Frau Hempel, Praxis Doktor Mehlbeutel oder Remembering the good old times of Quartalsende.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

„Hempel, Praxis Doktor Mehlbeutel, juten Tach!… Watt?… Watt sachn Sie?… Ach so… Jehmse mich ma

„Hempel, Praxis Doktor Mehlbeutel, juten Tach!… Watt?… Watt sachn Sie?… Ach so… Jehmse mich ma ihrn Nahm!… Schröder… Wie der alte Kanzla, wa? … Mit t… Nee, t hatte der nich, een inn Tee höchstens, hahaha. Okeh. Jeht in Ordnung. Watt? Nee, dett schaff ick heute nich. Da müssense anderma vorbeikomm, nich heute. Heute iss neuet Quartal. Da stehn die nur so an.“

Zu denen, die nur so anstehen, gehöre auch ich. Und heute ist neues Quartal. Überweisungsscheine werden über den Tresen gereicht, dann winkt Schwester Monika, wie Frau Hempel in meinem Herzen heißt, den Nächsten zu sich heran.

„WAR WATT NICH IN ORDNUNG MIT DIE ÜBERWEISUNG ZUM HAUTSKRIENING, HERR MÜLLER?“, brüllt sie den armen alten Mann vor mir an.

Dieser antwortet mit ruhiger Stimme: „In Ordnung war das schon. Die wussten nur nicht, um welche Stelle auf dem Körper es sich handelt. Das hatte der Doktor wohl nicht mit draufgeschrieben.“

„DENN MÜSSENSE LEIDA NOCHMA RINN BEI IHN!“, brüllt Schwester Monika nun so laut, dass sie das Telefonklingeln überhört.

Erst als der Mann ganz leise „Das geht schon in Ordnung“ entgegnet, greift sie genervt zum Hörer.

Er dreht sich um auf seinem Weg zum Wartezimmer, und ich sehe das Hörgerät hinter seinem Ohr.

„HEMPEL, PRAXIS DOKTOR MEHLBEUTEL, JUTEN TACH!“, brüllt sie nun, dass es nur so kracht und es der armen Kreatur am anderen Ende wohl das Trommelfell zerfetzt. „´tschuldigung. Watt hamse jesacht?“, fährt sie etwas leiser fort. „Na Ihre Blutwerte sinn ja schon längst wieda da vom Labor. Der Doktor dachte ja erst, er kriecht ne Alkoholvajiftung, als er Ihre Leberwerte sah. Watt hamwa jelacht! Nee nee, kommse ruhich vorbei. Ditt hat ja manchmal total harmlose Gründe. Machense sich ma nich zu viele Sorjen. Nee, heute kommse ma lieber nich. Hier steht grad alles voll von Leuten.“

Der Alkoholiker am anderen Ende hat offensichtlich grußlos aufgelegt, denn Schwester Monika starrt entsetzt auf den Hörer, bevor sie ihn behutsam wie ein rohes Ei wieder auflegt.

 

© Patricia Holland Moritz / phm.2016

 

Advertisements

Werkstattbericht “Perlmutter” – Vom Entstehen eines Romans – Part Two – Immer passierte was

paris st germain.phm 2005

Paris, St. Germain des Prés 2005

***

Perlmutter

oder

Das kurze Leben der Madame Beauvoir

 Roman

Immer passiert irgendwas

Ihr veränderter Tonfall am Telefon war mir aufgefallen. Ich griff zum Laptop. Easyjet one way Paris für sofort, bitte. Dann flog ich zu ihr und ihren Knoten.

Mutter sagte: Immer wenn du bei mir in Paris bist, passiert irgendwas! So auch diesmal.

Am Sonntag fuhr sich Schauspieler Jocelyn Quivrin auf der Péripherique tot. Am Mittwoch blieben wir im Bus zum Place Monge hängen. Am selben Abend die Hand Gottes (und Thierry Henrys) gegen Irland; Frankreich fuhr zur Fußball WM und Irland nicht. Am Donnerstag wurde das südkoreanische Topmodel Daul Kim erhängt in seiner Wohnung am Montmartre aufgefunden. Am Freitag Schießerei am Gare du Nord. Am selben Tag entdeckten wir den Einbruch in Mutterns Auto. Am Samstag geriet die Fahrt per RER nach St. Michel zum Nerventest, als wir für zwanzig Minuten im Dunkeln feststeckten.

Meistens ging auch in ihrer Wohnung etwas kaputt wenn ich gerade da war. Am Sonntag explodierte der Seifenspender im Bad. Da war ich allerdings gerade zur Tür raus. Aber wenigstens hatten wir uns nun nicht ständig mit ihren Laborwerten befasst.

***

Work in progress. Roman in Arbeit.

 

Februar 2016. 4°Celsius. Barfuß in Detmold.

Der Fuß, das weit entfernte Wesen

DSC_0151

Per pedis ist nicht mehr. Wir bewegen uns per calceus. Schon die Einladungen zu Geburtstagen meiner Klassenkameraden sagten damals alles. „Gute Laune und Hausschuhe sind mitzubringen!“

Ich hatte eine Bettschuhe häkelnde Großmutter und eine Mutter mit gefühlten 150 Paar Schuhen, die sich abends die Füße rieb und die Bemühtheit deutscher Frauen in Sachen Mode als „Flachschuh-Eleganz“ abtat. Ich habe gelernt, dass es statt der hässlichen moorgrünen auch bunte Gummistiefel gibt und meine geliebten Sandalen für Waldspaziergänge eher ungeeignet sind. Ich habe gelernt, dass zum guten Aussehen auch geputzte Schuhe gehören und man auch bei einem Mann zuerst aufs Schuhwerk schauen sollte.

Schuhe haben auch mich domestiziert. Und im besten Falle haben sie uns alle sogar kultiviert. 15000 Jahre alte Höhlenzeichnungen zeigen Menschen, die ihre Füße zum Schutz vor Kälte oder steinigem Grund mit Blättern umwickelten. Heute verpacke ich die 26 Knochen, 27 Gelenke, 32 Muskeln und Sehnen, 107 Bänder und 1700 Nervenenden je nach Kontostand in eine Deichmann- oder Weitzman-Kreation. Und statt verheißungsvoller Telefonnummern bringe ich von Partys nun Visitenkarten renommierter Orthopäden mit.

Unsere Füße sind architektonische Wunder aus Gewölbe und Spann. Und es sind Wesen aus tausend ungenutzten Nervenenden, die permanent ruhen, weil ihnen besonders wertvolle orthopädische Einlagen die Arbeit abnehmen. Doch damit lebte ich bisher ganz gut, denn auch ich verschwendete nur wenige Gedanken an die von mir am weitesten entfernten Gliedmaßen: meine Füße. Und dann kam Sabrina Fox. Zu Fuß. Genauer gesagt barfuß. Ein Jahr lang barfuß zu laufen und darüber ein Buch zu schreiben hat unsere Autorin nicht nur realisiert, sondern sie bleibt nun auch dabei. Sie läuft barfuß. Sommers und winters. Drinnen und draußen.

DSC_0131

Als wir uns für Mitte Februar zu ihrer Buchpräsentation in der nordrheinwestfälischen Metropole Detmold verabredeten, plante ich für genau diesen Ort und Anlass mein persönliches Erweckungserlebnis in Sachen Barfußlaufen. Schon im Zug mäanderte mein Blick den Gang auf und ab und an den Leuten herunter. Turnschuhe, Kinderfüße in Strumpfhosen, Rollkoffer, Pelzstiefel. Laufend, rollend, stolpernd, tippelnd. Ich war völlig fußfixiert und behielt meine Schuhe nur widerwillig an. Mein erster Schritt aus der Bein- in die Fußfreiheit sollte schließlich ein „Betreutes Gehen“ sein. Unter der Anleitung einer erfahrenen Barfüßerin.

Sabrina Fox war aus München eingeflogen und hatte natürlich in der Sicherheitskontrolle am Flughafen die ihr vertraute Frage gehört, ob sie nicht etwas vergessen hätte… vielleicht ihre Schuhe in der Plastikwanne? Doch da lagen keine Schuhe in der Plastikwanne.

Der Flughafen in München habe den angenehmsten Boden aller Flughäfen, auf denen sie jemals gelaufen ist, sagt Sabrina Fox. Eine Beobachtung, die mich vermuten lässt, dass einem das Barfußgehen ganz neue Erlebniswelten eröffnet. Eine davon hielt mich bisher noch vom Barfußgehen ab: die Erlebniswelt der Blicke auf der Buchmesse, zur Programmkonferenz, an der Rewe-Kasse oder beim romantischen Dinner zu zweit. Davor graut mir mehr als vor einer Blasenentzündung.

Und damit sind die beiden Contras zum Barfußgehen beim Namen genannt. Scham und Krankheit. Das erste vergehe, sagt Sabrina Fox. Das zweite sei ein Ammenmärchen.

DSC_0152DSC_0160

Dass sich Sabrina Fox keine Gedanken darüber macht, ob sie komisch angeschaut wird, merke ich ihr sofort an. Bei ihrer Attraktivität und dem offenen Lachen schaut man ihr sowieso zuerst ins Gesicht. Und dann auf ihre stilsichere Kleidung, deren Eleganz mit den gepflegten Füßen in Symbiose geht.

„Meine Füße wasche ich mir genauso häufig wie meine Hände.“

Hornhaut? Keine Spur. Die kennen  nur wir Schuhträger. Schweißfuß? Nie. Wie auch? Dafür fehlt das Kunstleder, in das die meisten Füße verpackt werden und aus dem es für den Schweiß kein Entrinnen gibt. Also, dachte ich, ran an das Thema und ausprobiert. Ich zog meine Schuhe aus und ging mit Sabrina Fox in Detmold spazieren. Einmal um den Schlossteich Richtung Buchhandlung, in der die abendliche Lesung vorbereitet  wurde. Es war Mitte Februar, 4°Celsius, die Luft feucht wie der Boden im Park nass. Das Erlebnis seltsamer Blicke blieb mir erspart, weil der Detmolder wie jeder vernünftige Mensch den Freitagabend bei solchen Temperaturen wohl lieber im Warmen verbringt. Und das war gut so. Denn mein Laufstil kam mir alles andere als beifallswürdig vor. Barfuß gehen bedeutet auch Laufen lernen. Knallt im Schuh zuerst die Ferse auf den Asphalt (und jagt damit bei jedem Schritt ein Dröhnen durch den Körper wie der Nachbar, der im Plattenbau Bilder an die Wand dübelt), setzt beim Barfußgehen der Ballen zuerst auf, sanft und leise. Das war der erste Gefallen, den ich meinem Körper damit tat. Doch bevor mir das Glücksgefühl zu Kopf stieg, musste ich noch die Frage mit der Blasenentzündung klären.

„Wie fühlen sich deine Füße an?“, war Sabrinas Gegenfrage.

„Warm. Ich bewege sie ja.“

„Na also. Wie also gedenkst du, eine Blasenentzündung zu bekommen?“

Seit sie barfuß läuft, hat Sabrina keine derartige Entzündung, Unterkühlung, geschweige denn kalte Füße gehabt. Meine wurden allmählich taub. Ich lief bereits seit einer knappen Stunde barfuß durch Detmold, und das hätte so weitergehen können. „Dann ist das jetzt der Schlusspunkt für deine erste Tour. Deine Füße werden taub, weil sie die Temperatur noch nicht gewöhnt sind und dir dein Körper so das Zeichen gibt, aufzuhören. Beim nächsten Mal mehr.“ Der schlammige Boden fühlte sich an wie Seidenkissen. Und auf dem Rückweg über den Zebrastreifen spürte ich schon keines der Steinchen mehr, die mich anfangs wie ein gichtgeplagtes Kaninchen hatten hoppeln lassen. Ich lief im aufrechten Gang wie schon lange nicht mehr, und selbst die Arthrose in meinen Knien stellte aus Ehrfurcht das Knirschen ein. Geschmeidig glitt ich zurück durch die Tür, nahm statt des Fahrstuhls die warmen, glatten Stufen in wenigen Schritten und ließ mich im Hotelzimmer auf einen Sessel fallen – saubere Füße in die Luft haltend. Ich konnte das eben Erlebte nicht glauben, obwohl es in seiner Einfachheit nicht zu überbieten war. Was hatte ich gemacht? Die Schuhe weggelassen. Und mir eine neue kleine Welt erobert. Wenn auch nur kurz, denn mir ist zwar keine Klamotte zu riskant, aber der Mut zum Barfußgehen fehlt mir noch. Jeder Barfüßler auf der Straße wird schräger angeschaut als eine Kleidersünde auf dem Bundespresseball.

Foto Sabrina Tempodrom

Sabrina Fox spricht von einem neuen Sinnesorgan, das sie mit dem Barfußgehen entdeckt hat. Seit Detmold klingt das für mich nach einem Versprechen…

(Artikel erschien vorab am 6. April 2016 auf Resonanzboden, dem Blog der Ullstein Buchverlage)

Werkstattbericht “Perlmutter” – Vom Entstehen eines Romans – Part One – Das Sterben

Mama 1967

Meine Mutter. Mme Elke Olivier. 1967

***

Perlmutter

oder

Das kurze Leben der Madame Beauvoir

 Roman

Das Sterben

Es war ein sonniger Februartag, und als ich um 18.02 Uhr zum ersten Mal wieder auf die Uhr schaute, wusste ich, dass meine Mutter starb. Ich saß neben ihr am verstellbaren Heilbett und trank Flensburger Bier aus einem Coca Cola Glas. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass es meine Mutter war, die da von mir ging. Und es fiel mir leicht, es nicht wahrzuhaben, denn meine Mutter sah nicht mehr aus wie die Frau, die ich kannte, deren Stimme und Wortschöpfungen mir vertraut waren und die ich gut riechen konnte. Wir würden uns nicht die legendären letzten Worte hinterlassen, im Gegenteil, seit langem konnte sie sich nicht mehr artikulieren, und an jenem Februartag klang sie wie ein waidwundes Tier, das im Graben liegt und auf Erlösung wartet. Gibt es die letzten Worte? Und sind wirklich so viele Menschen in den Armen ihrer Lieben friedlich eingeschlafen? War es oft nicht doch ein jämmerliches, einsames Ersticken, während der Rest draußen schnell eine Zigarette rauchte?

Die berühmten letzten Worte vernahm ich noch in Paris, als wir den Umschlag mit den Tumormarkern aufgerissen hatten und sie sagte „Das kann´s doch nicht gewesen sein.“

Und nun musste es das doch gewesen sein. Ihr letztes Bier im Leben war also ein irisches Kilkenny, und das hat sie noch nicht mal selbst rausgesucht, sondern ich für sie, genauso wie die T-Shirts und Schlabberhosen, die ich dem Pflegedienst morgens raus legte und die nun seit Monaten als Ersatz für ihre geliebten Kleider herhalten mussten. Es folgten drei tiefe Atemzüge, und einer war der Letzte, der Allerletzte. Meine Gedanken gingen dann in eine ungewöhnliche und doch ganz selbstverständliche Richtung, die ja schon vorgelegt war wie ein Pfad ausgetreten ist: Wen rufe ich? Wen rufe ich an? Später sagte mir jemand, einer der schnell Herbeigeeilten: Öffne das Fenster, die Seele muss raus…

***

Work in progress. Roman in Arbeit.

Hugo Race. ROAD SERIES

weRoadseries_cover

Der Titel ROAD SERIES lässt ein Road-Movie vermuten, und dieses Versprechen hält dieses Buch; das Debut von Hugo Race als Schriftsteller.

Wir kennen ihn als Poeten, bei dem Poetry auf treibende Sounds trifft und das eine das Schmiermittel des anderen ist; das eine der Wind im Rad des anderen und Wasser auf dessen Mühle. Seine Songs zu hören, ihn live zu erleben und dieses Buch zu lesen fühlt sich an wie Fahren ohne Limit, nur Gaspedal und keine Bremse und ein breites Band, das sich beim Blick nach vorn entrollt und nicht zu enden scheint. Melbourne, London, Prag, Berlin, Siziliens Catania …

„This is a zona popolare, its ghetto frustrations ossified in black volcanic stone“,

Bamako, Neuruppin (!) … Von 1981 an bis 2012 auf Papier und im Bild festgehaltene Gedanken und Begegnungen.

Ganze Demokratien, Diktaturen und Träume wurden belebt oder abgeschafft in jenen Jahrzehnten vom trendsettigen Berlin Bowies, der Einstürzenden Neubauten und des Kalten Krieges bis in die globalisierte Zeit der Stammesfehden in Mali und Sao Paolos Shopping-Mall-Kapitalismus neben den Slums.

Am besten zu lesen bei einem Glas rauchigen Whiskeys und zum Sound der Bad Seeds oder der Stimme von Salif Keita … Hugo Race arbeitet seit 2007 zusammen mit Chris Eckman und Chris Brokaw Folk-Rock-Bandprojekt Dirtmusic …

„Dirt is important; mistakes and errors make music real to me.“

Er ist Gründungsmitglied bei Nick Cave and the Bad Seeds und seit 1988 Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Band Hugo Race & The True Spirit.

Aufgewachsen in einer  Hippie-Community im australischen Melbourne, sieht sich Race in der Tradition der Beat-Generation. Jack Kerouacs „On The Road“ klingt an bei der Lektüre der ROAD SERIES, was nicht nur am verheißungsvollen Namen, sondern an dieser prickelnden Schreibe aus Empathie und Lokalkolorit liegt.

Race schaut sich nicht nur die Menschen genau an, denen er on the road und jenseits davon begegnet; er schaut ihnen auch „auf‘ s Maul“ und hinterfragt dabei auch sich selbst.

„Consciousness is only the beginning of the road; the ultimate destination is unknown.“

Detailgetreu nimmt er die Patina seiner Schauplätze auf …

„They say the earth is an entity in itself. In the desert, you can hear the planet breathe, feel it slowly turning … Cities too have some kind of soul, like human beings, possessed by fantasy, dreams and heartache …“,

… und verewigt so in jeder Schilderung jene Typen, Charaktere und Ecken dieser Welt, die sich einem nicht sofort erschließen, weil sie nur off the road zu finden sind …

„… a girl dressed in nun-grey and somewhere between twenty-five and sixty years old, depending on the light and the angle…“

Es ist die Stärke dieses Buches, dass es nicht als Musikerbiographie daherkommt, sondern als mitreißender Song einer ganzen Generation Freigeister, erfolgreicher und auch gescheiterter Existenzen, die eines vereint: dieser Sog, sich dem Leben und jeder Faser jenseits von Restriktionen hinzugeben und das mit einer Leidenschaft zu tun, die auch zerstören kann.

„The bullets of truth and lies / penetrate every part of me / all those years of love gone / with one final smoking bullet / in my brain.“

Das Debüt eines Profis. Eines Profis mit einer Schwäche für´s Detail. Wunderbar.

***

Road Series ist sowohl Liebesgeschichte und Elegie, eine wahre und aufschlussreiche Story, … eine poetisch verfasste Suche, … einschneidend und exquisit geschrieben. Der Wunsch, als Weltbürger zu leben, ist die kreative Kraft dieses Künstlers und seines Buches, das in den reichhaltigen Möglichkeiten des Alltäglichen geerdet ist. Musik und Reisen kollidieren und verschmelzen, und der Leser erfährt aus erster Hand, was es bedeutet, sein Leben einer nicht endenden musikalischen Reise zu widmen, um die Welt auf der Suche nach ihrem wahren Geist zu durchqueren.“

Michael John „Mick“ Harvey

***

Hugo Race / Road Series

publisher: Transit Lounge / ISBN: 978-0-9943958-0-1 / Trade PB 368pp

Rights: WorldRelease / Publication Date: 01 /03 /2016 /

Cover photo by Corrado Lorenzo Vasquez

***

London 1984. With Blixa Bargeld.

„There is great tension between the band members because the stakes are high – an epochal recording is sought and nothing less will do. The other guitarist, Blixa, a Nietzschean avatar from mythical Berlin, sets the agenda…“ Hugo Race in ROAD SERIES

NICKCAVEFIXES.COM

NICK CAVE AND THE BAD SEEDS, SAN FRANCISCO 1984,

PICTURE BY STANLEY GREENE

L-R: BLIXA BARGELD, NICK CAVE, HUGO RACE, BARRY ADAMSON, MICK HARVEY

(Blog: http://nickcavefixes.com/2009/09/)

***

im Web:

Buch

Hugo Race

Youtube

 

 

Krügers Farbenleere

Vom Mann, dem eine Farbe abhanden kam

blue_c_phm.2015

Was ihn schließlich geweckt hatte, war Krüger egal. Von irgendetwas wurde er immer wach. Und zwar pünktlich eine Stunde, bevor sein Wecker schrillte. Der war ebenfalls auf eine Stunde früher als nötig gestellt. Krügers Augen verengten sich zu Schlitzen. Er hob leicht den Kopf. Stützte sich auf den Ellenbogen ab. Starrte auf das Viereck des Klappfensters über dem Bett. Irgendetwas gab es dort immer zu sehen. Heute rein gar nichts. Er schob die Füße in die Pantoffeln. Schwang sich schwerfällig aus dem Bett. Ließ den Gummizug seiner Jogginghose auf seinen Bauch klatschen. Stopfte den Rand des fransigen Unterhemdes in den Hosenbund und war in Gedanken gar nicht dabei. Er lehnte sich an das Fensterbrett. Öffnete die Klappe bis zum Anschlag. Kalte Luft ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen. Der Blick von hier oben war außergewöhnlich. Trotzdem nutzte Krüger das Fenster nur zum Öffnen und Schließen. Wie zum Beatmen seiner Wohnung.

Krüger kicherte, ganz kurz nur.

Er lehnte sich nach vorn. Stellte sich auf die Fußspitzen. Schaute wieder in den Himmel. Doch da war – nichts. Senkte den Blick auf die Häuser gegenüber. Sie schienen wie aufgemalt auf einen Hintergrund aus Zweckmäßigkeit. Das war ihm noch nie aufgefallen. Vielleicht, dachte Krüger, weil die Häuser sonst anders vor ihrem Hintergrund standen. Oder weil er sie sich noch nie angeschaut hatte.

Krüger schloss das Fenster. Er war es nicht gewöhnt, dass ein Tag schon zu Beginn aus der Spur lief. Den Espresso machte er vorsichtshalber doppelt. Erst war Else von ihm gegangen und dann der Hund. Wobei die Reihenfolge nicht wichtig war. So oder so war Krüger seit vier Jahren allein. Sein Leben war ein Mangelzustand, den er asketisch ertrug.

Er trank den Espresso. Ordnete seine Gedanken: Halbleitertechnik. Der Laser als Präzisionswerkzeug kann seine Vorteile ausspielen. Darauf setzte die Firma. Und Krüger sorgte für einen reibungslosen Vertrieb. Entschlossen klemmte er die leere Aktentasche unter den Arm.

Um acht verließ Krüger die Wohnung.

Von den Kollegen unbehelligt setzte er sich an seinen Schreibtisch. Fuhr den Rechner hoch.

Der Bildschirm mit Dateien gesprenkelt. Krüger räusperte sich. Verbarg sein Erstaunen, als ob ihn jemand dabei hätte ertappen können. Spürte wieder jene diffuse Angst. Am Morgen, am Fenster, hatte er sie noch verdrängen können. Zu lächerlich das Ganze. Wenn er das einem erzählte. Dabei gab es schon lange keinen mehr, der zuhörte. Ihm selbst war es schon zu absurd gewesen, weiter darüber nachzudenken.

Sein Schreibtisch, das ganze Büro war auf Funktionalität ausgerichtet. Keine gerahmten Bilder oder Kinderzeichnungen an der Wand wie sie die Kollegen zur Rückversicherung ihres Lebens brauchten. Jeder Kugelschreiber, jeder Zettel trug das Firmenlogo. Nur das Foto auf dem Bildschirm war ein Relikt aus Krügers Dasein jenseits der Halbleitertechnik. Aufgenommen im letzten Urlaub mit Else. Sie hatte einfach spontan irgendwohin fahren wollen. Einmal im Leben. Doch Krüger mochte keine Überraschungen. Die guten hatten die bösen meist im Schlepptau. Also wieder Darß. Zingst. Ferienwohnung an der Strandpromenade. Woanders war das Meer auch nicht schöner. Als er auf den Auslöser drückte, waren Himmel und See zu einer Farbe verschmolzen. Er hatte den Moment eingefangen, in dem ein Kunstwerk vor ihm entstand. Schon vom nächsten Augenblick war es verdeckt worden. Auf dieses Foto von Himmel und Meer war er stolz gewesen. Und nun lagen die Dateien wie Puzzleteile auf farblosem Hintergrund.

Er schaute auf das Fenster am Ende seines Schlauchbüros. Blickte auf die graue Fassade mit Büropflanzen hinter Glas. Lehnte sich etwas nach vorn. Letzte Etage. Flachdach. Darüber  – nichts.

Der Laser arbeitet berührungslos und wird zum Belichten, Bohren, Schneiden und Abtragen dünner Schichten eingesetzt. Zum Einsatz kommen CO2– und Festkörperlaser. Krüger konnte sich nicht konzentrieren. Entschloss sich zu etwas Ungewöhnlichem: Er verlegte seine Mittagspause um eine Stunde nach vorn. Ging die zweihundert Meter bis zum LIDL etwas langsamer als sonst.

Er sah sie von weitem. Kasse zwei. Er war erleichtert. Dort stellten sich immer die wenigsten an. Das Herdentier Mensch drängte für gewöhnlich gen Mitte. Dorthin, wo sich bereits ein Einkaufswagen am anderen rieb. Sie saß mit dem Rücken zu ihm. Das Haar hochgesteckt. Ihr Kopf bewegte sich leicht hin und her. Sie war im Gespräch. Mit ihm hatte sie sich noch nie unterhalten. Aber immer hatte sie gelächelt. Jeden Tag um zwölf Uhr dreißig. Heute war er früher dran.

Um diese Zeit war wenig los. Eine wohltemperierte Verkaufsausstellung mit leiser Musik. Er nahm einen Korb. Der reichte für Kakaomilch, Krabbensalat, ein Brötchen und zwei Äpfel. Krüger bog in den Gang zwischen Nudeln und Brot ein. Der führte ihn direkt zu Kasse zwei. Zwei Kunden standen vor ihm. Von den Kassen eins und drei schauten gelangweilte Kassiererinnen herüber. Krüger stellte sich an Kasse zwei. Wagte erst jetzt einen weiteren Blick. Konnte nicht glauben, was er nicht sah. Ihre weiße Haut, im bezaubernden Kontrast zu den rötlichen Locken, war blasser als sonst. Nur noch ein Kunde vor ihm. Krüger kannte sie nur sitzend auf ihrem Drehstuhl. Vielleicht war sie so groß wie er, was nicht groß war. Wahrscheinlich aber kleiner. Und korpulent. Der Kittel umspielte ihren Körper wie ein Kleid von Dior. Oft hatte er sich ausgemalt, was sie wohl sonst für Sachen trug. Ihre Brüstchen waren immer ziemlich weit ins Décolleté geschoben. So auch heute. Ihre Bewegungen, wenn sie nach der Ware griff und dann in die Kasse, waren anmutig wie immer. Er war nicht in sie verliebt. Sie war ein unauffälliges Wesen, das seinen Einkauf abkassierte. Für ihn war es eher ein Spiel. Sie jeden Tag zu besuchen, ohne eingeladen zu sein, brachte Abwechslung in Krügers Alltag. Auf der Straße wäre sie ihm nie aufgefallen. Eigentlich war sie ihm egal. Daher war ihm dieses Gefühl unerklärlich, das ihn nun wie paralysiert auf ihren Kittel starren ließ.

Er war an der Reihe. Während er sie anstarrte, nahm sie die Sachen aus seinem Korb. Legte sie geduldig auf das Band. Das Piepen des Scanners nahm er wie eine Sirene wahr; eine, die nicht ihn meinte. Vier Euro zwei Cent. Er zählte das Geld auf den Teller. Packte Milch, Salat, Brötchen und Obst in die leere Aktentasche. Schaute von ihrem Kittel auf. Direkt in ihre Augen. Die waren ihm gleich beim ersten Mal aufgefallen. Für diesen Anblick hatte er das Spiel einst begonnen. Es war nicht ihre Form, Größe oder Kontur. Es war die Farbe ihrer Augen gewesen. Die Farbe, die nun fehlte. Krüger schüttelte den Kopf und ging.

Es war Mittag. Und er wollte sich betrinken. Dann so betrunken ins Bett fallen, dass er am Morgen nicht zur Arbeit gehen konnte. Im Pub roch es modrig nach einer Nacht voller schwitzender Trinker. Am Tresen polierte ein Barkeeper Gläser. Whisky. Doppelt. Mit Wasser oder Eis? Weder noch. Krüger trank nicht. Krüger schüttete. Er bestellte nach. Schüttete und bestellte nach. Trank drei weitere und zahlte. Das machte keinen Sinn, stellte er fest. Nicht einmal Alkohol brachte das Getriebe seines einförmigen Lebens aus dem Takt. Stocknüchtern verließ er den Pub und ging zurück ins Büro.

Von Abtragungsprozessen durch Trockenätzen bis zum Zonenziehen zur Herstellung reinsten Siliziums bot die Firma ihren Kunden ein breites Spektrum an Halbleiteranwendungen. Krüger starrte vom trostlosen Bildschirm aus dem Fenster in den faden Himmel und war in Gedanken beim freudlosen Anblick der Kassiererin. Warum auch das noch?, fragte er sich und fuhr den Computer herunter. Grußlos ging er an den Kollegen vorbei und raus auf die Straße.

Krüger schloss die Augen. Atmete tief ein und aus. Fasste den zweiten Entschluss dieses Tages. Dabei hatte er genau diese Ausflugsvariante sein Leben lang gehasst und gemieden: die Fahrt ins Blaue.

Genau die würde er jetzt antreten.

Bevor ihm auch dieses Blau noch genommen wurde.

 

Shortstory / artwork blue © phm.2015

Johanna Adorján. Meine 500 besten Freunde. Stories.

500besteFreunde (c) phm.2016

Bei der Menge an Büchern über Berlin stellt sich die Frage, ob hier einer nach Antworten sucht.

„Kein Himmel über Berlin“ (Brose) fragt nach dem „Glauben in der Metropole“.

Daneben Spaziergänge „ … kiezig und kitschig, kultig und kulturell, klassisch und konservativ, kämpferisch und kapriziös, keck und keusch“ (Rittberger + Knapp);

Berlin für Junge, für Alte, für Schwule, für mit Kind, für mit Hund, für ohne Geld.

Berlin als Setting für Krimis und Lovestories, für Kriegsgeschichten vor und nach WWI und WWII, vor der Mauer, nach der Mauer.

Berlin zurück bis in die 30er und Döblins Roman „Alexanderplatz“, den Volker Klotz 1969 als „bis heute einzigen belangvollen Roman in deutscher Sprache, der vorbehaltlos die zeitgenössische Großstadt zu seiner Sache macht“ bezeichnete und dem Buch damit einen Rang verlieh, den es bis heute innehat.

Nun gehöre auch ich zu den Nassauern dieser Stadt, weil ich mich für das Reinfühlen und die „Recherche“ für den nächsten Berlin-Krimi („Und schon geh´n wir mit Gesang auf ins nächste Restorang!“) nur vor die Tür, in die S-Bahn und jene „Restorangs“ bewegen muss. Wahlweise willkürlich besuchte Vernissagen unbekannter und selten prägender Künstler; Performances, die ich der spontanen Bierbekanntschaft beim Rauchen vor der Tür noch á la ‚Alle Kunst hat ihre Berechtigung‘ gutrede; S-Bahn-Fahrten mit meinen geliebten „Zahnlückenjohnnys“ („Mein Opa, der hat ja noch ´n dritten Weltkriech mitalebt!“ „Äh, ´n dritten Weltkriech? Den jabs ja noch jar nisch!“ „Aba wenn dit so weitajeht mit die Flüschtlingskrise, denn kommt der bestimmt oooch noch!“).

Alles hier in Berlin ist schon da, muss nicht bestellt werden und wird trotzdem gratis geliefert.

Und als ich gerade denke, ich hätte schon alles gehört, gelesen und eingeatmet, da schenkt mir eine Freundin ein Buch. Eine der Wenigen, die sich das noch traut. Und dann lagen sie vor mir „Meine 500 besten Freunde“ von Johanna Adorján.

Am besten lässt sich der Genuss mit den Worten der Autorin umreißen, die von atemlos drolligen Frauen erzählt und von Leuten, die aussehen, als hätten sie die Zähne von jemand anderem im Mund. Aus der vor mir entrollten Kulisse einer Vernissage („Der Otter“) kehre ich mit dem Gefühl zurück, die ganze Stadt sei „abgefüllt in dickbauchige schwarze Flaschen, deren Flüssigkeit in Hals und Bäuchen unförmiger Gebilde mit Nasen und Augen zu sehen ist“ … Dabei hat die Autorin nur eins der Bilder an der Wand beschrieben, vor der die Geladenen stehen wie die heute Belächelten einst vor des Kaisers neuen Kleidern.

Ein wunderbares Werk – nicht nur innen, auch außen. Hier hat sich der Hersteller ins Zeug gelegt, dass auch ein Ebooknerd der Haptik frönt (und wenn er es ganz heimlich in der Buchhandlung tut, mit der Handfläche über die Prägung auf dem leinenen Einband fährt und am tiefblauen Buchschnitt schnuppert in der Hoffnung auf bewusstseinserweiternde Ausdünstungen).

Die Stories handeln von der Herzinfarktgefahr bei „hidden tracks“ auf Platten und von Kleidern, die man nicht versteht. Und die Autorin schaut der Stadt aufs Maul, das diese Stadt so gerne aufreißt.

Umwerfend, wie die erste Story in der letzten ihre Auflösung findet. Ein Band von Erzählungen mit einem Spannungsbogen. Das hab ich ja noch nie erlebt. Und das ist gut so. Denn deshalb kann ich es euch erzählen.

Johanna Adorján

Meine 500 besten Freunde

Stories

250 S., Luchterhand 2013

Foto: Nezze Holland-Moritz mit Buch. Und mit 500 besten Freunden. (c) phm.2016