Udo Voigt lädt zum Sommerfest. (Der Versuch einer Absage)

Ach Udo

ich dachte, das hätten wir hinter uns, aber nun hat Deine Praktikantin schon wieder Mist gebaut und auch mir eine Einladung zu Deinem Sommerfest geschickt.

Es gibt Wildschwein am Spieß und auch Kinder sind willkommen, schreibst Du da. Und dass Du als Veranstalter vom Hausrecht gegen antideutsche, linksextreme oder sonstige menschenverachtende Besucher Gebrauch machen wirst.

Aber wer wird denn dann für Stimmung sorgen? Ich meine, nur ihr kleinen braunen Würstchen mit Starkbier in der Hand am Grill stehend – das ist doch in etwa so aufregend wie eine Rauchpause auf dem Dixi-Klo?

Und dann das Bühnenprogramm! Ein Brite, der als Parteivorsitzender einer Facebookgruppe gilt und ein Tscheche, der seine Arbeiterklasse vertritt, solange sie heterosexuell ist.

Komischerweise kommt erst danach der Kabarettist. Wie soll der Arme das denn toppen? Oder soll der angekündigte „Volkssänger“ auf dem Stimmungsbarometer das „Mädel mit der Fahne“ intonieren, um den Abend zu retten?

Lasst das doch beim nächsten Mal die Profis machen. Das gilt auch für Euren Einladungsverteiler:

SPD-Mitglieder kannste löschen.

Mir mein Hausverbot von Dir, lieber Udo, persönlich abzuholen, klingt in etwa so verlockend wie eine Darmspiegelung. Und die macht unsereins bekanntlich erst, wenn die Kacke am Dampfen ist.

„Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis, wenn nur man ihn zu pflegen weiß“, lockst Du in Deiner Einladung mit Goethe;

wie stark wohl stinkt der kleinste Scheiß, wenn man ihn nicht zu meiden weiß, lautet meine wohltemperierte Absage.

Ich freu mich auf unser Treffen am Sonntag im Wahllokal (denn obwohl Du vergessen hast, Deinen Berliner Kandidaten aufzustellen, wirst Du ja hoffentlich nicht vergessen, ihn nun auch zu wählen 😀 )

Dein

Spirit of Kasimir

 

 

 

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Sowas von keiner Alternative für Deutschland

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(Artikel erschienen in ABWÄRTS Nr. 16 / Bestellung @ BasisDruck Verlag)

Eine Steilvorlage überbietet die nächste. Zeiten wie diese waren mal wahre Jagdgründe für Schreiberlinge.

Was würden Brinkmann, Fuchs, Pannach und auch der BAADER Holst wohl aus den Denkdelikten der Gaulands, Festerlings und Petrys zimmern?

Oder gelängen auch ihnen nur Treppenwitze, weil wieder ein Twitterer schneller war als der erste Lyriker?

Was hätte ein Klaus Renft schon zum Thema gejammt?

Warum findet sich keine Gruppe 47 in diesem Wahnsinn zusammen, die statt demokratisch Texte zu verreißen das Gleiche mit den Auswürfen der so genannten Protestbewegung hierzulande macht?

Wo sind die Intellektuellen, wenn man sie mal braucht? Und die, die da sind und schreiben und vorlesen – warum erreichen sie keinen mit dem jetzt notwendigen Witz, der doch so manche Tür nach rechts oder links öffnet?

Warum steht keiner der namhaften Schreiber, den die Nichtleser zumindest aus einer Talkshow kennen könnten, mit den „Alternativen“ an ihrem Stammtisch, Schnapsbier spendierend? Traut sich keiner ran an jenen abgedeckten Brunnen voller geschluckter Kröten, an dem eine Meinung auf allgemeingültig poliert wird?

Dabei haben die Denkdelikte der „Alternativen“ doch richtig gutes Potenzial für den Beginn eines brauchbaren Miteinanders: Nach einer schlafgewandelten Eingebung Alexander Gaulands wurde Jerome Boateng nicht nur zum Lieblingsnachbarn der Deutschen, sondern nun sogar ihr Fußballer des Jahres. Beatrix von Storch lässt sich ausgerechnet auf dem schwulen Motzstraßenfest ablichten und darf sich massenwirksam dem sauber erteilten Platzverbot von „Rauschgolds Lieblingsbar“ fügen.

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Frauke Petry schimpft noch „Lügenpresse!“, während sie mampfend das Buffet des Bundespresseballs leerpflügt.

„Dann lasst sie doch regieren“, rät Klaus Wowereit aus dem politischen Off. Klaro – und lasst sie gefälligst weiter ungestört so brauchbare Pressearbeit machen. Während Berlin und Mecklenburg-Vorpommern angstschlotternd dem Wahlshowdown mit der AfD im September entgegensehen, regeln sich auf diese Art schon mal ein paar Probleme von selbst.

Die „Alternativen“ liefern so viele wunderbare Stilblüten, aus denen sich ganze Bouquets der Zuneigung zu ihnen binden ließen. So haben mir gleich zwei Parteien in den letzten Monaten die Hand zur Freundschaft gereicht. AfD und NPD waren so freundlich, meine Adresse in ihren jeweiligen Interessentenverteiler aufzunehmen. In deutschdisziplinierter Regelmäßigkeit erreichen mich Briefe und Emails beider Parteien mit der wiederholten Bestätigung (sic!) meiner (sic!) Beitrittsanfrage (sic!).

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Gerne wird am Samstagnachmittag auf meinem Handy angerufen und ein Hausbesuch vorgeschlagen. Meinem bekennend dunkelhäutigen Freund hätten die „Alternativen“ bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich gleich das Parteibuch überreicht. Mittlerweile ist ja sogar empirisch bewiesen, dass sich Flüchtlinge und AfD-Anhänger in ihren Ansichten gleichen.* Da kann man doch nicht sagen, die wollen nichts mit Leuten wie mir zu tun haben, im Gegenteil! Meine SPD-Mitgliedschaft scheinen sie auch zu tolerieren, also bitte!

Finden wir uns damit ab, in einem Land zu leben, in dem das Banale die Alternativen bestimmt. Und wenn die Gaulandverschickung nun die Alternative für Deutschland sein soll, dann fetzt das immer noch mehr, als ohne Alternative und damit alternativlos dazustehen. Es gibt immer die Wahl zwischen Pest und Cholera. Und am 18. September bekommt Berlin beides und zwar hochverdient. Und dann fliegt uns diese Stadt so dermaßen laut um die Ohren, dass hoffentlich auch der Letzte wach wird und aus seinen gebrochenen Knochen wieder so etwas wie ein Rückgrat bastelt.

Euer

Spirit of Kasimir

*Umfrage „Flüchtling 2016“ der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW), 15. August 2016

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16. September 2016 Premierenlesung Heft Nr. 16 im BAIZ Berlin.