Fifty Shades of Grey und Hundred Ways to Stay Away

SOK_Shades of Bäh

Abb.: Das Buch zum Film vom Buch von Linus Höke.

Irgendwas ist los heute. Irgendwas ist von der Leine. So auch bei Frau Umlauf. Die trägt mal wieder ihre Möpse vor sich her. Muss sie auch, denn der eine hat´s mit den Hinterläufen, der andere ist blind, und Frau Umlaufs Oberarme sind auf die Größe von Parmaschinkenkeulen herangewachsen, seit sie die Viecher schleppen muss. Heute sehe ich Frau Umlauf schon am Nachmittag und noch dazu viel selbstbewusster als sonst ihre Möpse spazieren tragen. Normalerweise schlurft sie versteckt im Morgengrauen oder Abendrot damit durchs Weitlingkiez und nicht wie jetzt zur besten Sendezeit auf der Flaniermeile aus Spätverkaufsstellen und Dönerrestaurants. Irgendwas liegt in der Luft, was ihren Gang zu einem federnden macht, dem auch eine gewisse Koketterie mit ihren Möpsen nicht abzusprechen ist. Ganz Berlin und halb Lichtenberg scheinen im Sexfieber. Herr Ziervogel von der Sparkassenfiliale ist gar nicht erst am Arbeitsplatz erschienen.

„Isser weggefahren?“, frage ich seine Vertretungskollegin, die sofort errötet.

„Nee, hat spontan freigenommen.“

Da Herr Ziervogel in etwa soviel Spontanität ausstrahlt wie Horst Seehofer auf Baldrian, hake ich nochmal nach.

„Ach! Hatter´n Date?“

Meinem leicht untersetzten und sehr viel älter als 30 aussehenden Bankberater sei sowas wirklich mal gegönnt, selbst von mir. Trotz Dispo mit verbrecherischen 14% Zinsen.

„Ähem. Nee. Hat Kinokarten für Berlinale.“

Aus ihrem Mund klingt das so, als wäre Ziervogel mal eben nach L.A. gedüst, um am Dolby Theatre schnell das Sparkassen-Logo für die Oscar-Verleihung aufzuhängen.

„Und da läuft doch heute dieser Sexfilm.“

Dass sie damit „Fifty Shades of Grey“ meint, geht mir auf, als ich Herrn Ziervogel kurz darauf im Baumarkt treffe. Hat jene Ana im Buch mal keinen Sex mit Herrn Grau, dann arbeitet sie in einem Baumarkt. Eines Tages kauft Herr Grau dort ein Seil, Kabelbinder und Klebeband.

Mit ebenjenen Utensilien im Körbchen (Größe „H“ wie „Hellweg“) steht Herr Ziervogel in der Kleintierabteilung und bohrt sich in der Nase herum.

„Herr Ziervogel! Hatten wir heute nicht einen Termin bezüglich meines Schuldenschnitts?“

Überrascht schaut er mich an, einen Hügel aus Popeln an der Hosennaht breitschmierend. Die ausgestreckte Hand lehne ich ab wie ein Geschenkabo des „Wachturms“.

„Richtig. Bei Ihnen wird das aber eher eine Umschuldung“, versucht Herr Ziervogel auf meine Kosten witzig zu sein.

Jetzt ist Ablenkung vom Thema angebracht und ich schaue neugierig auf die Fundstücke in seinem Hellwegkörbchen.

„Wird das ein Hamsterkäfig oder ein Aquarium?“

Er hat mir gar nicht zugehört. Sein Blick schweigt Bände und klebt an mir wie seine Popel an der Hosennaht. „Haben Sie heute Abend schon was vor? Ich habe zwei Karten für die Berlinale.“

Warum können manche Männer nicht verstehen, dass es nicht reicht, ein Mann zu sein, um mit einer Frau auszugehen? Ich habe vielleicht nicht den Sex Appeal einer Miley Cyrus, aber darf ein ungepflegter Mittdreißiger, den bisher wegen konsequenter Abwesenheit von Charme und Körperpflege keine Andere wollte, deshalb annehmen, dass ich einen ganzen Abend mit ihm verbringen möchte? Und davon mindestens 90 Minuten an seiner Schulter klebend?

Mr. SuperNext please!

Zumindest hab auch ich jetzt geschnallt, dass dieses Knistern in der Luft den bevorstehenden Koitus einer ganzen Nation andeutet. Und das in Deutschland. Gibt man bei der online-Bildersuche weltweit „Germans“ ein, erscheinen Bilder von Schäferhunden, Bierflaschen und gelben Wagen mit dem Logo der Deutschen Post. Und nun gibt ausgerechnet das größte deutsche Filmfestival den Startschuss zur Sexschmonzette jener 50 Varianten von Grau. Das Werk hat S-Bahn-Leser dazu bewegt, wieder den guten alten Schutzumschlag aus Zeitungs- oder Geschenkpapier zu falten. Oder sich doch das vorher so rigoros abgelehnte Ebook-Lesegerät („Ick les nur Bücher aus Papier! Ick brauch watt Happtischet!“) schenken zu lassen. Und das alles nur, damit im morgendlichen Berufs-Verkehr keiner sieht, wie eingeschlafen der eigene Verkehr sein muss, wenn man sowas wie:

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… nun schon heimlich liest. Was wir Deutschen unter Erotik zu verstehen haben, schreibt das Fernsehprogramm vor, vom Promidinner im Swingerclub bis zum notgeilen Bauern, der dann doch die übriggebliebene Schwiegertochter der letzten Staffel nimmt oder sich beim Frauentausch bewirbt, um die nebenberufliche Domina auf Hartz 4 zu verkosten. Was hat die Nation auf viagraeske Impulse aus dem Ausland gehofft á la „91/2 Wochen“ und „Die Klavierspielerin“. Und dann sowas.

„Ach lassen Sie mal, Herr Ziervogel. Ich kann mir zwar nichts Aufregenderes vorstellen, aber ich muss auch mal verzichten lernen.“

So lasse ich ihn stehen. Das vergebliche Zirpen der Grillen in ihren Gefängnissen aus Styropor übertönt Herrn Ziervogels leises Weinen. Mich zieht es in die Sanitärabteilung, ich kaufe Rohrreiniger, Saugglocke und Minzbonbons und ignoriere beim Hinausgehen den schlüpfrigen Zungenschlag des Kassierers, als der mir „noch einen schönen Abend“ wünscht.

 

Es lässt Euch für heute – keusch grüßend – zurück

Euer

Spirit of Kasimir.

(Abb. 2+3 artwork (c) phm.2015)

 

 

 

 

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