Rezo ist Silber. Machen ist Gold.

Lieber Rezo,

ich reagiere nicht auf Dich, sondern auf die (von der CDU abgesehen) nahezu ungeteilte Begeisterung für Dein CDU&Co.-Zerstörungs-Video.

Deine Botschaft und die 14 Millionen Klicks darauf formulieren sich für mich zu einer einzigen Frage: Wo seid ihr jenseits von Manifestation und Videobotschaft, wenn man Euch braucht?

Wo seid ihr, wenn Gleichaltrige den angebotenen Ausbildungsplatz (Quelle 1) nicht annehmen und nach dem erschöpfenden Abitur, das ursprünglich mal auf einer Backe abgesessen wurde, eine „Auszeit“ brauchen? (Quelle 2) In welcher Nervenzelle lungert der Klimagedanke, während sich mit Shoots in Plastikflaschen in der S-Bahn für die Clubparty aufgewärmt wird? Und wo sind Deine Follower, wenn es um die Wahl geht, um die Wahl nämlich, ob man überhaupt wählen geht oder aus „Politikverdrossenheit“ am Sonntag lieber chillt und damit die eigene Stimme nicht nur (ich zitiere) „nicht der CDU und nicht der SPD“, sondern auf jeden Fall jemandem gibt, der sich über jede ungenutzt gültige Stimme freut? (Quelle 3)

Ihr Mid-Twenties seid seit zirka zehn Jahren wahlberechtigt, und die Mehrzahl Deiner Liker ist es wahrscheinlich schon viel länger. Denkberechtigt und -verpflichtet seid ihr qua Geburt. Eltern habt ihr auch, und einige von Euch haben auch Kinder. Hast Du auch nur ein μ Deiner Botschaft, bevor sie in den Äther ging, wirksam an Deinem eigenen Umfeld, Deiner Family, in Deinem Hood und in Deiner Clique ausprobiert? Ist dort wirklich jeder dabei, keine Nestlé-Produkte zu kaufen, sich um einen steuerpflichtigen Job zu kümmern, um eine nachhaltige Erziehung der eigenen Kinder und um Konsum jenseits des Plastikwahnsinns?

Woher kommen Du und Greta jetzt, da sich in einem Großteil unseres Landes (den 30-Jahre-„neuen“ Bundesländern nämlich) und in ganz Europa rechte Kräfte längst freigeschwommen haben?

Wo wart ihr und Eure Überzeugungsarbeit an der Basis, wo wir heutigen Looser (CDU und SPD) immer noch (jenseits von Tagesschau und Anne Will) ziemlich viel bewegen (nur kann nicht jeder Ortsverein seinen eigenen Youtube-Channel starten), Euch die Parteien aber zum Mitwirken zu uncool sind, obwohl ihr genau dort tatsächlich etwas verändern könntet?

Ich teile Deine Meinung, dass „junge Leute mehr Politik machen“ sollen, aber diese erschöpft sich eben nicht darin, dass „junge Leute sagen, was Scheiße ist“. (Quelle 4) Das reicht mir nicht. Labern kann ich auch. Machen ist die Parole.

Selbst Stéphane Hessel meinte mit „Empört Euch!“ als alter Résistancler etwas mehr als Kamera an und raus mit dem Scheiß. Vor der Empörung kommt das Engagement. Auch wenn es dort unbequemer ist als in der Komfortzone am PC.

Genau dorthin grüßt Dich, lieber Rezo,

Dein bekennender SPD-Looser,

The Spirit of Kasimir

Foto: Martin Hartung

Rauchende Volts oder Eine alte Dame auf der Intensivstation

20190524_14074216. April 2019. 19 Uhr 10. Mein erster Gedanke war: Dieser Stadt bleibt auch nichts erspart. Mein zweiter Gedanke war, diesen Satz unter einem Foto von Notre Dame und mir zu posten. Mein dritter Gedanke war die Frage, ob ich eigentlich noch ganz dicht bin.

Und schon hatte sich zwischen die Meldung kurz nach sieben und die Schockstarre des Unglaubens, das Googeln nach dem Wahrheitsgehalt und o.g. drei Gedanken eine fette Viertelstunde gequetscht und die Kirche bereits in einen qualmenden Hashtag verwandelt.

Ich schaltete den Computer aus und zog mich vor den Fernseher zurück. Passend auf ARTE ein Film Noir. „Die Wahrheit über unsere Ehe“. In meinem Kopf entfalteten sich Bilder in schwarzweiß: Unweit vom Notre Dame, am Place Dauphine, wohnen Simone Signoret und Yves Montand im Innenhof eines Idylls aus Häusern des 17. Jahrhunderts, während Simenons Maigret zwischen zwei Ermittlungen einen P`tit Crème im Café „Aux Trois Marches“ nimmt, sich Anthony Quinn im Schatten der speienden Chimären als Quasimodo nach Esmeralda verzehrt…

gargouilles

…und Jean Gabin mit Alain Delon im Gefängnis La Santé im 12. Arrondissement eine Hinrichtung dreht, wo ich Jahrzehnte später eine Szene für meinen Roman „Kältetod“ recherchiere. Sie alle liefen wohl fast täglich dort vorbei, an Notre Dame.

Bei allem tödlichen Elend in der Welt wischte dieser Kirchenbrand meiner Sehnsucht nach sicheren Orten eins aus. Ich brauche Parameter, an denen ich mich wie an einem Geländer entlang hangeln kann. Sonst geht meine innere Ruhe flöten.

Paris war mir Heimat und ist mir heute beste Freundin, die ich, wann immer es mir möglich ist, besuche. Zu Notre Dame und seinen Türmen hat es mich nie gezogen. Es sind ihre Schwestern St. Médard, wo am Sonntag auf dem Kirchplatz getanzt wird und St. Eustache, wo die Suppenküche unter bunten Schildern qualmt und eine träge voranrückende Reihe Menschen wärmt. Aber es war nie Notre Dame, wo sich eine bunte Schlange in Türme quetschte, über eine Wendeltreppe kroch, um schließlich ihren Kopf zum Blick über die Stadt zu recken. Im Inneren der Kirche war es düster, ging es bedächtig und bemüht würdevoll zu, so bunt die Käppis der Besucher auch waren. Weltläufig genug, um bis nach Paris zu reisen, provinziell genug, die Kopfbedeckung nicht abzunehmen.

Am Abend des Brandes suchte ich alles zusammen, was mir von Notre Dame geblieben war. Beim Passieren von A nach B wie beiläufig geschossene Fotos aus immer anderer Perspektive, von denen ich nicht wissen konnte, dass es die letzten der Kirche waren, wie ich sie kannte.

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Kürzlich verstarb ein Freund von mir. Ich suchte aus Alben und Dateiordnern gemeinsame Bilder, legte sie als Serie nebeneinander, um unsere gemeinsame Zeit Revue passieren zu lassen und zu einem einzigen Stück Erinnerung in mir zu gießen. Und nun tat ich das gleiche zusammen mit vielen, die ich online trauern sah, mit unserem, unserer Notre Dame, von dem oder der wir noch nie wussten, ob er oder sie nun männlich oder weiblich ist. Wir wissen nur, dass Notre Dame in Jahrhunderten, in denen in der Welt kein Stein auf dem anderen geblieben war, aufrecht gestanden hatte mit Blick auf Galgen und Kanonen, Scheiterhaufen, Panzer und Demonstrationen, Leichen und die glatte Fassade der Polizeidirektion, hinter deren Mauern nur ein Bruchteil all jener zum Einsitzen kam, die unter den Augen des Gotteshauses gestohlen, gemordet und denunziert hatten.

Gebäuden menschliche Fähigkeiten anzudichten liegt jedem so wie mir. Notre Dame: eine von uns. Eine Dame, mit dem Possessivpronomen vereinnahmt.

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Die Glut einer weggeworfenen Kippe oder der Funke eines überhitzten Steckers konnten in Stunden zerstören, was in Jahrhunderten gewachsen war. Diesmal kein Terroranschlag. Diesmal keine Toten und Verletzten. Diesmal kein Bekennerschreiben. Und doch hatte ich das Gefühl, einer Hinrichtung beizuwohnen. Feuer ist das vernichtendste Element der vier. Es kotzt nicht wieder aus, was es einmal verschlungen hat. Flammen nahmen sich, was ich nie wiedersehen würde.

Die Millionen und die Jahre, die nun sofort in den Wiederaufbau gesteckt werden, interessieren mich nicht. Es ist wie bei dem Freund, den ich an den Krebs verloren habe: nie wieder sein Lachen, sein ausgefallener Tanzstil, seine Stirnfalte, wenn es an ernste Themen ging.

Es ist das Unwiederbringliche, das schmerzt und die eigene Endlichkeit verdeutlicht.

Ich werde die wahre Notre Dame, so ausgebessert und vernarbt ihre Haut auch bereits war, nie wiedersehen, und das ist es, was so weh tut. Was selbst bei einem Konstrukt aus gemauerten Steinen weh tut, das sich nicht im Geringsten so um uns schert wie wir es mit seinem Schicksal tun. Weil eben nur ein Stein ist, wohin wir ein Herz interpretieren.

Ein einziges Mal war ich länger da, im Inneren der alten Dame, für einen Krimi natürlich.

Anthologie_Das Fest. phm2014

„In Paris war schon lange niemand mehr gesteinigt worden. Guibert ließ sich seine Faszination für den seltsam verrenkten Körper zu seinen Füßen nicht anmerken, um den er nun wie ein Marabu herumschritt. Es war der 850. Jahrestag des Gotteshauses, der dunkelsten Kirche der Welt. Hier war Jeanne d´Arc rehabilitiert worden, ein Vierteljahrhundert nach ihrem grausamen Tod. Hier hatte sich Napoleon selbst zum Kaiser gekrönt, und hier ruhte noch immer die Dornenkrone, die König Ludwig IX in Konstantinopel erworben hatte. Religiöse Rituale beim Morden tendierten gen null. Vielleicht lag es am fehlenden Glauben der Menschen…“ (aus Patricia Holland Moritz: Das Fest in Sakrament des Todes – 13 Morde auf heiligem Boden, fhl, Leipzig 2014)

24. Mai 2019. 15 Uhr 10. Heute steht die Dame ausgeweidet da, ihre Innereien auf dem Kirchplatz archiviert, bewacht und von weitem fotografiert. Sie lässt keinen mehr an sich heran, hält uns auf Abstand und macht auf Genesung.

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Adieu, Notre Belle. Sie konnten dich nicht beschützen, die seltsamen Gargouilles und einzigen Spielgefährten deines Glöckners, die doch eigentlich bösen Zauber von dir abwehren sollten.

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Photocredits: Patricia Holland-Moritz, 2019 / außer: „Chimäre“ (Fotograf unbekannt)

SOKurzgefasst

Einen so gewaltigen Aufschrei wie den um Juso-Chef Kühnert hätte ich mir bei der kürzlich erfolgten Bekanntgabe deutscher Rüstungsexporte (49 Mrd €) gewünscht.
Juso-Vorsitzender Gerhard Schröder forderte 1978 die Beseitigung der Vorrechte der herrschenden Klasse im Allgemeinen, seine Jusos damals die Abschaffung des Maklerberufs im Speziellen. Die Panik blieb aus und die Makler gibt’s auch noch, so sie sich neben Airbnb halten konnten.
„In jenen Zeiten war das Denken in gesellschaftlichen Alternativen wesentlich normaler als heute.“* Heute äußert sich der aktuelle Juso-Chef zum Sozialismus und sorgt für einen Tsunami im Wasserglas. Statt des Denkens IN Alternativen überlassen wir selbiges nämlich neuerdings DEN so genannten. Und schon finden sich AfD, CDU/CSU und FDP im einheitlichen Protestmodus gegen das Interview eines jungen Wilden, der in einer weniger wilden Wochenzeitung über ein Wort sinniert, das mancher von uns eine Schulzeit lang durchdeklinieren musste.
Die Empörung erreicht eine Kraft, die ich mir beim Schul- und Wohnungsbau oder wenigstens beim Abriss des BER wünsche, und ausgerechnet von CSU-verkehrt-Minister Scheuer wird Kühnert als „verirrter Phantast“ bezeichnet. Schön. Denn ein bisschen mehr Phantasie und weniger B.Scheuert klingt hier nach einer ECHTEN Alternative.

Euer heute kurz angebundener Spirit of Kasimir

 

*Holger Schmale / Berliner Zeitung 3.5.2019