Transmedialer Nosferatu: Großes Kino im Delphi

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1922 war das Jahr der Erstaufführung von „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“. Stephen Kings kürzlich verfilmte Horrorgeschichte um den grausamen Mord an einer Frau und die Albträume ihres Mörders heißt „1922“, und das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Oder doch?

Genau hier beginnen sie, die wunderbar gesponnenen Theorien aus Horror und Mystik um jenes etwas „Mehr“ zwischen Himmel und Erde, das kein Wissenschaftler beschreiben kann und das doch so gern als bare Münze genommen und ausgegeben wird. Gab es sie wirklich, die transsylvanischen Vampire, wie Graf Orlok einer war?

Friedrich Wilhelm Murnau schuf dem Dämon ein Denkmal in einer Zeit, die ihm selbst hart zusetzte. Da war der Bruch mit seinen Eltern wegen seiner Homosexualität und seiner Berufswahl. Da war sein Einsatz im Ersten Weltkrieg, in dem er sein Flugzeug in den sicheren Hafen Schweiz lenkte, während sein Lebenspartner an der Ostfront buchstäblich verreckte. Sein Stummfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ ist als einer der ersten Vertreter des Horrorgenres Filmgeschichte geworden. Nach heutigen Horrorkriterien eher leichter Tobak, was ziemlich viel – und nichts Gutes – über die Zeit sagt, in der wir leben. Von dem Film gibt es mindestens so viele restaurierte Fassungen wie verschiedene Arten der Aufführung. Der US-amerikanische Experimentalmusiker Sean Derrick Cooper Marquardt hat dieser Galerie nun im ehemaligen Stummfilmkino Delphi in Berlin-Weißensee ein weiteres Bild hinzugefügt. Sein S&M Accidental Orchestra Experience Berlin formiert sich immer wieder neu wie bunte Splitter in einem Kaleidoskop, das Resultat in beiden Fällen nicht planbar. Und das ist gut so. Denn wer im Rahmen des «CTM Festival for Adventurous Music and Art» der Transmediale einen kuscheligen Absinth-Abend bei einem Stummfilmklassiker erwartet, hält Rammstein auch für eine deutsche Schlagerkombo, nur weil ihre Lieder „Amour“, „Du riechst so gut“ und „Engel“ heißen.

An diesem Abend im Delphi gab es Experimentelles, und zwar die volle Packung. Auf einem handgewobenen Klangteppich – gemacht aus Accidental Gitarre, Bass, Elektroniksounds, Gesang, gesprochenem Wort, Klavier, Akkordeon, Perkussion, Sampling, Theremin und Violoncello – suchte der alternde Nosferatu die Erfüllung seines höchsten Verlangens und fand Verderb und schließlich den Tod.

Zwischen dem Konzert und der Uraufführung liegen 96 Jahre. Hätte FW Murnau die Premiere seines Filmes ebenso für eine Rückschau um 96 Jahre genutzt, er hätte sie in einer Sternwarte veranstaltet: unter 20 Galaxien, die allein im Jahr 1826 entdeckt wurden.

NOSFERATU MIT SINFONISCHEM LIVE-SOUNDSCAPE nahm einige Hörgewohnheiten auseinander und setzte sie völlig neu wieder zusammen. Es war dem geneigten Hörer eine Erfahrung des Zulassens, wo sonst der Finger so schnell auf der Fernbedienung ist. Experimentelle Musik ist immer auch ein Experiment für die Musiker selbst, was Energien freisetzt, die im Rahmen vorgefasster Tonfolgen oft zwischen den Notenblättern verglühen. Allein das Akkordeon gab den Filmszenen Akzente, wie es ein Cliffhanger am Ende eines Kapitels tut und so ein Buch zum Pageturner macht. Ein Hörerlebnis, das unweigerlich zu einem Gedankenexperiment führt: Woher kommt sie, unsere Leidenschaft für das Monströse? Für Dracula, Frankenstein und die Aliens? „Das Anarchische des Monsters erscheint uns verführerisch“, schreibt Marcus Stiglegger im arte-Magazin, „und doch zeigen wir mit Abscheu darauf. Das Echo dieser Anklage aber lautet: Das Monster – sind wir selbst.“

Weder Nosferatu, noch das (wunderbarerweise von sehr engagierten Betreibern erhaltene) Delphi, noch die experimentelle Musik eines SDCM und seines Orchesters sind gefällig, indem sie um jeden Preis gefallen wollen. Aber eines ist jeder für sich: ganz großes Kino.

 

Fotos: Emma Holland

 

 

 

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