Johanna Adorján. Meine 500 besten Freunde. Stories.

500besteFreunde (c) phm.2016

Bei der Menge an Büchern über Berlin stellt sich die Frage, ob hier einer nach Antworten sucht.

„Kein Himmel über Berlin“ (Brose) fragt nach dem „Glauben in der Metropole“.

Daneben Spaziergänge „ … kiezig und kitschig, kultig und kulturell, klassisch und konservativ, kämpferisch und kapriziös, keck und keusch“ (Rittberger + Knapp);

Berlin für Junge, für Alte, für Schwule, für mit Kind, für mit Hund, für ohne Geld.

Berlin als Setting für Krimis und Lovestories, für Kriegsgeschichten vor und nach WWI und WWII, vor der Mauer, nach der Mauer.

Berlin zurück bis in die 30er und Döblins Roman „Alexanderplatz“, den Volker Klotz 1969 als „bis heute einzigen belangvollen Roman in deutscher Sprache, der vorbehaltlos die zeitgenössische Großstadt zu seiner Sache macht“ bezeichnete und dem Buch damit einen Rang verlieh, den es bis heute innehat.

Nun gehöre auch ich zu den Nassauern dieser Stadt, weil ich mich für das Reinfühlen und die „Recherche“ für den nächsten Berlin-Krimi („Und schon geh´n wir mit Gesang auf ins nächste Restorang!“) nur vor die Tür, in die S-Bahn und jene „Restorangs“ bewegen muss. Wahlweise willkürlich besuchte Vernissagen unbekannter und selten prägender Künstler; Performances, die ich der spontanen Bierbekanntschaft beim Rauchen vor der Tür noch á la ‚Alle Kunst hat ihre Berechtigung‘ gutrede; S-Bahn-Fahrten mit meinen geliebten „Zahnlückenjohnnys“ („Mein Opa, der hat ja noch ´n dritten Weltkriech mitalebt!“ „Äh, ´n dritten Weltkriech? Den jabs ja noch jar nisch!“ „Aba wenn dit so weitajeht mit die Flüschtlingskrise, denn kommt der bestimmt oooch noch!“).

Alles hier in Berlin ist schon da, muss nicht bestellt werden und wird trotzdem gratis geliefert.

Und als ich gerade denke, ich hätte schon alles gehört, gelesen und eingeatmet, da schenkt mir eine Freundin ein Buch. Eine der Wenigen, die sich das noch traut. Und dann lagen sie vor mir „Meine 500 besten Freunde“ von Johanna Adorján.

Am besten lässt sich der Genuss mit den Worten der Autorin umreißen, die von atemlos drolligen Frauen erzählt und von Leuten, die aussehen, als hätten sie die Zähne von jemand anderem im Mund. Aus der vor mir entrollten Kulisse einer Vernissage („Der Otter“) kehre ich mit dem Gefühl zurück, die ganze Stadt sei „abgefüllt in dickbauchige schwarze Flaschen, deren Flüssigkeit in Hals und Bäuchen unförmiger Gebilde mit Nasen und Augen zu sehen ist“ … Dabei hat die Autorin nur eins der Bilder an der Wand beschrieben, vor der die Geladenen stehen wie die heute Belächelten einst vor des Kaisers neuen Kleidern.

Ein wunderbares Werk – nicht nur innen, auch außen. Hier hat sich der Hersteller ins Zeug gelegt, dass auch ein Ebooknerd der Haptik frönt (und wenn er es ganz heimlich in der Buchhandlung tut, mit der Handfläche über die Prägung auf dem leinenen Einband fährt und am tiefblauen Buchschnitt schnuppert in der Hoffnung auf bewusstseinserweiternde Ausdünstungen).

Die Stories handeln von der Herzinfarktgefahr bei „hidden tracks“ auf Platten und von Kleidern, die man nicht versteht. Und die Autorin schaut der Stadt aufs Maul, das diese Stadt so gerne aufreißt.

Umwerfend, wie die erste Story in der letzten ihre Auflösung findet. Ein Band von Erzählungen mit einem Spannungsbogen. Das hab ich ja noch nie erlebt. Und das ist gut so. Denn deshalb kann ich es euch erzählen.

Johanna Adorján

Meine 500 besten Freunde

Stories

250 S., Luchterhand 2013

Foto: Nezze Holland-Moritz mit Buch. Und mit 500 besten Freunden. (c) phm.2016

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s