Tom Grote – Wolfsburg! Ein Liebesroman. (Knaus 2014)

Last Exit Wolfsburg

Über Hannover sagte Harald Schmidt: „Die Stadt liegt zwar nicht am Arsch der Welt, aber man kann ihn von dort aus sehr gut sehen.“

Und damit meinte er wohl Wolfsburg, die Stadt, die es im Gegensatz wiederum zu Bielefeld tatsächlich gibt.

Bochum und Wolfsburg wiederum ähneln sich insofern, dass beide einsilbig klingen, aber zwei Silben haben. Grönemeyer kann „Boch`m“ so hinscheppern, dass es wie aus dem bierfahnigen Mund eines Stahlarbeiters klingt und Gänsehaut garantiert. Mit „Wolfsburg“ geht das irgendwie auch. Aber die Gänsehaut bleibt aus und es riecht einfach nur nach Bier.

Googelt man Deutschlands hässlichste Städte, kommt Wolfsburg auf Platz zwei hinter Ludwigshafen, vor Salzgitter, Hamm und Pforzheim. Ich nominiere noch Chemnitz, was noch hässlicher war, als es Karl-Marx-Stadt hieß. Wolfsburg hingegen hieß immer schon Wolfsburg, sah auch schon immer so aus, und ausgerechnet dorthin muss der Jan wegen der Line.

Tom Grote hat einen Roman über eine Un-Stadt, eine Nicht-Gegend geschrieben, und das auch noch mit Liebe. Eine Stadt… (und ab jetzt zitiere ich, weil man es einfach nicht besser machen kann als der Autor), … in der leider alles auf einen Blick zu sehen ist; in der die Leute ihr Schweigen reifen lassen; in der es Billigbäcker gibt, vor denen Menschen auf Dingen herum kauen, die nicht aussehen wie gebacken, sondern wie gebaut; in der Generationen von Stadtplanern daran scheiterten, daraus etwas Lebendiges zu machen; eine Stadt, von der aus man gen Osten fährt, dahin, wo Dorfstraßen durchs Dorf und Thälmannstraßen trotzdem nicht zu Thälmann führen.

Ich lese eine Rührei-Bestellung, wie ich sie noch nie gelesen habe und fühle mich bald schon selbst umgeben von Dingen, die wirken, als würden sie gleich sterben und von Leuten, die nach ausgepresstem Mai duften.

Und irgendwie typisch für Wolfsburg beginnt alles mit Auto und endet auch mit Auto – der konsequente Handlungsbogen eines Romans, der mit Liebe beschreibt, was mit dem Verstand nicht zu begreifen ist: warum wir mögen können, was auf den ersten Blick unmögbar erscheint.

Nach der Lektüre dieses wunderbaren Romans ist man selbst wie Wolfsburg: ganz weit vorn (wenn auch auf der Liste der hässlichsten Städte), gelassen und beschichtet wie ein Autoblech, an dem alle dummen Sprüche abperlen.

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Taschenbuch, 320 Seiten
ISBN: 978-3442713257
€ 9,99 [D]
Verlag: btb

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