Bewegung im Vielvölkerstaat

Momentan scheint alles in Bewegung. Pegida nennt sich so und wird drei Jahre alt.

Ein dritter Geburtstag hat drei Kerzen auf der Torte, und Heliumherzen kleben an der Zimmerdecke. Der Jubilar trägt keine Windeln mehr und weiß ziemlich genau, dass Spinat nicht zu seinen Lieblingsspeisen gehört. Er kann immer längere Satzfetzen spucken und hat mit Kommunikation noch nix an der Pudelmütze. Er hustet raus, was ihm quersitzt, und die geladenen Tanten und Onkels feiern jede dieser Äußerungen wie die Rezitation eines Rilke-Gedichtes.

Nun hat die Evolution aber auch für die Dreijährigen dieser Welt eine Weiterentwicklung vorgesehen und im konkreten Fall die Entwicklung vom Satzhuster zum Gesprächspartner. Gespräche wiederum setzen mindestens ein Gegenüber voraus, solange es sich noch nicht um Selbstgespräche im Greisenstadium handelt. Kurz gefasst: Einer von beiden muss anfangen zu reden. Mit dem anderen.

  (c) Jan Tomaschoff

Pegida nennt sich Bewegung, als gäbe es ringsum nur Starre. Pegida nennt sich „das Volk“, zu dem ich doch auch gehöre, woraus ich schlussfolgere,  in  einem  Vielvölkerstaat zu leben. In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es „Pegida“ nur in Personalunion mit „AfD“. Beide werden in der dritten Person, wahlweise Singular oder Plural, besprochen, wo doch zum Ansprechen die zweite Person gehört.

Nach der Senatswahl 2016 in kleiner Runde sprach selbst unser Regierender nur in der dritten Person und über den Landesvorsitzenden der AfD, der einen Meter neben ihm stand, statt in der ersten mit ihm zu reden. Ich freue mich auf einen regen Austausch, wäre eine Möglichkeit gewesen, die stiernackig vertan wurde. Schiebst du den anderen mit Ignoranz in die Schmuddelecke, passiert genau das, was du nicht willst: Das Schmuddelkind mausert sich zum Outlaw, der Outlaw ist interessant.

Nach der Bundestagswahl 2017 redete die Kanzlerin vor laufender Kamera davon, die Wählerinnen und Wähler der AfD zurück holen zu wollen. Auch das in der dritten Person. Dabei hätte sie vor dem Millionenpublikum der Sendung am Wahlabend die 12 Prozent davon, die sie zurückhaben will, doch ganz einfach direkt ansprechen können. Ich bin auch eure Kanzlerin, nennt mir anstelle von rassistischen Parolen doch ganz einfach die Alternative, nach der sich eure Partei benennt, her damit, wir reden drüber. – Zweite Person Plural, ganz einfach.

Es fehlt der Mut, sich dieser Partei und ihrer Bewegung zu stellen. Natürlich gibt es Erquicklicheres, als mit Menschen zu diskutieren, auf deren Facebook-Chronik es aussieht wie bei Sudel-Ede damals im „Schwarzen Kanal“. Aber es gibt sie, die Möglichkeit. Tatsächlich.

Es ist ein gutes Jahr her, dass irgendein Clown meine Daten an die NPD und die AfD gleichzeitig weitergegeben hat mit dem Hinweis, man müsse mir nur noch Beitrittsformulare schicken, ich sei soweit. Dem Anruf eines NPD-Ortsvereinlers auf meiner privaten Handynummer (er schlug mir einen Hausbesuch vor – bei mir zu Hause, versteht sich!) parierte ich mit der Frage, ob er mir als SPD-Mitglied den Service des Anbieterwechsels gleich mit anböte. So wie das Telekom und Kabel Deutschland praktizierten. Den AfD-Ausweis in der Post einen Tag später bekam der Absender als Puzzle zurück.

Warum ich das hier erwähne? Weil das schon mal zwei Reaktionen meinerseits auf übelste Beleidigungen waren, bei denen ich nicht ein einziges Schimpfwort verwenden musste, um meinen Standpunkt klarzumachen.

Gibt der Klügere nun nach oder gibt er einfach nur klein bei?

Mit Leuten zu reden, die bereit sind, Politiker mit rassistischen Ansichten in den Bundestag einziehen zu lassen, ist keine intellektuelle Herausforderung, sondern eine gesundheitliche, da sich unsereins immer knapp an der Brechreizgrenze entlang diskutieren wird. Aber diese Demokratie haben wir uns nun mal ausgesucht, und zu dieser Demokratie gehört eben auch jener Schulfreund, der heute AfD wählt und vor nicht langer Zeit noch zur Abiturprüfung das Blauhemd zuhause ließ und Protestler war, als das noch unangenehme Folgen hatte.

Die ersten Anleitungen für eine neue Art der Kommunikation zur Rückeroberung der verlorenen Streitkultur erscheinen nach und nach*… Und es wird noch viele brauchen.

Seit ich den Buchtipp heute bei Twitter gepostet habe, geht es übrigens auf meinem Account zu wie auf einem AfD-Parteitag….

Es gibt also noch einiges zu tun.

Fangen wir doch schon mal an.

Euer

Spirit of Kasimir

*

Leo/Steinbeis/Zorn: mit Rechten reden. Ein Leitfaden, Klett-Kotta, 2017

Kleffner/Meisner: Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen. Ch. Links Verlag, 2017

Bildnachweis:

Cartoon © Jan Tomaschoff

 

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