Eine Chronik der Abwesenheit. SEPTEMBERKINDER. Von Susanne Aernecke.

Susanne Aernecke ist Autorin und Dokumentarfilmregisseurin. Beides kann man lernen. Doch Kapitänstochter und fünffache Halbschwester zu sein, kann man nur hinnehmen oder zelebrieren. Ihr ist die vernünftigste Lösung aus beidem gelungen: Sie hat ein Buch darüber geschrieben. Septemberkinder.

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Septemberkinder wurden im Dezember gezeugt. Gerne zu Weihnachten. Wenn der Kapitän auf Landgang war. Bei seiner jeweiligen Frau. Es gab immer nur eine. Und zwar eine nach der anderen. Aber jede wurde geheiratet.

Sowohl ihr Vater als auch die Tatsache, dass sie noch fünf Halbgeschwister hatte, holten sie ein, als sie 18 Jahre alt war. Frühe 80er. Die Leute waren mit dem Aufpolstern ihrer Sakkos und der Pflege ihrer Nackenhaare beschäftigt, als die Tochter über die Oldendorff Carriers GmbH & Co. KG – die größte deutsche und zugleich eine der weltgrößten Stückgut Reedereien – ihren Vater ausfindig machte. Der war ihr bisher nicht verschwiegen, aber totgeschwiegen worden. Das taten die Frauen der Kriegsgeneration. Sie redeten ebenso wenig über ihre Vergangenheit und die dort geborenen und am Ende zerstörten Träume, wie es die Männer taten, die vom Fronteinsatz direkt ins Bordell gingen und dann gegebenenfalls auf die Suche nach ihren Frauen in den Trümmern ringsum.

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Bis dahin war ihr der „Fliegende Holländer“, für den sie ihren Vater hielt, nur in ihrem Lieblingsbuch begegnet, einem Fotoalbum mit dem Hochzeitsbild darin: die Mutter im weißen Spitzenkleid und der Vater in Kapitänsuniform. Vier Streifen.

Nun stand er vor ihr: in Belém, einem Hafen an der Küste Nord-Brasiliens, dem Tor zum Amazonas. Armdicke Taue flogen in Richtung Land und wurden vertäut. Er stand auf der Gangway. Und plötzlich hatte sie einen Vater.
Was folgte, war eine Weltreise mit einer Besatzung aus aller Herren Länder, von denen einige ständig verzweifelt den Kompass studierten, um gen Mekka beten zu können. Zahllose fremde Welten auf ein paar hundert Quadratmetern. Und die fremdeste Welt der eigene Vater.

Ihr blieben 6 Monate, um ihn alles zu fragen. Alles? Oder um einfach nur zu schweigen und sich das zu denken, was er hätte sagen können, was aber in dem wettergegerbten Gesicht und dem liebesvernarbten Herz gefangen blieb. Was er für sich behielt. Für immer. Denn was dann folgte, war sein Tod.

2014, zu seinem 100. Geburtstag, ging sie erneut zur See. Auf die Tour, die ihr Vater so oft gefahren war. Diesmal zusammen mit ihrer Schwester, die sie – wie all die anderen – erst auf des Vaters Beerdigung kennen gelernt hatte.

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Was ist geblieben? Ein Gefühl, nun vollständig zu sein. Die zweite Hälfte ihres Ichs kennen gelernt zu haben. Und Weisheiten wie diese: „Wenn du aufstehst, sind bereits 50 Prozent der schweren Arbeit auf der Welt erledigt – und du hast nichts davon mitbekommen.“ Aber auch, dass man sich nie über andere stellt. (Und sich das Küchenpersonal warm halten sollte.)

Ein Buch über die Abwesenheit von Nähe. Und von der Liebe, die daraus entstehen kann.
Danke, Susanne. Du sprichst nicht nur Septemberkindern aus der Seele.

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Patricia Holland Moritz

Das Buch: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/Susanne_Aernecke_Septemberkinder/15320
Der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=OBJ12URSrdg
Die Agentur: http://www.mp-litagency.com/autoren/aernecke-susanne/
Die Autorin: http://www.afpmunich.de/

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2 Kommentare zu “Eine Chronik der Abwesenheit. SEPTEMBERKINDER. Von Susanne Aernecke.

  1. Wollentarski, Norbert sagt:

    Hallo Patricia,

    ist ja interessant, was Frau Aernecke (ich kenne sie ja auch persönlich) erlebt hat. In letzter Zeit gibt es ja auf einigen Fernsehsendern Serien, wo Kinder ihre leiblichen Eltern suchen (und oft auch finden). Das ist schon erstaunlich. Ich bin ja auch unehelich geboren und hatte eigentlich nie das Bedürfnis, meinen Vater zu finden, weil er sich vor höheren Alimenten gedrückt hat. Ein einziges Mal hat mich meine Mutter ihm vorgestellt (kurz nach meiner Jugendweihe) und wollte statt 20,-Ostmark 40,-Ostmark Alimente haben. Er hat es aber abgelehnt. Da war er dann gänzlich für mich gestorben.
    Ja, aber jede Geschichte ist anders.
    Viele Grüße
    Wolli

    • Ich danke Dir für Deinen Kommentar, lieber Norbert. Der ist mindestens so berührend wie Susannes Buch. All die Geschichten (ich will es nicht gleich „Schicksale“ nennen), die überall schlummern… Vielleicht lassen sie sich doch so nach und nach erzählen, verarbeiten und auch verzeihen. Alles Liebe, pat

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