Buchpremiere KASSBERGEN am 10. August 2021 im Pfefferbergtheater Berlin

Pfefferberg meets Kaßberg – let´s call it a BUCHPREMIERE!! Mehrfach verschoben, nun wird´s wahr.

Die taz spricht über „Kaßbergen“ von „später poetischer Gerechtigkeit für ein weiteres Kapitel vergessener deutscher Geschichte“ und der Kreuzer in Leipzig sieht: „… kein Wort zuviel, keine Erklärung, … und doch ist das Bild ganz klar. Man möchte jedem, der in den letzten 80 Jahren in Ostdeutschland geboren ist, dieses Buch ans Herz legen. Und all jenen, die dieses Glück nicht hatten, erst recht.“

Daher kommet zuhauf und lasst uns den Wiedereinstieg in die Kultur gemeinsam feiern am

Dienstag, 10. August 2021

20 Uhr im Pfefferbergtheater Schönhauser Allee Berlin

mit Musik von „Die Macht der Lieder – der macht die Lieder“- Jonny Götze

Aus Gründen bitte ich Euch, Tickets vorab zu reservieren auf dem Direktlink https://bit.ly/3iW1I3O

Fühle mich geborgen in der Lese-Umgebung der wunderbaren Autorinnen

Ines Burdow / „Sweetheart, es ist alle Tage Sturm“ am Montag, 9.8. und

Kristina Hauff / „Unter Wasser Nacht“ am Mittwoch 11.8.

bei Literatur LIVE im Pfefferberg Theater

Bestandsaufnahme aus der Zwischenzeit: Ein Spaziergang mit Band-Booker Thomas Franke von Capital Music and Media

In Irlands Kerry sah ich Kühe am ersten Frühlingstag nach monatelangem Verharren im Stall wieder raus auf die Weide sprinten. Diese Fleischkolosse tollten, jauchzten und schlugen aus wie die Bäume im Mai. Dieses Bild kommt mir in den Sinn, wenn ich an den heutigen Tag 1 nach der Dunkelheit denke.

Die Gastronomie baut zumindest draußen wieder ihre Bühnen auf. Im Gegensatz zur flinken Schwester Gastro jedoch können Kunst und Kultur nicht einfach den Rollladen hochziehen, ein Fass anschließen, die Kellner aus ihren Kurierjobs für GORILLAS & Co. zurückholen, Aschenbecher aufstellen, Registrierkasse und Ipod einstöpseln und loslegen. Der Vorlauf im Tournee-Booking ist länger, sechs bis neun Monate. Wie plant man den Tag X?

Über Künstlerinnen und Künstler in der Pandemie haben wir viel gehört, ob sie sich nun mit #allesdichtmachen in Fatalismus übten oder anderweitig online performten. Was aber ist aus ihren Bookern und Agenten geworden? Aus denen, deren Chance, die Miete zu zahlen, vom Break Even der Eintrittsgelder abhing? „Live bedeutete Geld“, sagt einer jener Geister, die hinter den Kulissen der Party agieren und immer erst Feierabend haben, wenn auch der Letzte aus dem Backstage wankt und ins Hotelbett fällt.

Zu Besuch bei Thomas Franke, Booker, Labelchef und Musikverleger im Jahr 2 der Pandemie, Monat 7 des Lockdowns der Kultur. „Und zum ersten Mal im Leben auf ALG II angewiesen, dank erleichterten Zugangs, hélas, in anderen Ländern gibt’s kein Geld für keine Arbeit, hier schon. Nur dass für uns Berufsverbot herrscht und wir als Zahlungsempfänger Bittsteller sind“, ist sein Resümee, und dass ein Unternehmerlohn den Umständen entsprechend besser gewesen wäre. (Notiz für´s nächste Mal.)

Auf unserem Weg zum Gleisdreieck stehen verzagt ein paar Tischlein mit zwei, drei Stühlchen vor Espressobars und Lieferdiensten. Manch Grüppchen kräuselt sich dort für 5 Minuten bei Sitzbier statt Fußpils um den Tisch, gerade kurz genug, um nicht als Kneipe aufzufallen, und zieht dann weiter wie die Rauchkringel meiner Zigarette im sanften Frühlingswind. Im Gleisdreieck dann der schüchterne Versuch eines Open Airs.

Vorgeschmack auf den Sommer. Und wir sind beim Thema: Kultur ins Grundgesetz.

Lange wurde dieses Gesetz, das dieser Tage 72 Jahre alt wird, nicht mehr so diskutiert und durchdekliniert wie seit Beginn der Schließungen. Vorrangig hinsichtlich Demos, Reisen, freier Fahrt für freie Bürger wohin auch immer sie wollen. Wenigen fiel auf, dass Kultur darin nicht als schützenswerte Spezies verankert ist. Fühlt sich ja auch nicht so lebensnotwendig an wie die Sause auf Malle oder im Stadion, sondern erinnert an verstaubten „Faust“ auf plüschigen Bühnen. Dass die Pandemie das Brennglas auf die Gesellschaft und all ihre Bereiche hält, ist bekannte Metapher. Für den Bereich Kultur kam ein besonders starkes zum Einsatz, das verbrannte Erde hinterlässt.  Einen „Totentanz“ nennt Thomas Franke das, was uns auf dem Kulturacker nach dem Lockdown erwarten könnte. „Im IFO-Bericht wird Kultur als Wirtschaftszweig nicht mal erwähnt.“

Tatsächlich. In dem Diagramm besonders von Corona betroffener Wirtschaftszweige 2020, diesen Stalagmiten der Leidensfähigkeit, entdecke ich alles außer jener Branche, die allein die Stadt Berlin seit 1990 zu den weltweiten Top-Städten machte und entgegen aller Bemühungen nicht totgespart werden konnte. „Die Veranstaltungswirtschaft ist der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands mit 130 Milliarden Euro Umsatz und über einer Million Beschäftigten. Wahrscheinlich hat der Platz einfach nicht gereicht für den Balken in der Grafik.“

Was macht sie aus, diese Kultur, dass ihre Belange ins Grundgesetz gehören?

Erst einmal ist sie der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält und von deren Schwester „Clubkultur“ ein Clubchef sagt: „Vielleicht nicht systemrelevant. In jedem Fall aber freuderelevant.“ Kulturmenschen ermöglichen uns alles von Jugend musiziert bis Re:publica, Banksy bis Leipziger Schule, Csardasfürstin bis Der Bau, Sting bis Trollkotze, O2 Arena bis Loophole; sind soloselbständige Gesangslehrerin und Garderobenmann. „Sind Bandbooker, Roadies und Soundtechniker. Viele haben die Jobs gewechselt. Es gab Suizide. Depressionen. Andere haben die Stadt gen Land verlassen und eventuell keinen Bock, wiederzukommen“, sagt Thomas Franke, während wir am „Viktoriafall“ runter in die Großbeerenstraße blicken. Ein Bild wie im Paris der Haussmannschen Boulevards.

Thomas bucht nationale und internationale Bands, nimmt meistens die mit handgemachter Musik, findet sie auf Festivals und Musikmessen hierzulande und in aller Welt  und lebt jetzt in seinem Homeoffice aus Plattenlager und Schreibstube „irgendwo zwischen Verwahrlosung und Feinoptimierung“.

November- und Dezemberhilfe? Negativ! Er betreibe schließlich einen „Mischbetrieb“ laut Bundesministeriums für Wirtschaft. Hatte mit seinem Musikverlag, Label und Booking Agentur „nur“ 70% Ausfall anzumelden, erst ab 80% griff die Hilfe. Zu Beginn von Corona blieben die CD & LP Bestellungen konstant, inzwischen sei es relativ ruhig geworden.  Durch die fehlenden Tourneen ging auch die Aufmerksamkeit in den Medien verloren, solange man sich im Nischen Universum rumtreibt und nicht auf den gängigen Radio- & Spotify-Playlisten rauf und runtergespielt wird. Der Kaufimpuls eines physischen Produkts ist nach einem Live-Gig mit am größten und hat entsprechende Umsätze generiert. Weltweit werden mindestens ca. 40.000 neue Songs pro Woche auf Spotify & Co veröffentlicht, die Digitalisierung fängt in einigen Musiksparten nicht mal ansatzweise den Rückgang beim CD & Vinyl Verkauf auf.

„Früher galten mehrere Standbeine in dieser Branche als dermaßen vernünftig, dass sie einem sogar von den eigenen Eltern nahegelegt wurden…“, sagt Thomas, wir schlurfen weiter, und manche unserer Sprüche schrammen knapp am Populismus vorbei.

„Die Clubs mussten als erste schließen und werden als letzte wieder aufmachen. In manchen Städten, wie kürzlich in Plauen, wird die Krise gleich mal genutzt, um Clubs platt zu machen, die einigen von CDU bis AfD sowieso ein Dorn im Auge waren. Jetzt bräuchte es ein Regierungsprogramm für die Kultur nach der Pandemie, aber in diesem so wichtigen Jahr 2021 sind die Entscheider erst mal im Wahlkampf. Wenn dann im Herbst alle Wahlen im Land vorbei sind, hat sich Corona vielleicht erledigt. Die Clubszene auf jeden Fall.“

Die Konzert-Arenen hingegen sind schon bis 2022 und darüber hinaus ausgebucht. Vor ihnen steht eine Bugwelle von Top Acts, die ihre Welttourneen verschieben mussten. Wichtig. Aber eben oft nur Mainstream ohne kreatives Ausprobieren, wie es auf den kleineren Bühnen möglich ist.

Kraken wie eventim & Co kaufen jetzt schon Agenturen und Festivals auf, nach bester Amazon-Manier. „Für die kleinere Liga braucht es weiterhin schlüssige und nachhaltige Förderprogramme, um den aus der Not entstandenen Trend der – technisch zum Teil ziemlich schlechten – Streamings zu einem elaborierten Hybrid-Modell für Konzerte und Festivals zu entwickeln. Das verlangt entsprechende Mittel für Equipment, Kameraleute, Ton und Schnitt.“

Im Jahr 2000 wurde Thomas Franke zusätzlich vom Bandbooker zum Plattenboss. „Harms Way“, das einzigartige Album der australischen Formation Naked Raven war ein Rohdiamant, den er nicht in falsche Hände geben, sondern selbst zu Glanz schleifen wollte. Seinen Musikverlag für die Urheberrechte der Texter und Komponisten hatte er bereits, mit dem Plattenlabel war nun auch für den Vertrieb der physischen Produkte seiner Bands gesorgt. Bisher sind auf T3 Records um die 40 Alben erschienen, im Verlag First Contact Publishing um die 500 Songs.  Das bis unter die Decke pralle Warenlager füllt eine Wand in Frankes Altbau Home Office, und die meisten der Alben gibt es auch auf Vinyl.

„Musikalisch gehe ich den eher schwierigen Weg. Mag halt nicht nur eine Farbe. Instrumentaljazz, Gitarrenakustik treffen auf Shoegaze und den bläserlastigen Sound von Frollein Smilla, also nie nur Mainstream, nix Schlager oder sogenanntes ‚Vielversprechendes‘. Auf jede meiner Bands bin ich aus Neugier gestoßen. Und jede meiner Bands kam mit eigener Geschichte zu mir.“

Und sie schreiben sie weiter, ihre Geschichten, doch noch fehlt das Ventil, sie wieder live hörbar zu machen. „Meine Bands haben durch fehlende Auftritte ihr Momentum verloren. Wenn alles wieder losgeht, müssen sie mit neuen Produkten ran.“

Hilfe zur Selbsthilfe ist die Devise der Kulturschaffenden in Krisenzeiten, das ist die fruchtbare Seite der Pandemie: #alarmstuferot hat ihrem Aufschrei Gehör verschafft. Über die eigene Bedarfsliste hinaus engagieren sich Künstlerinnen und Künstler aber genauso für jene, denen es außerhalb der eigenen Leidensgrenze noch sehr viel schlechter geht: Die „Tour d`Amour“ vereinte im März 2021 deutschlandweit Clubs, um die Menschen nach den Bränden in den Flüchtlingslagern Moria und Lipa in Bosnien-Herzegowina mit dem Nötigsten zu versorgen und die Bundesregierung aufzufordern, ihre Blockadehaltung gegen ihre Aufnahme aufzugeben. Brachliegende Clubs wurden aktiviert, um aus dem ganzen Land Spenden einzusammeln.

Eines von vielen Zeichen dafür, dass Kultur jene Brücken baut, zu denen die Entscheider im politischen Tagesgeschäft nicht willens oder nicht in der Lage sind. Und ein Grund mehr für die Verankerung der Kultur im Grundgesetz, damit nicht nur der innere Kitt, sondern auch der zu unseren Mitmenschen jenseits unserer Landesgrenzen stabil bleibt.

Ich danke Thomas Franke für Spaziergang, Kaffee und Cola statt Fußpils und das Gespräch, das wir ab heute im Biergarten weiterführen.

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weiterführende Infos zu Thomas Franke / Capital Music und Media: http://www.capitalmusic.de/

Die Laufräder des Herrn Li

Internierungslager Nr. 5. Ketschendorf. Mai 1945 – Februar 1947

In Brandenburg galten schon gestern die Corona-Regeln, aber der Mann wollte unbedingt aufs Land zu einem Herrn Li aus China und dort zwei Laufräder AX Lightness Carbon abholen. Was will der Mann mit Laufrädern, dachte ich, wir haben keine so kleinen Kinder. Tatsächlich waren es Räder für´s Fahrrad Giant Advanced Carbon, die Herr Li ihm für 500 mitgeben würde, wo die doch mindestens 2000 wert wären. Wer in China der Diktatur und den Fledermausmärkten entflohen war, sollte doch in Deutschland nicht um 1500 Euro behunzt werden, dachte ich noch und sagte nichts, weil das immer besser war bei Sachen, von denen man (ich) schlichtweg keine Ahnung hatte.

Ich stieg aus dem Auto vor dem Haus des Herrn Li und schaute mich um, während der Mann nach oben zu seinem Laufräderdeal hastete. Weil ja nur eine Person eine andere aus einem Haushalt treffen durfte. Und soweit gehen der Mann und ich nicht, dass wir zusammenziehen, nur um Leute treffen zu können. Wartete ich halt auf der Straße. In fremden Gegenden konnte das interessant sein, und ich rauche ja gern und wars gewöhnt, auch in der Kälte.

In dieser fremden Gegend gabs nichts für mich zu sehen. Herr Li wohnte zwischen Lidl und Polizei an einer Bundesstraße mit einer Fußgängerampel. Also machte ich nichts als rauchen und warten und hoffen, dass sich da oben hinter den Masken kein genuscheltes Fachgespräch abspielen und schon aufgrund zahlloser „Wie bitte?“-Wiederholungen ins Endlose ziehen würde.

Das Geschäft mit Herrn Li abgewickelt, kam der Mann glücklich wieder runter.

„Gleich auf der Treppe erledigt, Räder standen schon unten, Geld auf den Treppenabsatz gelegt und trotzdem noch erfahren, dass der junge Mann hier als Autoschrauber arbeitet, wer hätte das gedacht.“

Glücklich verstaute der Mann den sauber abgewickelten Deal auf dem Rücksitz, als mein Blick auf das Schild fiel. Immer und überall fällt mein Blick auf diese braunen Wegweiser mit beiger Schrift und Kriegsdenkmal, Soldatenfriedhof, Gedenkstätte oder Internierungslager drauf. So war ich im Sommer schon in den Seelower Höhen gelandet und in Eberswalde und vor Jahren in Halbe. Jedes Mal war das Wetter schön gewesen, hatte zum Flanieren eingeladen und das Grauen unter der Erde weniger grausam erscheinen lassen. Manchmal so wenig grausam, dass ich Hoffnung schöpfte, das Sterben sei den dort Verendeten leichter gefallen auf warmer Erde unter Vogelgezwitscher. Und nun das: Sonnabendnachmittag im jungen Januar, Finsternis, feuchte Kälte um Null, die in meine Turnschuhe kroch, weil ich die statt meiner Winterstiefel trug, denn im warmen Auto hattes ja nur Richtung Brandenburg und wieder zurück gehen sollen. Auf der Winterjacke kein Schal und an den Händen natürlich keine Handschuhe.

Murrend lief der Mann nebenher, der sich doch schon auf Sportschau und Mitnehmabendessen vom Türken gefreut hatte, das wir noch zusammen veranstalten wollten. In einer Stunde wären wir wieder im Warmen gewesen und das Wochenende noch vor der Nase. Nun aber bogen wir ein zum Platz des Gedenkens.

Wohnblöcke und davor eine wandernde Lichterkette in der Dunkelheit, die sich aus der Nähe als dekorierter Kinderwagen entpuppte. Garagen mit Brettertüren. Davor ein Kleinwagen mit einem drin aber ohne Licht. Eine Kreissäge schrie aus einem Reihenhaus. Mein Blick in die Fenster hängte sich an Deckenlampen und Flachbildschirmen auf, blieb an Menschen kleben, die am Herd hantierten.  

Bei Ausschachtungsarbeiten für diese Idylle wurden hier in den 1950er Jahren Tausende Leichen freigelegt und auf 30 LKWs nach Halbe gebracht. Ohne Namen. Ohne Daten. Zu DDR-Zeiten weiter als „unbekannt“ geführt.

Ich las vor. Wir waren ja allein, von den wenigen Toten abgesehen, die sie für die Gedenkstätte dabehalten hatten. „500 Mädchen und Frauen. 6000 Männer (2000 Wlassowsoldaten, Ostarbeiter, Emigranten) kampierten auf nacktem Boden im Keller, auf der Treppe bis zum Dachboden“.

Wlassowsoldaten. Wieder so ein Wort, über das wir so viel wie über Stalin in der Schule gelernt hatten, nämlich gar nichts.

Der Mann und ich standen da, die nasse Kälte in den Knochen, die klammen Hände in den Taschen. Die Wiese wölbte sich in unheimlichen Hügeln, aber vielleicht bildete ich mir das nur ein. Nicht eingebildet habe ich mir die Kälte, dabei trug ich Schuhe und alles und Reißverschluss zu bis zum Kinn.

Wisst ihr, wo unsere Toten liegen – im Wäldchen – unter den grauen Hügeln ruhen sie aus von allem Leid, ohne Sarg und ohne Kleid. Bald wird der Wind eure Gräber verwehn. Eure Namen in unserm Gedächtnis stehn“, las ich weiter, und der Verfasser stand da geschrieben als ebenso „unbekannt“ wie die Toten, denn auch von denen gab es keine Namen mehr, wo sie doch lebend schon namenlos gehalten wurden.

Ich zog den Mantel aus, legte ihn über den Arm. Feuchtkalter Wind kam auf. Keine fünf Minuten hielt ich die Kälte aus in all meinen Klamotten, die ich unterm Mantel trug.

„Lass uns gehen“, sagte der Mann, „bringt ja jetzt auch nichts mehr.“ Mir schon, dachte ich und merkte wieder, wie wichtig es war, das Innehalten nicht zu verlernen. Carbonrad hin. Laufrad her.  

Vom Lesen in der Anderzeit. Heute: Hochhuth TOD EINES JÄGERS. Volk und Welt Spektrum. 1977

Die Premiere findet statt,

wird verschoben;

Hochhuth reist ab,

Hochhuth reist nicht ab;

Bernhard Wicki kann den Text nicht,

kann ihn doch;

Hochhuth redet auf den Proben zuviel dazwischen,

Hochhuth wird von den Proben ausgesperrt;

Wicki kann den Curd Jürgens nicht leiden,

oder war es umgekehrt?

Der Beginn einer Rezension, die in einem Verriss verglüht. Rolf Hochhuth hatte lange vor seinem Sturm aufs Berliner Ensemble (Wunderbar: Jens Bisky in der SZ „Kein Sommer ohne Streit“) den „Tod eines Jägers“ über den Freitod Ernest Hemingways in Salzburg inszeniert.

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Im Kessel Buntes der Verschwörungstheorien bastle ich mir meine eigene: Ernest Hemingway lebt als Ernst Hemmerer am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Der Titel von Rolf Hochhuths Monodrama gefällt ihm gut, der Verriss gefällt ihm weniger, wobei er ihm verdient scheint, schon wegen der Chuzpe des heißspornigen Hochhuths, ihm, Hemingway, den eigenen Tod vorwegzunehmen.

Rolf Hochhuth versucht, dem abenteuerlichen Leben Ernest Hemingways auf die Spur zu kommen. Jenes Mannes, für den nur jene Kriege wirklich stattgefunden haben, in denen er selbst an der Front war. Hemingway glaubt sich verfolgt und bedroht an jenem Morgen seines Freitodes, dem 2. Juli 1961.

Tatsächlich aber steht er, Hemingway, müde lächelnd auf seinem Balkon mit Blick auf die Volksbühne, eine Hand in der Leinenhosentasch‘, die andere am Henkel der Tasse mit schwarzem Kaffee, weil es noch zu früh für Stärkeres ist, wobei ihn nicht interessiert, was andere über ihn sagen und denken und erst recht nicht das, was seiner Gesundheit schädlich ist. Weiß er sich doch eh kurz vorm Freitod, nun aber wirklich, der schon so lange notiert und immer wieder verschoben ist im Kalender. Nur noch einen letzten Blick will er werfen auf die Virusmilitanten vor seiner Tür, wie sie aus Angst vor Augenherpes ihre Gesichtsmasken zu Armbinden machen mit buntbeflaggter Pyramide drauf.

Wie gern würde er ihnen drei selbst erlegte Nasenbären zu Füßen legen, wenn die Gicht im Finger am Abzug ihn nicht daran hindern würde. Die Population an Nasenbären in diesem Land ist tatsächlich beachtlich und – ein ihm zuwideres Wort – beängstigend angewachsen. Ein letztes Mal ungläubig sehen, wie sich das Volk von Dichtern und Denkern über einer Plage entzweit. Ein letztes Mal vom Babylon zum Alexanderplatz und von da weiter zum Reichstag flanieren. Nichts von dem, was er da sieht und hört hätte er je so erfinden können. Keiner, dem er da begegnet, taugt zum Protagonisten eines Romans. Für Gefangene ihrer eigenen Verblendung ist selbst seine Phantasie zu mager.

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In diesem, ihm so fremden Land war schon Schlimmeres als ein Virus geleugnet worden, denkt Hemingway und hustet ab und weiß, dass nun Zeit für den Abschied ist und dafür, dem lärmenden Hochhuth in den Himmel zu folgen. Denn wo Realität die Phantasie überholt, wird Schreiben – und damit das ganze Leben in seiner Fülle – obsolet.

„Du brauchst doch keinen Arzt, um zu sterben! Und d i c h braucht auch niemand mehr… und er lachte und lockte mit dem Witz: Die Friedhöfe liegen voll mit Menschen, die für unentbehrlich galten! – Er geht, stellt die Flinte aufs Parkett, kniet mühelos und drückt sofort ab. Der sehr laute Schuß wirft ihn hinter die Sofalehne zurück.“

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In Zeiten wie diesen gehen die Gedanken gern mal mit einem durch,

so auch mit Eurem

Spirit of Kasimir

***

Quellen:

Alle Fotos havanna©phm.2017

  1. Stilleben „Der Nachruf“
  2. Hemingways Schreibmaschine / Finca Villa Vigia. Havanna
  3. Letzter Wohnort von Ernest Hemingway: Finca Villa Vigia. Havanna

ZEIT Nr. 35/1977: Endlich uraufgeführt: „Tod eines Jägers“ bei den Salzburger Festspielen Sag O.K. zum K.o.! Männersachen: Was Hochhuth, Wicki und Jürgens mit dem toten Hemingway anstellten. Von Benjamin Henrichs

SÜDDEUTSCHE 30. Juli 2013: Kein Sommer in Berlin ohne Streit zwischen Rolf Hochhuth und Claus Peymann. Ersterer ist Dramatiker und Vermieter einer traditionsreichen Spielstätte, letzterer an ebendieser Intendant und Mieter. Derzeit ringen sie um die Aufführung eines Stückes im kommenden Sommer. Eine kleine Chronik. Von Jens Bisky

Vom Lesen in der Anderzeit. Heute: Christine Brückner WERKAUSGABE. Ullstein 1999

Neben Lockerungsskepsis und Herdenimmunität stieß mir letzte Woche das Ableben des Cheflektors von Suhrkamp traurig auf.

Raimund Fellingers Arbeit war vergleichbar mit der eines Hirnchirurgen: Keiner traut sich ran, aber gemacht werden muss sie. Denn seine Autoren waren keine aufstrebenden Ersteinreicher unverlangter Manuskripte, sondern Max Frisch, Uwe Johnson, Peter Handke und weitere dieses Kalibers, die mindestens so austeilen konnten, wie er einstecken.

Er habe „an allen Texten Stellen verändert“, sagte er einmal, er „sage nur nicht, wo“.

Mit Albert Ostermaier. © https://www.derseehof.at/

Bei meiner Lektüre der Nachrufe keimt die Hoffnung, die Berufung eines Berufes kehre irgendwann in unsere Wahrnehmung zurück. Wie von einem prähistorischen Relikt wird von ihr fabuliert, denn nur so lässt sie sich in der Vergangenheit archivieren und als vergangen betrachten.

Den Beruf des Lektors umgibt seit jeher eine Aura: Verlagshaus. Abendlicht verschwindet hinter den Dächern. Den Kopf unter seiner Schreibtischlampe sitzt der Lektor gebeugt über einem Stapel loser Blätter. Einen Bleistift in der Hand, den Radierer zwischen den Fingern der Linken drehend wie einen Handschmeichler.

© The New Yorker

Als ich vor 21 Jahren eintauchte in diesen See der Märchenfische, waberten Rauchschwaden durch die Gänge des Verlages. Kollege M. lektorierte Romane einer maritimen Reihe. Und weil sein Ketterauchen bei ihm zu Hause unerwünscht war, rauchte er die Kette im Verlag. Die U-Boot-Krieg-Autoren starben ihm nach und nach unterm Bleistiftstummel weg, also schrieb er ketterauchend ihre Romane selbst zu Ende. Vornehmlich nachts.

Dann kam das Rauchverbot, und Kollege M. drohte, nicht mehr ins Büro zu kommen, was die Seeschlachten wenig friedlich beendet hätte. Er schlug vor, ab sofort für alle Welt sichtbar im Mumienschlafsack auf dem Hof im Gartenstuhl zu lektorieren. Kollege M. durfte weiterrauchen, die See schlachtete weiter. Bei geschlossener Bürotür.

Als Kollege M. schließlich in Rente ging, wurden die Wände seiner Behausung vierfach getüncht. Heute noch liegt dort der Hauch einer Ahnung von Dunhill in der Luft, hat überlebt, wie auch seine Romane und er selbst.

Es gab sie, die zweibeinigen Gedächtnisse der Verlage, und es waren ihre Autoren, die ihnen Denkmäler setzten. So Christine Brückner („Wenn du geredet hättest, Desdemona“) meiner „Frau Jacobi“, die anders hieß, aber vom Herstellungsleiter in der freitäglichen Schnapsrunde so getauft wurde, jeder einen Weinbrand im Schwenker und bald auch im Kopp.

3.Juli 1975

„Liebe Frau J,

anliegend die Antwort… wobei ich mir gestatte, daran zu erinnern, daß Shakespeare im 13. Jahrhundert Kanonen schießen ließ und Goethes Fehler den stattlichen Band `Hier irrt Goethe‘ füllen. … Schade, daß mein Verleger nichts anderes zu dem Buch zu sagen hatte. Ein Strauß Levkojen[1] wäre nicht unangebracht gewesen….“

3. März 1985

„… wenn ich an Ullstein denke, denke ich nie an Geschäftspartner, sondern an Freunde. Danke! Grüße und: que le bon Dieu fasse le reste!“

Es sieht nur so aus, als wäre ich nach 5 Wochen Archivierung meiner Bücher-DNA erst beim B wie Brückner. Es gibt erstaunlich viele Autoren mit B. Und da rede ich gar nicht von Böll und Bukowski, sondern von Borchert, den Braschs, dem Braun und dem Byron.

Ich bin längst durch, hab mich nochmal ordentlich bei den beiden Z für Zweig, die da Arnold und Stefan heißen, festgelesen und dann das neue Regal bestellt. Denn von S wie Seghers bis zu den Zweigen lagen die auf Boden, die nirgendwo mehr Platz fanden: Und das hatten Silitoe, Tolstoi und Zwetajewa wahrlich noch nie erlebt. (Den Braun habe ich nebenbei sogar repariert. Das ist dem auch noch nie passiert.)

Für Bruno[2] (1979)[3]

… Die Vernehmer glauben sich zu verhören / Im Knast agitiert er die Mönche / Als wüßten die nicht wo Gott wohnt / Die Folter verfängt nicht: er singt ein ´Tedeum / Wohin mit ihm? Die Hölle nimmt ihn nicht auf / Verbrennen wäre die Lösung, doch die ist nicht neu

Flugs im Worldwideweb Regale bestellt und das Mal-schnell-ins-Grüne-Vehikel zu einem Lieferwagen ausgeklappt, mit dem ich die Bretter, die mir die Welt bedeuten, samt Bastelbögen zu mir holte. Sehr glücklich über das Vorher- und das Nachher-Bild, die ich mir zur Bestätigung rahme.

 

Ihr merkt, es hört nicht auf, und das ist gut so beim Lesen und Leben in der Anderzeit.

Euer

Spirit of Kasimir

[1] Christine Brückner. Jauche und Levkojen. Werkausgabe Ullstein 1999

[2] Giordano Bruno

[3] aus: Volker Braun. Training des aufrechten Gangs. Mitteldeutscher Verlag Halle Leipzig. 1987

Vom Lesen in der Anderzeit. Heute: Brautigan DIE RACHE DES RASENS. Rowohlt 1993

So ein Blog ist wie ein Goldfisch im Aquarium. Er steht dekorativ in der Welt, aber der Fisch darin will gefüttert werden.

Auch die Fische in meinem 240 l Aquarium Typ „Juwel“ wollen gefüttert werden. Dabei sind sie so dröge gegenüber allem, was um sie herum vorgeht, dass mir ihr Anblick YingYang in Fischform ist.

Im Aquarium ist die Welt noch in Ordnung – oder sie war es nie. Dort wird nicht gehamstert, sondern gefressen, was der Futterspender reinfallen lässt. Für meine Fische ist immer Sonntag, Homeoffice und kontaktfreie Nähe. Sie scheißen ohne Klopapier und teilen sich kein (mir) bekanntes Gen mit dem gemeinen Hamsterhamster. Den Rat, alle 8 Minuten etwas zu trinken, erfüllen sie sekündlich. Ich folge ihm auch, habe das von chinesischen Ärzten empfohlene Wasser jedoch mit Rotkäppchensekt ersetzt und grinse schon morgens um 10 schön debil vor mich hin. Gegenseitig anstecken tun sich meine Fische übrigens nur zum Spielen und Jagen.

Auch ein dekorativ in der Welt stehender Blog will gefüttert sein. Der vorletzte Eintrag ist von Silvester. Was haben wir uns da alle gewünscht? Die Intellektuellen den Weltfrieden, wir weniger hellen Kerzen am Leuchter, dass alles so weiter geht, eventuell besser wird, wir aber gesund bleiben. Hammer! Wie sorglos und routiniert dieser Wunsch auf jede Geburtstagskarte gepappt wird. An jede Standartgratulation am Telefon oder dem – damals möglichen – Händedruck oder gar Umarmung bei einer – damals möglichen – Feier.

Anfangs dachte ich noch, es genüge, das C-Wort zu vermeiden, um auch den biologischen Irrsinn zu vermeiden, der uns nun in Schach hält. Denn das Wort erwähnen heißt, es manifestieren, heißt, es kriegen. Das war mit der AfD genauso. Ihr PR-Team waren wir alle, die permanent das A-Wort in den Mund nahmen, und irgendwann hatten wir den Salat und die AfD in den Parlamenten.

Meine Fische zum Beispiel manifestieren permanent, dass sie Futter haben wollen. Ich sitze neben ihnen an meinem Schreibtisch, und mein nachdenkliches Kratzen am Ohr deuten sie als Aufbruch zum Futterautomat, um sich dort sogleich im Kreis zu versammeln. Es funktioniert. Ich kann sie nicht sich versammeln sehen und ihnen dann nichts geben. Tue ihnen den Gefallen, drücke aufs Knöpfchen, und das Futter rieselt.

Ich bin beim B. B wie Richard Brautigan. Ein Name wie Donnerhall, wenn man Forellenfischen mag und die Spektrum-Reihe, die von 1968 bis 1993 bei Volk und Welt erschien.

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Dabei ist es seine „Rache des Rasens“*, die bisher verhindert hat, dass ich vom A meiner coronaischen Büchersortieraktion nur bis zum B gekommen bin. In unglaublichen 3 Wochen, in denen es galt, am eigenen Roman weiterzuschreiben, habe ich mich in denen anderer festgelesen.

Und keinen Moment bereut. Kurzfassung:

Großmutter ist Schnapsbrennerin und schüttet die übriggebliebene Maische an einen Birnbaum. Während sie im Keller fröhlich weiterbrennt, machen sich ihre Gänse über die Maische her. Betrunken steckt die eine den Kopf in die Maische und vergisst, ihn wieder herauszuziehen. Eine andere schnattert wie verrückt und versucht, auf einem Bein zu stehen und die W. C. Fields-Parodie eines Storchs zum Besten zu geben. Schließlich fallen alle um und liegen auf ihren Schwanzfedern. Großmutter findet sie vor und hält sie für tot. Pragmatische Frau rupft das Vieh und legt alle auf einen Haufen. Als der Protagonist mit seinem Cadillac in die Hofeinfahrt einbiegt, erwachen die Gänse, kommen ihm nackt entgegengetorkelt und glotzen ihn aus großen Augen an. Da hat er das Auto gegen die Hauswand gesetzt.

So kommen Beulen am Auto zustande, und ich hab‘s noch nirgendwo umwerfender gelesen. So kann ich nicht arbeiten.

Immer noch beim B verharrend,

Euer

Spirit of Kasimir

 

*Richard Brautigan. Die Rache des Rasens. Geschichten. Rowohlt 1993; Original: Revenge of the Lawn/Stories 1962-1970. Simon and Schuster, NYC 1971.

 

Vom Lesen in der Anderzeit. Heute: Andrzejewski DIE KARWOCHE. Rowohlt 1987

Auf merkwürdig schöne Ideen kommt unsereins dieser Tage. Auch mir genügt es nicht, die Stunden des Tages, der nun ohne den Feierabend in die Nacht übergeht, mit Dingen zu verbringen, die ich schon vor dem Wegschluss hätte tun können. Die ich jederzeit hätte tun können. Denn jetzt ist nicht Jederzeit. Jetzt ist Anderzeit.

In der Anderzeit entdecken wir in der Petrischale, in der wir leben und vor uns hin gedeihen bis wir absterben, die DNA. Jeder Mensch hat eine andere. Meine besteht aus doppelreihig aufgestellten Büchern. Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Bibliothek und dem verloren gegangenen Überblick ist eine Excel-Datei. Ich bin erst beim A, und im Wohnzimmer sieht es bereits aus wie im implodierten LKW einer Buchauslieferung.

Hier treffe ich sie, meine vernachlässigten Freunde. Hatte sie kennengelernt in vergangenen Jahrzehnten, manche von ihnen lustlos mitgeschleppt, andere regelrecht hofiert und behutsam in die Kisten meiner zwei Dutzend Umzüge gelegt. Viel „Goldstaub“ und „Bückware“ darunter, für die ich mich als Händlerin im Volksbuchhandel der DDR nicht wirklich bücken musste.

Bücher sind Freunde. Jetzt, da ich kaum welche treffen kann und nicht jeder soziale Kontakt ein Freund ist, bin ich hier von verboten vielen umgeben…

Karfreitag, 10. April 2020

Jerzy Andrzejewski

Die Karwoche

Rowohlt Jahrhundert. Band 7. 1987

Die Handlung endet heute vor 77 Jahren.

In Warschau ein so „prachtvoller Frühling“ wie in Berlin am heutigen Tag.

„Vor den Kirchen stauten sich die Menschenmassen.“

Vor dem Haus, in dem Anna und Jan Malecki leben und sich auf die Geburt ihres Kindes freuen, spielt eine Horde Jungen. Bauen eine Mauer aus Erde, Lehm, Zweigen und Glassplittern. „Das ist das Getto“, ruft einer und reibt sich stolz und doch erschöpft die Hände.

Vier Tage zuvor war Jan Malecki ihr begegnet, Jahre nachdem sie sich aus den Augen verloren hatten und während der er sie, wie auch ihre Eltern, für verschleppt und tot gehalten hatte.

Irena Lilien ist verbittert,

„ihr Ausdruck hatte den charakteristischen Schmelz eingebüßt“

Jan nimmt sie bei sich und Anna auf.

„Er trägt das Gefühl von Mitschuld in sich wie eine Wunde, in der das ganze Übel der Welt zu schwären schien.“

Und doch gerät er immer wieder in Streit mit Irena. Sie hält ihn für den

„Typ Intellektueller, der den eigenen Seelenkonflikt wichtiger nimmt als das tatsächliche Leid der anderen“

Und sie reiben sich auf in der Bewertung ihres jeweils eigenen Elends, in der sie

„unbewußt die Verschiedenheit ihrer Schicksale unterstrichen“

Irenas Vater, der angesehene Professor Lilien, hatte sein Leben beendet, indem er sich auf einem Waldweg einer Gruppe Juden anschloss, die zur Hinrichtung auf eine Lichtung getrieben wurden. Und nun genügt der feiste Piotrowski, um Irena Lilien in Panik zu versetzen. Er legt sich einfach nur auf die Wiese, das Haus und den Balkon der Maleckis fest im Blick.

Die ganze Karwoche hindurch brennt das Getto. Eine dunkle Rauchwolke hängt über der Stadt und trägt die Schreie in sich…

„Wer schreit so? Das können doch nicht Menschen sein.“

Der Frühling geht einfach weiter.

„Hinter den entwürdigenden Mauern gingen Menschen zugrunde, und nichts veränderte den Lauf des Lebens ringsum.“

Unter Maleckis Kollegen werden Sprüche geklopft.

„Aber unter uns gesagt, ein bißchen recht hat der Bursche, Ich, siehst du, bin kein Freund von solchen Methoden… bin überhaupt nicht für den Faschismus – aber was wahr ist, ist wahr! Hitler löst für uns Polen das Judenproblem. Auf seine Art, barbarisch – aber radikal.“

Die Bewohner des Hauses

„arbeiteten sich durch das Dickicht der neusten Nachrichten, verlegten sich sogleich erst aufs Deuten, dann aufs Prophezeien… bis belanglose Gespräche aus Nachrichten von den Fronten begannen, unschädlich zu verglimmen und schließlich in verlegenem Schweigen unterzugehen.“

Man lebte auf der

„richtigen Seite der Mauer“ …

***

Heute wäre ich nach Krakau gefahren. In die pulsierende Stadt und raus zur Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz. Stattdessen hat mich mein Archivierungswahn ins Warschau des Jahres 1943 geführt. Hier bleibe ich noch eine Weile; hier, bei jenen Freunden, die mich nicht gehen lassen. Bin seit Tagen bei ihnen, den Andrzejewskis, Arendts, Austers, Alighieris. Sie alle weisen mir den Weg in eine noch weite, in eine interessante, in eine erschütternde, aber auch bereichernde Reise bis hin zu den Zolas, Zweigs und Zwetajewas.

Euer

sich immer wieder festlesender

Spirit of Kasimir

Das Jahresendselfie…

20191231… in die nächsten Zwanziger, denen ich gern ins Gewissen reden möchte, auf dass sie ebenfalls the Roaring und Golden ones werden mögen, es aber besser machen, als ihre hundertjährigen Vorgänger, die in Wahrheit ein sehr kurzes Leben hatten.

Die kommenden 20er Jahre haben es einfacher. Statt mit Reparationen, Säuglingssterblichkeit und Armut haben sie es mit einer Handvoll gefährlich Verrückter an diversen Staatsspitzen zu tun. Die es zu hören gilt, denn wem man nicht zuhört, dem kann man nicht widersprechen.

Lasst uns den Widerspruch pflegen, lasst alle zu Wort kommen, auch wenn es zum Würgereiz führt. Und dann lasst uns nicht nur mit Worthülsen, sondern echten Argumenten und Taten begegnen. Einfach mal machen! ist die Parole. Es ist tatsächlich einfacher, als du denkst, mal nicht nur in Kommentaren und Tweets rauszuhusten, was keiner mehr hört, weil so viele es tun, dieses Pseudotun, sondern zu machen. Kleine Gesten und Handlungen im eigenen kleinen Radius.

„Denkt jeder an sich, ist an alle gedacht“ wird so gern zitiert. Warum gilt das nicht für´s kleine Tun? Tut jeder etwas für sich, in seiner Familie, im Freundeskreis, für die Nachbarn oder nur mit einem Lächeln zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Menschen – ist dann nicht für alle etwas getan? Von da kann sich etwas entwickeln, ohne spürbare Müh.

Denn die Vergangenheit ist nicht vergangen, sie steht da nur und ruht in sich und schaut uns zu. Sie ist wie der Obercapo einer Mafia. Er muss nichts tun, er muss nur lässig im Türrahmen lungern, um Menschen einzuschüchtern oder zu beeindrucken, sie zu unsagbaren Nachahmungen und Taten oder Angst und Furcht zu verführen.

Zeigen wir es den hässlichen Bildern, indem wir sie nicht mehr anschauen. Blick nach vorn und Fokus. Und am Ende des Tages ein Selfie, das kein Selfish ist. Das wär doch was.

Einen guten Rutsch – Happ New Year – Bonne Anneé – Feliz Ano Nuevo uns allen und Peacefully Roaring Twenties ahead.

Rezo ist Silber. Machen ist Gold.

Lieber Rezo,

ich reagiere nicht auf Dich, sondern auf die (von der CDU abgesehen) nahezu ungeteilte Begeisterung für Dein CDU&Co.-Zerstörungs-Video.

Deine Botschaft und die 14 Millionen Klicks darauf formulieren sich für mich zu einer einzigen Frage: Wo seid ihr jenseits von Manifestation und Videobotschaft, wenn man Euch braucht?

Wo seid ihr, wenn Gleichaltrige den angebotenen Ausbildungsplatz (Quelle 1) nicht annehmen und nach dem erschöpfenden Abitur, das ursprünglich mal auf einer Backe abgesessen wurde, eine „Auszeit“ brauchen? (Quelle 2) In welcher Nervenzelle lungert der Klimagedanke, während sich mit Shoots in Plastikflaschen in der S-Bahn für die Clubparty aufgewärmt wird? Und wo sind Deine Follower, wenn es um die Wahl geht, um die Wahl nämlich, ob man überhaupt wählen geht oder aus „Politikverdrossenheit“ am Sonntag lieber chillt und damit die eigene Stimme nicht nur (ich zitiere) „nicht der CDU und nicht der SPD“, sondern auf jeden Fall jemandem gibt, der sich über jede ungenutzt gültige Stimme freut? (Quelle 3)

Ihr Mid-Twenties seid seit zirka zehn Jahren wahlberechtigt, und die Mehrzahl Deiner Liker ist es wahrscheinlich schon viel länger. Denkberechtigt und -verpflichtet seid ihr qua Geburt. Eltern habt ihr auch, und einige von Euch haben auch Kinder. Hast Du auch nur ein μ Deiner Botschaft, bevor sie in den Äther ging, wirksam an Deinem eigenen Umfeld, Deiner Family, in Deinem Hood und in Deiner Clique ausprobiert? Ist dort wirklich jeder dabei, keine Nestlé-Produkte zu kaufen, sich um einen steuerpflichtigen Job zu kümmern, um eine nachhaltige Erziehung der eigenen Kinder und um Konsum jenseits des Plastikwahnsinns?

Woher kommen Du und Greta jetzt, da sich in einem Großteil unseres Landes (den 30-Jahre-„neuen“ Bundesländern nämlich) und in ganz Europa rechte Kräfte längst freigeschwommen haben?

Wo wart ihr und Eure Überzeugungsarbeit an der Basis, wo wir heutigen Looser (CDU und SPD) immer noch (jenseits von Tagesschau und Anne Will) ziemlich viel bewegen (nur kann nicht jeder Ortsverein seinen eigenen Youtube-Channel starten), Euch die Parteien aber zum Mitwirken zu uncool sind, obwohl ihr genau dort tatsächlich etwas verändern könntet?

Ich teile Deine Meinung, dass „junge Leute mehr Politik machen“ sollen, aber diese erschöpft sich eben nicht darin, dass „junge Leute sagen, was Scheiße ist“. (Quelle 4) Das reicht mir nicht. Labern kann ich auch. Machen ist die Parole.

Selbst Stéphane Hessel meinte mit „Empört Euch!“ als alter Résistancler etwas mehr als Kamera an und raus mit dem Scheiß. Vor der Empörung kommt das Engagement. Auch wenn es dort unbequemer ist als in der Komfortzone am PC.

Genau dorthin grüßt Dich, lieber Rezo,

Dein bekennender SPD-Looser,

The Spirit of Kasimir

Foto: Martin Hartung

Rauchende Volts oder Eine alte Dame auf der Intensivstation

20190524_14074216. April 2019. 19 Uhr 10. Mein erster Gedanke war: Dieser Stadt bleibt auch nichts erspart. Mein zweiter Gedanke war, diesen Satz unter einem Foto von Notre Dame und mir zu posten. Mein dritter Gedanke war die Frage, ob ich eigentlich noch ganz dicht bin.

Und schon hatte sich zwischen die Meldung kurz nach sieben und die Schockstarre des Unglaubens, das Googeln nach dem Wahrheitsgehalt und o.g. drei Gedanken eine fette Viertelstunde gequetscht und die Kirche bereits in einen qualmenden Hashtag verwandelt.

Ich schaltete den Computer aus und zog mich vor den Fernseher zurück. Passend auf ARTE ein Film Noir. „Die Wahrheit über unsere Ehe“. In meinem Kopf entfalteten sich Bilder in schwarzweiß: Unweit vom Notre Dame, am Place Dauphine, wohnen Simone Signoret und Yves Montand im Innenhof eines Idylls aus Häusern des 17. Jahrhunderts, während Simenons Maigret zwischen zwei Ermittlungen einen P`tit Crème im Café „Aux Trois Marches“ nimmt, sich Anthony Quinn im Schatten der speienden Chimären als Quasimodo nach Esmeralda verzehrt…

gargouilles

…und Jean Gabin mit Alain Delon im Gefängnis La Santé im 12. Arrondissement eine Hinrichtung dreht, wo ich Jahrzehnte später eine Szene für meinen Roman „Kältetod“ recherchiere. Sie alle liefen wohl fast täglich dort vorbei, an Notre Dame.

Bei allem tödlichen Elend in der Welt wischte dieser Kirchenbrand meiner Sehnsucht nach sicheren Orten eins aus. Ich brauche Parameter, an denen ich mich wie an einem Geländer entlang hangeln kann. Sonst geht meine innere Ruhe flöten.

Paris war mir Heimat und ist mir heute beste Freundin, die ich, wann immer es mir möglich ist, besuche. Zu Notre Dame und seinen Türmen hat es mich nie gezogen. Es sind ihre Schwestern St. Médard, wo am Sonntag auf dem Kirchplatz getanzt wird und St. Eustache, wo die Suppenküche unter bunten Schildern qualmt und eine träge voranrückende Reihe Menschen wärmt. Aber es war nie Notre Dame, wo sich eine bunte Schlange in Türme quetschte, über eine Wendeltreppe kroch, um schließlich ihren Kopf zum Blick über die Stadt zu recken. Im Inneren der Kirche war es düster, ging es bedächtig und bemüht würdevoll zu, so bunt die Käppis der Besucher auch waren. Weltläufig genug, um bis nach Paris zu reisen, provinziell genug, die Kopfbedeckung nicht abzunehmen.

Am Abend des Brandes suchte ich alles zusammen, was mir von Notre Dame geblieben war. Beim Passieren von A nach B wie beiläufig geschossene Fotos aus immer anderer Perspektive, von denen ich nicht wissen konnte, dass es die letzten der Kirche waren, wie ich sie kannte.

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Kürzlich verstarb ein Freund von mir. Ich suchte aus Alben und Dateiordnern gemeinsame Bilder, legte sie als Serie nebeneinander, um unsere gemeinsame Zeit Revue passieren zu lassen und zu einem einzigen Stück Erinnerung in mir zu gießen. Und nun tat ich das gleiche zusammen mit vielen, die ich online trauern sah, mit unserem, unserer Notre Dame, von dem oder der wir noch nie wussten, ob er oder sie nun männlich oder weiblich ist. Wir wissen nur, dass Notre Dame in Jahrhunderten, in denen in der Welt kein Stein auf dem anderen geblieben war, aufrecht gestanden hatte mit Blick auf Galgen und Kanonen, Scheiterhaufen, Panzer und Demonstrationen, Leichen und die glatte Fassade der Polizeidirektion, hinter deren Mauern nur ein Bruchteil all jener zum Einsitzen kam, die unter den Augen des Gotteshauses gestohlen, gemordet und denunziert hatten.

Gebäuden menschliche Fähigkeiten anzudichten liegt jedem so wie mir. Notre Dame: eine von uns. Eine Dame, mit dem Possessivpronomen vereinnahmt.

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Die Glut einer weggeworfenen Kippe oder der Funke eines überhitzten Steckers konnten in Stunden zerstören, was in Jahrhunderten gewachsen war. Diesmal kein Terroranschlag. Diesmal keine Toten und Verletzten. Diesmal kein Bekennerschreiben. Und doch hatte ich das Gefühl, einer Hinrichtung beizuwohnen. Feuer ist das vernichtendste Element der vier. Es kotzt nicht wieder aus, was es einmal verschlungen hat. Flammen nahmen sich, was ich nie wiedersehen würde.

Die Millionen und die Jahre, die nun sofort in den Wiederaufbau gesteckt werden, interessieren mich nicht. Es ist wie bei dem Freund, den ich an den Krebs verloren habe: nie wieder sein Lachen, sein ausgefallener Tanzstil, seine Stirnfalte, wenn es an ernste Themen ging.

Es ist das Unwiederbringliche, das schmerzt und die eigene Endlichkeit verdeutlicht.

Ich werde die wahre Notre Dame, so ausgebessert und vernarbt ihre Haut auch bereits war, nie wiedersehen, und das ist es, was so weh tut. Was selbst bei einem Konstrukt aus gemauerten Steinen weh tut, das sich nicht im Geringsten so um uns schert wie wir es mit seinem Schicksal tun. Weil eben nur ein Stein ist, wohin wir ein Herz interpretieren.

Ein einziges Mal war ich länger da, im Inneren der alten Dame, für einen Krimi natürlich.

Anthologie_Das Fest. phm2014

„In Paris war schon lange niemand mehr gesteinigt worden. Guibert ließ sich seine Faszination für den seltsam verrenkten Körper zu seinen Füßen nicht anmerken, um den er nun wie ein Marabu herumschritt. Es war der 850. Jahrestag des Gotteshauses, der dunkelsten Kirche der Welt. Hier war Jeanne d´Arc rehabilitiert worden, ein Vierteljahrhundert nach ihrem grausamen Tod. Hier hatte sich Napoleon selbst zum Kaiser gekrönt, und hier ruhte noch immer die Dornenkrone, die König Ludwig IX in Konstantinopel erworben hatte. Religiöse Rituale beim Morden tendierten gen null. Vielleicht lag es am fehlenden Glauben der Menschen…“ (aus Patricia Holland Moritz: Das Fest in Sakrament des Todes – 13 Morde auf heiligem Boden, fhl, Leipzig 2014)

24. Mai 2019. 15 Uhr 10. Heute steht die Dame ausgeweidet da, ihre Innereien auf dem Kirchplatz archiviert, bewacht und von weitem fotografiert. Sie lässt keinen mehr an sich heran, hält uns auf Abstand und macht auf Genesung.

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Adieu, Notre Belle. Sie konnten dich nicht beschützen, die seltsamen Gargouilles und einzigen Spielgefährten deines Glöckners, die doch eigentlich bösen Zauber von dir abwehren sollten.

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Photocredits: Patricia Holland-Moritz, 2019 / außer: „Chimäre“ (Fotograf unbekannt)