Krügers Farbenleere

Vom Mann, dem eine Farbe abhanden kam

blue_c_phm.2015

Was ihn schließlich geweckt hatte, war Krüger egal. Von irgendetwas wurde er immer wach. Und zwar pünktlich eine Stunde, bevor sein Wecker schrillte. Der war ebenfalls auf eine Stunde früher als nötig gestellt. Krügers Augen verengten sich zu Schlitzen. Er hob leicht den Kopf. Stützte sich auf den Ellenbogen ab. Starrte auf das Viereck des Klappfensters über dem Bett. Irgendetwas gab es dort immer zu sehen. Heute rein gar nichts. Er schob die Füße in die Pantoffeln. Schwang sich schwerfällig aus dem Bett. Ließ den Gummizug seiner Jogginghose auf seinen Bauch klatschen. Stopfte den Rand des fransigen Unterhemdes in den Hosenbund und war in Gedanken gar nicht dabei. Er lehnte sich an das Fensterbrett. Öffnete die Klappe bis zum Anschlag. Kalte Luft ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen. Der Blick von hier oben war außergewöhnlich. Trotzdem nutzte Krüger das Fenster nur zum Öffnen und Schließen. Wie zum Beatmen seiner Wohnung.

Krüger kicherte, ganz kurz nur.

Er lehnte sich nach vorn. Stellte sich auf die Fußspitzen. Schaute wieder in den Himmel. Doch da war – nichts. Senkte den Blick auf die Häuser gegenüber. Sie schienen wie aufgemalt auf einen Hintergrund aus Zweckmäßigkeit. Das war ihm noch nie aufgefallen. Vielleicht, dachte Krüger, weil die Häuser sonst anders vor ihrem Hintergrund standen. Oder weil er sie sich noch nie angeschaut hatte.

Krüger schloss das Fenster. Er war es nicht gewöhnt, dass ein Tag schon zu Beginn aus der Spur lief. Den Espresso machte er vorsichtshalber doppelt. Erst war Else von ihm gegangen und dann der Hund. Wobei die Reihenfolge nicht wichtig war. So oder so war Krüger seit vier Jahren allein. Sein Leben war ein Mangelzustand, den er asketisch ertrug.

Er trank den Espresso. Ordnete seine Gedanken: Halbleitertechnik. Der Laser als Präzisionswerkzeug kann seine Vorteile ausspielen. Darauf setzte die Firma. Und Krüger sorgte für einen reibungslosen Vertrieb. Entschlossen klemmte er die leere Aktentasche unter den Arm.

Um acht verließ Krüger die Wohnung.

Von den Kollegen unbehelligt setzte er sich an seinen Schreibtisch. Fuhr den Rechner hoch.

Der Bildschirm mit Dateien gesprenkelt. Krüger räusperte sich. Verbarg sein Erstaunen, als ob ihn jemand dabei hätte ertappen können. Spürte wieder jene diffuse Angst. Am Morgen, am Fenster, hatte er sie noch verdrängen können. Zu lächerlich das Ganze. Wenn er das einem erzählte. Dabei gab es schon lange keinen mehr, der zuhörte. Ihm selbst war es schon zu absurd gewesen, weiter darüber nachzudenken.

Sein Schreibtisch, das ganze Büro war auf Funktionalität ausgerichtet. Keine gerahmten Bilder oder Kinderzeichnungen an der Wand wie sie die Kollegen zur Rückversicherung ihres Lebens brauchten. Jeder Kugelschreiber, jeder Zettel trug das Firmenlogo. Nur das Foto auf dem Bildschirm war ein Relikt aus Krügers Dasein jenseits der Halbleitertechnik. Aufgenommen im letzten Urlaub mit Else. Sie hatte einfach spontan irgendwohin fahren wollen. Einmal im Leben. Doch Krüger mochte keine Überraschungen. Die guten hatten die bösen meist im Schlepptau. Also wieder Darß. Zingst. Ferienwohnung an der Strandpromenade. Woanders war das Meer auch nicht schöner. Als er auf den Auslöser drückte, waren Himmel und See zu einer Farbe verschmolzen. Er hatte den Moment eingefangen, in dem ein Kunstwerk vor ihm entstand. Schon vom nächsten Augenblick war es verdeckt worden. Auf dieses Foto von Himmel und Meer war er stolz gewesen. Und nun lagen die Dateien wie Puzzleteile auf farblosem Hintergrund.

Er schaute auf das Fenster am Ende seines Schlauchbüros. Blickte auf die graue Fassade mit Büropflanzen hinter Glas. Lehnte sich etwas nach vorn. Letzte Etage. Flachdach. Darüber  – nichts.

Der Laser arbeitet berührungslos und wird zum Belichten, Bohren, Schneiden und Abtragen dünner Schichten eingesetzt. Zum Einsatz kommen CO2– und Festkörperlaser. Krüger konnte sich nicht konzentrieren. Entschloss sich zu etwas Ungewöhnlichem: Er verlegte seine Mittagspause um eine Stunde nach vorn. Ging die zweihundert Meter bis zum LIDL etwas langsamer als sonst.

Er sah sie von weitem. Kasse zwei. Er war erleichtert. Dort stellten sich immer die wenigsten an. Das Herdentier Mensch drängte für gewöhnlich gen Mitte. Dorthin, wo sich bereits ein Einkaufswagen am anderen rieb. Sie saß mit dem Rücken zu ihm. Das Haar hochgesteckt. Ihr Kopf bewegte sich leicht hin und her. Sie war im Gespräch. Mit ihm hatte sie sich noch nie unterhalten. Aber immer hatte sie gelächelt. Jeden Tag um zwölf Uhr dreißig. Heute war er früher dran.

Um diese Zeit war wenig los. Eine wohltemperierte Verkaufsausstellung mit leiser Musik. Er nahm einen Korb. Der reichte für Kakaomilch, Krabbensalat, ein Brötchen und zwei Äpfel. Krüger bog in den Gang zwischen Nudeln und Brot ein. Der führte ihn direkt zu Kasse zwei. Zwei Kunden standen vor ihm. Von den Kassen eins und drei schauten gelangweilte Kassiererinnen herüber. Krüger stellte sich an Kasse zwei. Wagte erst jetzt einen weiteren Blick. Konnte nicht glauben, was er nicht sah. Ihre weiße Haut, im bezaubernden Kontrast zu den rötlichen Locken, war blasser als sonst. Nur noch ein Kunde vor ihm. Krüger kannte sie nur sitzend auf ihrem Drehstuhl. Vielleicht war sie so groß wie er, was nicht groß war. Wahrscheinlich aber kleiner. Und korpulent. Der Kittel umspielte ihren Körper wie ein Kleid von Dior. Oft hatte er sich ausgemalt, was sie wohl sonst für Sachen trug. Ihre Brüstchen waren immer ziemlich weit ins Décolleté geschoben. So auch heute. Ihre Bewegungen, wenn sie nach der Ware griff und dann in die Kasse, waren anmutig wie immer. Er war nicht in sie verliebt. Sie war ein unauffälliges Wesen, das seinen Einkauf abkassierte. Für ihn war es eher ein Spiel. Sie jeden Tag zu besuchen, ohne eingeladen zu sein, brachte Abwechslung in Krügers Alltag. Auf der Straße wäre sie ihm nie aufgefallen. Eigentlich war sie ihm egal. Daher war ihm dieses Gefühl unerklärlich, das ihn nun wie paralysiert auf ihren Kittel starren ließ.

Er war an der Reihe. Während er sie anstarrte, nahm sie die Sachen aus seinem Korb. Legte sie geduldig auf das Band. Das Piepen des Scanners nahm er wie eine Sirene wahr; eine, die nicht ihn meinte. Vier Euro zwei Cent. Er zählte das Geld auf den Teller. Packte Milch, Salat, Brötchen und Obst in die leere Aktentasche. Schaute von ihrem Kittel auf. Direkt in ihre Augen. Die waren ihm gleich beim ersten Mal aufgefallen. Für diesen Anblick hatte er das Spiel einst begonnen. Es war nicht ihre Form, Größe oder Kontur. Es war die Farbe ihrer Augen gewesen. Die Farbe, die nun fehlte. Krüger schüttelte den Kopf und ging.

Es war Mittag. Und er wollte sich betrinken. Dann so betrunken ins Bett fallen, dass er am Morgen nicht zur Arbeit gehen konnte. Im Pub roch es modrig nach einer Nacht voller schwitzender Trinker. Am Tresen polierte ein Barkeeper Gläser. Whisky. Doppelt. Mit Wasser oder Eis? Weder noch. Krüger trank nicht. Krüger schüttete. Er bestellte nach. Schüttete und bestellte nach. Trank drei weitere und zahlte. Das machte keinen Sinn, stellte er fest. Nicht einmal Alkohol brachte das Getriebe seines einförmigen Lebens aus dem Takt. Stocknüchtern verließ er den Pub und ging zurück ins Büro.

Von Abtragungsprozessen durch Trockenätzen bis zum Zonenziehen zur Herstellung reinsten Siliziums bot die Firma ihren Kunden ein breites Spektrum an Halbleiteranwendungen. Krüger starrte vom trostlosen Bildschirm aus dem Fenster in den faden Himmel und war in Gedanken beim freudlosen Anblick der Kassiererin. Warum auch das noch?, fragte er sich und fuhr den Computer herunter. Grußlos ging er an den Kollegen vorbei und raus auf die Straße.

Krüger schloss die Augen. Atmete tief ein und aus. Fasste den zweiten Entschluss dieses Tages. Dabei hatte er genau diese Ausflugsvariante sein Leben lang gehasst und gemieden: die Fahrt ins Blaue.

Genau die würde er jetzt antreten.

Bevor ihm auch dieses Blau noch genommen wurde.

 

Shortstory / artwork blue © phm.2015

Johanna Adorján. Meine 500 besten Freunde. Stories.

500besteFreunde (c) phm.2016

Bei der Menge an Büchern über Berlin stellt sich die Frage, ob hier einer nach Antworten sucht.

„Kein Himmel über Berlin“ (Brose) fragt nach dem „Glauben in der Metropole“.

Daneben Spaziergänge „ … kiezig und kitschig, kultig und kulturell, klassisch und konservativ, kämpferisch und kapriziös, keck und keusch“ (Rittberger + Knapp);

Berlin für Junge, für Alte, für Schwule, für mit Kind, für mit Hund, für ohne Geld.

Berlin als Setting für Krimis und Lovestories, für Kriegsgeschichten vor und nach WWI und WWII, vor der Mauer, nach der Mauer.

Berlin zurück bis in die 30er und Döblins Roman „Alexanderplatz“, den Volker Klotz 1969 als „bis heute einzigen belangvollen Roman in deutscher Sprache, der vorbehaltlos die zeitgenössische Großstadt zu seiner Sache macht“ bezeichnete und dem Buch damit einen Rang verlieh, den es bis heute innehat.

Nun gehöre auch ich zu den Nassauern dieser Stadt, weil ich mich für das Reinfühlen und die „Recherche“ für den nächsten Berlin-Krimi („Und schon geh´n wir mit Gesang auf ins nächste Restorang!“) nur vor die Tür, in die S-Bahn und jene „Restorangs“ bewegen muss. Wahlweise willkürlich besuchte Vernissagen unbekannter und selten prägender Künstler; Performances, die ich der spontanen Bierbekanntschaft beim Rauchen vor der Tür noch á la ‚Alle Kunst hat ihre Berechtigung‘ gutrede; S-Bahn-Fahrten mit meinen geliebten „Zahnlückenjohnnys“ („Mein Opa, der hat ja noch ´n dritten Weltkriech mitalebt!“ „Äh, ´n dritten Weltkriech? Den jabs ja noch jar nisch!“ „Aba wenn dit so weitajeht mit die Flüschtlingskrise, denn kommt der bestimmt oooch noch!“).

Alles hier in Berlin ist schon da, muss nicht bestellt werden und wird trotzdem gratis geliefert.

Und als ich gerade denke, ich hätte schon alles gehört, gelesen und eingeatmet, da schenkt mir eine Freundin ein Buch. Eine der Wenigen, die sich das noch traut. Und dann lagen sie vor mir „Meine 500 besten Freunde“ von Johanna Adorján.

Am besten lässt sich der Genuss mit den Worten der Autorin umreißen, die von atemlos drolligen Frauen erzählt und von Leuten, die aussehen, als hätten sie die Zähne von jemand anderem im Mund. Aus der vor mir entrollten Kulisse einer Vernissage („Der Otter“) kehre ich mit dem Gefühl zurück, die ganze Stadt sei „abgefüllt in dickbauchige schwarze Flaschen, deren Flüssigkeit in Hals und Bäuchen unförmiger Gebilde mit Nasen und Augen zu sehen ist“ … Dabei hat die Autorin nur eins der Bilder an der Wand beschrieben, vor der die Geladenen stehen wie die heute Belächelten einst vor des Kaisers neuen Kleidern.

Ein wunderbares Werk – nicht nur innen, auch außen. Hier hat sich der Hersteller ins Zeug gelegt, dass auch ein Ebooknerd der Haptik frönt (und wenn er es ganz heimlich in der Buchhandlung tut, mit der Handfläche über die Prägung auf dem leinenen Einband fährt und am tiefblauen Buchschnitt schnuppert in der Hoffnung auf bewusstseinserweiternde Ausdünstungen).

Die Stories handeln von der Herzinfarktgefahr bei „hidden tracks“ auf Platten und von Kleidern, die man nicht versteht. Und die Autorin schaut der Stadt aufs Maul, das diese Stadt so gerne aufreißt.

Umwerfend, wie die erste Story in der letzten ihre Auflösung findet. Ein Band von Erzählungen mit einem Spannungsbogen. Das hab ich ja noch nie erlebt. Und das ist gut so. Denn deshalb kann ich es euch erzählen.

Johanna Adorján

Meine 500 besten Freunde

Stories

250 S., Luchterhand 2013

Foto: Nezze Holland-Moritz mit Buch. Und mit 500 besten Freunden. (c) phm.2016