Rezo ist Silber. Machen ist Gold.

Lieber Rezo,

ich reagiere nicht auf Dich, sondern auf die (von der CDU abgesehen) nahezu ungeteilte Begeisterung für Dein CDU&Co.-Zerstörungs-Video.

Deine Botschaft und die 14 Millionen Klicks darauf formulieren sich für mich zu einer einzigen Frage: Wo seid ihr jenseits von Manifestation und Videobotschaft, wenn man Euch braucht?

Wo seid ihr, wenn Gleichaltrige den angebotenen Ausbildungsplatz (Quelle 1) nicht annehmen und nach dem erschöpfenden Abitur, das ursprünglich mal auf einer Backe abgesessen wurde, eine „Auszeit“ brauchen? (Quelle 2) In welcher Nervenzelle lungert der Klimagedanke, während sich mit Shoots in Plastikflaschen in der S-Bahn für die Clubparty aufgewärmt wird? Und wo sind Deine Follower, wenn es um die Wahl geht, um die Wahl nämlich, ob man überhaupt wählen geht oder aus „Politikverdrossenheit“ am Sonntag lieber chillt und damit die eigene Stimme nicht nur (ich zitiere) „nicht der CDU und nicht der SPD“, sondern auf jeden Fall jemandem gibt, der sich über jede ungenutzt gültige Stimme freut? (Quelle 3)

Ihr Mid-Twenties seid seit zirka zehn Jahren wahlberechtigt, und die Mehrzahl Deiner Liker ist es wahrscheinlich schon viel länger. Denkberechtigt und -verpflichtet seid ihr qua Geburt. Eltern habt ihr auch, und einige von Euch haben auch Kinder. Hast Du auch nur ein μ Deiner Botschaft, bevor sie in den Äther ging, wirksam an Deinem eigenen Umfeld, Deiner Family, in Deinem Hood und in Deiner Clique ausprobiert? Ist dort wirklich jeder dabei, keine Nestlé-Produkte zu kaufen, sich um einen steuerpflichtigen Job zu kümmern, um eine nachhaltige Erziehung der eigenen Kinder und um Konsum jenseits des Plastikwahnsinns?

Woher kommen Du und Greta jetzt, da sich in einem Großteil unseres Landes (den 30-Jahre-„neuen“ Bundesländern nämlich) und in ganz Europa rechte Kräfte längst freigeschwommen haben?

Wo wart ihr und Eure Überzeugungsarbeit an der Basis, wo wir heutigen Looser (CDU und SPD) immer noch (jenseits von Tagesschau und Anne Will) ziemlich viel bewegen (nur kann nicht jeder Ortsverein seinen eigenen Youtube-Channel starten), Euch die Parteien aber zum Mitwirken zu uncool sind, obwohl ihr genau dort tatsächlich etwas verändern könntet?

Ich teile Deine Meinung, dass „junge Leute mehr Politik machen“ sollen, aber diese erschöpft sich eben nicht darin, dass „junge Leute sagen, was Scheiße ist“. (Quelle 4) Das reicht mir nicht. Labern kann ich auch. Machen ist die Parole.

Selbst Stéphane Hessel meinte mit „Empört Euch!“ als alter Résistancler etwas mehr als Kamera an und raus mit dem Scheiß. Vor der Empörung kommt das Engagement. Auch wenn es dort unbequemer ist als in der Komfortzone am PC.

Genau dorthin grüßt Dich, lieber Rezo,

Dein bekennender SPD-Looser,

The Spirit of Kasimir

Foto: Martin Hartung

Rauchende Volts oder Eine alte Dame auf der Intensivstation

20190524_14074216. April 2019. 19 Uhr 10. Mein erster Gedanke war: Dieser Stadt bleibt auch nichts erspart. Mein zweiter Gedanke war, diesen Satz unter einem Foto von Notre Dame und mir zu posten. Mein dritter Gedanke war die Frage, ob ich eigentlich noch ganz dicht bin.

Und schon hatte sich zwischen die Meldung kurz nach sieben und die Schockstarre des Unglaubens, das Googeln nach dem Wahrheitsgehalt und o.g. drei Gedanken eine fette Viertelstunde gequetscht und die Kirche bereits in einen qualmenden Hashtag verwandelt.

Ich schaltete den Computer aus und zog mich vor den Fernseher zurück. Passend auf ARTE ein Film Noir. „Die Wahrheit über unsere Ehe“. In meinem Kopf entfalteten sich Bilder in schwarzweiß: Unweit vom Notre Dame, am Place Dauphine, wohnen Simone Signoret und Yves Montand im Innenhof eines Idylls aus Häusern des 17. Jahrhunderts, während Simenons Maigret zwischen zwei Ermittlungen einen P`tit Crème im Café „Aux Trois Marches“ nimmt, sich Anthony Quinn im Schatten der speienden Chimären als Quasimodo nach Esmeralda verzehrt…

gargouilles

…und Jean Gabin mit Alain Delon im Gefängnis La Santé im 12. Arrondissement eine Hinrichtung dreht, wo ich Jahrzehnte später eine Szene für meinen Roman „Kältetod“ recherchiere. Sie alle liefen wohl fast täglich dort vorbei, an Notre Dame.

Bei allem tödlichen Elend in der Welt wischte dieser Kirchenbrand meiner Sehnsucht nach sicheren Orten eins aus. Ich brauche Parameter, an denen ich mich wie an einem Geländer entlang hangeln kann. Sonst geht meine innere Ruhe flöten.

Paris war mir Heimat und ist mir heute beste Freundin, die ich, wann immer es mir möglich ist, besuche. Zu Notre Dame und seinen Türmen hat es mich nie gezogen. Es sind ihre Schwestern St. Médard, wo am Sonntag auf dem Kirchplatz getanzt wird und St. Eustache, wo die Suppenküche unter bunten Schildern qualmt und eine träge voranrückende Reihe Menschen wärmt. Aber es war nie Notre Dame, wo sich eine bunte Schlange in Türme quetschte, über eine Wendeltreppe kroch, um schließlich ihren Kopf zum Blick über die Stadt zu recken. Im Inneren der Kirche war es düster, ging es bedächtig und bemüht würdevoll zu, so bunt die Käppis der Besucher auch waren. Weltläufig genug, um bis nach Paris zu reisen, provinziell genug, die Kopfbedeckung nicht abzunehmen.

Am Abend des Brandes suchte ich alles zusammen, was mir von Notre Dame geblieben war. Beim Passieren von A nach B wie beiläufig geschossene Fotos aus immer anderer Perspektive, von denen ich nicht wissen konnte, dass es die letzten der Kirche waren, wie ich sie kannte.

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Kürzlich verstarb ein Freund von mir. Ich suchte aus Alben und Dateiordnern gemeinsame Bilder, legte sie als Serie nebeneinander, um unsere gemeinsame Zeit Revue passieren zu lassen und zu einem einzigen Stück Erinnerung in mir zu gießen. Und nun tat ich das gleiche zusammen mit vielen, die ich online trauern sah, mit unserem, unserer Notre Dame, von dem oder der wir noch nie wussten, ob er oder sie nun männlich oder weiblich ist. Wir wissen nur, dass Notre Dame in Jahrhunderten, in denen in der Welt kein Stein auf dem anderen geblieben war, aufrecht gestanden hatte mit Blick auf Galgen und Kanonen, Scheiterhaufen, Panzer und Demonstrationen, Leichen und die glatte Fassade der Polizeidirektion, hinter deren Mauern nur ein Bruchteil all jener zum Einsitzen kam, die unter den Augen des Gotteshauses gestohlen, gemordet und denunziert hatten.

Gebäuden menschliche Fähigkeiten anzudichten liegt jedem so wie mir. Notre Dame: eine von uns. Eine Dame, mit dem Possessivpronomen vereinnahmt.

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Die Glut einer weggeworfenen Kippe oder der Funke eines überhitzten Steckers konnten in Stunden zerstören, was in Jahrhunderten gewachsen war. Diesmal kein Terroranschlag. Diesmal keine Toten und Verletzten. Diesmal kein Bekennerschreiben. Und doch hatte ich das Gefühl, einer Hinrichtung beizuwohnen. Feuer ist das vernichtendste Element der vier. Es kotzt nicht wieder aus, was es einmal verschlungen hat. Flammen nahmen sich, was ich nie wiedersehen würde.

Die Millionen und die Jahre, die nun sofort in den Wiederaufbau gesteckt werden, interessieren mich nicht. Es ist wie bei dem Freund, den ich an den Krebs verloren habe: nie wieder sein Lachen, sein ausgefallener Tanzstil, seine Stirnfalte, wenn es an ernste Themen ging.

Es ist das Unwiederbringliche, das schmerzt und die eigene Endlichkeit verdeutlicht.

Ich werde die wahre Notre Dame, so ausgebessert und vernarbt ihre Haut auch bereits war, nie wiedersehen, und das ist es, was so weh tut. Was selbst bei einem Konstrukt aus gemauerten Steinen weh tut, das sich nicht im Geringsten so um uns schert wie wir es mit seinem Schicksal tun. Weil eben nur ein Stein ist, wohin wir ein Herz interpretieren.

Ein einziges Mal war ich länger da, im Inneren der alten Dame, für einen Krimi natürlich.

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„In Paris war schon lange niemand mehr gesteinigt worden. Guibert ließ sich seine Faszination für den seltsam verrenkten Körper zu seinen Füßen nicht anmerken, um den er nun wie ein Marabu herumschritt. Es war der 850. Jahrestag des Gotteshauses, der dunkelsten Kirche der Welt. Hier war Jeanne d´Arc rehabilitiert worden, ein Vierteljahrhundert nach ihrem grausamen Tod. Hier hatte sich Napoleon selbst zum Kaiser gekrönt, und hier ruhte noch immer die Dornenkrone, die König Ludwig IX in Konstantinopel erworben hatte. Religiöse Rituale beim Morden tendierten gen null. Vielleicht lag es am fehlenden Glauben der Menschen…“ (aus Patricia Holland Moritz: Das Fest in Sakrament des Todes – 13 Morde auf heiligem Boden, fhl, Leipzig 2014)

24. Mai 2019. 15 Uhr 10. Heute steht die Dame ausgeweidet da, ihre Innereien auf dem Kirchplatz archiviert, bewacht und von weitem fotografiert. Sie lässt keinen mehr an sich heran, hält uns auf Abstand und macht auf Genesung.

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Adieu, Notre Belle. Sie konnten dich nicht beschützen, die seltsamen Gargouilles und einzigen Spielgefährten deines Glöckners, die doch eigentlich bösen Zauber von dir abwehren sollten.

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Photocredits: Patricia Holland-Moritz, 2019 / außer: „Chimäre“ (Fotograf unbekannt)

SOKurzgefasst

Einen so gewaltigen Aufschrei wie den um Juso-Chef Kühnert hätte ich mir bei der kürzlich erfolgten Bekanntgabe deutscher Rüstungsexporte (49 Mrd €) gewünscht.
Juso-Vorsitzender Gerhard Schröder forderte 1978 die Beseitigung der Vorrechte der herrschenden Klasse im Allgemeinen, seine Jusos damals die Abschaffung des Maklerberufs im Speziellen. Die Panik blieb aus und die Makler gibt’s auch noch, so sie sich neben Airbnb halten konnten.
„In jenen Zeiten war das Denken in gesellschaftlichen Alternativen wesentlich normaler als heute.“* Heute äußert sich der aktuelle Juso-Chef zum Sozialismus und sorgt für einen Tsunami im Wasserglas. Statt des Denkens IN Alternativen überlassen wir selbiges nämlich neuerdings DEN so genannten. Und schon finden sich AfD, CDU/CSU und FDP im einheitlichen Protestmodus gegen das Interview eines jungen Wilden, der in einer weniger wilden Wochenzeitung über ein Wort sinniert, das mancher von uns eine Schulzeit lang durchdeklinieren musste.
Die Empörung erreicht eine Kraft, die ich mir beim Schul- und Wohnungsbau oder wenigstens beim Abriss des BER wünsche, und ausgerechnet von CSU-verkehrt-Minister Scheuer wird Kühnert als „verirrter Phantast“ bezeichnet. Schön. Denn ein bisschen mehr Phantasie und weniger B.Scheuert klingt hier nach einer ECHTEN Alternative.

Euer heute kurz angebundener Spirit of Kasimir

 

*Holger Schmale / Berliner Zeitung 3.5.2019

Der Menschenleser

Es ist vollbracht. Meine Zeitreise hat ein Ende. Eine Reise in die eigene Vergangenheit passiert nicht immer auf einem Vergnügungsdampfer. Dabei war ich beim Großteil der Handlung erst zwei, drei Jahre alt und eines der Kinder, denen ich dieses Buch widme:

Den Kindern in ihrer Unschuld, in ihrer Aufgeschlossenheit,
in ihrem ungetrübten Vertrauen in die Welt, die auf sie wartet.

Und das sagt der Verleger:

Äußerst lebendig, präzise und authentisch leuchtet Patricia Holland Moritz die Milieus in der (ost)deutschen Provinz unterhalb der öffentlichen Moral aus und zeigt, wie Menschen an den Verhältnissen zerbrechen. Auf historischen Tatsachen und Archivrecherchen beruhend setzt der Roman mit literarischer Freiheit Prof. Dr. Dr. Hans Szewczyk (1923-1994), dem medizinischen Direktor der Nervenklinik an der Charité Berlin, ein Denkmal, der durch seine Arbeit Täterprofile in die Ermittlung einführte und die Voraussetzung für die heutige Prävention und die Technik des Profilings schuf.

Worum geht es?

Deutschland Ende der 1960er Jahre. Kindermorde erschüttern West und Ost. Auf der einen Seite der pädosexuelle Serienmörder Jürgen Bartsch in Nordrhein-Westfalen. Auf der anderen drei grausame Morde in der brandenburgischen Kleinstadt Eberswalde. Panik breitet sich aus und Schuldige werden gesucht, auch unter der sowjetischen Besatzungsmacht. Die Ermittler der Kriminalpolizei stehen unter enormem Druck in einem System, das auf Anpassung basiert und am Kompetenzgerangel der Staatsorgane scheitert. Nur der Forensiker Paul Semper, ein kauziger Einzelgänger an der Berliner Charité, versucht in jenem Land, in dem jedes individuelle Leben unter staatliche Obhut gestellt war, neue Ansätze der Täteranalyse und des Verständnisses der menschlichen Abgründe zu entwickeln.

Zwei Jahre lang recherchiert, ein Jahr lang geschrieben. Es ist eine jener Geschichten, die mich nicht losgelassen haben, die sich immer wiederholen, egal, aus welcher Richtung der politische Wind weht, denn sie behandelt den Menschen, der

nie nur Böses und nie nur Gutes tat und beides auch immer aus einem Grund oder einer Veranlagung heraus.

So sieht Paul Semper, Forensiker an der Charité in Ostberlin die Dinge.

Er war wie Everett Taylor Cheever, der seine Bücher im Kopf schrieb. Manche von Paul Sempers Büchern wurden zwar veröffentlicht, doch die interessanteren, die viel relevanteren, die behielt er für sich. Die meisten seiner ungeschriebenen Bücher endeten mit einem Fragezeichen, und keine einzige seiner Geschichten hatte eine Moral.

Ich wünsche mir, dass dieses Buch seinen Weg geht. Nicht für mich, sondern für die Geschichte, die es erzählt. Schickt mir euer Feedback. Es bedeutet mir viel.

Patricia Holland Moritz

DER MENSCHENLESER

EAN: 9783948156008
ISBN: 394815600X
KLAK Verlag
1. März 2019 – 335 Seiten

Ihr könnt es bei Amazon  sehen und es beim Buchhändler eures Vertrauens erwerben.

Cover by Lukas Schlotterer / Grafikhaus München
Titelmotiv: Roger Melis / Roger Melis Archiv

 

Nicht die Hoffnung stirbt zuletzt. Danach kommt noch die SPD.

Leute, wir sind bei 17%. Das schaffen weder Graue Panther noch die restliche Tierschutzallianz. Wir sind auch stärker als die Violetten mit ihrer spirituellen Politik, haben die Partei für Gesundheitsforschung haushoch überflogen, auch die ÜberPartei der Bergsteiger haben wir gnadenlos abgehängt. Da ist viel Musike drin, was soll uns denn jetzt noch passieren? Dem Außenseiter AfD haben wir bei unserem Höhenflug sogar noch auf das Siegertreppchen geholfen. So sind wir nämlich, wir Genossen: immer für den anderen da. Selbstlos. Machtlos. Ziellos.

Und falls jetzt nochmal einer fragt: ja, ich bin trotzdem noch drin. Weil so eine Partei eben keine Facebookgruppe ist, die ich wütend verlasse, weil der aufgeklärte Rainer die Regeln geändert hat und nun doch keine Postings mit Foodporn nichtveganen Inhalts akzeptiert.

So eine Partei ist auch keine Gesichtsmaske, die ich mir auflege und wieder abrubbele, sobald es ä bissl zu jucken beginnt. Die zehn Minuten muss ich schon durchhalten, sonst bröckelt mir die Verjüngung im Ausguss weg.

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Ja, es ist Mist und ja, ich wünschte mir auch eine Chefin, die als Rampensau mehr als einen Pippi Langstrumpf-Song drauf hat und nicht über alle Maaßen und Köpfe hinweg Entscheidungen mitträgt, die soviel Mut brauchen wie ein Panzerfahrer beim Überwinden einer Barriere aus Nussschalen.

Aber meine SPD ist ganz einfach noch nicht weit genug unten, da geht noch weniger als 17%, und ich bin mir sicher, auch das schaffen wir. Denn erst, wenn der Daumennagel am Boden des Eimers kratzt, poppt die Gänsehaut auf, verteilt den Schauer auf der Haut und macht wach.

Währenddessen reißen wir uns in den Ortsvereinen weiter den Allerwertesten auf, rennen neben Job und Familie in die Ausschüsse für Bau und Gleichheit und Inklusion und ökologische Stadtentwicklung und Mieterschutz, machen Euch schöne Sommerfeste bei Freibier und halten den ABC-Schützen bei der Einschulung am Samstagmorgen auch gerne mal die Schultüte, während das eigene Kind zuhause beim Babysitter sitzt.

In Berlin kann SPD übrigens außer Nichtgewähltwerden auch Mindestlohn, Zuschüsse für Sozialmieten, höhere Investitionen in Krankenhausversorgung, Familienfördergesetz gegen Kinderarmut, verbilligtes Sozialticket und neue Hochschulverträge mit mehr Zuschuss. Nur klingt das alles leider nicht so sexy wie der schmatzende Sound der Häme. Gegen diese Art von Lärmbelästigung wende ich renitent das gleiche Mittel an: Einfach machen. Einfach weitermachen.

Mit nur einem Messer im Rücken gehen wir noch lange nicht nach Hause. Und ja, ich bin gekommen, um zu bleiben. Als Exoten werden wir doch irgendwann sowieso unter Artenschutz gestellt, und wer mich kennt, der weiß, wie ich diese Art von Aufmerksamkeit genieße.

Weniger sind mehr, heißt es doch so schön. Und ganz wenige sind dann die allermeisten.

Euer Spirit of Kasimir,

der sich heute mal das Parteibuch unter das Kopfkissen legt. (Bei der Zahnfee hat das mit der Belohnung schließlich auch geklappt.)

 

 

 

Die unvollendete Geschichte – Warum DDR-Literatur gelehrt, gesungen, zitiert und gelesen gehört

Im Juli wäre Brigitte Reimann 85 geworden.

Wäre.

Wenn sie noch leben würde.

Würde.

Ihre Würde bis zum Schluss spiegelt sich in einem Brief von Christa Wolf an Reimanns Eltern. Die Tochter war gerade 39jährig an Krebs gestorben, ihren Roman „Franziska Linkerhand“ hatte sie unvollendet zurückgelassen.

„In den letzten drei Jahren, als ich mit Brigitte befreundet war, hat mich ihre Art, trotz der Krankheit zu leben und die Ansprüche an sich selbst nicht zu senken, sehr beschäftigt. … Wir haben oft über ihre neuen Einsichten gesprochen, die sie, wenn sie erst dieses letzte Buch beendet hätte, dazu bringen sollten, neu und ganz anders zu schreiben. Wahrscheinlich hätte sie es gekonnt.“ [1]

Wir werden es nie erfahren. Und vielleicht – das macht ihn aus, den Zauber alles Unvollendeten -, ist es ja gut, dass wir Brigitte Reimann nicht neu und anders schreibend erlebt haben. Wer über Dialekt schreibt „so dick, dass du ihn mit dem Messer schneiden kannst“, über Schnurrbärtchen „wie ein zufällig nicht weggeräumtes Requisit“, über Einsamkeit „die nur der des Sterbens vergleichbar ist“ und Dienstreisende in den Hotelbars der Ostberliner Mitte als „nach dem scharfen Parfüm der Gelegenheit schnuppernd“ [2] zeichnet, sollte weder neu noch anders schreiben und uns nicht auch noch die letzten Bilder im Kopf nehmen.

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Brigitte Reimann ist keine Unvollendete wie Franz Schuberts Sinfonie in h-Moll. Der hatte nicht weiter daran geschrieben, weil er (laut Überlieferung) „nicht die Notwendigkeit sah, noch einen dritten und vierten Satz zu schreiben, da er alle seine Intentionen schon im ersten und zweiten Satz umgesetzt habe“[3]. Brigitte Reimann ist eine wahre Unvollendete. Und eine von großer Ambivalenz aus Bedauern des zu kurzen Lebens und der Verblüffung, wie viel da hineinpasste.

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Es ist desillusionierend, wie wenig der aktuelle Buchmarkt zu den Schriftstellerinnen und Schriftstellern der DDR hergibt. Aus dem Leben in der DDR heraus verfasste Texte von Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Volker Braun und all den anderen, die sich was trauten, wie es heute keiner mehr muss, sind fast nur noch antiquarisch zu finden. Nicht so Brigitte Reimann: 1995 noch vom SPIEGEL „die große Unbekannte der DDR-Literatur“[4] genannt, ist ihr Schreibschatz heute nahezu komplett gehoben.

Der Herausforderung, ihn am Leuchten zu halten, während dem Buchhandel die Leser abhanden kommen, hat sich die Berliner Schauspielerin Inés Burdow gestellt. Ihr Radiofeature und Bühnenstück „Die Unvollendete“, das „beängstigend lebendige Psychogramm einer zerrissenen Frau“[5] sucht seinesgleichen in der literarischen Performance.

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Bei einer Aufführung in Thomas Rühmanns Theater am Rand war die Stille unter den Zuschauern als Sprachlosigkeit spürbar: Wie kann es sein, dass so starke Stücke deutscher Literatur immer nur als Entdeckung und nicht als Gemeingut gelten?

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Diese Schreibe gehört gelehrt, gesungen, zitiert und gelesen. Es sind die Schädlichs, die Buchs, die Havemanns, die Wanders von damals, die uns alles über das Heute wissen lassen. Wozu der große „Wenderoman aus West-Sicht“[6], zu dem Ingo Schulze aufruft? Lieber erstmal Leser mit West-Sicht, die Volker Brauns „Hinze-Kunze-Roman“ genauso lesen wie sie Tellkamps Turm erklimmen. Das wär doch mal ein Schritt in Richtung wertschätzender Aufarbeitung. Scheint nur grad nicht in Mode zu sein. So wenig wie „das DDR-Paket“. Dabei „wirkt (es) heute und hier und auch auf das Leben der Westler. Die müssten doch sehen, dass einem das was bedeutet … und die stellen sich vor dich hin und gähnen dir voll in die Fresse. Aber wenn irgendwer zum hunderttausendsten Mal was über die RAF macht, dann kriegen sie feuchte Augen.“[7] Danke, Leander Haußmann.

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Bühnenstücke, Spielfilme, Romane über das Leben in der DDR gibt es viele. Bühnenstücke, Spielfilme, Romane aus dem Leben in der DDR sterben in deren Schatten.

Aber was willst du erwarten in einem Land, in dem um ein Einheitsdenkmal gegeifert wird wie um eine unbeglichene Kneipenzeche.

***

Quellen

[1] Brigitte Reimann, Christa Wolf „Sei gegrüßt und lebe – Eine Freundschaft in Briefen“, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar GmbH 1993

[2] Brigitte Reimann „Franziska Linkerhand“, Roman, Aufbau-Verlag GmbH, Berlin, 1998

[3] Ernst Hilmar (Hrsg.): Schubert-Lexikon. Akademische Druck- und Verlags-Anstalt, Graz 1997

[4] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9186492.html

[5] https://www.lr-online.de/nachrichten/kultur/ich-bin-das-land-ich-bin-jung-gestorben_aid-2695768

[6] https://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Schriftsteller-Ingo-Schulze-Wir-brauchen-einen-Wenderoman-aus-West-Sicht-1063342841

[7] https://www.berliner-zeitung.de/kultur/leander-haussmann-im-interview-rueckkehr-an-die-volksbuehne-mit-einem-stasi-stueck-30705370

Foto Brigitte Reimann © WDR

Foto Inés Burdow © Kuno Troschke

Rainer Klis (1955 – 2017)

Das Wort „Metapher“ habe ich von ihm gelernt. Und mit den Lehrern ist es wie mit den Eltern. Sie tendieren dazu, vor ihren Schülern, ihren Kindern zu sterben. Rainer Klis war einer für mich, ein Lehrer im großen Sinne des Wortes. Der nichts tun musste, außer zu schreiben. En miniature – denn die kleine, die präzise Form war seine Kunst.

Zu Zeiten von Zensur und Druckgenehmigungsverfahren schrieb Klis in Hinter großen Männern

Gräbt der Archäologe, kann es sein, daß er eiserne Waffen freilegt, dann Bronzebeile und Keramikscherben. Die Faustkeile aber findet er uns als letztes.

Grübe er dennoch weiter und fände zuunterst noch Eierbecher, wir müßten ihm seinen Spaten nehmen.

Bummer-Anke, die Stimme der schweigenden Mehrheit, arbeitet für zwei, trinkt für vier, und James, das große Baby, das im Juni mit langen Hosen zur Schule kam und nie ein schlechtes Wort sagte, begleiten mich, seit ich Mitte der 80er Zuflucht suchte im Schreiben. Und in der monatlich rauchenden Runde am Klis´schen Küchentisch landete.

Klis Sachse

Meine Hoffnung von damals ist schnell umrissen: Wäre ich erst Schriftstellerin, dann käme ich mit meinen 20 Kilo Übergewicht gerade wegen meiner voluminösen Strickpullis, unreiner Haut und schwerstpubertärem Körpergeruch endlich runter von der Halde der ungewollten Mädchen.

phm 80er

Die vom Literaturinstitut sahen schließlich alle so aus. Das war mein Plan. Und es war Konjunktiv. Und es war DDR.

Was wir ihm auch an Geschichten anschleppten, Klis dampfte sie uns zu Miniaturen zusammen. Alles raus, was keine Miete in die Geschichte einzahlt. Beiwerk frisst Brot. Und das kostet. – So in etwa klangen seine konstruktiven Hinweise zu meinen Texten, die ich tatsächlich für Kurzgeschichten hielt. Daniil Charms („Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung“) lernte ich durch Klis kennen und auch nur allmählich verstehen. Wie der die Geschichte des rothaarigen Mannes einläutet, den man Rotfuchs nannte, der aber eigentlich gar keine Haare hatte, auch keine Augen, keine Ohren, keinen Mund zum Sprechen, keinen Rücken, keine Eingeweide, also eigentlich gar nichts und von dem er daher lieber doch nicht erzählen wollte, war auf neue Art bewusstseinserweiternd in dieser eng gefassten Welt.

In jener Klis´schen Welt saß auch die Stasi mit am Küchentisch, wie er später erfuhr. Dennoch war diese Welt in dem Maße groß, wie seine Texte kurz und komprimiert waren. Texte, die alles sagten und alles sahen und alles in einem Augen-Blick erfassten.

Kürzlich wurde ich in einer Runde gefragt, wie man in der DDR denn lernte „zwischen den Zeilen zu lesen“. Klis wäre an dieser Stelle wortlos gegangen. Alles konnte man mit ihm dann doch nicht machen. Oder er wäre geblieben, hätte einen seiner druckreifen Sätze als Molotov-Cocktail reingeworfen und wäre dann gegangen. Ohne sich noch einmal umzudrehen. Noch nicht mal im Zorn.

Die DDR löste sich im Westen auf, und wir verloren uns aus den Augen. Bis uns Leipzig und die Buchmesse wieder zusammenbrachte.

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(mit Autor Michael J. Stephan, 2012)

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(mit Autorin Caritas Führer aus der weit verzweigten Leipziger Pfarrersfamilie von Christian Führer, 2012)

Aber da war er schon zum Indianer geworden. In den Navajo fand er sich wieder wie früher bei seiner Großmutter Sally Knox, die in der Sonne vorm elterlichen Kolonialwarenladen Malzbier trank und abends Baldrian bekam von ihrem Freimaurer-Vater und ihrer Spiritisten-Mutter. Er reiste vom Yellowstone zum Wounded Knee zu Gräbern mit Aufschriften wie Wallace Walking Elk, Blue Horse oder Red Thunder.

Klis_Chemnitzer Verlag

Und er schrieb darüber, wie er an „hunderttausend Klapperschlangen, einsamen Gerippen, verirrten Kühen und rolligen Pumas“ vorbeifuhr, um am Ende des Weges auf Indianer in Race-against-the-Machine-T-Shirts zu treffen.

Ach Rainer.

Wäre ich im Frühling in Chemnitz mal nicht meiner damaligen Ausbilderin begegnet, die mir erzählte, dass Du gestorben bist. Jahrelang wäre ich noch auf der Messe um den Stand der Chemnitzer Freien Presse herumgeschlichen auf der Suche nach meinem Indianer. Wieder das Versprechen im Gepäck, Dich irgendwann zu besuchen in Deiner zigarrenverrauchten Whiskyhöhle in Hohenstein-Ernstthal.  Allein, um nochmal zu hören, wie Du „Badrizscha“ zu mir sagst.

Die zarte Ironie der Geschichte ist, dass es Dich beim Einkaufen erwischt hat, dass Du einfach umgefallen bist. Ich hoffe, die Flasche Whisky in Deiner Hand hat den Sturz überlebt und Du genießt sie nun da oben in Erinnerung an Deine Figuren „mit veilchenblauem Gemüt“, die „hineingetauschten Mieter“ des Hauses, in dem Du wohntest und an Herrn Osser, der schon mit „zwanzig, klein und von pyknischer Fülle Freud kaufte, Camus, Marx und Luther“. 

Alle Dir so ähnlich. Und doch keiner wie Du.

Mach´s gut, mein Freund. Ich traure in epischer Breite.