete“.

Doch dass in der Masse jener Lebensmüder auch der eine oder andere Mord unentdeckt geparkt werden kann, scheint nur Grenfeld zu interessieren.

Es ist der Sog der Sätze, die ohne unnötige Absätze einen Lesefluss entspringen lassen; ohne Schnörkel wird die Handlung spannend aufgebaut und straft das trotz seines Erfolges seltsam belächelte Genre des „Regionalkrimis“ mit einer großen Portion Geschichtswissen und Gesellschaftskritik ab. Denn was sich hier in der Gigantomanie des 20er Jahre Berlins abspielt, erinnert unmittelbar an das Berlin von heute. In sehr präzisen Metaphern findet der Autor ein Bild für Berlin, das sich bis heute nicht abgenutzt hat. Es ist der Kaukasier Jaragi, dem er die Worte in den Mund legt für diese Stadt, an deren Beschreibung man eigentlich nur scheitern kann.

„Die Gesichter Berlins. Das Phänomen der toten Augen. … Selbst ein Fisch in den Gebirgsbächen seiner Heimat besaß lebendigere Augen. Vielleicht lag es an den Behausungen…. den kilometerlangen gleichförmigen Mietskasernen, in denen die Menschen zu wohnen gedachten.“

Nach „Mord in Metropolis“ (Gmeiner 2014) ein weiteres Glanzstück des Autors mit jenem orwellschen Gespür für einen glaubhaften, wahrhaften und immer spannenden Kontext aus Vergangenheit und dem, was wir mal wieder nicht daraus gelernt haben.

Dieses Buch hat meine ganz persönliche Leseempfehlung.

PS: Eine geniale Ergänzung am Schluss sind das Kapitel „Fiktion und Wirklichkeit“, in dem der Autor den realen Bezug zu den Protagonisten und Handlungsorten in seinem Roman offenlegt, sowie die Danksagung, in der sich für jeden Autoren hilfreiche Informationen über Fachleute und Archive finden.

phm. 12/16

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photocredits:

1 „Himmel über Berlin“; Bruno Ganz, Solveig Dommartin © wimwendersstiftung.de

2 Desk / phm.2016

3 Sittengeschichte der Inflation von Hans Ostwald / phm.2016

4 Robert Baur „Engelsflug“ © Gmeiner 2016

5 Berliner Verkehr. Friedrichstraße Ecke Leipziger Straße / Robert Baur 2016

6 Ernst Gennat © picture-alliance / Rolf Kremming

7 aus: Fritz Lang „M. Die Stadt sucht einen Mörder“ © Praesens

Hugo Race. ROAD SERIES

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Der Titel ROAD SERIES lässt ein Road-Movie vermuten, und dieses Versprechen hält dieses Buch; das Debut von Hugo Race als Schriftsteller.

Wir kennen ihn als Poeten, bei dem Poetry auf treibende Sounds trifft und das eine das Schmiermittel des anderen ist; das eine der Wind im Rad des anderen und Wasser auf dessen Mühle. Seine Songs zu hören, ihn live zu erleben und dieses Buch zu lesen fühlt sich an wie Fahren ohne Limit, nur Gaspedal und keine Bremse und ein breites Band, das sich beim Blick nach vorn entrollt und nicht zu enden scheint. Melbourne, London, Prag, Berlin, Siziliens Catania …

„This is a zona popolare, its ghetto frustrations ossified in black volcanic stone“,

Bamako, Neuruppin (!) … Von 1981 an bis 2012 auf Papier und im Bild festgehaltene Gedanken und Begegnungen.

Ganze Demokratien, Diktaturen und Träume wurden belebt oder abgeschafft in jenen Jahrzehnten vom trendsettigen Berlin Bowies, der Einstürzenden Neubauten und des Kalten Krieges bis in die globalisierte Zeit der Stammesfehden in Mali und Sao Paolos Shopping-Mall-Kapitalismus neben den Slums.

Am besten zu lesen bei einem Glas rauchigen Whiskeys und zum Sound der Bad Seeds oder der Stimme von Salif Keita … Hugo Race arbeitet seit 2007 zusammen mit Chris Eckman und Chris Brokaw Folk-Rock-Bandprojekt Dirtmusic …

„Dirt is important; mistakes and errors make music real to me.“

Er ist Gründungsmitglied bei Nick Cave and the Bad Seeds und seit 1988 Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Band Hugo Race & The True Spirit.

Aufgewachsen in einer  Hippie-Community im australischen Melbourne, sieht sich Race in der Tradition der Beat-Generation. Jack Kerouacs „On The Road“ klingt an bei der Lektüre der ROAD SERIES, was nicht nur am verheißungsvollen Namen, sondern an dieser prickelnden Schreibe aus Empathie und Lokalkolorit liegt.

Race schaut sich nicht nur die Menschen genau an, denen er on the road und jenseits davon begegnet; er schaut ihnen auch „auf‘ s Maul“ und hinterfragt dabei auch sich selbst.

„Consciousness is only the beginning of the road; the ultimate destination is unknown.“

Detailgetreu nimmt er die Patina seiner Schauplätze auf …

„They say the earth is an entity in itself. In the desert, you can hear the planet breathe, feel it slowly turning … Cities too have some kind of soul, like human beings, possessed by fantasy, dreams and heartache …“,

… und verewigt so in jeder Schilderung jene Typen, Charaktere und Ecken dieser Welt, die sich einem nicht sofort erschließen, weil sie nur off the road zu finden sind …

„… a girl dressed in nun-grey and somewhere between twenty-five and sixty years old, depending on the light and the angle…“

Es ist die Stärke dieses Buches, dass es nicht als Musikerbiographie daherkommt, sondern als mitreißender Song einer ganzen Generation Freigeister, erfolgreicher und auch gescheiterter Existenzen, die eines vereint: dieser Sog, sich dem Leben und jeder Faser jenseits von Restriktionen hinzugeben und das mit einer Leidenschaft zu tun, die auch zerstören kann.

„The bullets of truth and lies / penetrate every part of me / all those years of love gone / with one final smoking bullet / in my brain.“

Das Debüt eines Profis. Eines Profis mit einer Schwäche für´s Detail. Wunderbar.

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Road Series ist sowohl Liebesgeschichte und Elegie, eine wahre und aufschlussreiche Story, … eine poetisch verfasste Suche, … einschneidend und exquisit geschrieben. Der Wunsch, als Weltbürger zu leben, ist die kreative Kraft dieses Künstlers und seines Buches, das in den reichhaltigen Möglichkeiten des Alltäglichen geerdet ist. Musik und Reisen kollidieren und verschmelzen, und der Leser erfährt aus erster Hand, was es bedeutet, sein Leben einer nicht endenden musikalischen Reise zu widmen, um die Welt auf der Suche nach ihrem wahren Geist zu durchqueren.“

Michael John „Mick“ Harvey

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Hugo Race / Road Series

publisher: Transit Lounge / ISBN: 978-0-9943958-0-1 / Trade PB 368pp

Rights: WorldRelease / Publication Date: 01 /03 /2016 /

Cover photo by Corrado Lorenzo Vasquez

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London 1984. With Blixa Bargeld.

„There is great tension between the band members because the stakes are high – an epochal recording is sought and nothing less will do. The other guitarist, Blixa, a Nietzschean avatar from mythical Berlin, sets the agenda…“ Hugo Race in ROAD SERIES

NICKCAVEFIXES.COM

NICK CAVE AND THE BAD SEEDS, SAN FRANCISCO 1984,

PICTURE BY STANLEY GREENE

L-R: BLIXA BARGELD, NICK CAVE, HUGO RACE, BARRY ADAMSON, MICK HARVEY

(Blog: http://nickcavefixes.com/2009/09/)

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im Web:

Buch

Hugo Race

Youtube

 

 

Johanna Adorján. Meine 500 besten Freunde. Stories.

500besteFreunde (c) phm.2016

Bei der Menge an Büchern über Berlin stellt sich die Frage, ob hier einer nach Antworten sucht.

„Kein Himmel über Berlin“ (Brose) fragt nach dem „Glauben in der Metropole“.

Daneben Spaziergänge „ … kiezig und kitschig, kultig und kulturell, klassisch und konservativ, kämpferisch und kapriziös, keck und keusch“ (Rittberger + Knapp);

Berlin für Junge, für Alte, für Schwule, für mit Kind, für mit Hund, für ohne Geld.

Berlin als Setting für Krimis und Lovestories, für Kriegsgeschichten vor und nach WWI und WWII, vor der Mauer, nach der Mauer.

Berlin zurück bis in die 30er und Döblins Roman „Alexanderplatz“, den Volker Klotz 1969 als „bis heute einzigen belangvollen Roman in deutscher Sprache, der vorbehaltlos die zeitgenössische Großstadt zu seiner Sache macht“ bezeichnete und dem Buch damit einen Rang verlieh, den es bis heute innehat.

Nun gehöre auch ich zu den Nassauern dieser Stadt, weil ich mich für das Reinfühlen und die „Recherche“ für den nächsten Berlin-Krimi („Und schon geh´n wir mit Gesang auf ins nächste Restorang!“) nur vor die Tür, in die S-Bahn und jene „Restorangs“ bewegen muss. Wahlweise willkürlich besuchte Vernissagen unbekannter und selten prägender Künstler; Performances, die ich der spontanen Bierbekanntschaft beim Rauchen vor der Tür noch á la ‚Alle Kunst hat ihre Berechtigung‘ gutrede; S-Bahn-Fahrten mit meinen geliebten „Zahnlückenjohnnys“ („Mein Opa, der hat ja noch ´n dritten Weltkriech mitalebt!“ „Äh, ´n dritten Weltkriech? Den jabs ja noch jar nisch!“ „Aba wenn dit so weitajeht mit die Flüschtlingskrise, denn kommt der bestimmt oooch noch!“).

Alles hier in Berlin ist schon da, muss nicht bestellt werden und wird trotzdem gratis geliefert.

Und als ich gerade denke, ich hätte schon alles gehört, gelesen und eingeatmet, da schenkt mir eine Freundin ein Buch. Eine der Wenigen, die sich das noch traut. Und dann lagen sie vor mir „Meine 500 besten Freunde“ von Johanna Adorján.

Am besten lässt sich der Genuss mit den Worten der Autorin umreißen, die von atemlos drolligen Frauen erzählt und von Leuten, die aussehen, als hätten sie die Zähne von jemand anderem im Mund. Aus der vor mir entrollten Kulisse einer Vernissage („Der Otter“) kehre ich mit dem Gefühl zurück, die ganze Stadt sei „abgefüllt in dickbauchige schwarze Flaschen, deren Flüssigkeit in Hals und Bäuchen unförmiger Gebilde mit Nasen und Augen zu sehen ist“ … Dabei hat die Autorin nur eins der Bilder an der Wand beschrieben, vor der die Geladenen stehen wie die heute Belächelten einst vor des Kaisers neuen Kleidern.

Ein wunderbares Werk – nicht nur innen, auch außen. Hier hat sich der Hersteller ins Zeug gelegt, dass auch ein Ebooknerd der Haptik frönt (und wenn er es ganz heimlich in der Buchhandlung tut, mit der Handfläche über die Prägung auf dem leinenen Einband fährt und am tiefblauen Buchschnitt schnuppert in der Hoffnung auf bewusstseinserweiternde Ausdünstungen).

Die Stories handeln von der Herzinfarktgefahr bei „hidden tracks“ auf Platten und von Kleidern, die man nicht versteht. Und die Autorin schaut der Stadt aufs Maul, das diese Stadt so gerne aufreißt.

Umwerfend, wie die erste Story in der letzten ihre Auflösung findet. Ein Band von Erzählungen mit einem Spannungsbogen. Das hab ich ja noch nie erlebt. Und das ist gut so. Denn deshalb kann ich es euch erzählen.

Johanna Adorján

Meine 500 besten Freunde

Stories

250 S., Luchterhand 2013

Foto: Nezze Holland-Moritz mit Buch. Und mit 500 besten Freunden. (c) phm.2016

I wonder why they never met. Dylan Thomas and Sylvia Plath. (article in German)

October the 27th was an historic day for English poetry, because two poets who would leave a lasting mark on English literature – neither of whom was English – came into the world on this day. The course of twentieth-century literary history would be shaped by these two births… (source: interestingliterature.com)

Dylan Thomas (* 27. Oktober 1914 in SwanseaWales; † 9. November 1953 in New York City)

Sylvia Plath (* 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei BostonMassachusetts; † 11. Februar 1963 in Primrose HillLondon)

By the way… Painter and poet Frieda Hughes – daughter of Sylvia Plath and Ted Hughes lives in Dylan Thomas´ barnstable: rural Wales, since having lost mother, father and brother…

Blaenau ffestiniog, Gwynedd © James Morris

Caitlin Thomas‘ Autobiographie “Mein Leben mit Dylan Thomas” hat mich damals in Wut versetzt, wie es kein Buch  zuvor geschafft hatte. Einerseits so großartig geschrieben, was eigentlich sie als die literarische Größe neben dem walisischen Dichter späten Erfolges offenbart. Wie sie über seinen Vater schreibt:

Über D.J. sollte man nicht weinen müssen, dennoch gibt er dazu Anlaß. Er hatte nichts, was sein Eigen war. Es ist traurig zu sehen, wie fehl am Platz manche Menschen sind, die eine große Begabung haben…

Und über ihren eigenen Glückszustand an seiner Seite, Glück, ein Wort, das sie schon damals für überschätzt hielt oder zumindest als erstrebenswerten Zustand anzuzweifeln wagte:

Man merkt es eigentlich nie wirklich, wenn man glücklich ist; ich jedenfalls nicht: ich merke es immer erst rückblickend – habe große Schwierigkeiten, Umstände spontan zu erleben…

Über diesen pragmatischen Umgang mit der Armut und der absurden Dekadenz, die daraus entsteht:

Als wir im Mai 1949 ins Boat House zogen, mußten wir einen Möbelwagen bestellen, was wir noch nie getan hatten: Wir ließen unser Habe immer zurück, weil wir uns ihren Transport nicht leisten konnten…

Dylan Thomas_writing shed by (c)Geoff Charles

Andererseits beinah apathisch anmutende Aufzählungen von Schwangerschaften, mit denen sie Dylan erpresste, von Liebhabern, mit denen sie ihn verletzte – nach der Chronologie im Buch musste sie jeweils hochschwanger gewesen sein oder gerade entbunden haben; und dann jene Schilderung einer Abtreibung im 6. Monat, weil beide das Geld für eine USA-Reise brauchten und nichts für einen Balg übrig hatten. Dieses Zerhacken des Kindes beim Herausziehen und dieses dann einfach Weiterleben – war Kälte tatsächlich das Wesen dieser Beziehung? Diese hielt sich über siebzehn Jahre und vier Kinder, durch Suff und Armut hindurch und das schiere Explodieren Dylans dichterischer Phantasie, die er, der „Rimbaud von Cwmdonkin Drive“, am Ende mit sich zusammen in Selbstzweifel und Whisky ertränkte. Es war Kälte, in der Dylan Thomas seine Poesie lebte, und so trunken und dunkel sie auch scheint, wärmt sie mich doch beim Lesen.

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Diese Ignoranz des eigenen Lebens, jenes Reichtums an Möglichkeiten, lese ich auch bei Sylvia Plath und möchte ignorieren, dass es Krankheit gibt und Depression, die einem den ganzen Reichtum ins Gegenteil umkehrt: in seelische Armut, Leere und Finsternis, während die Sonne nur so auf einen herablacht.

Frank Zumbach

Im Vorwort zu der Ausgabe der Tagebücher schreibt Frances McCullough:

Plath selbst nannte ihr Tagebuchschreiben einmal „eine Litanei der Träume, der Weisungen und der Imperative“ und, präziser, ihr „Sargasso“, womit sie ein Reservoir für ihre Phantasie meinte, ein Herauffördern dringlichen Materials aus dem Unterbewußtsein, das auf diesen Seiten erstmalig ans Tageslicht kam.

Plath studierte am Smith-College, bekam ein Begabtenstipendium und die ersten Literaturpreise und war doch wie jeder, der schreibt – egal wie gut und erfolglos – von Zweifeln zerrissen und dabei, das eigene Revier zu markieren:

Bin neidisch, eifersüchtig, voll Boshaftigkeit. Lese die sechs Lyrikerinnen…. Langweilig, schwülstig… nicht besser als ich, und veröffentlicht haben sie auch nicht mehr. Ich spüre in mir die versteckte, rechtschaffene Bosheit einer Frau mit besseren Gedichten als die, mit denen andere ihren Ruhm erwarben.

So zu empfinden kostet Kraft; Gedanken wie diese geben der Lethargie keinen Raum. Sie halten das Blut am Pulsieren, und ist es auch aus Wut auf andere und am meisten auf sich selbst. Doch das Leben geht weiter, weil da noch viel zu viel Energie ist, die verbraucht sein will.

Ihre letzten Zeilen hingegen – bevor sie ihrem Leben mit 30 Jahren ein Ende setzte – sie gaukeln das Leben nur vor, mit dem sie doch längst abgeschlossen hatte. Gaukeln es uns hinterbliebenen Voyeuren vor, damit wir die Dimension dieses Schrittes noch um einiges dramatischer empfinden mögen, als er es sowieso schon ist (aber so sind sie wohl die Autoren, der Wirkung ergeben bis zum letzten Punkt am Satz.):

Entdeckte frischgeschlüpfte Amseln in der Hecke, sie waren leuchtend grün, pulsierten wie Herzen. Verabredeten uns bei Mrs. Macnamara auf einen Imbiß in vierzehn Tagen.

Cheers on you, Sylvia and Dylan, die uns Schreibern und Lesern in ihrer Verzweiflung das Beste hinterlassen haben, was sie uns geben konnten: Wurzeln, an denen wir wachsen. © phm.2015

Dylan Thomas

Do not go gentle into that good night,

Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.
Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.
Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.
Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.
Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.
And you, my father, there on that sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.

(source: The Collected Poems of Dylan Thomas: The New Centenary Edition)

Sylvia Plath

Ariel

Stasis in darkness.
Then the substanceless blue
Pour of tor and distances.
God’s lioness,
How one we grow,
Pivot of heels and knees!—The furrow
Splits and passes, sister to
The brown arc
Of the neck I cannot catch,
Nigger-eye
Berries cast dark
Hooks—
Black sweet blood mouthfuls,
Shadows.
Something else
Hauls me through air—
Thighs, hair;
Flakes from my heels.
White
Godiva, I unpeel—
Dead hands, dead stringencies.
And now I
Foam to wheat, a glitter of seas.
The child’s cry
Melts in the wall.
And I
Am the arrow,
The dew that flies
Suicidal, at one with the drive
Into the red
Eye, the cauldron of morning.

(Sylvia Plath, “Ariel” from Collected Poems. Copyright © 1960, 1965, 1971, 1981 by the Estate of Sylvia Plath. Editorial matter copyright © 1981 by Ted Hughes. Used by permission of HarperCollins Publishers; Source: Collected Poems (HarperCollins Publishers Inc, 1992)

Abbildungen:

Blaenau ffestiniog, Gwynedd © James Morris

Dylan Thomas_writing shed by © Geoff Charles

dylanthomas100.org

poets.org

mirror © Frank Zumbach

Eine Chronik der Abwesenheit. SEPTEMBERKINDER. Von Susanne Aernecke.

Susanne Aernecke ist Autorin und Dokumentarfilmregisseurin. Beides kann man lernen. Doch Kapitänstochter und fünffache Halbschwester zu sein, kann man nur hinnehmen oder zelebrieren. Ihr ist die vernünftigste Lösung aus beidem gelungen: Sie hat ein Buch darüber geschrieben. Septemberkinder.

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Septemberkinder wurden im Dezember gezeugt. Gerne zu Weihnachten. Wenn der Kapitän auf Landgang war. Bei seiner jeweiligen Frau. Es gab immer nur eine. Und zwar eine nach der anderen. Aber jede wurde geheiratet.

Sowohl ihr Vater als auch die Tatsache, dass sie noch fünf Halbgeschwister hatte, holten sie ein, als sie 18 Jahre alt war. Frühe 80er. Die Leute waren mit dem Aufpolstern ihrer Sakkos und der Pflege ihrer Nackenhaare beschäftigt, als die Tochter über die Oldendorff Carriers GmbH & Co. KG – die größte deutsche und zugleich eine der weltgrößten Stückgut Reedereien – ihren Vater ausfindig machte. Der war ihr bisher nicht verschwiegen, aber totgeschwiegen worden. Das taten die Frauen der Kriegsgeneration. Sie redeten ebenso wenig über ihre Vergangenheit und die dort geborenen und am Ende zerstörten Träume, wie es die Männer taten, die vom Fronteinsatz direkt ins Bordell gingen und dann gegebenenfalls auf die Suche nach ihren Frauen in den Trümmern ringsum.

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Bis dahin war ihr der „Fliegende Holländer“, für den sie ihren Vater hielt, nur in ihrem Lieblingsbuch begegnet, einem Fotoalbum mit dem Hochzeitsbild darin: die Mutter im weißen Spitzenkleid und der Vater in Kapitänsuniform. Vier Streifen.

Nun stand er vor ihr: in Belém, einem Hafen an der Küste Nord-Brasiliens, dem Tor zum Amazonas. Armdicke Taue flogen in Richtung Land und wurden vertäut. Er stand auf der Gangway. Und plötzlich hatte sie einen Vater.
Was folgte, war eine Weltreise mit einer Besatzung aus aller Herren Länder, von denen einige ständig verzweifelt den Kompass studierten, um gen Mekka beten zu können. Zahllose fremde Welten auf ein paar hundert Quadratmetern. Und die fremdeste Welt der eigene Vater.

Ihr blieben 6 Monate, um ihn alles zu fragen. Alles? Oder um einfach nur zu schweigen und sich das zu denken, was er hätte sagen können, was aber in dem wettergegerbten Gesicht und dem liebesvernarbten Herz gefangen blieb. Was er für sich behielt. Für immer. Denn was dann folgte, war sein Tod.

2014, zu seinem 100. Geburtstag, ging sie erneut zur See. Auf die Tour, die ihr Vater so oft gefahren war. Diesmal zusammen mit ihrer Schwester, die sie – wie all die anderen – erst auf des Vaters Beerdigung kennen gelernt hatte.

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Was ist geblieben? Ein Gefühl, nun vollständig zu sein. Die zweite Hälfte ihres Ichs kennen gelernt zu haben. Und Weisheiten wie diese: „Wenn du aufstehst, sind bereits 50 Prozent der schweren Arbeit auf der Welt erledigt – und du hast nichts davon mitbekommen.“ Aber auch, dass man sich nie über andere stellt. (Und sich das Küchenpersonal warm halten sollte.)

Ein Buch über die Abwesenheit von Nähe. Und von der Liebe, die daraus entstehen kann.
Danke, Susanne. Du sprichst nicht nur Septemberkindern aus der Seele.

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Patricia Holland Moritz

Das Buch: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/Susanne_Aernecke_Septemberkinder/15320
Der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=OBJ12URSrdg
Die Agentur: http://www.mp-litagency.com/autoren/aernecke-susanne/
Die Autorin: http://www.afpmunich.de/

Neulich im Hackendahl: phm trifft Pascal von Wroblewsky – oder Über die geistige Sprungkraft der Anderen

1986 trug man im KASCH in Karl-Marx-Stadt Angelika Weiz-Brille und tanzte nach Pascal von Wroblewskys „Swinging Pool“.

Wer ihren Namen auch noch unfallfrei aussprechen konnte, im sächsischen Sprachraum nicht ganz ohne, war ganz weit vorn, was damals noch „stark“ hieß und der Vorgänger von „cool“ war. Jeder Schallplattenunterhalter freute sich eine Rille ans Knie, weil er mit Pascals Mucke die 60% DDR-Musik- Regelung zumindest ansatzweise erfüllen konnte. Jazz in der DDR hatte zwar schwarz zu sein und aus Amerika zu kommen, aber die Amiga-Pressung „Swinging Pool“ erfuhr ihre Vergoldung – und wir irgendwie alle mit.

„Das waren nicht einfach nur Songs. Das war das Gefühl, dass es da noch etwas anderes gibt außer dieser vermieften DDR“, sagte Pascal im Interview mit Katharina Weiß und dem MAGAZIN. http://www.dasmagazin.de/kennt-jeder-kann-jeder/ Sie meinte damit ihre wild gemixten Musikkassetten. Und für uns kam genau das Gefühl aus dem „Swinging Pool“…

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Einen Mauerfall und zahllose Futschis später – 1991. Berlin Kreuzberg. Samstagabend, 21 Uhr.

Jobben ohne Lohnsteuerkarte war noch möglich (der Artikel ist den Mitarbeitern des Finanzamtes Friedrichshain-Kreuzberg gewidmet), und ich stand hinter dem Tresen eines hier nicht näher benannten Etablissements am Heinrichplatz. Ein typischer Vertreter der Ein-Wort-Kundschaft bestellte ein Bier. Das waren nicht etwa einsilbige Zeitgenossen, im Gegenteil: Ihr Pegel hatte bereits die Höhe der Stimmbänder erreicht, an dem ganze Sätze zu einem Wort zusammenschmolzen.

Ich zapfte. Er guckte aufs Bier. Dann auf das Plakat „Pascal von Wroblewsky im Franz Club“ an der Wand hinter mir. Dann auf seine Uhr. Dann wieder zu mir. Dann wieder auf das Plakat. Dann wieder auf seine Uhr. Dann kam´s: „Sachma-kannste-mir-sagen-wie-du-hier-mein-Bier-zapfen-kannst-während-du-im-Franz-Club-uffe-Bühne-stehst?“

Ich glaube, ich faselte etwas von eineiigen Zwillingen und dass nur unsere Mütter uns unterscheiden könnten…

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Mehrere Wroblewskys und eine Holland-Moritz später – Januar 2015. Berlin Mitte. Im Hackendahl.

Ein Motorroller mit einer Frau hinten drauf, deren Familie pro Generation einen Philosophen hervorbringt: Rückblende – die drei Sartre-Bände, in den 80ern bei Aufbau erschienen, teilten wir in der Buchhandlung damals gleich unter uns auf. Von jedem waren 1000 bestellt und 4 geliefert worden. Gelesen habe ich davon nur das jeweilige Nachwort des Philosophen Vincent von Wroblewsky…

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… so sparte ich mir den kompletten Sartre und wusste trotzdem Bescheid über den „Soldaten Sartre“, seiner Angst vor technischen Mängeln beim Schreiben und seine „morganatische Ehe“ mit Simone de Beauvoir. Eine „Scharlatanin“ nennt man so etwas wie mich, und Pascal stimmte zu und wollte auch eine sein.

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Unsere Themen an dem Abend?

  • das Skizzenbuch im Kopf, in dem immerzu Bilder entstehen, aus denen Musik wird
  • das Facebook bei Nacht, und dass immer irgendeiner wach ist
  • Wikipedianer wie Pascal, die für ordentliche Netzschreibweise sorgen
  • der Seismograph für das Aufspüren von Intelligenz: die Verwendung von dass und das, als und wie, seid und seit (und ich füge heute ran und dran noch hinzu, da nun schon jeder an sein Telefon „dran“ geht)
  • inspirierende Castings, bei denen man abgelehnt wird und trotzdem gewonnen hat
  • Russland und seine wunderbaren Musiker und Blender
  • wie sich auf der Bühne nach vorne strahlen und nach hinten dirigieren lässt
  • Textarbeit als weißer Nebel, durch den es sich hindurch zu tasten gilt
  • die Weisheit der Harry-Potter-Bücher
  • die geistige Sprungkraft einer Anita Augustin: „Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand. Blöd, wenn er gerade die Faust ballt.“

Was geht, was kommt?

SALZBURGER FESTSPIELE 2015

BERTOLT BRECHT / KURT WEILL – MACKIE MESSER – EINE SALZBURGER DREIGROSCHENOPER

Nach einem Ausnahmecasting bei Sven-Eric Bechtolf wird Pascal von Wroblewsky unter der musikalischen Leitung von Martin Lowe (Tony-, Grammy-, Drama Desk- und Obie Award) zu Mrs. Peachum… Sommer 2015. http://www.salzburgerfestspiele.at/schauspiel/mackie-messer-dreigroschenoper-2015

 

„WEIBER!“ (Schwestern teilen. Alles.)

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Idee: Jeder zweite Mord in Deutschland bleibt unentdeckt. Wer das nicht ausnutzt, ist selbst schuld…

Buch und Regie: Pierre Sanoussi-Bliss. Schnitt: Robert von Wroblewsky. Pascal spielt unglaublicherweise eine Sängerin. (Wahrscheinlich notgedrungen, weil die Rolle der Busfahrerin nicht vorgesehen oder schon vergeben war… 😉 )

Wunderbarer Soundtrack, nachts im Bett direkt aus dem Skizzenbuch im Kopf auf Pierres Rechner getrötet: https://soundcloud.com/sanoussibliss/soundtrack-weiber

Zum Film läuft eine Crowfunding-Campagne unter https://www.startnext.com/weiber-der-film

 

Was läuft, was war?

DIDI UND STULLE AN DER NEUKÖLLNER OPER

„Berliner Schnauze im Belcanto“ (Tagesspiegel)

Librettistin Anita Augustin („Der Zwerg reinigt die Kittel“ und „Alles Amok“ bei Ullstein), Regisseur Eike Hannemann und Komponist Matthias Herrmann, Pascal als big bad mother uff Stulle (Fotos Anna Melody und Katja Schmidt), Sommer 2014

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PASCAL – SEVENTIES SONGBOOK: Rockklassiker aus den 70ern neu aufgenommen…

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https://www.youtube.com/watch?v=PQ7PIrhaMZI&index=2&list=PL4gtMnB4d6fyevRN7vXsrRqucktASRGui

 

PERM 36 – DER LETZTE GULAG

Im Sommer 2011 war Pascal von Wroblewsky zu Gast in Perm und sang Brecht.

Das ehemalige Lager Perm-36 ist das einzige Gulag-Museum in Russland, das gegen das Vergessen kämpft. Seit 2005 findet dort jährlich das Internationale Menschrechtsforum Pilorama statt. Neben russischen Künstlern, wie z.B. dem Rockmusiker Juri Schewtschuk oder dem Liedermacher Juli Kim treten immer wieder internationale Gäste auf. Ihr Sohn Robert von Wroblewsky begleitete Pascal mit der Kamera und hielt die Eindrücke im Lager und bei den Konzerten fest:

https://www.youtube.com/watch?v=pXWa2I066SE

 

 

Noch´n Spruch zum Schluss?

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Ehrfurcht kenn ich nicht. Ich kann nichts fürchten, was ich ehre.

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Das technische und theoretische Training hört nie auf. In deiner Arbeit musst du präzise sein, um frei sein zu können.

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Ich war immer ein Spielkind, bin es geblieben und möchte auch heute noch auf Bäume klettern, ins Land gucken und schauen, was sich da tut.

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Das wird ein Jahr… Merci, Pascal!