Werkstattbericht “Das Chamäleon II” – Vom Entstehen eines Romans – Part Three – Recherche im Gefängnis „La Santé“ in Paris

Die Vorbereitung…

Nach einem Jahr intensiven Bemühungen nun die befreiende Nachricht – in Verbindung mit einem Besuch in einer Haftanstalt ein wohltuender Begriff:

Am Dienstag, dem 2. Dezember 2014 um 14 Uhr bin ich im Pariser Gefängnis „La Santé“ („Die Gesundheit“) für lediglich eine Szene im neuen Buch, in welcher der Häftling Mathieu Ceva (aka Mathurin, Mittäter von Thierry Paulin) nach seiner so genannten „lebenslänglichen“ Freiheitsstrafe wieder auf freien Fuß gesetzt wird.

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Freilassung ist keine Befreiung. Die Kerkerstrafe ist zu Ende, nicht die Verurteilung.

Victor Hugo, Die Elenden

Meine Ermittlerin Rebekka Schomberg hat einen eigenen Begriff von Gerechtigkeit und ist der Meinung, dieser Mann, „die Bestie von Paris“ (Marie-Luise Scherer im SPIEGEL, 1991), habe sein Leben verwirkt. Wird sie ihn ausfindig machen und sicherstellen können, dass er niemandem mehr Schaden zufügt?

Der Besuch in La Santé wäre nicht vonnöten, schließlich lässt sich alles online und in Büchern recherchieren. Doch es geht um mehr. Ich muss den Gang sehen, den er entlang läuft zum Haupttor. Muss die Atmosphäre erspüren, in der er fünfzehn Jahre vegetierte und die er nun verlässt. Denn dieses Gefängnis, eine Trutzburg aus dem 19. Jahrhundert, ist, so heißt es in Le Monde, ein „Ghetto, unsere Schande“.

Während des Zweiten Weltkrieges waren in La Santé neben Kriminellen auch Gegner der deutschen Besatzung inhaftiert.

Bis kurz vor Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich im Jahr 1981 diente La Santé als Hinrichtungsstätte. Die letzten Enthauptungen fanden am 28. November 1972 statt, betroffen waren die Mörder Roger Bontems und Claude Buffet (auf dem Bild beim Verlassen des Gerichtsgebäudes Richtung La Santé).

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Das Treiben in La Santé kümmerte dann lange niemanden. Für 1200 Insassen konzipiert, saßen zeitweise 1800 Häftlinge aus 81 Nationalitäten ein. Vor fünf Jahren durchbrach die damalige Anstaltsärztin Véronique Vasseur die Mauer des Schweigens.

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In ihrem Bestseller „Chefärztin in La Santé“ beschrieb sie den alltäglichen Wahnsinn voller Gewalt, Drogen, Selbstmorde und Vergewaltigungen – voller Schmutz und Ungeziefer: Bis zu 200 Kakerlaken zählten Gefangene im Bettzeug. „Oft müssen vier Häftlinge auf 7,20 Quadratmetern vegetieren, mit nur einer Toilette und einer Klorolle pro Monat“, schrieb die Ärztin. Ein Häftling sei fast erstickt, als ihm Wärter eine Tränengasbombe in die Isolationszelle warfen. Da es keine unabhängige Kontrolle und keine Beschwerdestelle gibt, kann das Personal seiner Willkür freien Lauf lassen. (Quelle: FOCUS)

Berüchtigte Insassen (Fotos /CV: Wikipedia / Wikimedia):

Ilich Ramírez Sánchez (aka Calos, der Schakal), venezuelanischer Terrorist, der für zahlreiche internationale Anschläge ab 1973 verantwortlich ist. Seit 1994 inhaftiert. 1997 und 2011 jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt.

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Issei Sagawa,  japanischer kannibalischer Frauenmörder. Befand sich nach seiner Tat nur wenige Jahre in psychiatrischer Unterbringung und veröffentlichte mehrere Sachbücher und Romane.

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Jacques Mesrine, französischer Gewaltverbrecher. Aufgrund der Morde und seiner Gewalttätigkeit war Mesrine bis zu seinem Tod in Frankreich Staatsfeind Nummer 1. In der Öffentlichkeit war er aufgrund seiner Fähigkeit, mittels Verkleidung unerkannt zu bleiben, auch als Mann mit den tausend Masken bekannt und wurde als moderner Robin Hood stilisiert. (siehe auch „Loi Mesrine“: Nach seiner erfolgreichen Autobiografie, die während seiner Haft schrieb, erließ die Regierung ein Gesetz, das festlegte, dass niemand mehr Gewinn mit der Veröffentlichung seiner Verbrechen machen dürfe.)

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Marie-Claude Vaillant-Couturier, Mitglied der Résistance, wurde durch ihre Aussage bei den Nürnberger Prozessen einem breiteren Publikum bekannt. (Image par Henri Cartier-Bresson)

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Arsène Lupin, fiktiver Meisterdieb, eine Romanfigur des französischen Autors Maurice Leblanc.

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Guillaume Apollinaire, französischer Autor italienisch-polnischer Abstammung. Seine Lyrik gehört zur bedeutendsten französischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. (Das Foto entstand 1911 während seines Prozesses um den Raub der Mona Lisa aus dem Louvre.)

Guillaume Apollinaire

Au revoir á Paris. Ich nehme (gestreiften) Pyjame und Zahnbürste vorsichtshalber mit.

phm

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Ein Kommentar zu “Werkstattbericht “Das Chamäleon II” – Vom Entstehen eines Romans – Part Three – Recherche im Gefängnis „La Santé“ in Paris

  1. Gudrun Jänisch sagt:

    Liebe Pat,
    ich hoffe, du bist nicht sooo begeistert vom berühmten Pariser Gefängnis, dass du gleich um Aufenthalt gebeten hast. Bestimmt hast du erstaunliche Einblicke, wenn es auch nur Augenblicke waren, in das Leben eines Häftlings bekommen. Deine intensiven Recherchen, deine Neugier und dein intellektueller Charme werden dem neuen Buch sehr gut tun. Davon bin ich überzeugt.
    Ich grüße dich ganz herzlich
    gu

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