Mein Wort zum Sonntag – oder über „Eine einfältige Weise zu beten“

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Nein, Jesus wurde nicht mit Reißzwecken ans Kreuz getackert, aber Luthers Genagele ist auch nicht zu 100 Prozent erwiesen. Eins aber hat er gemacht: dem Meister Peter Beskendorf, Barbier von Wittenberg (der sich im 16. Jahrhundert auch „Chirurg“ nennen und als solcher operieren durfte) auf dessen Frage hin das Beten erklärt.

Seinem „lieben Meister Peter“ verspricht Luther in der Einleitung, es ihm „so gut zu geben, als ich´s hab“, und was dann folgt, ist Luthers To-Do-Liste, die er abarbeitet, wenn er „in die Kirche zum Haufen“ (das sind wir) geht, „und hebe an, die zehn Gebote, den Glauben (die drei Artikel) und, je nachdem ich Zeit habe, etliche Sprüche Christi, Pauli oder Psalmen“ herunterzubeten. Und wer für den Gang in die Kirche keine Zeit hat, könne es doch im stillen Kämmerlein tun oder unterwegs auf der Straße oder sogar bei der Arbeit. Denn nur „wer ohne Unterlaß betet, hütet sich vor Sünden und Unrecht“.

Ich glaube ja auch. Ich glaube nämlich Folgendes: Ich glaube, dass wir gar keine so gottlose Gesellschaft sind, als die wir uns gerne hinstellen. Ich sehe gefaltete Hände um Mobiltelefone allerorts auf Straßen und Plätzen, sehe Fußballgötter in Bronze und Modegötter auf dem Shoppingkanal; und mit welcher Inbrunst die letzte Visite eines Politikers beim Papst – immerhin dem Stellvertreter Gottes – von uns allen verfolgt wurde, ist jedem Missionar bis hin nach Papua-Neuguinea ein innerer Kirchentag. Und es war ja wohl unsere (!!) Kanzlerin, die mit der Raute den weltweiten Trend der neuen Handfaltung beim Beten losgetreten hat.

Auf dem Kirchentag in Berlin sitzen Alt-68er aus Oer Erkenschwick beim Bier, obwohl sie eigentlich (nun schon mal in Berlin) vorauseilend Benno Ohnesorg (50. Todestag 2. Juni) gedenken wollten, man an der Deutschen Oper aber nicht so lecker draußen sitzt wie hier in Mitte. Da wippt man auch gerne mit beim muslimischen Poetry-Slammer, der spontan am Ende des Tisches performt.

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(Sami el-Ali und Dennis Kirschbaum von I-Slam, Poetry zum Kirchentag in der Kreuzberger St.Thomas Kirche; Quelle ndr.de)

Selbst das Halten eines Bierglases hat hierzulande eine spirituelle, wenn nicht gar religiöse Dimension erreicht, der sich nur Wenige entziehen können. Und bringen wir Genossen der SPD einen neuen Kandidaten aufs Podium, dann wird der auch außerhalb der Partei zum Retter – und damit Heiland – erkoren, eine Ehre, die bei den Christlichen Parteien seltsamerweise  noch keinem zuteil wurde. Versucht William Paul Young in seinem Überraschungsknaller „Die Hütte“ (gerade erfolgreicher als erwartet im Kino) einfach nur, Gott ein Gesicht zu geben, dann kapieren wir auch das sehr schnell, und schon sieht der alte Junge da oben aus wie Mark Zuckerberg.

Aber eigentlich halte ich es mit Pfarrer Führer, denn der hatte m.E. die beste Theorie:

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(Pfarrer Christian Führer (1943-2014) vor »seiner« Nikolaikirche im Jahr 2008 © Jan Adler)

Wer seine Hände zum Gebet faltet, hat schon mal keine frei für eine Ohrfeige (und das ergo kennen wir auch: Hat ein anderer genau diese frei und knallt dir eine, dann halt ihm auch noch die andere Wange hin.) Gewaltlosigkeit von Atheisten im völlig unbewussten Gebet zeigte uns der 9. Oktober 1989 in Leipzig. Da waren 70.000 Leute viel zu sehr damit beschäftigt, mit einer Hand die Kerze zu halten und ebenjene mit der anderen vor dem Herbstwind der Friedlichen Revolution zu schützen.

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(Leipzig, 9.10.1989 © Waltraud Grubitzsch, P-A/ZB)

Es war schlichtweg keine Hand mehr frei, um einem Vopo im Anschlag einen Pflasterstein an den Kopp zu knallen. (Tomaten waren wegen der damaligen Versorgungslage eh ein No Go.) Leider verbieten die Sicherheits- und Brandschutzverordnungen brennende Kerzen in Fußballstadien, doch warte ich auf den Tag, da sich Hooligans mit kunstvoll dekorierten Altarkerzen vor selbigen drängeln und um friedlichen Einlass bitten, um endlich voller Stolz im Kameraschwenk ihr Meisterwerk ins Öffentlich Rechtliche halten zu können.

Ich lege mir meinen Luther ja gerne so aus, wie es mir pragmatischen, atheistischen Protestantin liegt: frei und passend. Und weil das momentan mit jeder Religion so gehandhabt wird, habe ich noch nicht mal schlechtes Gewissen dabei, sondern ein unendlich gutes Gefühl bei meinem ganz persönlichen Wort zum Sonntag und zu diesem Kirchentag: Wie oft und gut wir alle beten, ist uns gar nicht bewusst. Drum lasst es uns so weiter tun, denn wer die Hände nicht frei hat, der kann auch keinen Unfug damit treiben.

Darauf ein Amen und einen Gin.

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Euer

Spirit of Kasimir

***

Lesenswertes dazu aus der phm’schen Bibliothek:

  • Martin Luther „Eine einfältige Weise zu beten“ Evangelische Verlagsanstalt GmbH. Berlin 1962
  • Christian Führer mit Patricia Holland Moritz „Und wir sind dabei gewesen – Die Revolution, die aus der Kirche kam“. Ullstein Buchverlage GmbH. Berlin 2009
  • William Paul Young „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“. Allegria 2009

 

 

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Selbstoptimierung war gestern – IKIGAI ist heute

von Patricia Holland Moritz mit Francesc Mirallesmit freundlicher Genehmigung von Resonanzboden, dem Blog der Ullstein Buchverlage.

Ein japanisches Sprichwort sagt: „Nur, wenn du aktiv bleibst, wirst du dir wünschen, hundert Jahre zu leben.“ Und beim ersten Mal las ich „attraktiv“ statt „aktiv“ und hätte das genauso unterschrieben.

Während sich der Okzident nun fleißig und geschäftstüchtig in Selbstoptimierung übt, kommt aus dem Orient ein Ding namens Ikigai als Schlüssel zum gesunden und damit möglichst langen Leben in Aktivität und Attraktivität. Und das ganz ohne Schnickschnack; es verlangt weder einen aufwendigen Ernährungsplan, noch schlauchende Trainingseinheiten oder teure Fitnessutensilien. Das Ikigai ist bereits das Utensil, ist die Smartwatch des bewusst lebenden Menschen. „Die Kunst zu altern und dennoch jung zu bleiben“ ist eine Eigenschaft des Ikigai, und jeder trägt sie bei sich, aber nur wenige sind sich der eigenen Kunstfertigkeit bewusst.

Spiritualität ist im Alltag angekommen

Obwohl es schon bemerkenswert ist, in welchem Maße spirituelle Themen Einzug in unsere rationale Gesellschaft gehalten haben: Nahezu jeder von uns kennt jemanden, der im Yoga oder Tai Chi Erholung von der 40-Stunden-Woche findet; sich vegan oder paleo ernährt; bei Beziehungsproblemen einem Coach vertraut und eine Meditation mit einem angesagten tibetischen Lama jeder Party vorzieht. Was sich vor noch nicht allzu langer Zeit „Esoterik“ nannte und wie Post vom Finanzamt so lange wie möglich ignoriert und dann kritisch begutachtet wurde, kann sich nun unter dem Begriff einer neuen Spiritualität zunehmender Sympathiepunkte erfreuen. Und nicht nur das: In Zeiten abnehmender politischer, religiöser und sozialer Werte hat der Mensch nur noch einen verlässlichen Partner, nämlich sich selbst. ‚Wer bin ich?‘ wird schon lange nicht mehr mit ‚Und wenn ja, wie viele?‘ beantwortet, sondern ist zu einer existentiellen Frage geworden.

Ein seismographisches Gespür für diese Entwicklung zeigen die Romane von Francesc Miralles. Schon lange interessiert sich der Autor für die Verbindung von Psychologie und Spiritualität. In Miralles` Romane kann man sich geradezu hineinfallen lassen, und sein Faible für Japan bringt er in „Das unvollkommene Leben oder Wie das Glück zu Samuel fand“ mit großer Poesie zum Ausdruck. Sein neuestes Buch – „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden“ – ist das erste Sachbuch des Romanautors, er hat es gemeinsam mit dem Computerspezialisten und Blogger Héctor García (Kirai) verfasst.

Héctor García lebt in Tokio. Von dort – der 13 Millionen-Metropole, die dem Rest der Welt immer einen Schritt voraus ist und dennoch wie ein schlafender Riese in sich zu ruhen scheint – zogen die beiden aus, um auf Okinawa das Geheimnis der Hundertjährigen zu erforschen, von denen es dort weltweit die meisten gibt.

Die Regeln des Ikigai

Was ist es, dieses Ikigai, das die Bewohner angeblich so alt werden lässt? Steht es für die Qualität der Nahrung, der Luft, des Wassers, der Sonneneinstrahlung, oder hat es gar einen mystischen Hintergrund?

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Die Autoren Francesc Miralles (li.) und Héctor García in einem Altersheim auf Okinawa.

Das Ikigai ist schnell beschrieben: Es ist das, wofür man lebt, es ist der Grund, morgens aufzustehen. Es ist kein abgezahltes Haus und auch nicht der gerade zurückliegende Urlaub. Es ist keine aktuelle Liebschaft, die sich morgen wieder erledigt haben kann. Ein Ikigai ist mehr, es ist nachhaltig und es war schon immer da, oft verschüttet von Verhaltensmustern, die unsereins sich schneller angewöhnt als diese zehn einfachen Regeln:

  1. Bleiben Sie zeitlebens aktiv, setzen Sie sich nie zur Ruhe.
  2. Bewahren Sie die Ruhe.
  3. Essen Sie sich nicht satt.
  4. Umgeben Sie sich mit guten Freunden.
  5. Halten Sie sich fit für Ihren nächsten Geburtstag.
  6. Lächeln Sie.
  7. Nehmen Sie wieder Kontakt zur Natur auf.
  8. Bedanken Sie sich.
  9. Leben Sie den Augenblick.
  10. Folgen Sie Ihrem Ikigai.*

Wie nun seinem Ikigai folgen, wenn man zwar weiß, was es ist, aber nicht, ob man selbst eines hat? Eine Umfrage im Verlag und unter Lesern zeigte die Vielschichtigkeit des Ikigai – der Verlass auf die Familie, die Neugier auf jeden Tag, die Freiheit im Wochenendhaus, die immer wieder neue Verliebtheit in den eigenen Partner, oder – wie in meinem Falle – ich selbst und damit das gute Gefühl bei jeder getroffenen Entscheidung. Das Ikigai wechselt nicht mit dem Umfeld und ist unabhängig von der eigenen Tagesform. Es geht auch nicht verloren, wenn einem bei einer Trennung oder Pleite die Freundin oder das Vermögen abhanden kommen. Das Ikigai lässt uns jeden Lebensumstand bewusst erleben und auch den Ausweg aus einer ausweglos scheinenden Lage erkennen.

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Ikigai gegen Stress

Und wo liegt der Zusammenhang zwischen Ikigai und langem Leben? Im Stress und wie Ikigai ihn vermeidet.

Stress steht einem langen Leben vermutlich entgegen, und viele Menschen wirken aufgrund von Stress viel älter, als sie tatsächlich sind. Stress setzt degenerative Prozesse im Körper frei, darunter leidet die – eingangs genannte, altersunabhängige – Attraktivität. Was dem Höhlenmenschen die reale Gefahr eines Raubtiers war, ist dem heutigen Menschen das Klingeln des Handys. In der realen Gefahrensituation schüttete der Körper des Höhlenmenschen eine erhöhte Menge an Cortisol zu seinem Schutze aus. Den heutigen Menschen durchströmen permanent kleinere Cortisolmengen.

Viele Menschen hierzulande fühlen sich der japanischen Kultur näher als ihrer eigenen. In Japan sind weder die Teller voll belegt noch die Wohnungen vollgestellt. Minimalismus zieht sich durch jeden Lebensbereich bis hin zur Mode. Das Auge, der Magen, das Äußere, das Umfeld wird von Ballast freigehalten. Nur was im Fokus steht, ist wichtig. Die vielfach belächelte Regelhörigkeit der Deutschen, ihre Disziplin bis hin zur Selbstaufgabe entpuppt sich schnell als Mär. Wir Deutschen sind groß im Verfassen von Regeln, doch im selben Zuge gilt es als hip, sie zu brechen. In Tokio geht  man nicht bei Rot über die Straße. Und dieses Verhalten gilt auch bei einer leeren Kreuzung nicht als lächerlich. Regeln zu befolgen bedeutet, ich muss mich in diesem Moment um rein gar nichts kümmern, auch nicht darum, ob nicht doch ein Auto um die Ecke prescht oder ein Polizist in der Nähe ist. Ich kann hier stehen und warten und ganz bei mir sein, bis die Ampel auf Grün schaltet. Kleine Fluchten im Alltag, bewusstes Annehmen einer Situation, keinerlei Ablenkung durch die Möglichkeit anderer Möglichkeiten, Aufgeräumtheit statt Chaos machen es aus, das kleine gute Gefühl im Alltag und vermeiden ihn, den kleinen alltäglichen Stress.

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Freude an Hachikō, dem Inbegriff von Treue: Der Hund saß noch 10 Jahre nach dem Tod seines Herrchens, einem Universitätsprofessor, am Bahnhof Shibuya und wartete auf dessen Rückkehr.      Foto Tokio 2016 © Patricia Holland Moritz

Dem Ikigai näherkommen

Das Geheimnis jener zu lüften, denen ein langes und ganz offensichtlich glückliches Leben gegönnt ist, war den Autoren Ansporn für ihr Buch. Was kann es für uns alle Spannenderes geben, als das Rezept für ein langes Leben? Mit ihrer Vermutung, damit eine der größten Sehnsüchte des Menschen zu berühren, lagen die Autoren richtig: Ihr Buch „Ikigai“ wurde  unmittelbar nach seinem Erscheinen in Spanien ein großer Erfolg und binnen kurzer Zeit in 30 weitere Länder verkauft. Allein in den Niederlanden gab es im ersten Monat nach dem Erscheinen fünf Auflagen davon. Mittlerweile geht Autor Francesc Miralles mit einem Ikigai-Workshop europaweit auf Lesereise und berichtet von einem überwältigenden Interesse der Menschen. Das eigene Leben mit einem Sinn  und mehr Energie auszustatten, scheint eines der größten Ziele in diesem bewegten Zeiten zu sein. Mit Übungen und in Gesprächen über alles, was sie in ihrem Innersten bewegt, bringt Francesc Miralles jeden Teilnehmer auf die Spur zu dessen Ikigai und damit zu einer einzigartigen Erfahrung.

Sollten Sie nun noch immer nicht wissen, was Ihr Ikigai ist, dann sind das Lesen dieses Artikels und Ihr Nachdenken darüber schon die ersten Vorboten dafür, dass es nicht mehr lange dauern wird und auch Sie ihn haben, den wirklichen Grund, morgens aufzustehen.

Francesc Miralles & Héctor García „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden“. Allegria 10.3. 2017. 224 Seiten. 17,00€. ISBN 978-3-7934-2317-1

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*aus: Francesc Miralles / Héctor García (Kirai): IKIGAI Gesund und glücklich hundert werden, S. 218ff „Zehn Ikigai-Regeln“

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Jung und Alt am Sonntag im Ueno Park. Foto: Tokio 2016 © Patricia Holland Moritz

Vom „Bösen“ im Menschen und der Gretchenfrage nach der Schuld

Eine beliebte Frage in Interviews mit Krimiautoren ist folgende: „Wie können Sie das Böse im Menschen zu Ihrem Thema machen und dabei nicht selbst das Vertrauen in den Menschen verlieren?“

Meine Suche nach dem Bösen im Menschen begann vor Ort in St. Petersburg in Fjodor Dostojewskis Wohnhaus, Kusnetschiniy Pereulok 5. Ein unscheinbares Eckhaus nahe dem Fontanka Kanälchen, auf dem die Bierfreuden der Nacht ins Eis gefroren waren.

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Dostojewskis Bücher standen bis dahin als Drohung in meinem Regal. Sein Bild zeigte einen bärtigen Mann, der die eigene Totenmaske schon zu Lebzeiten zu tragen schien.

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Dazu „Der Idiot“, „Das Totenhaus“, „Schuld und Sühne“ – Buchtitel wie Trauergesänge. Viele davon entstanden in jenem Haus in der Kusnetschiniy, in das er von seinen Spaziergängen am Kanal und von seinen Treffen abends heimkehrte, immer als erstes die Frage rufend: „Gde deti?“ – Wo sind die Kinder?; in dem er vorrangig nachts arbeitete und dabei Selbstgedrehte aus zwei Tabaksorten rauchte… „Hör auf damit“, bat ihn seine Tochter Ljubow, „es wird dich umbringen“. Und so ist es auch ein fast verzweifelter letzter Gruß an ihren Vater, den sie in Tinte auf seiner Tabakdose aus Holzspan hinterließ: „Heute, am 28. Januar 1881 ist Papa gestorben.“

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Hier lebte der Autor zusammen mit seinem bitterarmen, aber hochgradig begabten Protagonisten, dem Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow.

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3a Georgi Taratorkin als Raskolnikow

Jenem Raskolnikow gestattete der Autor „das erlaubte Verbrechen“; einen Mord, begangen zwar mit Tötungsabsicht, aber moralischer Rechtfertigung. Den Mord an der wucherischen Pfandleiherin, dem als Beifang auch ihre zufällig am Tatort erscheinende Schwester zum Opfer fiel, rechtfertigte Raskolnikow aka Dostojewski mit den schändlichen Taten der Alten. Über das Leben einer solchen „Laus“ und den Wert einer solchen Person dürfe er als wirklich großer Mensch entscheiden.

Auf den ersten Blick kein tragbarer Standpunkt und heute allenfalls rechtslastig. Auf den zweiten Blick – beim Weiterlesen nämlich – ist man mittendrin im Flechten eines Bauernzopfes: Da werden von links und rechts immer wieder neue Strähnen hinzugenommen, bis alles zu einem dichten Zopf verflochten ist:

Mit „Schuld und Sühne“ hat Dostojewski den ersten Roman eines Täterprofilings geschrieben. 

Das Böse, es hat sich Dostojewski mehrfach im Leben gezeigt, hat ihn umgarnt, versucht, auf die andere Seite zu ziehen nach seiner Scheinhinrichtung, während seiner Spielsucht, beim Verlust seiner geliebten Kinder an Epilepsie und Hunger. Es hat ihn nicht gekriegt. Dieser Mann lebte, liebte und lachte leidenschaftlich bis zum Schluss. Die dunklen Momente seines Lebens wuchsen nicht in Depression, Missgunst und Hass, sondern zwischen Buchdeckeln weiter und schließlich im Kopf des Lesers, der seine Lehren daraus ziehen oder es bleiben lassen kann.

Welch wunderschöne Utopie: Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich in dem, was er als sein Talent erkennt, zu verwirklichen, abzureagieren und daran zu wachsen. Wo bliebe dann das Böse? Dort, wo es hingehört – in den Gedanken, die gedacht gehören, aber nicht in spontanen Übersprungshandlungen, berechnetem Betrug oder gar Mord gipfeln.

10 11 12 „Die Wölfe sind zurück“ von Rainer Opolka*

„Was sich liebt, imitiert sich“, sagt die Wissenschaft über sich immer ähnlicher werdende Paare. Genauso funktioniert der Hass, genauso verbreitet sich das Böse – momentan sogar bis in die feinsten Verästelungen unserer Gesellschaft. Es wächst hinein in Bereiche, in denen wir uns bisher sicher fühlten – einer Kirche in Rouen, einem Macdonalds in München, einer Strandpromenade in Nizza oder einem Straßencafé in Paris.

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Café La Belle Equipe, Rue de Charonne, 11. Arr. – nach den Anschlägen vom 13. November 2015 – 19 Tote

Auch in unseren Freundeskreisen fühlten wir uns geborgen, bis dann auf einem Klassentreffen oder einer Geburtstagsfete ein vertrauter Mensch zum Besten gibt, er habe nichts gegen Ausländer, aber die Belange des deutschen Volkes gingen schon erstmal vor.

Auch bei Facebook fühlten wir uns sicher, bis die ersten Trolle sich in den Kommentarzeilen einnisteten oder eifersüchtige Partner im Profil wühlten wie früher in den Sakkotaschen auf der Suche nach verdächtigen Telefonnummern.

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Wir erwarten „Benehmen“ von zu uns Geflüchteten und leben Rohheit in Form vom brennenden Heimen und rassistischen Sprüchen vor.

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So betrachtet stellt sich nicht mehr die Frage, ob es das Böse in jedem Menschen gibt, sondern eher, ob da jemals etwas Gutes war.

„Schuld und Sühne“ – sehr schnell sind wir bei den beiden Dostojewskischen Begriffen. Schuldzuweisung als neuer Volkssport.

Wer ist schuld an dem Bösen, das sich in der politischen Landschaft kaum mehr rechts oder links zuordnen lässt, weil mittlerweile beide hierzulande mit den gleichen Feindbildern arbeiten? Schuld sind DDR-Vergangenheit, Islam und seine Radikalisierung. Klar! Schuld woran? An dem Bösen, das jeder von uns in sich trägt und das wir wie auf Kommando in verschiedenen Varianten zum Besten geben? Online, offline, analog – es wird gerotzt, geneidet, geprügelt und angeprangert, was das Zeug hält. Aber wir sind nicht schuld? Der Kindermörder hatte selbst eine schwere Kindheit und ist nicht schuld?

„Mörder muss man Mörder nennen“, sagte Salman Rushdie auf einer Lesung letzten Herbst kurz nach den Paris-Attentaten hier in Berlin.

Und Täter sind Täter. Egal aus welchem Stall wir alle kommen, wie wir sozialisiert wurden: Unsere Taten begehen wir selbst.

Der zweite Teil der Bitte im Vaterunser lautet: „…, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Wir dürfen also bei Gott Schutz suchen vor der Macht des Bösen in uns und in der Welt.

Wir dürfen aber auch – bitteschön – uns selbst endlich wieder etwas an die Kandare nehmen und zur Besinnung kommen, um aus der dunklen Materie gesellschaftlicher Verrohung sichtbare Menschlichkeit zu machen, die uns allen genauso wie das Böse innewohnt…

…meint euer – das Böse in sich zwischen Buchdeckel pressende –

                                                                                                    Spirit of Kasimir

*„Die Wölfe sind zurück“ – Skulpturen von Rainer Opolka

„Mitläufer“, „Anführer“, „NSU-Mann“ – 66 Wolfsskulpturen.

Ausgestellt am Berliner Hauptbahnhof, Washingtonplatz, August 2016.

Menschen, die zu Gewalt aufrufen und Hasskampagnen inszenieren.

71 Jahre nach Hitler redet Pegida-Frontfrau Festerling über „linksgrün versiffte Volksvernichter“, und die Republik im Schatten der Dresdner Frauenkirche jubelt dazu,  spricht Pegida-Chef Bachmann über Flüchtlinge als „Gelumpe, Viehzeug und Dreckspack“ und nennt der Gütersloher AfD-Sprecher die Altparteien „Maden, die sich vom Kadaver BRD vollgefressen haben“ …

(Dank an Sophia Kembowski, dpa, für die Zusammenfassung).

Lektüre zum Thema:

    • Hannah Ahrendt / Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper, 2011
    • Ferdinand von Schirach / Verbrechen. Piper, 2010
    • Ferdinand von Schirach / Schuld. Piper, 2012
    • James Ellroy / Die Rothaarige. Ullstein, 1997
    • James Ellroy / Die schwarze Dahlie. Ullstein, 1994
    • Hans J. Markowitsch und Werner Siefer / Tatort Gehirn. Campus, 2007
    • Claudia Brockmann / Warum Menschen töten. Ullstein extra, 2014
    • Kirsten Heisig / Das Ende der Geduld. Herder, 2010
    • Stephan Harbort / Killerinstinkt. Ullstein, 2012
    • Paul Britton / Das Profil der Mörder. Econ, 2000

Fotocredits:

Fotos und eine Grafik © Patricia Holland Moritz (aufgenommen u.a. im Dostojewski-Museum St. Petersburg, RU)

Foto Internettrolle © http://www.darkpsychology.com

 

 

 

 

 

 

Februar 2016. 4°Celsius. Barfuß in Detmold.

Der Fuß, das weit entfernte Wesen

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Per pedis ist nicht mehr. Wir bewegen uns per calceus. Schon die Einladungen zu Geburtstagen meiner Klassenkameraden sagten damals alles. „Gute Laune und Hausschuhe sind mitzubringen!“

Ich hatte eine Bettschuhe häkelnde Großmutter und eine Mutter mit gefühlten 150 Paar Schuhen, die sich abends die Füße rieb und die Bemühtheit deutscher Frauen in Sachen Mode als „Flachschuh-Eleganz“ abtat. Ich habe gelernt, dass es statt der hässlichen moorgrünen auch bunte Gummistiefel gibt und meine geliebten Sandalen für Waldspaziergänge eher ungeeignet sind. Ich habe gelernt, dass zum guten Aussehen auch geputzte Schuhe gehören und man auch bei einem Mann zuerst aufs Schuhwerk schauen sollte.

Schuhe haben auch mich domestiziert. Und im besten Falle haben sie uns alle sogar kultiviert. 15000 Jahre alte Höhlenzeichnungen zeigen Menschen, die ihre Füße zum Schutz vor Kälte oder steinigem Grund mit Blättern umwickelten. Heute verpacke ich die 26 Knochen, 27 Gelenke, 32 Muskeln und Sehnen, 107 Bänder und 1700 Nervenenden je nach Kontostand in eine Deichmann- oder Weitzman-Kreation. Und statt verheißungsvoller Telefonnummern bringe ich von Partys nun Visitenkarten renommierter Orthopäden mit.

Unsere Füße sind architektonische Wunder aus Gewölbe und Spann. Und es sind Wesen aus tausend ungenutzten Nervenenden, die permanent ruhen, weil ihnen besonders wertvolle orthopädische Einlagen die Arbeit abnehmen. Doch damit lebte ich bisher ganz gut, denn auch ich verschwendete nur wenige Gedanken an die von mir am weitesten entfernten Gliedmaßen: meine Füße. Und dann kam Sabrina Fox. Zu Fuß. Genauer gesagt barfuß. Ein Jahr lang barfuß zu laufen und darüber ein Buch zu schreiben hat unsere Autorin nicht nur realisiert, sondern sie bleibt nun auch dabei. Sie läuft barfuß. Sommers und winters. Drinnen und draußen.

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Als wir uns für Mitte Februar zu ihrer Buchpräsentation in der nordrheinwestfälischen Metropole Detmold verabredeten, plante ich für genau diesen Ort und Anlass mein persönliches Erweckungserlebnis in Sachen Barfußlaufen. Schon im Zug mäanderte mein Blick den Gang auf und ab und an den Leuten herunter. Turnschuhe, Kinderfüße in Strumpfhosen, Rollkoffer, Pelzstiefel. Laufend, rollend, stolpernd, tippelnd. Ich war völlig fußfixiert und behielt meine Schuhe nur widerwillig an. Mein erster Schritt aus der Bein- in die Fußfreiheit sollte schließlich ein „Betreutes Gehen“ sein. Unter der Anleitung einer erfahrenen Barfüßerin.

Sabrina Fox war aus München eingeflogen und hatte natürlich in der Sicherheitskontrolle am Flughafen die ihr vertraute Frage gehört, ob sie nicht etwas vergessen hätte… vielleicht ihre Schuhe in der Plastikwanne? Doch da lagen keine Schuhe in der Plastikwanne.

Der Flughafen in München habe den angenehmsten Boden aller Flughäfen, auf denen sie jemals gelaufen ist, sagt Sabrina Fox. Eine Beobachtung, die mich vermuten lässt, dass einem das Barfußgehen ganz neue Erlebniswelten eröffnet. Eine davon hielt mich bisher noch vom Barfußgehen ab: die Erlebniswelt der Blicke auf der Buchmesse, zur Programmkonferenz, an der Rewe-Kasse oder beim romantischen Dinner zu zweit. Davor graut mir mehr als vor einer Blasenentzündung.

Und damit sind die beiden Contras zum Barfußgehen beim Namen genannt. Scham und Krankheit. Das erste vergehe, sagt Sabrina Fox. Das zweite sei ein Ammenmärchen.

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Dass sich Sabrina Fox keine Gedanken darüber macht, ob sie komisch angeschaut wird, merke ich ihr sofort an. Bei ihrer Attraktivität und dem offenen Lachen schaut man ihr sowieso zuerst ins Gesicht. Und dann auf ihre stilsichere Kleidung, deren Eleganz mit den gepflegten Füßen in Symbiose geht.

„Meine Füße wasche ich mir genauso häufig wie meine Hände.“

Hornhaut? Keine Spur. Die kennen  nur wir Schuhträger. Schweißfuß? Nie. Wie auch? Dafür fehlt das Kunstleder, in das die meisten Füße verpackt werden und aus dem es für den Schweiß kein Entrinnen gibt. Also, dachte ich, ran an das Thema und ausprobiert. Ich zog meine Schuhe aus und ging mit Sabrina Fox in Detmold spazieren. Einmal um den Schlossteich Richtung Buchhandlung, in der die abendliche Lesung vorbereitet  wurde. Es war Mitte Februar, 4°Celsius, die Luft feucht wie der Boden im Park nass. Das Erlebnis seltsamer Blicke blieb mir erspart, weil der Detmolder wie jeder vernünftige Mensch den Freitagabend bei solchen Temperaturen wohl lieber im Warmen verbringt. Und das war gut so. Denn mein Laufstil kam mir alles andere als beifallswürdig vor. Barfuß gehen bedeutet auch Laufen lernen. Knallt im Schuh zuerst die Ferse auf den Asphalt (und jagt damit bei jedem Schritt ein Dröhnen durch den Körper wie der Nachbar, der im Plattenbau Bilder an die Wand dübelt), setzt beim Barfußgehen der Ballen zuerst auf, sanft und leise. Das war der erste Gefallen, den ich meinem Körper damit tat. Doch bevor mir das Glücksgefühl zu Kopf stieg, musste ich noch die Frage mit der Blasenentzündung klären.

„Wie fühlen sich deine Füße an?“, war Sabrinas Gegenfrage.

„Warm. Ich bewege sie ja.“

„Na also. Wie also gedenkst du, eine Blasenentzündung zu bekommen?“

Seit sie barfuß läuft, hat Sabrina keine derartige Entzündung, Unterkühlung, geschweige denn kalte Füße gehabt. Meine wurden allmählich taub. Ich lief bereits seit einer knappen Stunde barfuß durch Detmold, und das hätte so weitergehen können. „Dann ist das jetzt der Schlusspunkt für deine erste Tour. Deine Füße werden taub, weil sie die Temperatur noch nicht gewöhnt sind und dir dein Körper so das Zeichen gibt, aufzuhören. Beim nächsten Mal mehr.“ Der schlammige Boden fühlte sich an wie Seidenkissen. Und auf dem Rückweg über den Zebrastreifen spürte ich schon keines der Steinchen mehr, die mich anfangs wie ein gichtgeplagtes Kaninchen hatten hoppeln lassen. Ich lief im aufrechten Gang wie schon lange nicht mehr, und selbst die Arthrose in meinen Knien stellte aus Ehrfurcht das Knirschen ein. Geschmeidig glitt ich zurück durch die Tür, nahm statt des Fahrstuhls die warmen, glatten Stufen in wenigen Schritten und ließ mich im Hotelzimmer auf einen Sessel fallen – saubere Füße in die Luft haltend. Ich konnte das eben Erlebte nicht glauben, obwohl es in seiner Einfachheit nicht zu überbieten war. Was hatte ich gemacht? Die Schuhe weggelassen. Und mir eine neue kleine Welt erobert. Wenn auch nur kurz, denn mir ist zwar keine Klamotte zu riskant, aber der Mut zum Barfußgehen fehlt mir noch. Jeder Barfüßler auf der Straße wird schräger angeschaut als eine Kleidersünde auf dem Bundespresseball.

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Sabrina Fox spricht von einem neuen Sinnesorgan, das sie mit dem Barfußgehen entdeckt hat. Seit Detmold klingt das für mich nach einem Versprechen…

(Artikel erschien vorab am 6. April 2016 auf Resonanzboden, dem Blog der Ullstein Buchverlage)