Vom „Bösen“ im Menschen und der Gretchenfrage nach der Schuld

Eine beliebte Frage in Interviews mit Krimiautoren ist folgende: „Wie können Sie das Böse im Menschen zu Ihrem Thema machen und dabei nicht selbst das Vertrauen in den Menschen verlieren?“

Meine Suche nach dem Bösen im Menschen begann vor Ort in St. Petersburg in Fjodor Dostojewskis Wohnhaus, Kusnetschiniy Pereulok 5. Ein unscheinbares Eckhaus nahe dem Fontanka Kanälchen, auf dem die Bierfreuden der Nacht ins Eis gefroren waren.

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Dostojewskis Bücher standen bis dahin als Drohung in meinem Regal. Sein Bild zeigte einen bärtigen Mann, der die eigene Totenmaske schon zu Lebzeiten zu tragen schien.

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Dazu „Der Idiot“, „Das Totenhaus“, „Schuld und Sühne“ – Buchtitel wie Trauergesänge. Viele davon entstanden in jenem Haus in der Kusnetschiniy, in das er von seinen Spaziergängen am Kanal und von seinen Treffen abends heimkehrte, immer als erstes die Frage rufend: „Gde deti?“ – Wo sind die Kinder?; in dem er vorrangig nachts arbeitete und dabei Selbstgedrehte aus zwei Tabaksorten rauchte… „Hör auf damit“, bat ihn seine Tochter Ljubow, „es wird dich umbringen“. Und so ist es auch ein fast verzweifelter letzter Gruß an ihren Vater, den sie in Tinte auf seiner Tabakdose aus Holzspan hinterließ: „Heute, am 28. Januar 1881 ist Papa gestorben.“

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Hier lebte der Autor zusammen mit seinem bitterarmen, aber hochgradig begabten Protagonisten, dem Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow.

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3a Georgi Taratorkin als Raskolnikow

Jenem Raskolnikow gestattete der Autor „das erlaubte Verbrechen“; einen Mord, begangen zwar mit Tötungsabsicht, aber moralischer Rechtfertigung. Den Mord an der wucherischen Pfandleiherin, dem als Beifang auch ihre zufällig am Tatort erscheinende Schwester zum Opfer fiel, rechtfertigte Raskolnikow aka Dostojewski mit den schändlichen Taten der Alten. Über das Leben einer solchen „Laus“ und den Wert einer solchen Person dürfe er als wirklich großer Mensch entscheiden.

Auf den ersten Blick kein tragbarer Standpunkt und heute allenfalls rechtslastig. Auf den zweiten Blick – beim Weiterlesen nämlich – ist man mittendrin im Flechten eines Bauernzopfes: Da werden von links und rechts immer wieder neue Strähnen hinzugenommen, bis alles zu einem dichten Zopf verflochten ist:

Mit „Schuld und Sühne“ hat Dostojewski den ersten Roman eines Täterprofilings geschrieben. 

Das Böse, es hat sich Dostojewski mehrfach im Leben gezeigt, hat ihn umgarnt, versucht, auf die andere Seite zu ziehen nach seiner Scheinhinrichtung, während seiner Spielsucht, beim Verlust seiner geliebten Kinder an Epilepsie und Hunger. Es hat ihn nicht gekriegt. Dieser Mann lebte, liebte und lachte leidenschaftlich bis zum Schluss. Die dunklen Momente seines Lebens wuchsen nicht in Depression, Missgunst und Hass, sondern zwischen Buchdeckeln weiter und schließlich im Kopf des Lesers, der seine Lehren daraus ziehen oder es bleiben lassen kann.

Welch wunderschöne Utopie: Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich in dem, was er als sein Talent erkennt, zu verwirklichen, abzureagieren und daran zu wachsen. Wo bliebe dann das Böse? Dort, wo es hingehört – in den Gedanken, die gedacht gehören, aber nicht in spontanen Übersprungshandlungen, berechnetem Betrug oder gar Mord gipfeln.

10 11 12 „Die Wölfe sind zurück“ von Rainer Opolka*

„Was sich liebt, imitiert sich“, sagt die Wissenschaft über sich immer ähnlicher werdende Paare. Genauso funktioniert der Hass, genauso verbreitet sich das Böse – momentan sogar bis in die feinsten Verästelungen unserer Gesellschaft. Es wächst hinein in Bereiche, in denen wir uns bisher sicher fühlten – einer Kirche in Rouen, einem Macdonalds in München, einer Strandpromenade in Nizza oder einem Straßencafé in Paris.

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Café La Belle Equipe, Rue de Charonne, 11. Arr. – nach den Anschlägen vom 13. November 2015 – 19 Tote

Auch in unseren Freundeskreisen fühlten wir uns geborgen, bis dann auf einem Klassentreffen oder einer Geburtstagsfete ein vertrauter Mensch zum Besten gibt, er habe nichts gegen Ausländer, aber die Belange des deutschen Volkes gingen schon erstmal vor.

Auch bei Facebook fühlten wir uns sicher, bis die ersten Trolle sich in den Kommentarzeilen einnisteten oder eifersüchtige Partner im Profil wühlten wie früher in den Sakkotaschen auf der Suche nach verdächtigen Telefonnummern.

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Wir erwarten „Benehmen“ von zu uns Geflüchteten und leben Rohheit in Form vom brennenden Heimen und rassistischen Sprüchen vor.

Add title.

So betrachtet stellt sich nicht mehr die Frage, ob es das Böse in jedem Menschen gibt, sondern eher, ob da jemals etwas Gutes war.

„Schuld und Sühne“ – sehr schnell sind wir bei den beiden Dostojewskischen Begriffen. Schuldzuweisung als neuer Volkssport.

Wer ist schuld an dem Bösen, das sich in der politischen Landschaft kaum mehr rechts oder links zuordnen lässt, weil mittlerweile beide hierzulande mit den gleichen Feindbildern arbeiten? Schuld sind DDR-Vergangenheit, Islam und seine Radikalisierung. Klar! Schuld woran? An dem Bösen, das jeder von uns in sich trägt und das wir wie auf Kommando in verschiedenen Varianten zum Besten geben? Online, offline, analog – es wird gerotzt, geneidet, geprügelt und angeprangert, was das Zeug hält. Aber wir sind nicht schuld? Der Kindermörder hatte selbst eine schwere Kindheit und ist nicht schuld?

„Mörder muss man Mörder nennen“, sagte Salman Rushdie auf einer Lesung letzten Herbst kurz nach den Paris-Attentaten hier in Berlin.

Und Täter sind Täter. Egal aus welchem Stall wir alle kommen, wie wir sozialisiert wurden: Unsere Taten begehen wir selbst.

Der zweite Teil der Bitte im Vaterunser lautet: „…, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Wir dürfen also bei Gott Schutz suchen vor der Macht des Bösen in uns und in der Welt.

Wir dürfen aber auch – bitteschön – uns selbst endlich wieder etwas an die Kandare nehmen und zur Besinnung kommen, um aus der dunklen Materie gesellschaftlicher Verrohung sichtbare Menschlichkeit zu machen, die uns allen genauso wie das Böse innewohnt…

…meint euer – das Böse in sich zwischen Buchdeckel pressende –

                                                                                                    Spirit of Kasimir

*„Die Wölfe sind zurück“ – Skulpturen von Rainer Opolka

„Mitläufer“, „Anführer“, „NSU-Mann“ – 66 Wolfsskulpturen.

Ausgestellt am Berliner Hauptbahnhof, Washingtonplatz, August 2016.

Menschen, die zu Gewalt aufrufen und Hasskampagnen inszenieren.

71 Jahre nach Hitler redet Pegida-Frontfrau Festerling über „linksgrün versiffte Volksvernichter“, und die Republik im Schatten der Dresdner Frauenkirche jubelt dazu,  spricht Pegida-Chef Bachmann über Flüchtlinge als „Gelumpe, Viehzeug und Dreckspack“ und nennt der Gütersloher AfD-Sprecher die Altparteien „Maden, die sich vom Kadaver BRD vollgefressen haben“ …

(Dank an Sophia Kembowski, dpa, für die Zusammenfassung).

Lektüre zum Thema:

    • Hannah Ahrendt / Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper, 2011
    • Ferdinand von Schirach / Verbrechen. Piper, 2010
    • Ferdinand von Schirach / Schuld. Piper, 2012
    • James Ellroy / Die Rothaarige. Ullstein, 1997
    • James Ellroy / Die schwarze Dahlie. Ullstein, 1994
    • Hans J. Markowitsch und Werner Siefer / Tatort Gehirn. Campus, 2007
    • Claudia Brockmann / Warum Menschen töten. Ullstein extra, 2014
    • Kirsten Heisig / Das Ende der Geduld. Herder, 2010
    • Stephan Harbort / Killerinstinkt. Ullstein, 2012
    • Paul Britton / Das Profil der Mörder. Econ, 2000

Fotocredits:

Fotos und eine Grafik © Patricia Holland Moritz (aufgenommen u.a. im Dostojewski-Museum St. Petersburg, RU)

Foto Internettrolle © http://www.darkpsychology.com

 

 

 

 

 

 

Neulich in der Ringbahn: Die Zahnlückenjohnnys – Part Three

Die Truppe heute auf dem Weg ins Naturkundemuseum.  Brotdosen und Leuchtwesten und rote Backen.

“Ick weeß ja sogar, watt die Dinosauria für´ne Hautfarbe hatt´n!”, behauptet der mit der größten Ähnlichkeit mit Robert „Robbie“ Mark Sinclair von den “Dinos”.

„Woher willst´n dett wiss´n?“

„Na, dett weeß doch jeda! Die warn braun oda so jrünlich.“

„Ja, aba woher willstn dette wissn? Dett in Fernsehn iss ja allet nur Compjuta-Animation. Ham die schonma een mit Haut ausjegrahm? Die findn doch imma nur Knochn! Die Haut hält sich ja jarnich so lange! Unn dett olle Skelett, watt da inn Museum steht, dett hat dunkelbraune Knochen und helle Knochen. Und weeßte warum?”

Jetzt wiederum ist Robert „Robbie“ Mark Sinclair mit dem Staunen dran.

Sein kurzes Gegenüber mit den Schneidezähnen eines Urzeit-Hamsters rückt sich schonmal wichtigtuerisch die Leuchtweste zurecht: “Na, Mensch, die dunkelbraunen sind die echten. Und die hellen Knochn sinn jefälscht!“

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photo: Robert Doisneau. Paris

Das CHAMÄLEON … on tour

+++ 1€ pro Ticket der CHAMÄLEON-Tour unterstützt den Berliner SV Pfefferwerk e.V. / Pfeffersport +++

Logo_Pfeffersport_klein

Absolviertes 2014:

  • Freitag, 14. Februar 2014 PREMIERE –  BOOKLAUNCH CHAMÄLEON

Berliner Bücherhimmel Motzstraße 57 in 10777 Berlin (U Viktoria Luise Platz) Einlass: 19.30 Uhr Beginn: 20.00 Uhr im Anschluss: Fröhliches Trinken und Signieren. Eintritt: 6€  www.berliner-buecherhimmel.de

 

  • Mittwoch, 19. Februar 2014 Gartenlesung ALRAUNENMORD

Wenzels Gartenwelt Lorenzstr. 63 – 12209 Berlin – 030 / 77329892 Beginn: 20 Uhr Eintritt: 8€

http://www.wenzels-gartenwelt.de

Mit den Mörderischen Schwestern Martina Arnold und Petra Tessendorf

  • Freitag, 14. März 2014 Leipziger Buchmesse ALRAUNENMORD

Halle 4, Lesecafé, 12.30 bis 13.00 Uhr // mit Andreas M. Sturm und Romy Fölck

www.fhl-verlag.de

  • Samstag, 15. März 2014 LVZ Kriminacht: Aktuelle Bestseller der Kriminalliteratur CHAMÄLEON

LVZ-Kuppel Peterssteinweg 19, 04107 Leipzig, Einlass: Beginn: 19.00 Uhr VERANSTALTUNG AUSVERKAUFT

mit Arne DahlHåkan NesserUlrich WickertRoland Spranger und Jan Flieger.

Moderation: Hartwig Hochstein

  • Sonntag, 16. März 2014 Leipziger Buchmesse CHAMÄLEON

Halle 4, Stand B501, 10.30 – 11.35 Uhr www.leipzig-liest.de

  • Samstag, 10. Mai 2014 BERLIN KRIMI-KLATSCH CHAMÄLEON

Mit meinem Alter Ego Rebekka Schomberg zu Gast im „Bücherhimmel“. Auf dass dies kein Zwiegespräch wird, schaut vorbei auf Kaffee und Klatsch und Kuchen und Lesen.

Berliner Bücherhimmel Motzstraße 57 in 10777 Berlin (U Viktoria Luise Platz) Beginn: 15.00 Uhr mit Kaffeetrinken, Lesen und Klönen  www.berliner-buecherhimmel.de

  • Freitag, 16. Mai 2014 9. WÜNSDORF Ostdeutsche Krimitage CHAMÄLEON

Bücherstall der Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf Gutenbergstr. 5 in 15806 Zossen, OT Wünsdorf Beginn: 20 Uhr Eintritt: 8€ Kartenbestellung Herr Borchert, Tel. 033702 960-0

Mit den Mörderischen Schwestern Isabella Bach, Ria Klug und Heidi Ramlow

  • Samstag, 31. Mai 2014 CHEMNITZ KRIMILESUNG CHAMÄLEON

Schliwas Weinhandlung Theaterstr. 38, 09111 Chemnitz www.schliwasweinhandlung.de

mit Gunnar „Ice“ König an der Gitarre

  • Dienstag, 3. Juni 2014 DRESDEN LITERATURLOUNGE KRIMILESUNG CHAMÄLEON

Datum: 03.06.2014 | 19:00 Uhr
Heinrich-Schütz-Residenz
Neumarkt 12 | 01067 Dresden

  • Samstag, 7. Juni 2014 LEIPZIG WAVE GOTHIC FESTIVAL KRIMILESUNG CHAMÄLEON und ALRAUNENMORD

19.30 Uhr / Eintritt frei für Festivalteilnehmer / Für alle anderen: 2€ Spende für Pfefferwerk e.V.

Shakunda im Stern

Karl-Liebknecht-Straße 102

04275 Leipzig

0341 3082148

http://www.shakunda.de

Wave-Gotik-Treffen Leipzig www.wave-gotik-treffen.de

  • Donnerstag, 12. Juni 2014 BERLIN KRIMILESUNG CHAMÄLEON  am Original-Schauplatz! 

 Hackendahl, Friedrichstraße 128 in 10117 Berlin. U Oranienburger Tor, S Friedrichstraße

http://www.hackendahl-berlin.de/

mit Gunnar „Ice“ König an der Gitarre

  • Freitag, 26. September 2014 – Schweiz – KRIMILESUNG CHAMÄLEON

19 Uhr

Im Cafe Löwen, Hauptstrasse 58, 8840 Einsiedeln

Eintritt Fr. 15.—mit Benziger Card Fr. 10.—incl. einem Kaffee… 😉

  • Sonntag, 28. September 2014 BERLIN Ladies Crime Night

zusammen mit den Mörderischen Schwestern Berlin

Moderation & Lesung  aus „Das Fest“ aus „Sakrament des Todes – 13 Morde auf heiligem Boden“, fhl Verlag

19 Uhr

Kirche St. Marien Behnitz

Behnitz 9

13597 Berlin

http://www.moerderische-schwestern-berlin.de/veranstaltungen/ladies-crime-night-4

  • Samstag, 18. Oktober 2014 BIELEFELD Literaturtage MIT GUNNAR „Ice“-König

KRIMILESUNG CHAMÄLEON

20 Uhr

Literaturcafé

Neumarkt 1

33602 Bielefeld

http://literaturcafe-bielefeld.de/

  • Sonntag, 19. Oktober 2014 MÜLHEIM / Ruhr Literaturfrühstück MIT GUNNAR „Ice“-König

KRIMILESUNG CHAMÄLEON

11 Uhr (Brunchtime)

Kulturzentrum Fünte

Historisches Gasthaus Mülheim/Ruhr (Heißen)

Gracht 209 (alte B 1)

http://www.fuente-kulturzentrum.de/

  • Dienstag, 18.November 2014 BERLIN „Moabit liest“ MIT GUNNAR KÖNIG – KRIMILESUNG CHAMÄLEON

19 Uhr

Krimisalon Bruno-Lösche-Bibliothek

Perleberger Str. 33

10559 Berlin

http://lange-nacht-des-buches.de/

  • Donnerstag, 27. November 2014 BERLIN – Shortstory „Das Fest“

aus der fhl-Anthologie „Sakrament des Todes – 13 Morde auf heiligem Boden“ (Hg. Andreas Sturm) http://www.fhl-verlag.de/sakrament-des-todes/

19 Uhr

Lesung mit Martina Arnold und Astrid Vehstedt

Krimisalon Bruno-Lösche-Bibliothek

Perleberger Str. 33

10559 Berlin

  • Freitag, 13. März 2015 LEIPZIGER BUCHMESSE KRIMILESUNG Shortstory „Das Fest“aus der fhl-Anthologie „Sakrament des Todes – 13 Morde auf heiligem Boden“ (Hg. Andreas Sturm) http://www.fhl-verlag.de/sakrament-des-todes/20.00 Uhr

Shakunda im Stern

Karl-Liebknecht-Straße 102

04275 Leipzig

0341 3082148

http://www.shakunda.de