Gestern Steilvorlage für „Zonen-Gabi“ und heute dem Ankömmling die Banane neiden oder Warum ich reif für die Insel bin und auch das heutzutage ein schlechter Vergleich ist

Sich dieser Tage auf eine Insel zu wünschen, hat „Geschmäckle“.

Lesbos? Lampedusa? Sizilien? Kos?

Meine Sehnsucht nach jener namenlosen Insel ist groß, die auf der Landkarte meiner Gedanken immer ein wunderbarer Rückzugsort war und nun nicht mehr aufzufinden ist. Einfach verschluckt von den Tagesthemen.

1_Insel_Kos (c) phm.2012

Auf dieser Insel gab es einen Gummibaum und zwei Flaschen Rotkäppchensekt. Und statt eines Fernsehers gab es ein Loch in der Luft, durch das ich gucken und mir meine Gedanken machen konnte. Das Schöne war: Was immer ich dachte, konnte ich im selben Moment laut vor mich hin sagen, ohne mir anhören zu müssen, ich sei doch bekloppt. Und auf dieser Insel war nur ich und die eigentlich Bekloppten waren weit weg.

Also muss ich nun hierbleiben, wo ich wie einst Brecht nun heute gern sähe, wie die Regierung das Volk auflöst und sich ein anderes wählt.

Ein Volk, in dem nicht immer nur auf den Teller des anderen geglotzt wird.

Wann hat es begonnen in diesem – unserem – „Volk“, das „wir“ doch angeblich „sind“, dass aus Frauenrechten eine Frauen-Rechte wurde?

Dass frühere ND-Redakteure in Dresden und anderswo „Lügenpresse“ brüllen?

Dass es einen Unterschied macht, ob ein Taschendieb aus Aleppo oder Ahrensfelde kommt?

Dass ich nicht mehr „Wir schaffen das!“ sagen darf, ohne gleich einen Plan vorlegen zu müssen?

Dass ertrunkene Kinder in der Tagesschau mehr Beachtung finden als lebende Kinder im Lageso?

Dass heute dem Ankömmling die Banane neidet, wer damals die Steilvorlage für „Titanic“s Zonen-Gabi war?

2_Zonengabi (c) Titanic

Wer gestern noch Hunderte von Demos für und gegen Atomkraft, Schwule, Aufrüstung, Abrüstung, Ausmistung, Vernetzung, Versetzung, Kleinkariertes, Schräggestreiftes, Bellendes und Kurzangebundenes tatenlos an seinem Fenster vorbeiziehen ließ, stellt sich heute als Mahnwache vor die Frauenkirche, damit auf deren Kuppel kein Halbmond geschraubt wird.

Ja, geht´s noch?

Idioten gab es schon immer, und das ist gut so, weil auch unsereins gewisse Parameter zur Abgrenzung gegen Dummheit braucht. Aber was, wenn Idioten plötzlich von den eigenen Freunden zitiert werden und ABER zur Widerstandsvokabel mutiert? „Den würde ich nie wählen, ABER da muss ich ihm Recht geben.“ „Ich habe nichts gegen Ausländer, ABER gegen den Flüchtlingsstrom schon.“

Keinem der Neu-Idioten fehlt auch nur ein Euro am Gehalt, seit dieses Land Flüchtlinge aufnimmt.

In keinem Wohnzimmer ist es auch nur ein Grad kälter, weil nebenan eine Turnhalle beheizt wird.

Und jeder, der Frauen begrapscht oder Fußballfans verdrischt, kriegt Augenring und Anzeige, wie sich das gehört – egal woher er kommt.

Ja, muss man das alles betonen?

Wenn sich doch einfach wieder jeder seinen eigenen Dingen widmete, die ihn tatsächlich etwas angehen: Kinder, Job, Liebe. Und die Hilferufe jenen überließe, die tatsächlich betroffen sind; die ohne Unterstützung von den Kommunen und erst recht der Regierung im Stich gelassen werden und die aus eigener Kraft an einem Tag mehr stemmen als ganz Lageso* unter Senatsaufsicht in einem Monat.

Dann wäre nix mehr faul in diesem Volk. Und dann bräuchte ich auch keine Insel mehr.

Dann bliebe ich nämlich hier.

Euer

wandernder Spirit

 

*Nein, das ist kein afrikanischer Stadtstaat.

Fotos

1 – Kos (c) phm.2011

2 – Titanic

 

 

 

 

 

 

 

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