Rainer Klis (1955 – 2017)

Das Wort „Metapher“ habe ich von ihm gelernt. Und mit den Lehrern ist es wie mit den Eltern. Sie tendieren dazu, vor ihren Schülern, ihren Kindern zu sterben. Rainer Klis war einer für mich, ein Lehrer im großen Sinne des Wortes. Der nichts tun musste, außer zu schreiben. En miniature – denn die kleine, die präzise Form war seine Kunst.

Zu Zeiten von Zensur und Druckgenehmigungsverfahren schrieb Klis in Hinter großen Männern

Gräbt der Archäologe, kann es sein, daß er eiserne Waffen freilegt, dann Bronzebeile und Keramikscherben. Die Faustkeile aber findet er uns als letztes.

Grübe er dennoch weiter und fände zuunterst noch Eierbecher, wir müßten ihm seinen Spaten nehmen.

Bummer-Anke, die Stimme der schweigenden Mehrheit, arbeitet für zwei, trinkt für vier, und James, das große Baby, das im Juni mit langen Hosen zur Schule kam und nie ein schlechtes Wort sagte, begleiten mich, seit ich Mitte der 80er Zuflucht suchte im Schreiben. Und in der monatlich rauchenden Runde am Klis´schen Küchentisch landete.

Klis Sachse

Meine Hoffnung von damals ist schnell umrissen: Wäre ich erst Schriftstellerin, dann käme ich mit meinen 20 Kilo Übergewicht gerade wegen meiner voluminösen Strickpullis, unreiner Haut und schwerstpubertärem Körpergeruch endlich runter von der Halde der ungewollten Mädchen.

phm 80er

Die vom Literaturinstitut sahen schließlich alle so aus. Das war mein Plan. Und es war Konjunktiv. Und es war DDR.

Was wir ihm auch an Geschichten anschleppten, Klis dampfte sie uns zu Miniaturen zusammen. Alles raus, was keine Miete in die Geschichte einzahlt. Beiwerk frisst Brot. Und das kostet. – So in etwa klangen seine konstruktiven Hinweise zu meinen Texten, die ich tatsächlich für Kurzgeschichten hielt. Daniil Charms („Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung“) lernte ich durch Klis kennen und auch nur allmählich verstehen. Wie der die Geschichte des rothaarigen Mannes einläutet, den man Rotfuchs nannte, der aber eigentlich gar keine Haare hatte, auch keine Augen, keine Ohren, keinen Mund zum Sprechen, keinen Rücken, keine Eingeweide, also eigentlich gar nichts und von dem er daher lieber doch nicht erzählen wollte, war auf neue Art bewusstseinserweiternd in dieser eng gefassten Welt.

In jener Klis´schen Welt saß auch die Stasi mit am Küchentisch, wie er später erfuhr. Dennoch war diese Welt in dem Maße groß, wie seine Texte kurz und komprimiert waren. Texte, die alles sagten und alles sahen und alles in einem Augen-Blick erfassten.

Kürzlich wurde ich in einer Runde gefragt, wie man in der DDR denn lernte „zwischen den Zeilen zu lesen“. Klis wäre an dieser Stelle wortlos gegangen. Alles konnte man mit ihm dann doch nicht machen. Oder er wäre geblieben, hätte einen seiner druckreifen Sätze als Molotov-Cocktail reingeworfen und wäre dann gegangen. Ohne sich noch einmal umzudrehen. Noch nicht mal im Zorn.

Die DDR löste sich im Westen auf, und wir verloren uns aus den Augen. Bis uns Leipzig und die Buchmesse wieder zusammenbrachte.

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(mit Autor Michael J. Stephan, 2012)

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(mit Autorin Caritas Führer aus der weit verzweigten Leipziger Pfarrersfamilie von Christian Führer, 2012)

Aber da war er schon zum Indianer geworden. In den Navajo fand er sich wieder wie früher bei seiner Großmutter Sally Knox, die in der Sonne vorm elterlichen Kolonialwarenladen Malzbier trank und abends Baldrian bekam von ihrem Freimaurer-Vater und ihrer Spiritisten-Mutter. Er reiste vom Yellowstone zum Wounded Knee zu Gräbern mit Aufschriften wie Wallace Walking Elk, Blue Horse oder Red Thunder.

Klis_Chemnitzer Verlag

Und er schrieb darüber, wie er an „hunderttausend Klapperschlangen, einsamen Gerippen, verirrten Kühen und rolligen Pumas“ vorbeifuhr, um am Ende des Weges auf Indianer in Race-against-the-Machine-T-Shirts zu treffen.

Ach Rainer.

Wäre ich im Frühling in Chemnitz mal nicht meiner damaligen Ausbilderin begegnet, die mir erzählte, dass Du gestorben bist. Jahrelang wäre ich noch auf der Messe um den Stand der Chemnitzer Freien Presse herumgeschlichen auf der Suche nach meinem Indianer. Wieder das Versprechen im Gepäck, Dich irgendwann zu besuchen in Deiner zigarrenverrauchten Whiskyhöhle in Hohenstein-Ernstthal.  Allein, um nochmal zu hören, wie Du „Badrizscha“ zu mir sagst.

Die zarte Ironie der Geschichte ist, dass es Dich beim Einkaufen erwischt hat, dass Du einfach umgefallen bist. Ich hoffe, die Flasche Whisky in Deiner Hand hat den Sturz überlebt und Du genießt sie nun da oben in Erinnerung an Deine Figuren „mit veilchenblauem Gemüt“, die „hineingetauschten Mieter“ des Hauses, in dem Du wohntest und an Herrn Osser, der schon mit „zwanzig, klein und von pyknischer Fülle Freud kaufte, Camus, Marx und Luther“. 

Alle Dir so ähnlich. Und doch keiner wie Du.

Mach´s gut, mein Freund. Ich traure in epischer Breite.

 

 

 

 

 

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Ich bin nicht auf der Welt, um glücklich zu sein….

….heißt die Autobiographie von Frank Schäfer, dem Enfant terrible der DDR-Friseurinnung, dem Ostberliner Punk und Paradiesvogel.

Die etwas andere Autobiographie. Keine Opfer- keine Täterszenarien. Eine Momentaufnahme aus der Perspektive eines Mannes, der als Junge schon gern mit Männern schlief und eigentlich nur Friseur werden wollte, weil er die tratschenden Frauen in ihren Kitteln und Goldsandaletten in den Friseursalons so gut fand.

„Es gibt nichts Schlimmeres, als eine Frau, die vom Frisör kommt und auch so aussieht.“ Frank schneidet heute noch wie ein Herrenmaßschneider, denn das ist der Beruf, den er auf Wunsch seines Vaters, des Schauspielers Gerd E. Schäfer, gelernt hat.

Frank Schäfer, Sohn des bekannten DDR-Schauspielers Gerd E. Schäfer, hatte schon immer etwas gegen Geradlinigkeit. Statt eines bürgerlichen Lebens in der DDR zog er den Exzess in der Ostberliner Partyszene vor, entdeckte seine Liebe zu Männern und wurde aufgrund seiner flippigen Ideen zum gefragten Friseur und Stylisten. In seiner Biografie zeichnet er ein lebhaftes Bild von der Ostberliner Untergrundszene in den Achtzigern sowie dem Umgang mit Homosexualität im Osten. Er berichtet von den täglichen Schikanen der DDR-Obrigkeit, der daraus resultierenden Flucht nach Westberlin und wie er zur Zeit der Wende mit seinen gewagten Ideen auch dort Fuß fasste. Offen und ehrlich schildert Schäfer, wie er allein durch Authentizität, ohne sich von gesellschaftlichem oder politischem Druck leiten zu lassen, zur Stilikone wurde und wie er in seinem Leben das Glück nie gesucht, letztendlich aber immer eine Menge Glück erfahren hat.

SACHBUCH & BIOGRAFIEN
  • Buchpremiere in Berlin am 7. März 2018 im Pfefferberg Theater
    (www.literatur-live-berlin.de)
  • Über Homosexualität, Anderssein
    und Selbstfindung in der DDR
  • Offen und ehrlich erzählt, mit
    viel Witz und Berliner Schnauze

 

Vom „Bösen“ im Menschen und der Gretchenfrage nach der Schuld

Eine beliebte Frage in Interviews mit Krimiautoren ist folgende: „Wie können Sie das Böse im Menschen zu Ihrem Thema machen und dabei nicht selbst das Vertrauen in den Menschen verlieren?“

Meine Suche nach dem Bösen im Menschen begann vor Ort in St. Petersburg in Fjodor Dostojewskis Wohnhaus, Kusnetschiniy Pereulok 5. Ein unscheinbares Eckhaus nahe dem Fontanka Kanälchen, auf dem die Bierfreuden der Nacht ins Eis gefroren waren.

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Dostojewskis Bücher standen bis dahin als Drohung in meinem Regal. Sein Bild zeigte einen bärtigen Mann, der die eigene Totenmaske schon zu Lebzeiten zu tragen schien.

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Dazu „Der Idiot“, „Das Totenhaus“, „Schuld und Sühne“ – Buchtitel wie Trauergesänge. Viele davon entstanden in jenem Haus in der Kusnetschiniy, in das er von seinen Spaziergängen am Kanal und von seinen Treffen abends heimkehrte, immer als erstes die Frage rufend: „Gde deti?“ – Wo sind die Kinder?; in dem er vorrangig nachts arbeitete und dabei Selbstgedrehte aus zwei Tabaksorten rauchte… „Hör auf damit“, bat ihn seine Tochter Ljubow, „es wird dich umbringen“. Und so ist es auch ein fast verzweifelter letzter Gruß an ihren Vater, den sie in Tinte auf seiner Tabakdose aus Holzspan hinterließ: „Heute, am 28. Januar 1881 ist Papa gestorben.“

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Hier lebte der Autor zusammen mit seinem bitterarmen, aber hochgradig begabten Protagonisten, dem Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow.

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3a Georgi Taratorkin als Raskolnikow

Jenem Raskolnikow gestattete der Autor „das erlaubte Verbrechen“; einen Mord, begangen zwar mit Tötungsabsicht, aber moralischer Rechtfertigung. Den Mord an der wucherischen Pfandleiherin, dem als Beifang auch ihre zufällig am Tatort erscheinende Schwester zum Opfer fiel, rechtfertigte Raskolnikow aka Dostojewski mit den schändlichen Taten der Alten. Über das Leben einer solchen „Laus“ und den Wert einer solchen Person dürfe er als wirklich großer Mensch entscheiden.

Auf den ersten Blick kein tragbarer Standpunkt und heute allenfalls rechtslastig. Auf den zweiten Blick – beim Weiterlesen nämlich – ist man mittendrin im Flechten eines Bauernzopfes: Da werden von links und rechts immer wieder neue Strähnen hinzugenommen, bis alles zu einem dichten Zopf verflochten ist:

Mit „Schuld und Sühne“ hat Dostojewski den ersten Roman eines Täterprofilings geschrieben. 

Das Böse, es hat sich Dostojewski mehrfach im Leben gezeigt, hat ihn umgarnt, versucht, auf die andere Seite zu ziehen nach seiner Scheinhinrichtung, während seiner Spielsucht, beim Verlust seiner geliebten Kinder an Epilepsie und Hunger. Es hat ihn nicht gekriegt. Dieser Mann lebte, liebte und lachte leidenschaftlich bis zum Schluss. Die dunklen Momente seines Lebens wuchsen nicht in Depression, Missgunst und Hass, sondern zwischen Buchdeckeln weiter und schließlich im Kopf des Lesers, der seine Lehren daraus ziehen oder es bleiben lassen kann.

Welch wunderschöne Utopie: Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich in dem, was er als sein Talent erkennt, zu verwirklichen, abzureagieren und daran zu wachsen. Wo bliebe dann das Böse? Dort, wo es hingehört – in den Gedanken, die gedacht gehören, aber nicht in spontanen Übersprungshandlungen, berechnetem Betrug oder gar Mord gipfeln.

10 11 12 „Die Wölfe sind zurück“ von Rainer Opolka*

„Was sich liebt, imitiert sich“, sagt die Wissenschaft über sich immer ähnlicher werdende Paare. Genauso funktioniert der Hass, genauso verbreitet sich das Böse – momentan sogar bis in die feinsten Verästelungen unserer Gesellschaft. Es wächst hinein in Bereiche, in denen wir uns bisher sicher fühlten – einer Kirche in Rouen, einem Macdonalds in München, einer Strandpromenade in Nizza oder einem Straßencafé in Paris.

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Café La Belle Equipe, Rue de Charonne, 11. Arr. – nach den Anschlägen vom 13. November 2015 – 19 Tote

Auch in unseren Freundeskreisen fühlten wir uns geborgen, bis dann auf einem Klassentreffen oder einer Geburtstagsfete ein vertrauter Mensch zum Besten gibt, er habe nichts gegen Ausländer, aber die Belange des deutschen Volkes gingen schon erstmal vor.

Auch bei Facebook fühlten wir uns sicher, bis die ersten Trolle sich in den Kommentarzeilen einnisteten oder eifersüchtige Partner im Profil wühlten wie früher in den Sakkotaschen auf der Suche nach verdächtigen Telefonnummern.

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Wir erwarten „Benehmen“ von zu uns Geflüchteten und leben Rohheit in Form vom brennenden Heimen und rassistischen Sprüchen vor.

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So betrachtet stellt sich nicht mehr die Frage, ob es das Böse in jedem Menschen gibt, sondern eher, ob da jemals etwas Gutes war.

„Schuld und Sühne“ – sehr schnell sind wir bei den beiden Dostojewskischen Begriffen. Schuldzuweisung als neuer Volkssport.

Wer ist schuld an dem Bösen, das sich in der politischen Landschaft kaum mehr rechts oder links zuordnen lässt, weil mittlerweile beide hierzulande mit den gleichen Feindbildern arbeiten? Schuld sind DDR-Vergangenheit, Islam und seine Radikalisierung. Klar! Schuld woran? An dem Bösen, das jeder von uns in sich trägt und das wir wie auf Kommando in verschiedenen Varianten zum Besten geben? Online, offline, analog – es wird gerotzt, geneidet, geprügelt und angeprangert, was das Zeug hält. Aber wir sind nicht schuld? Der Kindermörder hatte selbst eine schwere Kindheit und ist nicht schuld?

„Mörder muss man Mörder nennen“, sagte Salman Rushdie auf einer Lesung letzten Herbst kurz nach den Paris-Attentaten hier in Berlin.

Und Täter sind Täter. Egal aus welchem Stall wir alle kommen, wie wir sozialisiert wurden: Unsere Taten begehen wir selbst.

Der zweite Teil der Bitte im Vaterunser lautet: „…, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Wir dürfen also bei Gott Schutz suchen vor der Macht des Bösen in uns und in der Welt.

Wir dürfen aber auch – bitteschön – uns selbst endlich wieder etwas an die Kandare nehmen und zur Besinnung kommen, um aus der dunklen Materie gesellschaftlicher Verrohung sichtbare Menschlichkeit zu machen, die uns allen genauso wie das Böse innewohnt…

…meint euer – das Böse in sich zwischen Buchdeckel pressende –

                                                                                                    Spirit of Kasimir

*„Die Wölfe sind zurück“ – Skulpturen von Rainer Opolka

„Mitläufer“, „Anführer“, „NSU-Mann“ – 66 Wolfsskulpturen.

Ausgestellt am Berliner Hauptbahnhof, Washingtonplatz, August 2016.

Menschen, die zu Gewalt aufrufen und Hasskampagnen inszenieren.

71 Jahre nach Hitler redet Pegida-Frontfrau Festerling über „linksgrün versiffte Volksvernichter“, und die Republik im Schatten der Dresdner Frauenkirche jubelt dazu,  spricht Pegida-Chef Bachmann über Flüchtlinge als „Gelumpe, Viehzeug und Dreckspack“ und nennt der Gütersloher AfD-Sprecher die Altparteien „Maden, die sich vom Kadaver BRD vollgefressen haben“ …

(Dank an Sophia Kembowski, dpa, für die Zusammenfassung).

Lektüre zum Thema:

    • Hannah Ahrendt / Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper, 2011
    • Ferdinand von Schirach / Verbrechen. Piper, 2010
    • Ferdinand von Schirach / Schuld. Piper, 2012
    • James Ellroy / Die Rothaarige. Ullstein, 1997
    • James Ellroy / Die schwarze Dahlie. Ullstein, 1994
    • Hans J. Markowitsch und Werner Siefer / Tatort Gehirn. Campus, 2007
    • Claudia Brockmann / Warum Menschen töten. Ullstein extra, 2014
    • Kirsten Heisig / Das Ende der Geduld. Herder, 2010
    • Stephan Harbort / Killerinstinkt. Ullstein, 2012
    • Paul Britton / Das Profil der Mörder. Econ, 2000

Fotocredits:

Fotos und eine Grafik © Patricia Holland Moritz (aufgenommen u.a. im Dostojewski-Museum St. Petersburg, RU)

Foto Internettrolle © http://www.darkpsychology.com