Der Spirit auf Traumfang

Ich lasse meine geneigten Leser sowieso schon an allem teilhaben, was sich im Kasimir´schen Spirit tagsüber abspielt, also erzähle ich nun auch mal, wovon ich nachts träume.

Wenn der Traum, wie so schön philosophisch beschrieben, „der Sonntag des Denkens“ ist, dann war dieser ein verkaufsoffener. Es gibt wenige Träume, an die ich mich so ungern erinnere wie an diesen: Ihr müsst mir versprechen, dass diese Kolumne nicht kopiert oder sonstwie vervielfacht, öffentlich aufgeführt oder rumerzählt wird, denn das könnte ihre Verfasserin auf direktem Wege hinter die geschlossenen Mauern einer Anstalt führen.

Mein Traum begann ganz harmlos in einem Vorort von Delhi, wo Mister Ramajit Raghai, ein 96-jähriger Bauer, seine 52-jährige Frau, nachdem sie ihm in kurzer Folge zwei Kinder geboren hatte, eindringlich bat, sich doch endlich sterilisieren zu lassen. `Recht hatter`, dachte ich noch, `der will ja auch noch was vom Leben haben`.

Da Entfernungen im Traum keine Rolle spielen, fand ich mich, noch auf einem Curryhühnerschenkel herumkauend, in Eisleben wieder, der Geburtsstadt Martin Luthers. Ich konnte mir gerade noch die fettigen Finger am Sari abwischen, als mich die Bürgermeisterin mit den Worten begrüßte, die russische Punk-Band „Pussy-Riot“ bekäme nun doch nicht den Luther-Preis „Das unerschrockene Wort“.

(Theologe Friedrich Schorlemmer hatte den Bandnamen zurecht mit „Muschi-Krawall“ übersetzt, trotz der nicht gerade undeftigen  Sprache Luthers auf die sinnentleerte Nominierung hingewiesen und dies als These mit aus Schwertern geschmiedeten Pflugscharen an Wittenbergs Kirchenportal genagelt.)

Diese heilige Kuh war also vom Eis, und ich schlitterte weiter durchs Traumland.

Angekommen in der Sesamstraße, traute ich meinen Augen nicht: Elmo war verschwunden, auch in seiner Kuschelecke (Mülltonne) keine Spur von ihm.

ELMO – wenn er da ist

Und dann der Hammer: „Sex Skandal in der Sesamstraße!“, und Elmo in U-Haft. (Ullsteins TB „Kinder brauchen Monster“ von Gerald Jones sei hier der Form halber erwähnt, in meinem Traum war es bereits vergriffen…) Elmos Alter Ego Kevin Clash wehrte sich zwar vehement gegen die Vorwürfe seines Exfreundes, aber ein Kindheitstraum war dahin.

Wie wild zappte ich nach diesem Schock durch meine Traumkanäle, landete beim ZDF und zuckte zusammen: „Gud´n´aaaaaaaaaaaaaaaahmd!“

Alle Mainzelmännchen mit Trauerflor am Arm! Ihr Papa war gestorben. Und ich dachte immer, Erfinder solch reizender Geschöpfe blieben schon zur Belohnung ewig am Leben, hätte es aber spätestens seit Astrid Lindgren besser wissen müssen.

„Bleibt zu hoffen, dass die nun ordentlich Waisenrente beziehen und uns nicht neben all den Griechen auch noch auf der  Tasche liegen, nicht wahr!“, hörte ich es dort in der Kantine munkeln, wo der Flachbildschirm mit Flachfernsehen verkündete, die Finanzminister der Eurozone würden sich nun erst Mal auf 2013 und 2014 konzentrieren (macht ja Sinn, denn 2012 ist gleich rum) und dem Land eine Summe von etwa 13,5 Milliarden € zur Verfügung stellen.

„Pah!“, lachte Tom Cruise sich eins, während er sich an der warmen Theke ein veganes Rumpsteak orderte, „für so eine lächerliche Summe verklage ich in einer Drehpause mal eben Life and Style wegen der Heulefotos meiner Tochter!“ Da hat er zwar ein bisschen übertrieben, aber 50 Millionen $ waren es dann doch, und ich träumte…

Schwammhändler auf KOS

…wie Suris Tränen ein griechisches Dörfchen vorm Bankrott retteten.

Um bei etwas Lektüre auf andere Gedanken zu kommen, betrat ich den nächsten Buchladen, wo ein ganzer Stapel von „All In: The Education of General Petraeus“ auslag, obwohl das Buch doch erst zum Heiligen Abend in den USA erscheinen sollte.

Die Buchhändlerin machte mich freundlich darauf aufmerksam, ich hätte da ein ganz heißes Eisen in der Hand. Weil doch die Verfasserin der Biographie des CIA-Chefs quasi Schuld an seinem Rücktritt ist, obwohl er ihr gar keine Geheimnisse offenbart hat.

„Aber, wenn keine Geheimnisse drin stehen, wer kauft denn dann das Buch?“, erkundigte ich mich, marketingtechnisch voll auf der Höhe, und erntete nur befremdetes Schulterzucken.

„Darauf einen Dujardin!“, traumseufzte ich, und der Kellner der Buchhandlung, der wegen rückläufiger Bücherverkäufe nun die Gastronomie in dem Laden ankurbeln sollte,  brachte ihn mir sogleich zusammen mit der aktuellen Tageszeitung. (Der Kellner steckte mir noch die Info, Gastro sei ein Geheimtipp, spätestens seit Ex-Porsche-Chef Wedeking eine Pizza- und Pastakette gegründet hat.)

General Petraeus und seine Biografin, las ich da, hatten sich etwas mehr aufeinander eingelassen, als es im Buchvertrag festgelegt war. Bei einem Mann mit dem Charme eines aufgebackenen Brötchens muss es wohl die Quantität an Titeln vor seinem Namen gewesen sein, die ihn so anziehend machte. Einen der Titel, den des Oberkommandierenden in Afghanistan nämlich, gab er nun flugs an seinen Stellvertreter George Allen weiter, der neben dem Titel auch Petraeus´ Schwäche für außereheliche Vertraulichkeiten mit übernahm, nun seinerseits in die Schlagzeilen geriet und der Bezeichnung „Generalverdacht“ eine ganz neue Bedeutung verlieh.

Und das alles kurz nach den US-Wahlen, die so vielversprechend gezeigt hatten, dass es Mitt Romney nicht geht aber ohne Romney ganz gut. Pustekuchen. `Nur ein Traum!`, träumte ich weiter und dass es undenkbar wäre, wenn Leute wie unser Autor in Afghanistan unter so fadenscheiniger Obhut stünden: Jonannes Clair – Vier Tage im November, soeben erschienen bei Econ

Weitaus harmloser ging es zu, als mich mein Traum zurück in meine heimatlichen Gefilde Brandenburgs brachte, genauer gesagt nach Hoppegarten bei Berlin.

Die endlose Organspendediskussion war noch nicht mal vom OP-Tisch, da machte ein freiberuflicher KFZ-Händler Sargnägel mit Köpfen und entführte einen Transporter von Brandenburg nach Polen. Die zwölf Särge samt verstorbener Mitbürger, die ursprünglich nach Meißen zur Einäscherung gebracht werden sollten, fand man kurz darauf wie zum Open-Air-Happening eines Sargschreiners in einem Waldstück verteilt im polnischen Konin. (Waren die Verblichenen zu Lebzeiten nicht in Polen gewesen – nun waren sie da.)

Viel interessanter aber fand ich, dass es offenbar billiger war, Einäscherungen (natürlich nur wenn man den Umweg über Polen rausrechnete) im sächsischen Meißen statt in Brandenburg durchzuführen. In Brandenburg verdient die Frisöse nur knapp über drei Euro die Stunde. Was verdient denn dann der Einäscherer in Meißen? Zahlt der drauf, damit er seine Arbeit machen kann?

Mein Radiowecker sprang an, das SWR2-Chanson des Monats groovte mich allmählich wach, das von einem Flughafen berichtete, den Berlin sich bauen ließ, dem „stillsten Flughafen der Welt“, und noch einmal driftete ich ab und flog…. An einem Postkartenständer vorbei, auf einer Karte war er abgebildet, der „Flughafen Berlin Brandenburg“, von „Willy Brandt“ umbenannt in „Lothar Späth“…

Und als mein Radiowecker dann die Buchtipps versprühte und ich „Fifty Shades of Grey“ vernahm, wusste ich, dass ich der Brandenburger Frisöse einen Besuch abstatten würde mit einem zünftigen Trinkgeld auf ihren Untertariflohn, bevor sich zu meinen „Fünfzig Sorten Grau“ im Haar auch noch die Einundfünfzigste gesellte….

Wie schön, dass das alles gar nicht wahr sein kann

findet

Ihr und Euer

Spirit of Kasimir

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