Die Einsamkeit des Chlorhühnchens

Es geht die Mär, in Hoeneß´ Würstchenfabrik ginge es drunter und drüber, seit er in Landsberg einsitzt. Hat sich da tatsächlich ein mit Genmais gemästetes Chlorhühnchen in selbstmörderischer Absicht in eine Wurstpelle gepresst? Als vorzeitlicher Märtyrer des Freihandelsabkommens sozusagen?

In Ermangelung eines Chlorhühnchen-Fotos gibt es das von den Zeitungsentchen. 

kein chlorhühnchen

Danke, © Mathias Voigt / Literaturtest

Nein. Alles war ganz anders. Es begann nämlich so:

Bischof Tebartz-van Elst suchte eine neue, adäquate Bleibe. Und zum ersten Mal machte mir das Wort „adäquat“ pusteligen Ausschlag, stellte ich mir doch vor, wie der Bischof auf seiner von mosambikanischer Kinderhand geschnitzten Sänfte aus Elfenbein sitzt und sein Blick auf das gerade entstehende Berliner Stadtschloss fällt… Sanft schwingt Tebi das bischöfliche Hinterteil aus dem komfortablen Sitzmöbel, als er absolut ungeplant in einem versprengten Teil des CSD-Umzugs landet, da es in diesem Jahr gleich zwei Paraden gibt: den 36. Berliner Christopher Street Day…

Demonstrationen-zum-Christopher-Street-Day

©dpa

(für den hatte Wowi kurz am BER die Maurerkelle aus der Hand gelegt) … und den ersten CSD des Aktionsbündnisses CSD 2014.

Denn eins ist schon mal klar: Wir sind immer nur so weit Weltmetropole, wie die eigene Toleranz reicht. Und die reicht in der Suppenküche Berlin genau von einem Tellerrand zum anderen. Während Museveni in Uganda den Beschluss unterzeichnet , wonach Schwule und Lesben ob ihrer sexuellen Orientierung zu lebenslanger Haft verurteilt werden können, streiten sich Schwule und Lesben in Berlin um die Markenrechte am CSD. Jau, vielleicht täte eine kleine Dienstreise in eine Krisenregion mal ganz gut.

Tebi jedenfalls vollends verzückt inmitten einer bunten Truppe aus Polizeiuniformen und Schulmädchenränzchen sieht das Objekt der Begierde geradezu sekündlich wachsen, denn dessen Wiederaufbau gewinnt plötzlich an Tempo, dass einem schwindlig wird. Tausende Bauarbeiter wurden vom BER zum Neubau des Berliner Stadtschlosses abgezogen und können nun hier in Mitte mit über-flüssigem Beton gleich noch die eine oder andere Stele des Holocaust-Mahnmals reparieren. Hier übrigens läuft ja kein Streit, hier läuft ein Abstreit:

Hab ich als Kind was Offensichtliches abgestritten, gabs einen Satz langgezogener Ohren, heute aber ist der Abstreit die neue Streitkultur:

  • Middelhoff streitet ab, dass ihm Gläubiger auf die Pelle rücken oder er einem Herrn Berger was schuldet.
  • Schwarzer und Hoeneß stritten anfangs ihre heimliche Erfindung des Steuereinbehalts ab – ab, Resultat bekannt.
  • Tebi war natürlich nie Erster Klasse auf Sozialreise nach Indien unterwegs – Ergebnis bekannt.
  • Wulff ist mit seinem Buch „Ganz oben – Ganz unten“ nun irgendwo in der Mitte gelandet und, nein, war nicht der rechte Mann für den Job des Präsidenten, denn Halbwahrheiten sind auch keine Wahrheiten.
  • Eisenman streitet die Auswahl des Betons für die Stelen ab – noch ergebnisoffen, uns fliegt nur einmal mehr unsere Vergangenheit um die Ohren.

Wer ist nun Schuld an der buchstäblich bröckelnden Fassade des Gedenkens? Peter Eisenman, der Mann mit der eisernen Überzeugung, dass sich mit ihm zwar jedes Pferd, aber bestimmt kein Beton „stelen“ lässt? Oder doch das Kuratorium der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“?

Möglicherweise leidet das Stelenfeld an der gleichen „Bindegewebsschwäche, die 1989 schon die Mauer zum Einsturz brachte“ (Für diese Idee danke ich explizit „Zippert zappt“ – Die Welt). Bleibt zu hoffen, dass irgendwann auch mal ein Betonkopf davon befallen wird. Apropos Betonkopf: der Chemnitzer Nischl!

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© tumblr/sinnlaus

Der trug doch tatsächlich eine Woche vor WM-Start schon sein T-Shirt. (Ich wusste gar nicht, dass Kik auch so große Größen fertigt.)

Auf Facebook sorgte die Aktion für heftige Diskussionen. Unter anderem forderte ein Nutzer, den „Schund“ so schnell wie möglich wieder zu entfernen…

Subbor!

Lasst bloß keinen Spaß zu in der Republik! Ihr Proletarier aller Länder, versteinigt Euch in Eurem Ernst und – ja, die Fußballgucker sind auch an den Straßenkindern in Brasilien schuld und auch an den Gesetzen, die Merkel jetzt hinter ihrem rückgratlosen Volk durchgewinkt kriegt. Das bringt mich auf die Frage: Wie lässt sich in diesem Land der Meckerer und Nörgler eigentlich mal ein vernünftiger Widerstand organisieren? Nicht mal Wahlen scheinen sich dafür zu eignen: Geht man nicht hin, gewinnen die Rechten, und immer, wenn man hingeht, gewinnt komischerweise Merkel…

Womit wir wieder beim Chlorhühnchen sind, mit dem hier eigentlich alles anfing. Aber ich verrat Euch was: Ich wollte gar nichts über das Chlorhühnchen schreiben, finde nur das Wort so süß (leicht chlorig im Abgang), dass ich es in die Überschrift gepackt und Euch bis hierher damit gefesselt habe.

Kennt ihr das Buch von der Sesamstraße mit dem Monster auf der letzten Seite? Du blätterst und blätterst und Grobi versucht, dich mit Seilen, Kleber und Beton (!) am Weiterblättern zu hindern, weil doch am Ende das Monster wartet, und was machst du, Brutalo? Blätterst trotzdem weiter in deiner unstillbaren Neugier und sadistischen Lust daran, Grobi leiden zu sehen? Und dann am Ende… ist da gar kein Monster, wäre da geradezu ein Nichts, wenn da nicht Grobi stünde, total erleichtert, weil nix passiert ist?

Sesamstraße

(c) Familienalbum Grobi

Das Buch hat mich als Kind wohl geprägt. Zum Glück hab ich damals noch nicht „Unterm Rad“ gelesen. Das wäre blöder ausgegangen…

Schützt die Chlorhühnchen! Sie können nix dafür!

Euer

Spirit of Kasimir

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2 Kommentare zu “Die Einsamkeit des Chlorhühnchens

  1. Wollentarski, Norbert sagt:

    Liebe Patricia,

    herrlich, wieder einmal alles genau auf den Punkt gebracht. Aber bitte nichts gegen meine Merkel – obwohl, ich werde ab jetzt immer SPD wählen, schlieߟlich ermöglicht mir Frau Nahles die abschlagfreie Rente mit 63.
    In diesem Sinne weiter so.
    ܜbrigens, das mit dem €Chlorhühnchen€œ hat geklappt, ich war sehr neugierig, was das ist â hätte aber auch so Deine Kolumne gelesen.
    Viele Grüߟe
    Wolli

    • Rena Keller sagt:

      Liebe Patricia,

      mit großer Freude gelesen:-))))

      Kenne das Buch von der Sesamstraße nicht, aber Grobi ist klasse.
      Und das Chlorhühnchen will ich sehen, schmecken weniger 😉

      Alles Liebe
      Rena

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