Rauchende Volts oder Eine alte Dame auf der Intensivstation

20190524_14074216. April 2019. 19 Uhr 10. Mein erster Gedanke war: Dieser Stadt bleibt auch nichts erspart. Mein zweiter Gedanke war, diesen Satz unter einem Foto von Notre Dame und mir zu posten. Mein dritter Gedanke war die Frage, ob ich eigentlich noch ganz dicht bin.

Und schon hatte sich zwischen die Meldung kurz nach sieben und die Schockstarre des Unglaubens, das Googeln nach dem Wahrheitsgehalt und o.g. drei Gedanken eine fette Viertelstunde gequetscht und die Kirche bereits in einen qualmenden Hashtag verwandelt.

Ich schaltete den Computer aus und zog mich vor den Fernseher zurück. Passend auf ARTE ein Film Noir. „Die Wahrheit über unsere Ehe“. In meinem Kopf entfalteten sich Bilder in schwarzweiß: Unweit vom Notre Dame, am Place Dauphine, wohnen Simone Signoret und Yves Montand im Innenhof eines Idylls aus Häusern des 17. Jahrhunderts, während Simenons Maigret zwischen zwei Ermittlungen einen P`tit Crème im Café „Aux Trois Marches“ nimmt, sich Anthony Quinn im Schatten der speienden Chimären als Quasimodo nach Esmeralda verzehrt…

gargouilles

…und Jean Gabin mit Alain Delon im Gefängnis La Santé im 12. Arrondissement eine Hinrichtung dreht, wo ich Jahrzehnte später eine Szene für meinen Roman „Kältetod“ recherchiere. Sie alle liefen wohl fast täglich dort vorbei, an Notre Dame.

Bei allem tödlichen Elend in der Welt wischte dieser Kirchenbrand meiner Sehnsucht nach sicheren Orten eins aus. Ich brauche Parameter, an denen ich mich wie an einem Geländer entlang hangeln kann. Sonst geht meine innere Ruhe flöten.

Paris war mir Heimat und ist mir heute beste Freundin, die ich, wann immer es mir möglich ist, besuche. Zu Notre Dame und seinen Türmen hat es mich nie gezogen. Es sind ihre Schwestern St. Médard, wo am Sonntag auf dem Kirchplatz getanzt wird und St. Eustache, wo die Suppenküche unter bunten Schildern qualmt und eine träge voranrückende Reihe Menschen wärmt. Aber es war nie Notre Dame, wo sich eine bunte Schlange in Türme quetschte, über eine Wendeltreppe kroch, um schließlich ihren Kopf zum Blick über die Stadt zu recken. Im Inneren der Kirche war es düster, ging es bedächtig und bemüht würdevoll zu, so bunt die Käppis der Besucher auch waren. Weltläufig genug, um bis nach Paris zu reisen, provinziell genug, die Kopfbedeckung nicht abzunehmen.

Am Abend des Brandes suchte ich alles zusammen, was mir von Notre Dame geblieben war. Beim Passieren von A nach B wie beiläufig geschossene Fotos aus immer anderer Perspektive, von denen ich nicht wissen konnte, dass es die letzten der Kirche waren, wie ich sie kannte.

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Kürzlich verstarb ein Freund von mir. Ich suchte aus Alben und Dateiordnern gemeinsame Bilder, legte sie als Serie nebeneinander, um unsere gemeinsame Zeit Revue passieren zu lassen und zu einem einzigen Stück Erinnerung in mir zu gießen. Und nun tat ich das gleiche zusammen mit vielen, die ich online trauern sah, mit unserem, unserer Notre Dame, von dem oder der wir noch nie wussten, ob er oder sie nun männlich oder weiblich ist. Wir wissen nur, dass Notre Dame in Jahrhunderten, in denen in der Welt kein Stein auf dem anderen geblieben war, aufrecht gestanden hatte mit Blick auf Galgen und Kanonen, Scheiterhaufen, Panzer und Demonstrationen, Leichen und die glatte Fassade der Polizeidirektion, hinter deren Mauern nur ein Bruchteil all jener zum Einsitzen kam, die unter den Augen des Gotteshauses gestohlen, gemordet und denunziert hatten.

Gebäuden menschliche Fähigkeiten anzudichten liegt jedem so wie mir. Notre Dame: eine von uns. Eine Dame, mit dem Possessivpronomen vereinnahmt.

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Die Glut einer weggeworfenen Kippe oder der Funke eines überhitzten Steckers konnten in Stunden zerstören, was in Jahrhunderten gewachsen war. Diesmal kein Terroranschlag. Diesmal keine Toten und Verletzten. Diesmal kein Bekennerschreiben. Und doch hatte ich das Gefühl, einer Hinrichtung beizuwohnen. Feuer ist das vernichtendste Element der vier. Es kotzt nicht wieder aus, was es einmal verschlungen hat. Flammen nahmen sich, was ich nie wiedersehen würde.

Die Millionen und die Jahre, die nun sofort in den Wiederaufbau gesteckt werden, interessieren mich nicht. Es ist wie bei dem Freund, den ich an den Krebs verloren habe: nie wieder sein Lachen, sein ausgefallener Tanzstil, seine Stirnfalte, wenn es an ernste Themen ging.

Es ist das Unwiederbringliche, das schmerzt und die eigene Endlichkeit verdeutlicht.

Ich werde die wahre Notre Dame, so ausgebessert und vernarbt ihre Haut auch bereits war, nie wiedersehen, und das ist es, was so weh tut. Was selbst bei einem Konstrukt aus gemauerten Steinen weh tut, das sich nicht im Geringsten so um uns schert wie wir es mit seinem Schicksal tun. Weil eben nur ein Stein ist, wohin wir ein Herz interpretieren.

Ein einziges Mal war ich länger da, im Inneren der alten Dame, für einen Krimi natürlich.

Anthologie_Das Fest. phm2014

„In Paris war schon lange niemand mehr gesteinigt worden. Guibert ließ sich seine Faszination für den seltsam verrenkten Körper zu seinen Füßen nicht anmerken, um den er nun wie ein Marabu herumschritt. Es war der 850. Jahrestag des Gotteshauses, der dunkelsten Kirche der Welt. Hier war Jeanne d´Arc rehabilitiert worden, ein Vierteljahrhundert nach ihrem grausamen Tod. Hier hatte sich Napoleon selbst zum Kaiser gekrönt, und hier ruhte noch immer die Dornenkrone, die König Ludwig IX in Konstantinopel erworben hatte. Religiöse Rituale beim Morden tendierten gen null. Vielleicht lag es am fehlenden Glauben der Menschen…“ (aus Patricia Holland Moritz: Das Fest in Sakrament des Todes – 13 Morde auf heiligem Boden, fhl, Leipzig 2014)

24. Mai 2019. 15 Uhr 10. Heute steht die Dame ausgeweidet da, ihre Innereien auf dem Kirchplatz archiviert, bewacht und von weitem fotografiert. Sie lässt keinen mehr an sich heran, hält uns auf Abstand und macht auf Genesung.

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Adieu, Notre Belle. Sie konnten dich nicht beschützen, die seltsamen Gargouilles und einzigen Spielgefährten deines Glöckners, die doch eigentlich bösen Zauber von dir abwehren sollten.

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Photocredits: Patricia Holland-Moritz, 2019 / außer: „Chimäre“ (Fotograf unbekannt)

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