Werkstattbericht “Das Chamäleon II” – Vom Entstehen eines Romans – Part Two

Gegen das Vergessen der eigenen Ideen und deutschen Sprache ankämpfen zu müssen, ist brutal.

Gerade beim Schreiben (aber mittlerweile auch beim Reden) spüre ich die gefürchtete Blockade. Ich kann mir problemlos ein Schnitzel und ein Bier bestellen, aber ein Synonym für das hundertste „beeindruckend“ in meinem Buch fällt mir nicht ein. Waren sie anders geboren, die Modianos und Irvings?

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In der „Gasse der dunklen Läden“ erzählt unser frischgebackener Nobelpreisträger Modiano von einem Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Und ich freu mich einfach nur darüber, die alte Ausgabe (1984, Aufbau Verlag) tatsächlich im Regal und damals sogar gelesen zu haben, jetzt, da Modiano den größten Preis von allen bekommen hat.

Guy Soundso hat das Gedächtnis für sich selbst verloren, und ich meins für Worte, und da stoße ich auf ihn, der seit Jahren in meinem Regal steht und lese ihn wieder, weil er gerade diesen Preis bekommen hat.

„So ist also von dem, der ich einst gewesen bin, nur ein Schatten im Gedächtnis zweier Barkeeper geblieben, noch dazu halb verdeckt von dem Schatten eines gewissen Stioppa de Djagoriew.“

Und ich muss sie schnell verwenden, die Worte und Ideen, die ich gerade habe, weil sie sonst den Hang hinunterrollen und sich dort unten zu einem Steinhaufen türmen, der undurchschaubar ist. Denn der Alltag so ganz nebenbei bleibt mir beim Schreiben ja auch nicht erspart. Ich muss mit der Idee schnell zu Potte kommen, weil der Impuls sonst wieder verebbt im Aufwischenmüssen von Katzenkotze, im Aufhängenmüssen vom Duschvorhang, und das Einkaufen bei Norma auch sonntags bis 22 Uhr nicht zu vergessen.

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Und weil es um Crystal Meth geht im Chamäleon II zu alldem auch noch „Breaking Bad“ auf dem Bildschirm, mal liegt das Skript drüber, dann nur Ton, aber das reicht völlig, dann wieder liegt das Bild drüber, das ich am liebsten malen würde, weil ich sowas, denke ich, in Worten nicht wiedergeben kann. Als wären aus meinem Wörterbuch ein paar Seiten rausgerissen, die nun ein Anderer hat, nämlich genau der, der die besseren Bücher schreibt.

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Freu mich über den Modiano, weil ich zwei von ihm im Regal und gelesen habe, so auch über den Irvingschen „Garp“ und den Hellerschen „IKS-Haken„. Habe sie in einem Alter gelesen, als ich noch die Erste damit war und die anderen Asterix in Zeichensprache zitierten.

Warum weiß ich dann heute nicht mehr, was drin steht? Außer der Stelle mit dem Blowjob im Auto bei Garp und dass ich beim IKS-Haken auch am Ende nicht wusste, wie er funktioniert und das für eine besonders gewiefte Idee des Autors hielt? Und warum sind aus all der quergepflügten Musst-du-gelesen-haben-Lektüre lediglich der Highsmiths`sche Schneckenforscher und Kishons Plastikschuppen hängen blieben, die sein Held den Leuten auf der Rolltreppe im Kaufhaus auf die Schultern streut?

Kommt man als Schreiber mit diesem mageren (mit fehlt ein besseres Synonym, siehe oben) Handwerkszeug weiter?

Ich sollte durchatmen und mir was Gesundes kochen, begegne in der Küche jedoch einer angerissenen Tafel Schokolade, und Kochen hat sich damit auch erledigt.

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Alles geht weiter. So auch das Vergessen, das vielleicht schon bald in einem überraschenden Erinnern gipfelt.

Wünscht mir Glück!

phm

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Werkstattbericht „Das Chamäleon II“ – Vom Entstehen eines Romans – Part One

“Writing about a writer’s block is better than not writing at all.”
Charles Bukowski, The Last Night of the Earth Poems

Es gibt keine Entschuldigung mehr – ich schicke Rebekka II auf die Piste, die sie hoffentlich zum Jahresende im Ziel und mit einem zweiten Fall für das Chamäleon im Gepäck erreicht. Ich bin der strukturiert-optische Typ Autor. Um mich herum und in mir drin muss Ordnung herrschen…

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… an der Wand genügend Platz für Pinnwände mit Zetteln zum Aufbau des Buches sein: Artikel aus der Recherche und Zeichnungen sowie Fotos zur Motivation…

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Motivation. Und ein Moodboard des Unerreichbaren: einen Roman zu verfassen, der spannend und stimmig ist und noch dazu auch rechtzeitig fertig wird. Ich habe bis zum Jahresende, und auch das – nicht das Jahresende, aber der Termin – ist bereits neu vereinbart. Das Thema ist brisant, es mangelt mir nicht an Schreibzeit, aber ich verbringe die wertvollen Stunden mit Interviews, Zeitungslektüre, und die Google-Alerts zu meinem Thema legen mir täglich das Email-Postfach lahm.

„Bei einem Roman die Recherche zu loben ist ungefähr so, als lobe man die Rechtschreibung. Beim Schreiben eines Romans ist Recherche einfach eine mehr oder weniger lästige Notwendigkeit.“ – Andreas Eschbach auf seinem Blog

Und trotzdem ist sie für mich das A und O, entsteht doch dabei so manche ganz neue Geschichte…

Ich nehme Euch mit beim Schreiben – wünscht mir Glück… 😉

phm

 

Neulich in der Ringbahn: Die Zahnlückenjohnnys – Part Two

Eine Truppe Strausberger Schulanfänger hatte wohl gerade ihren ersten Ausflug. Ich sah die kleinen Zahnlückenjohnnys eines morgens in der S-Bahn. Jeder etwa nen halben Meter hoch. Eifrig in Diskussionen vertieft.

„Die ham doch jar keene Bombn mehr!“

„Klar, die baun doch imma noch welche!“

„Quatsch, die finden doch nur noch so olle vonn letztn Kriech! Unn die wern denne entscheäft!““

„Nee die baun ooch noch neue, übaall!“

„Watt denn, die Merkel ooch? Dätt wüsst ick aba!“

Einer war der Anführer. Dicke Hornbrille, kaum Zähne im Mund, sah aus wie ein kleiner Opa. Der war offensichtlich der Klug-Kopf des ganzen Haufens, denn alle lauschten ihm gespannt.

„Mein Opa, der hat ja noch ´n dritten Weltkriech mitalebt!“

Total ergebenes, staunendes Schweigen bei den anderen kleinen Käfern, allen stand der Mund offen.
Bis einer schüchtern zu bedenken gab: „Äh, ´n dritten Weltkriech? Den jabs ja noch jar nisch!“
Klug-Kopf wurde rot und schwieg.

Sagte ein Anderer, der offensichtlich beim Klug-Kopf noch Karriere machen wollte: „Aba wenn dit so weitajeht mit die Finanzkrise*, denn kommt der bestimmt oooch noch!“

(*Stand 2008) / photo: filmsnotdead(c)Robert Doisneau

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