Sowas von keiner Alternative für Deutschland

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(Artikel erschienen in ABWÄRTS Nr. 16 / Bestellung @ BasisDruck Verlag)

Eine Steilvorlage überbietet die nächste. Zeiten wie diese waren mal wahre Jagdgründe für Schreiberlinge.

Was würden Brinkmann, Fuchs, Pannach und auch der BAADER Holst wohl aus den Denkdelikten der Gaulands, Festerlings und Petrys zimmern?

Oder gelängen auch ihnen nur Treppenwitze, weil wieder ein Twitterer schneller war als der erste Lyriker?

Was hätte ein Klaus Renft schon zum Thema gejammt?

Warum findet sich keine Gruppe 47 in diesem Wahnsinn zusammen, die statt demokratisch Texte zu verreißen das Gleiche mit den Auswürfen der so genannten Protestbewegung hierzulande macht?

Wo sind die Intellektuellen, wenn man sie mal braucht? Und die, die da sind und schreiben und vorlesen – warum erreichen sie keinen mit dem jetzt notwendigen Witz, der doch so manche Tür nach rechts oder links öffnet?

Warum steht keiner der namhaften Schreiber, den die Nichtleser zumindest aus einer Talkshow kennen könnten, mit den „Alternativen“ an ihrem Stammtisch, Schnapsbier spendierend? Traut sich keiner ran an jenen abgedeckten Brunnen voller geschluckter Kröten, an dem eine Meinung auf allgemeingültig poliert wird?

Dabei haben die Denkdelikte der „Alternativen“ doch richtig gutes Potenzial für den Beginn eines brauchbaren Miteinanders: Nach einer schlafgewandelten Eingebung Alexander Gaulands wurde Jerome Boateng nicht nur zum Lieblingsnachbarn der Deutschen, sondern nun sogar ihr Fußballer des Jahres. Beatrix von Storch lässt sich ausgerechnet auf dem schwulen Motzstraßenfest ablichten und darf sich massenwirksam dem sauber erteilten Platzverbot von „Rauschgolds Lieblingsbar“ fügen.

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Frauke Petry schimpft noch „Lügenpresse!“, während sie mampfend das Buffet des Bundespresseballs leerpflügt.

„Dann lasst sie doch regieren“, rät Klaus Wowereit aus dem politischen Off. Klaro – und lasst sie gefälligst weiter ungestört so brauchbare Pressearbeit machen. Während Berlin und Mecklenburg-Vorpommern angstschlotternd dem Wahlshowdown mit der AfD im September entgegensehen, regeln sich auf diese Art schon mal ein paar Probleme von selbst.

Die „Alternativen“ liefern so viele wunderbare Stilblüten, aus denen sich ganze Bouquets der Zuneigung zu ihnen binden ließen. So haben mir gleich zwei Parteien in den letzten Monaten die Hand zur Freundschaft gereicht. AfD und NPD waren so freundlich, meine Adresse in ihren jeweiligen Interessentenverteiler aufzunehmen. In deutschdisziplinierter Regelmäßigkeit erreichen mich Briefe und Emails beider Parteien mit der wiederholten Bestätigung (sic!) meiner (sic!) Beitrittsanfrage (sic!).

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Gerne wird am Samstagnachmittag auf meinem Handy angerufen und ein Hausbesuch vorgeschlagen. Meinem bekennend dunkelhäutigen Freund hätten die „Alternativen“ bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich gleich das Parteibuch überreicht. Mittlerweile ist ja sogar empirisch bewiesen, dass sich Flüchtlinge und AfD-Anhänger in ihren Ansichten gleichen.* Da kann man doch nicht sagen, die wollen nichts mit Leuten wie mir zu tun haben, im Gegenteil! Meine SPD-Mitgliedschaft scheinen sie auch zu tolerieren, also bitte!

Finden wir uns damit ab, in einem Land zu leben, in dem das Banale die Alternativen bestimmt. Und wenn die Gaulandverschickung nun die Alternative für Deutschland sein soll, dann fetzt das immer noch mehr, als ohne Alternative und damit alternativlos dazustehen. Es gibt immer die Wahl zwischen Pest und Cholera. Und am 18. September bekommt Berlin beides und zwar hochverdient. Und dann fliegt uns diese Stadt so dermaßen laut um die Ohren, dass hoffentlich auch der Letzte wach wird und aus seinen gebrochenen Knochen wieder so etwas wie ein Rückgrat bastelt.

Euer

Spirit of Kasimir

*Umfrage „Flüchtling 2016“ der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW), 15. August 2016

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16. September 2016 Premierenlesung Heft Nr. 16 im BAIZ Berlin.

Vom „Bösen“ im Menschen und der Gretchenfrage nach der Schuld

Eine beliebte Frage in Interviews mit Krimiautoren ist folgende: „Wie können Sie das Böse im Menschen zu Ihrem Thema machen und dabei nicht selbst das Vertrauen in den Menschen verlieren?“

Meine Suche nach dem Bösen im Menschen begann vor Ort in St. Petersburg in Fjodor Dostojewskis Wohnhaus, Kusnetschiniy Pereulok 5. Ein unscheinbares Eckhaus nahe dem Fontanka Kanälchen, auf dem die Bierfreuden der Nacht ins Eis gefroren waren.

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Dostojewskis Bücher standen bis dahin als Drohung in meinem Regal. Sein Bild zeigte einen bärtigen Mann, der die eigene Totenmaske schon zu Lebzeiten zu tragen schien.

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Dazu „Der Idiot“, „Das Totenhaus“, „Schuld und Sühne“ – Buchtitel wie Trauergesänge. Viele davon entstanden in jenem Haus in der Kusnetschiniy, in das er von seinen Spaziergängen am Kanal und von seinen Treffen abends heimkehrte, immer als erstes die Frage rufend: „Gde deti?“ – Wo sind die Kinder?; in dem er vorrangig nachts arbeitete und dabei Selbstgedrehte aus zwei Tabaksorten rauchte… „Hör auf damit“, bat ihn seine Tochter Ljubow, „es wird dich umbringen“. Und so ist es auch ein fast verzweifelter letzter Gruß an ihren Vater, den sie in Tinte auf seiner Tabakdose aus Holzspan hinterließ: „Heute, am 28. Januar 1881 ist Papa gestorben.“

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Hier lebte der Autor zusammen mit seinem bitterarmen, aber hochgradig begabten Protagonisten, dem Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow.

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3a Georgi Taratorkin als Raskolnikow

Jenem Raskolnikow gestattete der Autor „das erlaubte Verbrechen“; einen Mord, begangen zwar mit Tötungsabsicht, aber moralischer Rechtfertigung. Den Mord an der wucherischen Pfandleiherin, dem als Beifang auch ihre zufällig am Tatort erscheinende Schwester zum Opfer fiel, rechtfertigte Raskolnikow aka Dostojewski mit den schändlichen Taten der Alten. Über das Leben einer solchen „Laus“ und den Wert einer solchen Person dürfe er als wirklich großer Mensch entscheiden.

Auf den ersten Blick kein tragbarer Standpunkt und heute allenfalls rechtslastig. Auf den zweiten Blick – beim Weiterlesen nämlich – ist man mittendrin im Flechten eines Bauernzopfes: Da werden von links und rechts immer wieder neue Strähnen hinzugenommen, bis alles zu einem dichten Zopf verflochten ist:

Mit „Schuld und Sühne“ hat Dostojewski den ersten Roman eines Täterprofilings geschrieben. 

Das Böse, es hat sich Dostojewski mehrfach im Leben gezeigt, hat ihn umgarnt, versucht, auf die andere Seite zu ziehen nach seiner Scheinhinrichtung, während seiner Spielsucht, beim Verlust seiner geliebten Kinder an Epilepsie und Hunger. Es hat ihn nicht gekriegt. Dieser Mann lebte, liebte und lachte leidenschaftlich bis zum Schluss. Die dunklen Momente seines Lebens wuchsen nicht in Depression, Missgunst und Hass, sondern zwischen Buchdeckeln weiter und schließlich im Kopf des Lesers, der seine Lehren daraus ziehen oder es bleiben lassen kann.

Welch wunderschöne Utopie: Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich in dem, was er als sein Talent erkennt, zu verwirklichen, abzureagieren und daran zu wachsen. Wo bliebe dann das Böse? Dort, wo es hingehört – in den Gedanken, die gedacht gehören, aber nicht in spontanen Übersprungshandlungen, berechnetem Betrug oder gar Mord gipfeln.

10 11 12 „Die Wölfe sind zurück“ von Rainer Opolka*

„Was sich liebt, imitiert sich“, sagt die Wissenschaft über sich immer ähnlicher werdende Paare. Genauso funktioniert der Hass, genauso verbreitet sich das Böse – momentan sogar bis in die feinsten Verästelungen unserer Gesellschaft. Es wächst hinein in Bereiche, in denen wir uns bisher sicher fühlten – einer Kirche in Rouen, einem Macdonalds in München, einer Strandpromenade in Nizza oder einem Straßencafé in Paris.

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Café La Belle Equipe, Rue de Charonne, 11. Arr. – nach den Anschlägen vom 13. November 2015 – 19 Tote

Auch in unseren Freundeskreisen fühlten wir uns geborgen, bis dann auf einem Klassentreffen oder einer Geburtstagsfete ein vertrauter Mensch zum Besten gibt, er habe nichts gegen Ausländer, aber die Belange des deutschen Volkes gingen schon erstmal vor.

Auch bei Facebook fühlten wir uns sicher, bis die ersten Trolle sich in den Kommentarzeilen einnisteten oder eifersüchtige Partner im Profil wühlten wie früher in den Sakkotaschen auf der Suche nach verdächtigen Telefonnummern.

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Wir erwarten „Benehmen“ von zu uns Geflüchteten und leben Rohheit in Form vom brennenden Heimen und rassistischen Sprüchen vor.

Add title.

So betrachtet stellt sich nicht mehr die Frage, ob es das Böse in jedem Menschen gibt, sondern eher, ob da jemals etwas Gutes war.

„Schuld und Sühne“ – sehr schnell sind wir bei den beiden Dostojewskischen Begriffen. Schuldzuweisung als neuer Volkssport.

Wer ist schuld an dem Bösen, das sich in der politischen Landschaft kaum mehr rechts oder links zuordnen lässt, weil mittlerweile beide hierzulande mit den gleichen Feindbildern arbeiten? Schuld sind DDR-Vergangenheit, Islam und seine Radikalisierung. Klar! Schuld woran? An dem Bösen, das jeder von uns in sich trägt und das wir wie auf Kommando in verschiedenen Varianten zum Besten geben? Online, offline, analog – es wird gerotzt, geneidet, geprügelt und angeprangert, was das Zeug hält. Aber wir sind nicht schuld? Der Kindermörder hatte selbst eine schwere Kindheit und ist nicht schuld?

„Mörder muss man Mörder nennen“, sagte Salman Rushdie auf einer Lesung letzten Herbst kurz nach den Paris-Attentaten hier in Berlin.

Und Täter sind Täter. Egal aus welchem Stall wir alle kommen, wie wir sozialisiert wurden: Unsere Taten begehen wir selbst.

Der zweite Teil der Bitte im Vaterunser lautet: „…, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Wir dürfen also bei Gott Schutz suchen vor der Macht des Bösen in uns und in der Welt.

Wir dürfen aber auch – bitteschön – uns selbst endlich wieder etwas an die Kandare nehmen und zur Besinnung kommen, um aus der dunklen Materie gesellschaftlicher Verrohung sichtbare Menschlichkeit zu machen, die uns allen genauso wie das Böse innewohnt…

…meint euer – das Böse in sich zwischen Buchdeckel pressende –

                                                                                                    Spirit of Kasimir

*„Die Wölfe sind zurück“ – Skulpturen von Rainer Opolka

„Mitläufer“, „Anführer“, „NSU-Mann“ – 66 Wolfsskulpturen.

Ausgestellt am Berliner Hauptbahnhof, Washingtonplatz, August 2016.

Menschen, die zu Gewalt aufrufen und Hasskampagnen inszenieren.

71 Jahre nach Hitler redet Pegida-Frontfrau Festerling über „linksgrün versiffte Volksvernichter“, und die Republik im Schatten der Dresdner Frauenkirche jubelt dazu,  spricht Pegida-Chef Bachmann über Flüchtlinge als „Gelumpe, Viehzeug und Dreckspack“ und nennt der Gütersloher AfD-Sprecher die Altparteien „Maden, die sich vom Kadaver BRD vollgefressen haben“ …

(Dank an Sophia Kembowski, dpa, für die Zusammenfassung).

Lektüre zum Thema:

    • Hannah Ahrendt / Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper, 2011
    • Ferdinand von Schirach / Verbrechen. Piper, 2010
    • Ferdinand von Schirach / Schuld. Piper, 2012
    • James Ellroy / Die Rothaarige. Ullstein, 1997
    • James Ellroy / Die schwarze Dahlie. Ullstein, 1994
    • Hans J. Markowitsch und Werner Siefer / Tatort Gehirn. Campus, 2007
    • Claudia Brockmann / Warum Menschen töten. Ullstein extra, 2014
    • Kirsten Heisig / Das Ende der Geduld. Herder, 2010
    • Stephan Harbort / Killerinstinkt. Ullstein, 2012
    • Paul Britton / Das Profil der Mörder. Econ, 2000

Fotocredits:

Fotos und eine Grafik © Patricia Holland Moritz (aufgenommen u.a. im Dostojewski-Museum St. Petersburg, RU)

Foto Internettrolle © http://www.darkpsychology.com