Mutterstöchter (Roman)

„Mein Leben gehörte der Abrechnung mit meiner Zwillingsschwester.“

Lydia Fuchs wird in eine ziemlich chaotische Familie hineingeboren. Im Karl-Marx-Stadt der späten 60er Jahre züchtet ihr Vater in Ermangelung von Arbeit Tomatenpflanzen am Prüfstand der Barkas-Werke, und ihre Mutter geht nur zur Maidemo, weil es danach ein Schnäpschen mit den Mädels gibt. Ihre Scheidung feiern die Eltern so rauschend, dass sie von der Geburt eines Sohnes gekrönt wird. Lydia teilt ihren Alltag gerne in Listen auf, um die Welt, die um sie herum aus den Fugen zu geraten scheint, mit Büroleim zu kitten, in Tabellen zu zwängen und zwischen Aktendeckeln klein zu halten. Und über allem schweben die zynischen Sprüche ihrer Zwillingsschwester Irma wie ein Damoklesschwert. Irma ist natürlich die Bessere, Erfolgreichere, Schönere, Schlankere von beiden, und ihre Häme bekommt nur Lydia zu spüren. Nach der Scheidung ihrer Eltern verschlägt es auch die Schwestern in verschiedene Gegenden. Lydia verlässt die DDR und geht nach Paris. Irma hingegen nutzt ihre Beziehung zu einem zwanzig Jahre älteren Maler, um die Künstlerwelt kennenzulernen, sich von ihrer Familie zu lösen und nach dem Fall der Mauer auf Weltreise zu gehen. Lydia ist währenddessen ständig auf der Suche. Sie sucht Freunde, doch sobald sie eine Freundschaft aufbauen konnte, zieht sie weg und fängt wieder neu an. Sie sucht nach Anerkennung als Schriftstellerin, doch der einzige Roman, den sie je zu Ende schreibt, geht im Trubel eines durchgeknallten Literaturzirkels in Paris verloren. Sie sucht beruflichen Erfolg und landet in halbgaren Arbeitsverhältnissen. Sie sucht einen Mann, der zu ihr passt, gerät an einen Homosexuellen und bekommt auch noch ein Kind von ihm.

„Doch irgendwann verlandete der fruchtbare Arm des Flusses, an dem ich wohnte. Verlanden war so wie versanden. Es dauerte nur länger, bis man es kapierte: Ich muss hier weg. Hier tut sich nichts mehr, weil ich nichts mehr tue, sondern mich im Kreis bewege, ohne dass es ein Kreislauf ist.“

Lesung in Berlin Hönow am 5. Juni 2012

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