Sowas von keiner Alternative für Deutschland

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(Artikel erschienen in ABWÄRTS Nr. 16 / Bestellung @ BasisDruck Verlag)

Eine Steilvorlage überbietet die nächste. Zeiten wie diese waren mal wahre Jagdgründe für Schreiberlinge.

Was würden Brinkmann, Fuchs, Pannach und auch der BAADER Holst wohl aus den Denkdelikten der Gaulands, Festerlings und Petrys zimmern?

Oder gelängen auch ihnen nur Treppenwitze, weil wieder ein Twitterer schneller war als der erste Lyriker?

Was hätte ein Klaus Renft schon zum Thema gejammt?

Warum findet sich keine Gruppe 47 in diesem Wahnsinn zusammen, die statt demokratisch Texte zu verreißen das Gleiche mit den Auswürfen der so genannten Protestbewegung hierzulande macht?

Wo sind die Intellektuellen, wenn man sie mal braucht? Und die, die da sind und schreiben und vorlesen – warum erreichen sie keinen mit dem jetzt notwendigen Witz, der doch so manche Tür nach rechts oder links öffnet?

Warum steht keiner der namhaften Schreiber, den die Nichtleser zumindest aus einer Talkshow kennen könnten, mit den „Alternativen“ an ihrem Stammtisch, Schnapsbier spendierend? Traut sich keiner ran an jenen abgedeckten Brunnen voller geschluckter Kröten, an dem eine Meinung auf allgemeingültig poliert wird?

Dabei haben die Denkdelikte der „Alternativen“ doch richtig gutes Potenzial für den Beginn eines brauchbaren Miteinanders: Nach einer schlafgewandelten Eingebung Alexander Gaulands wurde Jerome Boateng nicht nur zum Lieblingsnachbarn der Deutschen, sondern nun sogar ihr Fußballer des Jahres. Beatrix von Storch lässt sich ausgerechnet auf dem schwulen Motzstraßenfest ablichten und darf sich massenwirksam dem sauber erteilten Platzverbot von „Rauschgolds Lieblingsbar“ fügen.

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Frauke Petry schimpft noch „Lügenpresse!“, während sie mampfend das Buffet des Bundespresseballs leerpflügt.

„Dann lasst sie doch regieren“, rät Klaus Wowereit aus dem politischen Off. Klaro – und lasst sie gefälligst weiter ungestört so brauchbare Pressearbeit machen. Während Berlin und Mecklenburg-Vorpommern angstschlotternd dem Wahlshowdown mit der AfD im September entgegensehen, regeln sich auf diese Art schon mal ein paar Probleme von selbst.

Die „Alternativen“ liefern so viele wunderbare Stilblüten, aus denen sich ganze Bouquets der Zuneigung zu ihnen binden ließen. So haben mir gleich zwei Parteien in den letzten Monaten die Hand zur Freundschaft gereicht. AfD und NPD waren so freundlich, meine Adresse in ihren jeweiligen Interessentenverteiler aufzunehmen. In deutschdisziplinierter Regelmäßigkeit erreichen mich Briefe und Emails beider Parteien mit der wiederholten Bestätigung (sic!) meiner (sic!) Beitrittsanfrage (sic!).

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Gerne wird am Samstagnachmittag auf meinem Handy angerufen und ein Hausbesuch vorgeschlagen. Meinem bekennend dunkelhäutigen Freund hätten die „Alternativen“ bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich gleich das Parteibuch überreicht. Mittlerweile ist ja sogar empirisch bewiesen, dass sich Flüchtlinge und AfD-Anhänger in ihren Ansichten gleichen.* Da kann man doch nicht sagen, die wollen nichts mit Leuten wie mir zu tun haben, im Gegenteil! Meine SPD-Mitgliedschaft scheinen sie auch zu tolerieren, also bitte!

Finden wir uns damit ab, in einem Land zu leben, in dem das Banale die Alternativen bestimmt. Und wenn die Gaulandverschickung nun die Alternative für Deutschland sein soll, dann fetzt das immer noch mehr, als ohne Alternative und damit alternativlos dazustehen. Es gibt immer die Wahl zwischen Pest und Cholera. Und am 18. September bekommt Berlin beides und zwar hochverdient. Und dann fliegt uns diese Stadt so dermaßen laut um die Ohren, dass hoffentlich auch der Letzte wach wird und aus seinen gebrochenen Knochen wieder so etwas wie ein Rückgrat bastelt.

Euer

Spirit of Kasimir

*Umfrage „Flüchtling 2016“ der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW), 15. August 2016

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16. September 2016 Premierenlesung Heft Nr. 16 im BAIZ Berlin.

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Vom „Bösen“ im Menschen und der Gretchenfrage nach der Schuld

Eine beliebte Frage in Interviews mit Krimiautoren ist folgende: „Wie können Sie das Böse im Menschen zu Ihrem Thema machen und dabei nicht selbst das Vertrauen in den Menschen verlieren?“

Meine Suche nach dem Bösen im Menschen begann vor Ort in St. Petersburg in Fjodor Dostojewskis Wohnhaus, Kusnetschiniy Pereulok 5. Ein unscheinbares Eckhaus nahe dem Fontanka Kanälchen, auf dem die Bierfreuden der Nacht ins Eis gefroren waren.

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Dostojewskis Bücher standen bis dahin als Drohung in meinem Regal. Sein Bild zeigte einen bärtigen Mann, der die eigene Totenmaske schon zu Lebzeiten zu tragen schien.

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Dazu „Der Idiot“, „Das Totenhaus“, „Schuld und Sühne“ – Buchtitel wie Trauergesänge. Viele davon entstanden in jenem Haus in der Kusnetschiniy, in das er von seinen Spaziergängen am Kanal und von seinen Treffen abends heimkehrte, immer als erstes die Frage rufend: „Gde deti?“ – Wo sind die Kinder?; in dem er vorrangig nachts arbeitete und dabei Selbstgedrehte aus zwei Tabaksorten rauchte… „Hör auf damit“, bat ihn seine Tochter Ljubow, „es wird dich umbringen“. Und so ist es auch ein fast verzweifelter letzter Gruß an ihren Vater, den sie in Tinte auf seiner Tabakdose aus Holzspan hinterließ: „Heute, am 28. Januar 1881 ist Papa gestorben.“

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Hier lebte der Autor zusammen mit seinem bitterarmen, aber hochgradig begabten Protagonisten, dem Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow.

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3a Georgi Taratorkin als Raskolnikow

Jenem Raskolnikow gestattete der Autor „das erlaubte Verbrechen“; einen Mord, begangen zwar mit Tötungsabsicht, aber moralischer Rechtfertigung. Den Mord an der wucherischen Pfandleiherin, dem als Beifang auch ihre zufällig am Tatort erscheinende Schwester zum Opfer fiel, rechtfertigte Raskolnikow aka Dostojewski mit den schändlichen Taten der Alten. Über das Leben einer solchen „Laus“ und den Wert einer solchen Person dürfe er als wirklich großer Mensch entscheiden.

Auf den ersten Blick kein tragbarer Standpunkt und heute allenfalls rechtslastig. Auf den zweiten Blick – beim Weiterlesen nämlich – ist man mittendrin im Flechten eines Bauernzopfes: Da werden von links und rechts immer wieder neue Strähnen hinzugenommen, bis alles zu einem dichten Zopf verflochten ist:

Mit „Schuld und Sühne“ hat Dostojewski den ersten Roman eines Täterprofilings geschrieben. 

Das Böse, es hat sich Dostojewski mehrfach im Leben gezeigt, hat ihn umgarnt, versucht, auf die andere Seite zu ziehen nach seiner Scheinhinrichtung, während seiner Spielsucht, beim Verlust seiner geliebten Kinder an Epilepsie und Hunger. Es hat ihn nicht gekriegt. Dieser Mann lebte, liebte und lachte leidenschaftlich bis zum Schluss. Die dunklen Momente seines Lebens wuchsen nicht in Depression, Missgunst und Hass, sondern zwischen Buchdeckeln weiter und schließlich im Kopf des Lesers, der seine Lehren daraus ziehen oder es bleiben lassen kann.

Welch wunderschöne Utopie: Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich in dem, was er als sein Talent erkennt, zu verwirklichen, abzureagieren und daran zu wachsen. Wo bliebe dann das Böse? Dort, wo es hingehört – in den Gedanken, die gedacht gehören, aber nicht in spontanen Übersprungshandlungen, berechnetem Betrug oder gar Mord gipfeln.

10 11 12 „Die Wölfe sind zurück“ von Rainer Opolka*

„Was sich liebt, imitiert sich“, sagt die Wissenschaft über sich immer ähnlicher werdende Paare. Genauso funktioniert der Hass, genauso verbreitet sich das Böse – momentan sogar bis in die feinsten Verästelungen unserer Gesellschaft. Es wächst hinein in Bereiche, in denen wir uns bisher sicher fühlten – einer Kirche in Rouen, einem Macdonalds in München, einer Strandpromenade in Nizza oder einem Straßencafé in Paris.

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Café La Belle Equipe, Rue de Charonne, 11. Arr. – nach den Anschlägen vom 13. November 2015 – 19 Tote

Auch in unseren Freundeskreisen fühlten wir uns geborgen, bis dann auf einem Klassentreffen oder einer Geburtstagsfete ein vertrauter Mensch zum Besten gibt, er habe nichts gegen Ausländer, aber die Belange des deutschen Volkes gingen schon erstmal vor.

Auch bei Facebook fühlten wir uns sicher, bis die ersten Trolle sich in den Kommentarzeilen einnisteten oder eifersüchtige Partner im Profil wühlten wie früher in den Sakkotaschen auf der Suche nach verdächtigen Telefonnummern.

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Wir erwarten „Benehmen“ von zu uns Geflüchteten und leben Rohheit in Form vom brennenden Heimen und rassistischen Sprüchen vor.

Add title.

So betrachtet stellt sich nicht mehr die Frage, ob es das Böse in jedem Menschen gibt, sondern eher, ob da jemals etwas Gutes war.

„Schuld und Sühne“ – sehr schnell sind wir bei den beiden Dostojewskischen Begriffen. Schuldzuweisung als neuer Volkssport.

Wer ist schuld an dem Bösen, das sich in der politischen Landschaft kaum mehr rechts oder links zuordnen lässt, weil mittlerweile beide hierzulande mit den gleichen Feindbildern arbeiten? Schuld sind DDR-Vergangenheit, Islam und seine Radikalisierung. Klar! Schuld woran? An dem Bösen, das jeder von uns in sich trägt und das wir wie auf Kommando in verschiedenen Varianten zum Besten geben? Online, offline, analog – es wird gerotzt, geneidet, geprügelt und angeprangert, was das Zeug hält. Aber wir sind nicht schuld? Der Kindermörder hatte selbst eine schwere Kindheit und ist nicht schuld?

„Mörder muss man Mörder nennen“, sagte Salman Rushdie auf einer Lesung letzten Herbst kurz nach den Paris-Attentaten hier in Berlin.

Und Täter sind Täter. Egal aus welchem Stall wir alle kommen, wie wir sozialisiert wurden: Unsere Taten begehen wir selbst.

Der zweite Teil der Bitte im Vaterunser lautet: „…, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Wir dürfen also bei Gott Schutz suchen vor der Macht des Bösen in uns und in der Welt.

Wir dürfen aber auch – bitteschön – uns selbst endlich wieder etwas an die Kandare nehmen und zur Besinnung kommen, um aus der dunklen Materie gesellschaftlicher Verrohung sichtbare Menschlichkeit zu machen, die uns allen genauso wie das Böse innewohnt…

…meint euer – das Böse in sich zwischen Buchdeckel pressende –

                                                                                                    Spirit of Kasimir

*„Die Wölfe sind zurück“ – Skulpturen von Rainer Opolka

„Mitläufer“, „Anführer“, „NSU-Mann“ – 66 Wolfsskulpturen.

Ausgestellt am Berliner Hauptbahnhof, Washingtonplatz, August 2016.

Menschen, die zu Gewalt aufrufen und Hasskampagnen inszenieren.

71 Jahre nach Hitler redet Pegida-Frontfrau Festerling über „linksgrün versiffte Volksvernichter“, und die Republik im Schatten der Dresdner Frauenkirche jubelt dazu,  spricht Pegida-Chef Bachmann über Flüchtlinge als „Gelumpe, Viehzeug und Dreckspack“ und nennt der Gütersloher AfD-Sprecher die Altparteien „Maden, die sich vom Kadaver BRD vollgefressen haben“ …

(Dank an Sophia Kembowski, dpa, für die Zusammenfassung).

Lektüre zum Thema:

    • Hannah Ahrendt / Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper, 2011
    • Ferdinand von Schirach / Verbrechen. Piper, 2010
    • Ferdinand von Schirach / Schuld. Piper, 2012
    • James Ellroy / Die Rothaarige. Ullstein, 1997
    • James Ellroy / Die schwarze Dahlie. Ullstein, 1994
    • Hans J. Markowitsch und Werner Siefer / Tatort Gehirn. Campus, 2007
    • Claudia Brockmann / Warum Menschen töten. Ullstein extra, 2014
    • Kirsten Heisig / Das Ende der Geduld. Herder, 2010
    • Stephan Harbort / Killerinstinkt. Ullstein, 2012
    • Paul Britton / Das Profil der Mörder. Econ, 2000

Fotocredits:

Fotos und eine Grafik © Patricia Holland Moritz (aufgenommen u.a. im Dostojewski-Museum St. Petersburg, RU)

Foto Internettrolle © http://www.darkpsychology.com

 

 

 

 

 

 

Frau Hempel, Praxis Doktor Mehlbeutel oder Remembering the good old times of Quartalsende.

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„Hempel, Praxis Doktor Mehlbeutel, juten Tach!… Watt?… Watt sachn Sie?… Ach so… Jehmse mich ma

„Hempel, Praxis Doktor Mehlbeutel, juten Tach!… Watt?… Watt sachn Sie?… Ach so… Jehmse mich ma ihrn Nahm!… Schröder… Wie der alte Kanzla, wa? … Mit t… Nee, t hatte der nich, een inn Tee höchstens, hahaha. Okeh. Jeht in Ordnung. Watt? Nee, dett schaff ick heute nich. Da müssense anderma vorbeikomm, nich heute. Heute iss neuet Quartal. Da stehn die nur so an.“

Zu denen, die nur so anstehen, gehöre auch ich. Und heute ist neues Quartal. Überweisungsscheine werden über den Tresen gereicht, dann winkt Schwester Monika, wie Frau Hempel in meinem Herzen heißt, den Nächsten zu sich heran.

„WAR WATT NICH IN ORDNUNG MIT DIE ÜBERWEISUNG ZUM HAUTSKRIENING, HERR MÜLLER?“, brüllt sie den armen alten Mann vor mir an.

Dieser antwortet mit ruhiger Stimme: „In Ordnung war das schon. Die wussten nur nicht, um welche Stelle auf dem Körper es sich handelt. Das hatte der Doktor wohl nicht mit draufgeschrieben.“

„DENN MÜSSENSE LEIDA NOCHMA RINN BEI IHN!“, brüllt Schwester Monika nun so laut, dass sie das Telefonklingeln überhört.

Erst als der Mann ganz leise „Das geht schon in Ordnung“ entgegnet, greift sie genervt zum Hörer.

Er dreht sich um auf seinem Weg zum Wartezimmer, und ich sehe das Hörgerät hinter seinem Ohr.

„HEMPEL, PRAXIS DOKTOR MEHLBEUTEL, JUTEN TACH!“, brüllt sie nun, dass es nur so kracht und es der armen Kreatur am anderen Ende wohl das Trommelfell zerfetzt. „´tschuldigung. Watt hamse jesacht?“, fährt sie etwas leiser fort. „Na Ihre Blutwerte sinn ja schon längst wieda da vom Labor. Der Doktor dachte ja erst, er kriecht ne Alkoholvajiftung, als er Ihre Leberwerte sah. Watt hamwa jelacht! Nee nee, kommse ruhich vorbei. Ditt hat ja manchmal total harmlose Gründe. Machense sich ma nich zu viele Sorjen. Nee, heute kommse ma lieber nich. Hier steht grad alles voll von Leuten.“

Der Alkoholiker am anderen Ende hat offensichtlich grußlos aufgelegt, denn Schwester Monika starrt entsetzt auf den Hörer, bevor sie ihn behutsam wie ein rohes Ei wieder auflegt.

 

© Patricia Holland Moritz / phm.2016

 

Werkstattbericht “Perlmutter” – Vom Entstehen eines Romans – Part Two – Immer passierte was

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Paris, St. Germain des Prés 2005

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Perlmutter

oder

Das kurze Leben der Madame Beauvoir

 Roman

Immer passiert irgendwas

Ihr veränderter Tonfall am Telefon war mir aufgefallen. Ich griff zum Laptop. Easyjet one way Paris für sofort, bitte. Dann flog ich zu ihr und ihren Knoten.

Mutter sagte: Immer wenn du bei mir in Paris bist, passiert irgendwas! So auch diesmal.

Am Sonntag fuhr sich Schauspieler Jocelyn Quivrin auf der Péripherique tot. Am Mittwoch blieben wir im Bus zum Place Monge hängen. Am selben Abend die Hand Gottes (und Thierry Henrys) gegen Irland; Frankreich fuhr zur Fußball WM und Irland nicht. Am Donnerstag wurde das südkoreanische Topmodel Daul Kim erhängt in seiner Wohnung am Montmartre aufgefunden. Am Freitag Schießerei am Gare du Nord. Am selben Tag entdeckten wir den Einbruch in Mutterns Auto. Am Samstag geriet die Fahrt per RER nach St. Michel zum Nerventest, als wir für zwanzig Minuten im Dunkeln feststeckten.

Meistens ging auch in ihrer Wohnung etwas kaputt wenn ich gerade da war. Am Sonntag explodierte der Seifenspender im Bad. Da war ich allerdings gerade zur Tür raus. Aber wenigstens hatten wir uns nun nicht ständig mit ihren Laborwerten befasst.

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Work in progress. Roman in Arbeit.

 

Februar 2016. 4°Celsius. Barfuß in Detmold.

Der Fuß, das weit entfernte Wesen

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Per pedis ist nicht mehr. Wir bewegen uns per calceus. Schon die Einladungen zu Geburtstagen meiner Klassenkameraden sagten damals alles. „Gute Laune und Hausschuhe sind mitzubringen!“

Ich hatte eine Bettschuhe häkelnde Großmutter und eine Mutter mit gefühlten 150 Paar Schuhen, die sich abends die Füße rieb und die Bemühtheit deutscher Frauen in Sachen Mode als „Flachschuh-Eleganz“ abtat. Ich habe gelernt, dass es statt der hässlichen moorgrünen auch bunte Gummistiefel gibt und meine geliebten Sandalen für Waldspaziergänge eher ungeeignet sind. Ich habe gelernt, dass zum guten Aussehen auch geputzte Schuhe gehören und man auch bei einem Mann zuerst aufs Schuhwerk schauen sollte.

Schuhe haben auch mich domestiziert. Und im besten Falle haben sie uns alle sogar kultiviert. 15000 Jahre alte Höhlenzeichnungen zeigen Menschen, die ihre Füße zum Schutz vor Kälte oder steinigem Grund mit Blättern umwickelten. Heute verpacke ich die 26 Knochen, 27 Gelenke, 32 Muskeln und Sehnen, 107 Bänder und 1700 Nervenenden je nach Kontostand in eine Deichmann- oder Weitzman-Kreation. Und statt verheißungsvoller Telefonnummern bringe ich von Partys nun Visitenkarten renommierter Orthopäden mit.

Unsere Füße sind architektonische Wunder aus Gewölbe und Spann. Und es sind Wesen aus tausend ungenutzten Nervenenden, die permanent ruhen, weil ihnen besonders wertvolle orthopädische Einlagen die Arbeit abnehmen. Doch damit lebte ich bisher ganz gut, denn auch ich verschwendete nur wenige Gedanken an die von mir am weitesten entfernten Gliedmaßen: meine Füße. Und dann kam Sabrina Fox. Zu Fuß. Genauer gesagt barfuß. Ein Jahr lang barfuß zu laufen und darüber ein Buch zu schreiben hat unsere Autorin nicht nur realisiert, sondern sie bleibt nun auch dabei. Sie läuft barfuß. Sommers und winters. Drinnen und draußen.

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Als wir uns für Mitte Februar zu ihrer Buchpräsentation in der nordrheinwestfälischen Metropole Detmold verabredeten, plante ich für genau diesen Ort und Anlass mein persönliches Erweckungserlebnis in Sachen Barfußlaufen. Schon im Zug mäanderte mein Blick den Gang auf und ab und an den Leuten herunter. Turnschuhe, Kinderfüße in Strumpfhosen, Rollkoffer, Pelzstiefel. Laufend, rollend, stolpernd, tippelnd. Ich war völlig fußfixiert und behielt meine Schuhe nur widerwillig an. Mein erster Schritt aus der Bein- in die Fußfreiheit sollte schließlich ein „Betreutes Gehen“ sein. Unter der Anleitung einer erfahrenen Barfüßerin.

Sabrina Fox war aus München eingeflogen und hatte natürlich in der Sicherheitskontrolle am Flughafen die ihr vertraute Frage gehört, ob sie nicht etwas vergessen hätte… vielleicht ihre Schuhe in der Plastikwanne? Doch da lagen keine Schuhe in der Plastikwanne.

Der Flughafen in München habe den angenehmsten Boden aller Flughäfen, auf denen sie jemals gelaufen ist, sagt Sabrina Fox. Eine Beobachtung, die mich vermuten lässt, dass einem das Barfußgehen ganz neue Erlebniswelten eröffnet. Eine davon hielt mich bisher noch vom Barfußgehen ab: die Erlebniswelt der Blicke auf der Buchmesse, zur Programmkonferenz, an der Rewe-Kasse oder beim romantischen Dinner zu zweit. Davor graut mir mehr als vor einer Blasenentzündung.

Und damit sind die beiden Contras zum Barfußgehen beim Namen genannt. Scham und Krankheit. Das erste vergehe, sagt Sabrina Fox. Das zweite sei ein Ammenmärchen.

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Dass sich Sabrina Fox keine Gedanken darüber macht, ob sie komisch angeschaut wird, merke ich ihr sofort an. Bei ihrer Attraktivität und dem offenen Lachen schaut man ihr sowieso zuerst ins Gesicht. Und dann auf ihre stilsichere Kleidung, deren Eleganz mit den gepflegten Füßen in Symbiose geht.

„Meine Füße wasche ich mir genauso häufig wie meine Hände.“

Hornhaut? Keine Spur. Die kennen  nur wir Schuhträger. Schweißfuß? Nie. Wie auch? Dafür fehlt das Kunstleder, in das die meisten Füße verpackt werden und aus dem es für den Schweiß kein Entrinnen gibt. Also, dachte ich, ran an das Thema und ausprobiert. Ich zog meine Schuhe aus und ging mit Sabrina Fox in Detmold spazieren. Einmal um den Schlossteich Richtung Buchhandlung, in der die abendliche Lesung vorbereitet  wurde. Es war Mitte Februar, 4°Celsius, die Luft feucht wie der Boden im Park nass. Das Erlebnis seltsamer Blicke blieb mir erspart, weil der Detmolder wie jeder vernünftige Mensch den Freitagabend bei solchen Temperaturen wohl lieber im Warmen verbringt. Und das war gut so. Denn mein Laufstil kam mir alles andere als beifallswürdig vor. Barfuß gehen bedeutet auch Laufen lernen. Knallt im Schuh zuerst die Ferse auf den Asphalt (und jagt damit bei jedem Schritt ein Dröhnen durch den Körper wie der Nachbar, der im Plattenbau Bilder an die Wand dübelt), setzt beim Barfußgehen der Ballen zuerst auf, sanft und leise. Das war der erste Gefallen, den ich meinem Körper damit tat. Doch bevor mir das Glücksgefühl zu Kopf stieg, musste ich noch die Frage mit der Blasenentzündung klären.

„Wie fühlen sich deine Füße an?“, war Sabrinas Gegenfrage.

„Warm. Ich bewege sie ja.“

„Na also. Wie also gedenkst du, eine Blasenentzündung zu bekommen?“

Seit sie barfuß läuft, hat Sabrina keine derartige Entzündung, Unterkühlung, geschweige denn kalte Füße gehabt. Meine wurden allmählich taub. Ich lief bereits seit einer knappen Stunde barfuß durch Detmold, und das hätte so weitergehen können. „Dann ist das jetzt der Schlusspunkt für deine erste Tour. Deine Füße werden taub, weil sie die Temperatur noch nicht gewöhnt sind und dir dein Körper so das Zeichen gibt, aufzuhören. Beim nächsten Mal mehr.“ Der schlammige Boden fühlte sich an wie Seidenkissen. Und auf dem Rückweg über den Zebrastreifen spürte ich schon keines der Steinchen mehr, die mich anfangs wie ein gichtgeplagtes Kaninchen hatten hoppeln lassen. Ich lief im aufrechten Gang wie schon lange nicht mehr, und selbst die Arthrose in meinen Knien stellte aus Ehrfurcht das Knirschen ein. Geschmeidig glitt ich zurück durch die Tür, nahm statt des Fahrstuhls die warmen, glatten Stufen in wenigen Schritten und ließ mich im Hotelzimmer auf einen Sessel fallen – saubere Füße in die Luft haltend. Ich konnte das eben Erlebte nicht glauben, obwohl es in seiner Einfachheit nicht zu überbieten war. Was hatte ich gemacht? Die Schuhe weggelassen. Und mir eine neue kleine Welt erobert. Wenn auch nur kurz, denn mir ist zwar keine Klamotte zu riskant, aber der Mut zum Barfußgehen fehlt mir noch. Jeder Barfüßler auf der Straße wird schräger angeschaut als eine Kleidersünde auf dem Bundespresseball.

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Sabrina Fox spricht von einem neuen Sinnesorgan, das sie mit dem Barfußgehen entdeckt hat. Seit Detmold klingt das für mich nach einem Versprechen…

(Artikel erschien vorab am 6. April 2016 auf Resonanzboden, dem Blog der Ullstein Buchverlage)

Werkstattbericht “Perlmutter” – Vom Entstehen eines Romans – Part One – Das Sterben

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Meine Mutter. Mme Elke Olivier. 1967

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Perlmutter

oder

Das kurze Leben der Madame Beauvoir

 Roman

Das Sterben

Es war ein sonniger Februartag, und als ich um 18.02 Uhr zum ersten Mal wieder auf die Uhr schaute, wusste ich, dass meine Mutter starb. Ich saß neben ihr am verstellbaren Heilbett und trank Flensburger Bier aus einem Coca Cola Glas. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass es meine Mutter war, die da von mir ging. Und es fiel mir leicht, es nicht wahrzuhaben, denn meine Mutter sah nicht mehr aus wie die Frau, die ich kannte, deren Stimme und Wortschöpfungen mir vertraut waren und die ich gut riechen konnte. Wir würden uns nicht die legendären letzten Worte hinterlassen, im Gegenteil, seit langem konnte sie sich nicht mehr artikulieren, und an jenem Februartag klang sie wie ein waidwundes Tier, das im Graben liegt und auf Erlösung wartet. Gibt es die letzten Worte? Und sind wirklich so viele Menschen in den Armen ihrer Lieben friedlich eingeschlafen? War es oft nicht doch ein jämmerliches, einsames Ersticken, während der Rest draußen schnell eine Zigarette rauchte?

Die berühmten letzten Worte vernahm ich noch in Paris, als wir den Umschlag mit den Tumormarkern aufgerissen hatten und sie sagte „Das kann´s doch nicht gewesen sein.“

Und nun musste es das doch gewesen sein. Ihr letztes Bier im Leben war also ein irisches Kilkenny, und das hat sie noch nicht mal selbst rausgesucht, sondern ich für sie, genauso wie die T-Shirts und Schlabberhosen, die ich dem Pflegedienst morgens raus legte und die nun seit Monaten als Ersatz für ihre geliebten Kleider herhalten mussten. Es folgten drei tiefe Atemzüge, und einer war der Letzte, der Allerletzte. Meine Gedanken gingen dann in eine ungewöhnliche und doch ganz selbstverständliche Richtung, die ja schon vorgelegt war wie ein Pfad ausgetreten ist: Wen rufe ich? Wen rufe ich an? Später sagte mir jemand, einer der schnell Herbeigeeilten: Öffne das Fenster, die Seele muss raus…

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Work in progress. Roman in Arbeit.

Hugo Race. ROAD SERIES

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Der Titel ROAD SERIES lässt ein Road-Movie vermuten, und dieses Versprechen hält dieses Buch; das Debut von Hugo Race als Schriftsteller.

Wir kennen ihn als Poeten, bei dem Poetry auf treibende Sounds trifft und das eine das Schmiermittel des anderen ist; das eine der Wind im Rad des anderen und Wasser auf dessen Mühle. Seine Songs zu hören, ihn live zu erleben und dieses Buch zu lesen fühlt sich an wie Fahren ohne Limit, nur Gaspedal und keine Bremse und ein breites Band, das sich beim Blick nach vorn entrollt und nicht zu enden scheint. Melbourne, London, Prag, Berlin, Siziliens Catania …

„This is a zona popolare, its ghetto frustrations ossified in black volcanic stone“,

Bamako, Neuruppin (!) … Von 1981 an bis 2012 auf Papier und im Bild festgehaltene Gedanken und Begegnungen.

Ganze Demokratien, Diktaturen und Träume wurden belebt oder abgeschafft in jenen Jahrzehnten vom trendsettigen Berlin Bowies, der Einstürzenden Neubauten und des Kalten Krieges bis in die globalisierte Zeit der Stammesfehden in Mali und Sao Paolos Shopping-Mall-Kapitalismus neben den Slums.

Am besten zu lesen bei einem Glas rauchigen Whiskeys und zum Sound der Bad Seeds oder der Stimme von Salif Keita … Hugo Race arbeitet seit 2007 zusammen mit Chris Eckman und Chris Brokaw Folk-Rock-Bandprojekt Dirtmusic …

„Dirt is important; mistakes and errors make music real to me.“

Er ist Gründungsmitglied bei Nick Cave and the Bad Seeds und seit 1988 Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Band Hugo Race & The True Spirit.

Aufgewachsen in einer  Hippie-Community im australischen Melbourne, sieht sich Race in der Tradition der Beat-Generation. Jack Kerouacs „On The Road“ klingt an bei der Lektüre der ROAD SERIES, was nicht nur am verheißungsvollen Namen, sondern an dieser prickelnden Schreibe aus Empathie und Lokalkolorit liegt.

Race schaut sich nicht nur die Menschen genau an, denen er on the road und jenseits davon begegnet; er schaut ihnen auch „auf‘ s Maul“ und hinterfragt dabei auch sich selbst.

„Consciousness is only the beginning of the road; the ultimate destination is unknown.“

Detailgetreu nimmt er die Patina seiner Schauplätze auf …

„They say the earth is an entity in itself. In the desert, you can hear the planet breathe, feel it slowly turning … Cities too have some kind of soul, like human beings, possessed by fantasy, dreams and heartache …“,

… und verewigt so in jeder Schilderung jene Typen, Charaktere und Ecken dieser Welt, die sich einem nicht sofort erschließen, weil sie nur off the road zu finden sind …

„… a girl dressed in nun-grey and somewhere between twenty-five and sixty years old, depending on the light and the angle…“

Es ist die Stärke dieses Buches, dass es nicht als Musikerbiographie daherkommt, sondern als mitreißender Song einer ganzen Generation Freigeister, erfolgreicher und auch gescheiterter Existenzen, die eines vereint: dieser Sog, sich dem Leben und jeder Faser jenseits von Restriktionen hinzugeben und das mit einer Leidenschaft zu tun, die auch zerstören kann.

„The bullets of truth and lies / penetrate every part of me / all those years of love gone / with one final smoking bullet / in my brain.“

Das Debüt eines Profis. Eines Profis mit einer Schwäche für´s Detail. Wunderbar.

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Road Series ist sowohl Liebesgeschichte und Elegie, eine wahre und aufschlussreiche Story, … eine poetisch verfasste Suche, … einschneidend und exquisit geschrieben. Der Wunsch, als Weltbürger zu leben, ist die kreative Kraft dieses Künstlers und seines Buches, das in den reichhaltigen Möglichkeiten des Alltäglichen geerdet ist. Musik und Reisen kollidieren und verschmelzen, und der Leser erfährt aus erster Hand, was es bedeutet, sein Leben einer nicht endenden musikalischen Reise zu widmen, um die Welt auf der Suche nach ihrem wahren Geist zu durchqueren.“

Michael John „Mick“ Harvey

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Hugo Race / Road Series

publisher: Transit Lounge / ISBN: 978-0-9943958-0-1 / Trade PB 368pp

Rights: WorldRelease / Publication Date: 01 /03 /2016 /

Cover photo by Corrado Lorenzo Vasquez

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London 1984. With Blixa Bargeld.

„There is great tension between the band members because the stakes are high – an epochal recording is sought and nothing less will do. The other guitarist, Blixa, a Nietzschean avatar from mythical Berlin, sets the agenda…“ Hugo Race in ROAD SERIES

NICKCAVEFIXES.COM

NICK CAVE AND THE BAD SEEDS, SAN FRANCISCO 1984,

PICTURE BY STANLEY GREENE

L-R: BLIXA BARGELD, NICK CAVE, HUGO RACE, BARRY ADAMSON, MICK HARVEY

(Blog: http://nickcavefixes.com/2009/09/)

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im Web:

Buch

Hugo Race

Youtube