Neulich im Hackendahl: phm trifft Pascal von Wroblewsky – oder Über die geistige Sprungkraft der Anderen

1986 trug man im KASCH in Karl-Marx-Stadt Angelika Weiz-Brille und tanzte nach Pascal von Wroblewskys „Swinging Pool“.

Wer ihren Namen auch noch unfallfrei aussprechen konnte, im sächsischen Sprachraum nicht ganz ohne, war ganz weit vorn, was damals noch „stark“ hieß und der Vorgänger von „cool“ war. Jeder Schallplattenunterhalter freute sich eine Rille ans Knie, weil er mit Pascals Mucke die 60% DDR-Musik- Regelung zumindest ansatzweise erfüllen konnte. Jazz in der DDR hatte zwar schwarz zu sein und aus Amerika zu kommen, aber die Amiga-Pressung „Swinging Pool“ erfuhr ihre Vergoldung – und wir irgendwie alle mit.

„Das waren nicht einfach nur Songs. Das war das Gefühl, dass es da noch etwas anderes gibt außer dieser vermieften DDR“, sagte Pascal im Interview mit Katharina Weiß und dem MAGAZIN. http://www.dasmagazin.de/kennt-jeder-kann-jeder/ Sie meinte damit ihre wild gemixten Musikkassetten. Und für uns kam genau das Gefühl aus dem „Swinging Pool“…

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Einen Mauerfall und zahllose Futschis später – 1991. Berlin Kreuzberg. Samstagabend, 21 Uhr.

Jobben ohne Lohnsteuerkarte war noch möglich (der Artikel ist den Mitarbeitern des Finanzamtes Friedrichshain-Kreuzberg gewidmet), und ich stand hinter dem Tresen eines hier nicht näher benannten Etablissements am Heinrichplatz. Ein typischer Vertreter der Ein-Wort-Kundschaft bestellte ein Bier. Das waren nicht etwa einsilbige Zeitgenossen, im Gegenteil: Ihr Pegel hatte bereits die Höhe der Stimmbänder erreicht, an dem ganze Sätze zu einem Wort zusammenschmolzen.

Ich zapfte. Er guckte aufs Bier. Dann auf das Plakat „Pascal von Wroblewsky im Franz Club“ an der Wand hinter mir. Dann auf seine Uhr. Dann wieder zu mir. Dann wieder auf das Plakat. Dann wieder auf seine Uhr. Dann kam´s: „Sachma-kannste-mir-sagen-wie-du-hier-mein-Bier-zapfen-kannst-während-du-im-Franz-Club-uffe-Bühne-stehst?“

Ich glaube, ich faselte etwas von eineiigen Zwillingen und dass nur unsere Mütter uns unterscheiden könnten…

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Mehrere Wroblewskys und eine Holland-Moritz später – Januar 2015. Berlin Mitte. Im Hackendahl.

Ein Motorroller mit einer Frau hinten drauf, deren Familie pro Generation einen Philosophen hervorbringt: Rückblende – die drei Sartre-Bände, in den 80ern bei Aufbau erschienen, teilten wir in der Buchhandlung damals gleich unter uns auf. Von jedem waren 1000 bestellt und 4 geliefert worden. Gelesen habe ich davon nur das jeweilige Nachwort des Philosophen Vincent von Wroblewsky…

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… so sparte ich mir den kompletten Sartre und wusste trotzdem Bescheid über den „Soldaten Sartre“, seiner Angst vor technischen Mängeln beim Schreiben und seine „morganatische Ehe“ mit Simone de Beauvoir. Eine „Scharlatanin“ nennt man so etwas wie mich, und Pascal stimmte zu und wollte auch eine sein.

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Unsere Themen an dem Abend?

  • das Skizzenbuch im Kopf, in dem immerzu Bilder entstehen, aus denen Musik wird
  • das Facebook bei Nacht, und dass immer irgendeiner wach ist
  • Wikipedianer wie Pascal, die für ordentliche Netzschreibweise sorgen
  • der Seismograph für das Aufspüren von Intelligenz: die Verwendung von dass und das, als und wie, seid und seit (und ich füge heute ran und dran noch hinzu, da nun schon jeder an sein Telefon „dran“ geht)
  • inspirierende Castings, bei denen man abgelehnt wird und trotzdem gewonnen hat
  • Russland und seine wunderbaren Musiker und Blender
  • wie sich auf der Bühne nach vorne strahlen und nach hinten dirigieren lässt
  • Textarbeit als weißer Nebel, durch den es sich hindurch zu tasten gilt
  • die Weisheit der Harry-Potter-Bücher
  • die geistige Sprungkraft einer Anita Augustin: „Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand. Blöd, wenn er gerade die Faust ballt.“

Was geht, was kommt?

SALZBURGER FESTSPIELE 2015

BERTOLT BRECHT / KURT WEILL – MACKIE MESSER – EINE SALZBURGER DREIGROSCHENOPER

Nach einem Ausnahmecasting bei Sven-Eric Bechtolf wird Pascal von Wroblewsky unter der musikalischen Leitung von Martin Lowe (Tony-, Grammy-, Drama Desk- und Obie Award) zu Mrs. Peachum… Sommer 2015. http://www.salzburgerfestspiele.at/schauspiel/mackie-messer-dreigroschenoper-2015

 

„WEIBER!“ (Schwestern teilen. Alles.)

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Idee: Jeder zweite Mord in Deutschland bleibt unentdeckt. Wer das nicht ausnutzt, ist selbst schuld…

Buch und Regie: Pierre Sanoussi-Bliss. Schnitt: Robert von Wroblewsky. Pascal spielt unglaublicherweise eine Sängerin. (Wahrscheinlich notgedrungen, weil die Rolle der Busfahrerin nicht vorgesehen oder schon vergeben war… 😉 )

Wunderbarer Soundtrack, nachts im Bett direkt aus dem Skizzenbuch im Kopf auf Pierres Rechner getrötet: https://soundcloud.com/sanoussibliss/soundtrack-weiber

Zum Film läuft eine Crowfunding-Campagne unter https://www.startnext.com/weiber-der-film

 

Was läuft, was war?

DIDI UND STULLE AN DER NEUKÖLLNER OPER

„Berliner Schnauze im Belcanto“ (Tagesspiegel)

Librettistin Anita Augustin („Der Zwerg reinigt die Kittel“ und „Alles Amok“ bei Ullstein), Regisseur Eike Hannemann und Komponist Matthias Herrmann, Pascal als big bad mother uff Stulle (Fotos Anna Melody und Katja Schmidt), Sommer 2014

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PASCAL – SEVENTIES SONGBOOK: Rockklassiker aus den 70ern neu aufgenommen…

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https://www.youtube.com/watch?v=PQ7PIrhaMZI&index=2&list=PL4gtMnB4d6fyevRN7vXsrRqucktASRGui

 

PERM 36 – DER LETZTE GULAG

Im Sommer 2011 war Pascal von Wroblewsky zu Gast in Perm und sang Brecht.

Das ehemalige Lager Perm-36 ist das einzige Gulag-Museum in Russland, das gegen das Vergessen kämpft. Seit 2005 findet dort jährlich das Internationale Menschrechtsforum Pilorama statt. Neben russischen Künstlern, wie z.B. dem Rockmusiker Juri Schewtschuk oder dem Liedermacher Juli Kim treten immer wieder internationale Gäste auf. Ihr Sohn Robert von Wroblewsky begleitete Pascal mit der Kamera und hielt die Eindrücke im Lager und bei den Konzerten fest:

https://www.youtube.com/watch?v=pXWa2I066SE

 

 

Noch´n Spruch zum Schluss?

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Ehrfurcht kenn ich nicht. Ich kann nichts fürchten, was ich ehre.

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Das technische und theoretische Training hört nie auf. In deiner Arbeit musst du präzise sein, um frei sein zu können.

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Ich war immer ein Spielkind, bin es geblieben und möchte auch heute noch auf Bäume klettern, ins Land gucken und schauen, was sich da tut.

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Das wird ein Jahr… Merci, Pascal!

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