Handgeknüpfte Perücken zur Feier des abgesagten Weltuntergangs

Peer Steinbrück (Bundesfinanzminister a.D.) erklärt dem Spirit of Kasimir die Finanzkrise:

Finanzkrise für Dummies: Ein kleines Hotel an der Côte d`Azur. Ein russischer Oligarch kommt rein, knallt dem Hotelier einen 500€-Schein auf den Tresen. „Ich schau mir mal die Zimmer in der oberen Etage an.“ Erfreut nimmt der Hotelier die 500€ und gibt sie seinem Caterer. „Hier, die schulde ich dir noch.“ „Super!“ Der Caterer nimmt die 500€ und geht zu seinem Lieferanten. „Hier, die schulde ich dir noch.“ „Super!“ Der Lieferant nimmt die 500€ und geht zu seinem Fleischer. „Hier, die schulde ich dir noch.“ „Super!“ Der Fleischer nimmt die 500€ und geht zu seiner Lieblingsprostituierten. „Hier, die schulde ich dir noch.“ „Super!“ Die Prostituierte nimmt die 500€ und geht zum eingangs erwähnten Hotelier. „Hier, die schulde ich dir noch.“ Der russische Oligarch kommt die Treppe wieder runter. „Die Zimmer gefallen mir nicht.“ Nimmt den 500-€-Schein vom Tresen und geht.

Ausführlicher nachzulesen ab 5. Oktober in „Zug um Zug“ mit Helmut Schmidt, dann endlich im Taschenbuch bei Ullstein

Wer hier der Angeschmierte ist? Na, der deutsche Hotelier! Denn der russische Oligarch war in Wahrheit ein griechischer Rentner! (Sie wissen schon, das sind die, die man an den von Geldscheinen ausgebeulten Hosentaschen erkennt.) Und das Hotel stand in Wahrheit auch nicht an der Côte d`Azur, sondern mitten in Jammerland, da, wo die Lappen wohnen. Nein, nicht Finnland! Schleckerland! Richtig! Da, wo es vor kurzem noch „For you vor Ort“ hieß. Nach einer Kritik des Vereins deutscher Sprachwelt hatte Schleckers Pressesprecher betont, der Spruch dürfe so doof sein, Schleckers Kunden seien es ja auch. Lässt sich heute süffisant ergänzen: Lieber doofe Kunden als gar keine mehr. Wäre interessant herauszufinden, ob auch jener Florian Baum heute arbeitslos ist und wie seine Schicksalsgenossinnen als „Anschlussverwendung“ (O-Ton Vizekanzler Rösler) zur Erzieherin umgeschult wird, vielleicht zum Leiter einer Baum-Schule? Auf dass es den Zöglingen dank gelungener Ausbildung mal besser gehen möge als ihren soeben entlassenen Müttern. Die haben zwar nicht viel mehr verdient, als Teppichknüpferinnen in Kabul, haben aber weitaus mehr Umsatz gebracht, wo sich doch nach Kabul nur hin und wieder ein deutscher Entwicklungshilfeminister verirrt, um einen Teppich zu kaufen. Ganz Deutschland regt sich auf! Natürlich wäre es schön, Afghanistan könnte neben seiner Opiumernte auch ein bisschen Geld mit Kunsthandwerk machen. Und auch die Zollfreiheit ließe sich wie beim Opium auf den Teppichhandel ausweiten. Aber wir Deutschen können nun doch wirklich nicht alles in die Hand nehmen! Bescheiden wie er ist, hat BND-Chef Gerhard Schindler in einem Nebensatz erwähnt, auch noch einen Teppich mitgenommen zu haben. Das macht dann schon mal zwei verkaufte Teppiche für die afghanische Knüpferin. Zwei Männer im Sturm der Kritik, dabei hätten sie es verdient, sich den nächsten Friedensnobelpreis zu teilen, schließlich nehmen sie auf ganz unspektakuläre Weise dem Außenminister und der Bundeskanzlerin zugleich ein paar Aufgaben ab! Sie sind auf Undercover-Friedensmission und wurden kürzlich bei einem ihrer selbstlosen Einsätze vom Spirit of Kasimir geknipst* – beide getarnt als friedliche Afghanen:

Hinten: Niebel, vorn: Schindler – nach einem Perückenkauf in Kandahar. (Perücken sind zollfrei und werden nicht mit einer Maschine des BND eingeführt, sondern von den Trägern selbst per Incognito-Linienflug.)

(*Für die Chance dieses Schnappschusses danke ich an dieser Stelle meinem geschätzten Freund und Leser Peter Schmidt aus Paris.)

Mensch, warum kaufen Sie denn bei IKEA? Doch nur, weil es nach Afghanistan keine Billigflieger gibt! Als hätte er einmal zu oft das Wort „Teppich“ gehört, meldete sich nun auch noch Hansi Flick zu Wort, wollte seinen Stahlhelm aufsetzen und groß machen. Dabei setzt man sich zum groß machen doch eigentlich auf den Nachttopf und nicht ihn sich auf den Kopf. Fertig war der Flickenteppich aus einer Woche News.

Als mein Kater, Nezze Holland-Moritz, zum ersten Mal von Blutspendezentren für Tiere hörte, verkroch er sich tagelang im Garten.

Nezze Holland-Moritz als Holunderzweig getarnt vor seinem Gang zur Blutbank.

Hunde und Katzen müssen jetzt schon ran. Kriegen dafür Pass und Medaille. Die Spendefähigkeit für kleinere Haustiere wie Hamster und Kreuzspinnen hingegen wird noch erforscht. Wie auch die Möglichkeit, den gemeinen Langhaardackel mit dem Blut eines Chinchillas exotisch etwas aufzupeppen. Während Deutschland noch die Organspende diskutiert (statt sich forschungstechnisch einmal Richtung Organtausch zu orientieren, dann könnten beide Teilnehmer weiterleben), ist das bei den Tieren längst durch. Mir spendete bisher monatlich ein Schwein seine Leber. Bis ich erfuhr, dass der Schlächter genau 5 Sekunden für die Betäubung meines Spenderschweins hat, aber offensichtlich 10 Sekunden zum Aufsetzen des Bolzens braucht. Anders lässt sich nicht erklären, dass 12 % meiner Spendertiere unbetäubt in kochendes Wasser geworfen werden. Vielleicht sollen sie dann ja als Hummer verkauft werden, was bei den Aldipreisen wiederum schwer vermittelbar ist. Ich will ja nicht gleich ein ernährungswissenschaftliches Überlebenstraining absolvieren, aber von der Freiheit namens „Das kommt mir nicht auf den Teller!“ darf es bei mir fortan etwas mehr sein:

Brigit Frohn / Das kommt mir nicht auf den Teller / Ullstein Tb / 7,95€

Frau Frohn befasst sich hier auch mit dem „light“-Stempel auf Nahrungsmitteln. Von Zigarettenschachteln wurde er gelöscht, bei der NATO taucht er nun wieder auf. Diese setzt auf Verteidigung light – „smart defense“.  Hat ein Staat im Baltikum beispielsweise kein Geld für eigene Abfangjäger, wird er abwechselnd von der Luftwaffe größerer Mitgliedsstaaten wie Deutschland geschützt, das gilt auch für Luxemburg, Island und Slowenien. Im Gegenzug verfügt bspw. Lettland über genügend Sprengstoffspezialisten für den Einsatz in Afghanistan, freigesetzt wiederum durch den  Verzicht auf die eigenen Jäger. Für die europäische Raketenabwehr stellen die USA die Abfangsysteme, die wiederum die Europäer auf lange Sicht mitbezahlen sollen. Schuldenkrise also auch bei der NATO. Das alles klingt verdammt nach Fiskalpakt: Alles bündeln, dann teilen, dann mal gucken, wie es läuft. Klingt aber auch nach einer Lösung, nach Licht am Ende des Tunnels in apokalyptischen Zeiten, und dazu passt die Nachricht, dass der Weltuntergang nun doch nicht stattfindet! Sie lesen richtig: Abschnallen, Sauerstoffmasken wieder im Gepäckfach verstauen, zurücklehnen, entspannen.

Und wiedermal haben wir die Rettung vor dem Weltuntergang den Amerikanern zu verdanken. Ein US-amerikanisches Team von Archäologen entdeckte in Guatemala eine Mauer mit einer Inschrift der Maya.

Abgesagter Weltuntergang

Entdeckt wurde ein Kalender, der viel weiter in die Zukunft reicht als sein Vorgänger, nämlich bis ins 7. Jahrtausend. (Dann wird die ganze Chose wohl nochmal diskutiert, aber bis dahin hat Obama auch seine Wahl gewonnen). Ich bin sowieso davon überzeugt, dass in Barack Obamas Adern auch Maya-Blut fließt und er einst sowohl die Nachricht vom Weltuntergang als nun auch die Annullierung desselben wahltaktisch klug lanciert hat. Somit hätte auch sein Friedensnobelpreis im Nachhinein seine Rechtfertigung, und die Gesundheitsreform – naja – die wird für ihn nun wohl ein Klacks. Wer wollte sich denn schon mitsamt seiner versteckten Krankheiten registrieren und einem System ausliefern lassen, das am 21. Dezember 2012 sein jähes Ende finden sollte?

Bezeichnend ist dabei, dass ein Volk aus der Nachbarschaft der Mauerreste vor der deutschen Botschaft in Caracas für die Rückgabe eines 30 Tonnen schweren Steines demonstriert, der ihm heilig ist. Dieser Stein ist im Berliner Tiergarten als Kunstwerk ausgestellt. 50 verschiedene Indianerstämme aus Venezuela wollen diesen Stein zurück. Nun wäre es nach der guten Maya-Nachricht aus Guatemala doch das Mindeste, diesen Stein unverzollt, der Sicherheit halber in einen Teppich gewickelt, mit einer Maschine des Bundesnachrichtendienstes das Land verlassen zu lassen. Inmitten der Protestierenden wurde eine täuschend echte Kopie von Dirk Niebel gesichtet, dank seines Tarn-Käppis sehr gut zu erkennen. Wenn er sich als Entwicklungshilfeminister nun auch noch darum persönlich kümmert, dann hat er in meinen Augen nach dem Friedensnobelpreis auch noch einen neuen Titel verdient: der Steinheilige.

Ich wünsche Ihnen schöne Reiseziele  im Sommer und freu mich mit Ihnen auf die nächsten 7000 Jahre.

Herzlich, Ihr und Euer Spirit of Kasimir

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Caritas Führer „Die Montagsangst“ – mit einem Vorwort von Marianne Birthler

Ullstein Verlag / List Tb ISBN 9783548610931 € (D) 9,99

„Die Angst hat einen Namen. Sie heißt Montag.“

So beginnt die Geschichte des Pfarrerkindes, das für den Fahnenappell am Montagmorgen auf dem Schulhof weder die Pionierbluse noch das FDJ-Hemd hat. Und durch sein Anderssein allein dasteht gegen Lehrer, Mitschüler und die mächtige Unterdrückungsmaschinerie des Staates. Mit der rigorosen Schilderung der Erfahrungen eines Kindes im Schulalltag der DDR geht die Autorin seit Jahren auf Lesereise. In dieser Neuauflage erzählt sie über ihre Erfahrungen, die sie auf ihren Reisen macht, und die verschiedenartigen Reaktionen der Zuhörer. Weit deutlicher als alle Reden zum Tag der Deutschen Einheit vermittelt dieses Buch dem Leser ein authentisches Stück deutsch-deutschen Alltags.

Christian Führer „Und wir sind dabei gewesen“ (Sachbuch)

  Christian Führer mit Patricia Holland Moritz

Ullstein Verlag 2009 / List Tb ISBN 978-3-548-60984-3  € (D) 8,99

»Für Führer war es eine friedliche Revolution. Den Begriff Wende hasst er, weil er von Egon Krenz stammt. Den Begriff Wendehals lässt er aber zu. Und Leute, die sich mehrfach gewendet haben, nennt er Wendilatoren. Humor gehörte auch zum Überlebenspaket in der DDR.« (NORDWEST ZEITUNG/ 16.03.09/Reinhard Tschapke)

»9. Oktober 1989, Leipzig. Keine Gewalt. Ein Wunder biblischen Ausmaßes. Und wir sind dabei gewesen!« Pfarrer Christian Führer »Führers Memoiren sind ein wertvoller Beitrag zur Erinnerung an die Jahre 1989/90. Zur Erinnerung daran, dass der Anstoß zur Demokratisierung nicht von Politikern kam, und schon garnicht von denen aus dem Westen – sondern aus der Bevölkerung der DDR.« (DEUTSCHLANDFUNK/ 09.03.09 Michael Kuhlmann)

Zwanzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung spricht Pfarrer Christian Führer, der Initiator der Friedensgebete, die zu den Montagsdemonstrationen in Leipzig führten, erstmals umfassend über die Ereignisse um den 9. Oktober 1989, den Tag, der zum Sinnbild für die friedliche Revolution in der DDR wurde. Dem Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche gelang es – auch mit Hilfe der Leipziger Sechs, zu denen der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur zählte – die Eskalation mit der Polizei und Staatssicherheit zu verhindern. 70.000 Menschen demonstrierten friedlich vor der Kirche und riefen „Wir sind das Volk“. Seit den frühen 80er Jahren hatte Pfarrer Führer zu den Friedensgebeten in seine Kirche geladen, bei denen es um die drängenden Fragen der Zeit ging. Er sprach mit Ausreisewilligen, Wehrdienstverweigerern oder Umwelt- und Friedensaktivisten – er fragte nicht nach ihrem Glauben, denn Pfarrer Führers Ansinnen war: „Nikolaikirche – offen für alle“. Die in dieser Zeit erlangte Popularität nutzte Führer auch nach der Vereinigung und widmete sich den Problemen der neuen Zeit. Er gründete eine Erwerbsloseninitiative, verhinderte Aufmärsche von Neonazis oder protestierte gegen die Schließung traditioneller Unternehmen. Christian Führer erzählt von  Begegnungen, die für ihn wichtig waren, etwa mit Michail Gorbatschow, mit dem er 2005 gemeinsam den Augsburger Friedenspreis erhielt, oder mit Erzbischof Desmond Tutu. Er erinnert sich an seine Visionen zur Wendezeit und resümiert, was heute davon geblieben ist. Auf diese Weise vermittelt sein Buch einen tiefen und sehr persönlichen Einblick in die deutsche Zeitgeschichte.

Patricia Holland Moritz @ Lesung im Onze Lieve Frouwe College in Antwerpen im Oktober 2010 (deutschsprachige Evangelische Gemeinde Antwerpen)

Ana Tiger Forrest Die Yoga Kriegerin (Interview)

Interview mit Ana T. Forrest am 24. Mai 2012 in Berlin

  1. „Die Yoga Kriegerin“ ist      dein erstes Buch. Man spürt an seiner Komplexität – diesem starken      persönlichen Anteil einer unglaublich schmerzhaften Kindheitserfahrung und      dem aufrüttelnden, mitziehenden Teil deiner Übungen zur Heilung davon –      wie viel Kraft und Seele du in dieses Projekt gesteckt hast. Sind die      Batterien jetzt leer, oder denkst du bereits über ein neues Buchprojekt      nach?

So etwas wie dieses Buch braucht einen inneren Ruf. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass man sofort spürt, wenn dieser innere Ruf kommt. Natürlich hat es für mich auch eine Rolle gespielt, dass mich die Leute immerzu fragten, wann ich das, was ich ihnen in meinen Workshops vermittle, mal zu Papier bringe. Und ganz ehrlich: Es wäre für mich überhaupt kein Problem gewesen, ein Buch zu meiner Arbeit im Selbstverlag herauszubringen. Die Leute kennen mich. Ich habe einen Namen in der Szene. Ich unterrichte seit nunmehr vierzig Jahren. An Lesern hätte es nicht gemangelt. Doch ich wollte mehr. Mein Buch soll Menschen über den Horizont meiner Arbeit hinaus erreichen. Also habe ich es vor allem wegen der damit optimaleren logistischen Seite eines solchen Projektes an einen großen Verlag gegeben, an Harper One in New York. So konnte ich sicher sein, dass es nicht in der Yogaszene bleiben würde. In den Buchhandlungen war es dann auch nicht in der Yoga-Ecke zu finden. Viele Buchhändler hatten es von vornherein ins allgemeine Sortiment genommen. Es geht mir darum – und das möchte ich an dieser Stelle unterstreichen – dass meine Erfahrung und Vorschläge (die ich nicht messianisch „Botschaften“ nennen möchte) so viele Menschen wie möglich erreichen. Denn an der Vielfalt meiner Schüler und auch in meinem Umfeld jenseits des Yoga sehe ich, dass wir alle, ich nehme mich da nicht aus, an denselben Dingen kranken, die doch so einfach zu beheben sind. Dafür dieses erste Buch. Und für das nächste verspürte ich bisher noch keinen inneren Ruf.

  1. Im Deutschen sagt man, als      Autor lässt man beim Schreiben „die Hosen runter“, man macht sich nackt.      Der Leser kann alles vom Autor sehen. Beim Lesen deines Buches erfuhr ich      überhaupt erst von deiner ganz persönlichen Geschichte, die stellenweise      schwer zu verkraften ist. Also muss das Schreiben dieses Buches doch ein      unglaublich schwieriger Prozess für dich gewesen sein?

Das Schwierige war nicht das Aufschreiben. Das Schwierige war, diese Masse an Erinnerung und Erfahrung auf eine beschränkte Zahl von Kapiteln, auf einen vertretbaren Buchumfang herunter zu destillieren. Jeder Autor arbeitet anders, und ich bin ja eigentlich Heilerin und Yogalehrerin. Ich ließ mich treiben, verarbeitete jede Inspiration, die ich bekam. Und das waren geschätzte vierhundert! Wie sollte das alles in ein Buch passen? Was musste ich weglassen und – war es dann nicht für immer verloren? Schließlich musste auch alles in eine logische Abfolge gepackt werden. Also entschied ich mich, es wie  die Ureinwohner Nordamerikas, die Native Americans zu machen: Ich legte einen Pfad. Und diesem muss der Leser folgen, damit er alles versteht. Wie ich meine Angst jagte und sie schließlich stellte. Welche Herausforderung das in meinem Leben war. Und ich sagte mir immer aufs Neue: Verschwende keinen guten Impuls. Bei alledem hatte ich zum Glück Hilfe von außen. Meine Lektoren brachen mein Manuskript runter auf elf Kapitel, dreihundertfünfzig Seiten. Und ich hatte solche Angst beim Schreiben, dass ich ständig mit einem Rechtsanwalt zusammen arbeitete. Ihm ist zu verdanken, dass ich nicht alle schlimmen Erlebnisse aus meiner Kindheit in das Buch aufgenommen habe. Das ist gut, denn zum einen hätte ich jede Menge Klagen zu befürchten gehabt, zum anderen ging es mir nicht darum zu schocken und die Menschen zu beeindrucken oder zu erschrecken. Auch wenn sich viel mehr davon verkaufen ließen, wenn es noch schockierender und noch hässlicher wäre. Der Teil, der das im Buch wiedergibt, genügt völlig. Er vermittelt meinen Lesern, dass, wenn man einen so misslungenen Start ins Leben hatte, man geradezu verpflichtet ist, daraus ein umso gelungeneres Leben zu machen. Und das ist es, was ich damit aufzeigen will: Die innere Schönheit und der Erfolg eines Menschen stehen im Vordergrund dieses Buches. Es macht Mut zur Veränderung und soll dir eine Anleitung sein. Meine Studenten danken es mir. Ich nannte den Prozess – dieses „Hose-Runterlassen“ – meinen Tanz des Schreibens.

  1. Mal keine Frage, sondern      eine Feststellung: Für einen Menschen wie mich, der kein Yoga praktiziert      und voraussichtlich auch nicht so bald damit anfangen wird…

O doch! Du wirst! I want to have you on the mat. (Ich will dich auf der Matte sehen!)

… also, für jemanden, der nicht unbedingt Käufer von Yogabüchern ist, habe ich dein Buch verschlungen.

Weil es kein klassisches Yogabuch ist. Es enthält all die Werkzeuge, die mir geholfen haben, mein Leben zu verändern. Und ein sehr großes Thema in diesem Buch ist das Thema Angst. Jeder Mensch hat Angst, egal, wie mutig er daherkommt. Bei meinem Angst-Workshop trainieren wir den Prozess, herauszufinden, wo die Angst beginnt; wir lernen, dem Gefühl nachzugehen. Das funktioniert wie eine Gangschaltung und ist eine neue Art, den Geist zu benutzen. Es geht um Fear-tracking, die Angst aufspüren. Angst ist in jedem Lebensbereich verborgen. Es ist eine traurige Tatsache, dass so viele von uns es überhaupt erst lernen müssen, emotional zu denken und zu fühlen. Denn ein großer Teil der Information, die dafür vonnöten ist, ist bereits in uns, ist Teil unserer Intelligenz, und wir nutzen sie nicht. Warum? Weil es als weich und nach Versagen klingt, wenn wir emotional entscheiden. Aber genau das ist falsch, genau damit erschweren wir uns das Leben. Emotion und Intellekt müssen zusammen wirken. Wir benutzen nicht die Gangschaltung, die für dieses Getriebe vonnöten ist. Deshalb lehre ich in meinem Angst-Workshop: Lerne deine Gefühle kennen! Es ist mutig, Gefühlen nachzugehen. Es blockiert, wenn man Angst hat und sie dann auch noch verbirgt. Deshalb ist es schon ein erster Schritt, sich jeden Tag im Spiegel anzuschauen und zu fragen: Bist du stolz auf das, was du tust? Mein Buch sollte unter die Leute. Das waren mein größtes Ziel und die Aufgabe von Harper One, sonst hätte ich es selbst gemacht. Dieses Buch ist die spirituelle Bürgschaft meines Lebens. Es beinhaltet die Schätze meines Lebens. Die Hilfsmittel, die mein Leben gerettet haben, will ich anderen Menschen zur Verfügung stellen, denn ich weiß, dass sie funktionieren.

  1. Welchen Unterschied gibt      es zwischen FY und dem gängigen Hatha-Yoga?

Ich habe Forrest Yoga kreiert, um den Herausforderungen unserer Gegenwart gewachsen zu sein. Die alten Gurus sind tot. Ihre Ideen sind nicht aus unserer Zeit. Viele tiefliegende Dinge wurden von ihnen gar nicht angesprochen. Es war eine absolute Notwendigkeit, FY zu kreieren. Und es war meine Pflicht, denn immerhin habe ich das Talent erhalten und wurde von den Native Americans gelehrt, eine Heilerin zu sein und therapeutische Praktiken zu beherrschen. Es geht mir um den Prozess, in dem sich jeder die Frage stellt: Was geht mit mir, mit uns hier in dieser Gesellschaft, vor? Viele der täglich auftretenden Probleme im Leben sind von Missbrauch geprägt. Und das alles wollte ich mit FY auflösen. Es waren die Native Americans die mir überhaupt erst einmal halfen, alte Paradigmen in mir aufzulösen. Erst bei ihnen lernte ich, was es bedeutet, mit dem Höheren selbst, dem „Spirit“, verbunden zu sein. Ich selbst hatte jahrelang danach gesucht und gejagt, und heute trainiere ich meine Schüler darin, wie sie sich mit ihrem Geist verbinden. Der Geist liegt in keiner Religion begründet. Er wird praktiziert und ist nicht durch Eltern, Furcht oder Kirche festgeschrieben. Spürt man Furcht, dann soll man sie nicht ignorieren, sondern auf sie reagieren.

FY beinhaltet eine ganz spezielle Form der Heilung, der vorangeht, dass wir unser „schmutziges“ Blut (verändert durch unsere Ernährung, Smog, Nikotin) reinigen. Deshalb liegt ein Schwerpunkt auf der Atmung. Habe ich Magenprobleme, dann sende ich durch die richtige Atemtechnik frische Energie genau dort hin. Die körperliche (!) Intelligenz wird auf diese Weise geschult. Der Magen muss all das zersetzen, was wir ihm zuführen, muss ausbaden, was wir ihm antun – genau dorthin sollte man atmen, dann wird die Intelligenz unseres Körpers inspiriert.

FY arbeitet mit dem Bild des „Windpferdes“, der Atmung plus Intention. Hier begibst du dich auf eine Forschungsreise in dein Inneres. Dort entdeckst du deine eigene Wildheit. Es ist die Abenteuerreise eines Helden, denn sie führt dich an bis dahin unbekannte Orte, lässt dich Drachen begegnen und anderen Fabelwesen – und das alles auf der Yogamatte. Nach dieser Reise wirst du weiser sein. Das Rad deiner Heilung wird sich drehen. Du wirst keine Fassade mehr leben. Beim FY haben alle Positionen einen Zweck. Und ich lege Wert darauf, dass die Klassen behutsam eingeteilt sind, sich nach einem feinen System unterscheiden. Es gibt ganze Kurse nur für den Handstand oder das Rad, die „Wheel Pose“. Diesen Übungen geht ein sehr langer Aufwärmprozess voraus, an dessen Ende schließlich alle Energiekanäle geöffnet sind. Im FY lehre ich, wie man fühlt, die eigene Persönlichkeit zu hinterfragen. Das nenne ich eine echte Herausforderung. Meine Lehrer sind dafür ausgebildet, jeden dorthin zu bringen. Meine Lehrer wurden von mir zu Heilern ausgebildet. FY hat viele, im Yoga völlig neue Positionen. Zum Beispiel für die Bauchmuskeln. Dort geht die Verdauung vonstatten. Sind die Innereien blockiert, dieser meterlange Darmtrakt in unserem Körper, dann ist der Körper blockiert, angespannt, angestrengt, und das spiegelt sich in unserem Handeln, unserer Ausstrahlung auf andere wider. Alles, was raus muss, diese buchstäbliche Scheiße, bleibt drin und macht alles zu. Auch nach einer Diät fühlt man sich dann nicht wirklich besser, weil die „Rohre verstopft“ sind. Somit ist auch das Blut „verschmutzt“.

Heutzutage haben wir mehr Nahrung denn je zur Verfügung. Genauso verhält es sich mit diesem riesigen Wust an Informationen, der permanent auf uns einprasselt. Mein Ansatz: Jeder destilliert das Eigene heraus. So bildet sich jeder Mensch sein eigenes, internes Hh  h   JHilfssystem in seinem Körper. Ich habe 24 Stunden lang Internet und Fernsehen zur Verfügung, stopfe mich beim Konsumieren aller News gedankenlos mit ebenso nutzlosem Essen voll… Hört auf, Dinge zu tun, die Euch dumpf machen, mit denen Ihr Eure Lebenszeit verschwendet! FY weckt die Leidenschaft für das Leben. Wofür lebst du? Ganz bestimmt nicht, um Rechnungen zu zahlen. Der Körper deiner Mutter hat eine so unvorstellbare Leistung damit vollbracht, dich zur Welt zu bringen – und das alles für diese Verschwendung? Was sind deine Talente?

Es ist eine Verschwendung des Spirits, wenn man seine Talente nicht nutzt!

  1. Welche konkrete      Yogaerfahrung führte dich zu einer Veränderung deines persönlichen Lebens?

((Hier antwortet Griffin, Anas Begleiter, ebenfalls im Forrest-Yoga-Team))

Ich habe die Liebe „gelernt“. War mehrmals verheiratet. Habe Kinder in die Welt gesetzt. Aber Liebe? Das war eigentlich ein Wort für mich, an das ich mich zwar gehalten habe, zu dem mir aber das passende Gefühl fehlte, die eigene Erfahrung. Und ich habe mein Alkoholproblem besiegt.

((Ana))

Meine konkreten Yogaerfahrungen – dass man Atmen lernen kann, dass man Fühlen lernen kann, dass der Schmerz plötzlich weg sein kann und man endlich Ruhe spürt, dass der Schmerz plötzlich stärker werden kann und sich das laut anfühlt, dass ich beim Yoga immer wieder etwas entdecken und einen Durchbruch erleben kann, dass man tatsächlich sauberes Wasser trinken und dabei etwas schmecken kann.

  1. Kannst du die spirituellen      Erfahrungen im Zusammenhang mit deiner Arbeit in Worte fassen?

Mit dem eigenen Spirit verbunden sein. Während ich diese Verbindung unterrichte, kann ich es selbst spüren: Es ist immer wieder schwierig, es gibt Momente der Leere und Dumpfheit, die noch aus dem Alltag in mir sind. Langsam taste ich mich vor, meine Verbindung zu fühlen. Jahrelang fehlte mir der Mut, meinem Spirit nachzuspüren. Wie sollte ich den Leuten geben, was ich selbst nicht hatte? Also lernte ich selbst von Menschen, die diese Erfahrung der Verbindung bereits lebten, und so konnte ich selbst die Tür für Menschen öffnen, die dann zu mir kamen und lernten.

  1. In deinen Yogastunden      haben die Leute oft sehr großen Respekt, beinahe Angst vor dir. Spürst du      das? Wie kommt das bei dir an? Wie gehst du damit um?

Meine Schüler hören ja meist durch Mund-zu-Mund-Propaganda von mir. Oft wird schon im Vorfeld darüber geredet, mit welcher Leidenschaft ich meine Stunden abhalte. Dabei lasse ich nicht zu, dass Leute ihre eigenen Techniken und Übungen anbringen und somit die restlichen Schüler ablenken, „don´t do your own bullshit here“ ist meine Grundhaltung dazu. Oft haben die Menschen doch nur Angst, erkannt zu werden. Ich erkenne Menschen sofort. Denn ich vergeude niemals Zeit damit, bei einem Menschen erst herauszufinden, was wahr und was falsch an ihm ist. In meinen Stunden sind die Menschen sicher. Sie sind gut aufgehoben, werden aber auch stark mit sich selbst konfrontiert. Ich gebe alles, was ich habe, und genau das erwarte ich auch von ihnen. Manche haben das Gefühl, eine böse Ana T. Forrest vor sich zu haben, dabei ist es die Angst in ihnen, die böse ist. Ich bringe nur Kraft und Energie hinein. Im Moment der Transformation – und das erlebe ich zusammen mit meinen Schülern immer wieder – geschieht etwas Wunderbares. Die Angst ist plötzlich verschwunden, weil es gelungen ist, den Druck von sich selbst wegzunehmen. Plötzlich kannst du es und wirst dabei geführt! Ich arbeite mit dicken, dünnen, alten und jungen Menschen; mit Kriegsversehrten auf Stützpunkten der Airforce, mit Menschen, denen Gliedmaßen amputiert wurden!

  1. Du nennst Dich Ana Tiger      Forrest – woher stammt der Tiger?

Als ich jung war, träumte ich häufig, und das Tier, was mir in beinah jedem Traum erschien, war ein Tiger. Ich sah mich selbst als hässliches, verkrüppeltes Kind. Und der Tiger in meinem Traum war der, der mich in meinem schrecklichen Zuhause beschützte. Er wurde zu einem Teil von mir, meinem Weggefährten. Zudem war mein erster Atem-Lehrer ein Tiger. Ich war in einem Tierheim für Exoten, einem Wildlife Rehab Center für kranke und verletzte Wildtiere. Jedes dieser Geschöpfe dort hatte Angst vor dem Menschen. Menschen hatten sie gequält und als Luxus in kleinen Käfigen gehalten, bis sie ihnen zu viel wurden.

In einem Gehege lag ein riesiger Tiger mit einem riesigen Kopf. Er lag mit dem Rücken zu mir am Gitter. Sein Fell – ein Teppich, den man berühren wollte. Und genau das Unvernünftige tat ich. Ich streichelte diesen Riesen von fast 180 Kilo. Ich liebe Katzen, liebe wilde Tiere. Ich wagte mich soweit an das Gitter, dass ich ihn sogar unter dem Kinn kraulen konnte, das er mir majestätisch zuwandte. Und es ist unglaublich – er fing tatsächlich an zu schnurren! Was in diesem massigen Körper einem mittleren Erdbeben gleichkam. Er lehnte sich richtiggehend in meine Hand hinein, ich spürte den Druck, diese Kraft, den puren Genuss, den dieses Tier da gerade hatte. Und ich spürte seinen Atem! Er atmete mit dem kompletten Oberkörper, dem Brustkorb. Ich begann, das nachzumachen. Und heute lehre ich das Atmen genauso in meinen Stunden.

  1. Wie sieht ein ganz      normaler Tag in Ana T. Forrests Leben aus?

Ein ganz normaler Tag ist meist ein Tag auf Tour. Ich bin selten zuhause, sondern fast immer mit meinem Team unterwegs. So kann es passieren, dass wir bereits morgens um 3 Uhr aufstehen und Übungen praktizieren. (Es wäre scheinheilig, tagsüber Yoga zu lehren und es selbst nicht zu leben.) Um 6 Uhr startet dann der Unterricht.

Stehen aber weder Unterricht noch Workshops an, dann stehe ich gegen 8 Uhr auf, frühstücke, mache meine Yoga-Übungen und gehe hinaus, um die Gegend zu entdecken, in der ich mich gerade aufhalte. Ich suche auch in Großstädten gerne die Natur. Denke  ich beispielsweise an Köln, dann fällt mir der Kölner Zoo wieder ein, in dem ich gerne gewesen bin. Bin ich zu Hause, dann fahre ich mit dem Motorrad in die Berge. Und keine Tour ist wie die andere!

Liebe Ana, ich danke Dir für dieses Gespräch.

(c) Patricia Holland Moritz

Was ist Forrest Yoga? (englisch): http://www.youtube.com/watch?v=EyE2i5HViFA

Hotel Excelsior Berlin, 24. Mai 2012

24. Mai 2012, früh am Morgen auf dem Dach des Excelsior Hotels in Berlin, Ana T. Forrest (re.)

Mutterstöchter (Roman)

„Mein Leben gehörte der Abrechnung mit meiner Zwillingsschwester.“

Lydia Fuchs wird in eine ziemlich chaotische Familie hineingeboren. Im Karl-Marx-Stadt der späten 60er Jahre züchtet ihr Vater in Ermangelung von Arbeit Tomatenpflanzen am Prüfstand der Barkas-Werke, und ihre Mutter geht nur zur Maidemo, weil es danach ein Schnäpschen mit den Mädels gibt. Ihre Scheidung feiern die Eltern so rauschend, dass sie von der Geburt eines Sohnes gekrönt wird. Lydia teilt ihren Alltag gerne in Listen auf, um die Welt, die um sie herum aus den Fugen zu geraten scheint, mit Büroleim zu kitten, in Tabellen zu zwängen und zwischen Aktendeckeln klein zu halten. Und über allem schweben die zynischen Sprüche ihrer Zwillingsschwester Irma wie ein Damoklesschwert. Irma ist natürlich die Bessere, Erfolgreichere, Schönere, Schlankere von beiden, und ihre Häme bekommt nur Lydia zu spüren. Nach der Scheidung ihrer Eltern verschlägt es auch die Schwestern in verschiedene Gegenden. Lydia verlässt die DDR und geht nach Paris. Irma hingegen nutzt ihre Beziehung zu einem zwanzig Jahre älteren Maler, um die Künstlerwelt kennenzulernen, sich von ihrer Familie zu lösen und nach dem Fall der Mauer auf Weltreise zu gehen. Lydia ist währenddessen ständig auf der Suche. Sie sucht Freunde, doch sobald sie eine Freundschaft aufbauen konnte, zieht sie weg und fängt wieder neu an. Sie sucht nach Anerkennung als Schriftstellerin, doch der einzige Roman, den sie je zu Ende schreibt, geht im Trubel eines durchgeknallten Literaturzirkels in Paris verloren. Sie sucht beruflichen Erfolg und landet in halbgaren Arbeitsverhältnissen. Sie sucht einen Mann, der zu ihr passt, gerät an einen Homosexuellen und bekommt auch noch ein Kind von ihm.

„Doch irgendwann verlandete der fruchtbare Arm des Flusses, an dem ich wohnte. Verlanden war so wie versanden. Es dauerte nur länger, bis man es kapierte: Ich muss hier weg. Hier tut sich nichts mehr, weil ich nichts mehr tue, sondern mich im Kreis bewege, ohne dass es ein Kreislauf ist.“

Lesung in Berlin Hönow am 5. Juni 2012