Udo Voigt lädt zum Sommerfest. (Der Versuch einer Absage)

Ach Udo

ich dachte, das hätten wir hinter uns, aber nun hat Deine Praktikantin schon wieder Mist gebaut und auch mir eine Einladung zu Deinem Sommerfest geschickt.

Es gibt Wildschwein am Spieß und auch Kinder sind willkommen, schreibst Du da. Und dass Du als Veranstalter vom Hausrecht gegen antideutsche, linksextreme oder sonstige menschenverachtende Besucher Gebrauch machen wirst.

Aber wer wird denn dann für Stimmung sorgen? Ich meine, nur ihr kleinen braunen Würstchen mit Starkbier in der Hand am Grill stehend – das ist doch in etwa so aufregend wie eine Rauchpause auf dem Dixi-Klo?

Und dann das Bühnenprogramm! Ein Brite, der als Parteivorsitzender einer Facebookgruppe gilt und ein Tscheche, der seine Arbeiterklasse vertritt, solange sie heterosexuell ist.

Komischerweise kommt erst danach der Kabarettist. Wie soll der Arme das denn toppen? Oder soll der angekündigte „Volkssänger“ auf dem Stimmungsbarometer das „Mädel mit der Fahne“ intonieren, um den Abend zu retten?

Lasst das doch beim nächsten Mal die Profis machen. Das gilt auch für Euren Einladungsverteiler:

SPD-Mitglieder kannste löschen.

Mir mein Hausverbot von Dir, lieber Udo, persönlich abzuholen, klingt in etwa so verlockend wie eine Darmspiegelung. Und die macht unsereins bekanntlich erst, wenn die Kacke am Dampfen ist.

„Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis, wenn nur man ihn zu pflegen weiß“, lockst Du in Deiner Einladung mit Goethe;

wie stark wohl stinkt der kleinste Scheiß, wenn man ihn nicht zu meiden weiß, lautet meine wohltemperierte Absage.

Ich freu mich auf unser Treffen am Sonntag im Wahllokal (denn obwohl Du vergessen hast, Deinen Berliner Kandidaten aufzustellen, wirst Du ja hoffentlich nicht vergessen, ihn nun auch zu wählen 😀 )

Dein

Spirit of Kasimir

 

 

 

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Mein Wort zum Sonntag – oder über „Eine einfältige Weise zu beten“

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Nein, Jesus wurde nicht mit Reißzwecken ans Kreuz getackert, aber Luthers Genagele ist auch nicht zu 100 Prozent erwiesen. Eins aber hat er gemacht: dem Meister Peter Beskendorf, Barbier von Wittenberg (der sich im 16. Jahrhundert auch „Chirurg“ nennen und als solcher operieren durfte) auf dessen Frage hin das Beten erklärt.

Seinem „lieben Meister Peter“ verspricht Luther in der Einleitung, es ihm „so gut zu geben, als ich´s hab“, und was dann folgt, ist Luthers To-Do-Liste, die er abarbeitet, wenn er „in die Kirche zum Haufen“ (das sind wir) geht, „und hebe an, die zehn Gebote, den Glauben (die drei Artikel) und, je nachdem ich Zeit habe, etliche Sprüche Christi, Pauli oder Psalmen“ herunterzubeten. Und wer für den Gang in die Kirche keine Zeit hat, könne es doch im stillen Kämmerlein tun oder unterwegs auf der Straße oder sogar bei der Arbeit. Denn nur „wer ohne Unterlaß betet, hütet sich vor Sünden und Unrecht“.

Ich glaube ja auch. Ich glaube nämlich Folgendes: Ich glaube, dass wir gar keine so gottlose Gesellschaft sind, als die wir uns gerne hinstellen. Ich sehe gefaltete Hände um Mobiltelefone allerorts auf Straßen und Plätzen, sehe Fußballgötter in Bronze und Modegötter auf dem Shoppingkanal; und mit welcher Inbrunst die letzte Visite eines Politikers beim Papst – immerhin dem Stellvertreter Gottes – von uns allen verfolgt wurde, ist jedem Missionar bis hin nach Papua-Neuguinea ein innerer Kirchentag. Und es war ja wohl unsere (!!) Kanzlerin, die mit der Raute den weltweiten Trend der neuen Handfaltung beim Beten losgetreten hat.

Auf dem Kirchentag in Berlin sitzen Alt-68er aus Oer Erkenschwick beim Bier, obwohl sie eigentlich (nun schon mal in Berlin) vorauseilend Benno Ohnesorg (50. Todestag 2. Juni) gedenken wollten, man an der Deutschen Oper aber nicht so lecker draußen sitzt wie hier in Mitte. Da wippt man auch gerne mit beim muslimischen Poetry-Slammer, der spontan am Ende des Tisches performt.

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(Sami el-Ali und Dennis Kirschbaum von I-Slam, Poetry zum Kirchentag in der Kreuzberger St.Thomas Kirche; Quelle ndr.de)

Selbst das Halten eines Bierglases hat hierzulande eine spirituelle, wenn nicht gar religiöse Dimension erreicht, der sich nur Wenige entziehen können. Und bringen wir Genossen der SPD einen neuen Kandidaten aufs Podium, dann wird der auch außerhalb der Partei zum Retter – und damit Heiland – erkoren, eine Ehre, die bei den Christlichen Parteien seltsamerweise  noch keinem zuteil wurde. Versucht William Paul Young in seinem Überraschungsknaller „Die Hütte“ (gerade erfolgreicher als erwartet im Kino) einfach nur, Gott ein Gesicht zu geben, dann kapieren wir auch das sehr schnell, und schon sieht der alte Junge da oben aus wie Mark Zuckerberg.

Aber eigentlich halte ich es mit Pfarrer Führer, denn der hatte m.E. die beste Theorie:

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(Pfarrer Christian Führer (1943-2014) vor »seiner« Nikolaikirche im Jahr 2008 © Jan Adler)

Wer seine Hände zum Gebet faltet, hat schon mal keine frei für eine Ohrfeige (und das ergo kennen wir auch: Hat ein anderer genau diese frei und knallt dir eine, dann halt ihm auch noch die andere Wange hin.) Gewaltlosigkeit von Atheisten im völlig unbewussten Gebet zeigte uns der 9. Oktober 1989 in Leipzig. Da waren 70.000 Leute viel zu sehr damit beschäftigt, mit einer Hand die Kerze zu halten und ebenjene mit der anderen vor dem Herbstwind der Friedlichen Revolution zu schützen.

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(Leipzig, 9.10.1989 © Waltraud Grubitzsch, P-A/ZB)

Es war schlichtweg keine Hand mehr frei, um einem Vopo im Anschlag einen Pflasterstein an den Kopp zu knallen. (Tomaten waren wegen der damaligen Versorgungslage eh ein No Go.) Leider verbieten die Sicherheits- und Brandschutzverordnungen brennende Kerzen in Fußballstadien, doch warte ich auf den Tag, da sich Hooligans mit kunstvoll dekorierten Altarkerzen vor selbigen drängeln und um friedlichen Einlass bitten, um endlich voller Stolz im Kameraschwenk ihr Meisterwerk ins Öffentlich Rechtliche halten zu können.

Ich lege mir meinen Luther ja gerne so aus, wie es mir pragmatischen, atheistischen Protestantin liegt: frei und passend. Und weil das momentan mit jeder Religion so gehandhabt wird, habe ich noch nicht mal schlechtes Gewissen dabei, sondern ein unendlich gutes Gefühl bei meinem ganz persönlichen Wort zum Sonntag und zu diesem Kirchentag: Wie oft und gut wir alle beten, ist uns gar nicht bewusst. Drum lasst es uns so weiter tun, denn wer die Hände nicht frei hat, der kann auch keinen Unfug damit treiben.

Darauf ein Amen und einen Gin.

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Euer

Spirit of Kasimir

***

Lesenswertes dazu aus der phm’schen Bibliothek:

  • Martin Luther „Eine einfältige Weise zu beten“ Evangelische Verlagsanstalt GmbH. Berlin 1962
  • Christian Führer mit Patricia Holland Moritz „Und wir sind dabei gewesen – Die Revolution, die aus der Kirche kam“. Ullstein Buchverlage GmbH. Berlin 2009
  • William Paul Young „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“. Allegria 2009

 

 

Selbstoptimierung war gestern – IKIGAI ist heute

von Patricia Holland Moritz mit Francesc Mirallesmit freundlicher Genehmigung von Resonanzboden, dem Blog der Ullstein Buchverlage.

Ein japanisches Sprichwort sagt: „Nur, wenn du aktiv bleibst, wirst du dir wünschen, hundert Jahre zu leben.“ Und beim ersten Mal las ich „attraktiv“ statt „aktiv“ und hätte das genauso unterschrieben.

Während sich der Okzident nun fleißig und geschäftstüchtig in Selbstoptimierung übt, kommt aus dem Orient ein Ding namens Ikigai als Schlüssel zum gesunden und damit möglichst langen Leben in Aktivität und Attraktivität. Und das ganz ohne Schnickschnack; es verlangt weder einen aufwendigen Ernährungsplan, noch schlauchende Trainingseinheiten oder teure Fitnessutensilien. Das Ikigai ist bereits das Utensil, ist die Smartwatch des bewusst lebenden Menschen. „Die Kunst zu altern und dennoch jung zu bleiben“ ist eine Eigenschaft des Ikigai, und jeder trägt sie bei sich, aber nur wenige sind sich der eigenen Kunstfertigkeit bewusst.

Spiritualität ist im Alltag angekommen

Obwohl es schon bemerkenswert ist, in welchem Maße spirituelle Themen Einzug in unsere rationale Gesellschaft gehalten haben: Nahezu jeder von uns kennt jemanden, der im Yoga oder Tai Chi Erholung von der 40-Stunden-Woche findet; sich vegan oder paleo ernährt; bei Beziehungsproblemen einem Coach vertraut und eine Meditation mit einem angesagten tibetischen Lama jeder Party vorzieht. Was sich vor noch nicht allzu langer Zeit „Esoterik“ nannte und wie Post vom Finanzamt so lange wie möglich ignoriert und dann kritisch begutachtet wurde, kann sich nun unter dem Begriff einer neuen Spiritualität zunehmender Sympathiepunkte erfreuen. Und nicht nur das: In Zeiten abnehmender politischer, religiöser und sozialer Werte hat der Mensch nur noch einen verlässlichen Partner, nämlich sich selbst. ‚Wer bin ich?‘ wird schon lange nicht mehr mit ‚Und wenn ja, wie viele?‘ beantwortet, sondern ist zu einer existentiellen Frage geworden.

Ein seismographisches Gespür für diese Entwicklung zeigen die Romane von Francesc Miralles. Schon lange interessiert sich der Autor für die Verbindung von Psychologie und Spiritualität. In Miralles` Romane kann man sich geradezu hineinfallen lassen, und sein Faible für Japan bringt er in „Das unvollkommene Leben oder Wie das Glück zu Samuel fand“ mit großer Poesie zum Ausdruck. Sein neuestes Buch – „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden“ – ist das erste Sachbuch des Romanautors, er hat es gemeinsam mit dem Computerspezialisten und Blogger Héctor García (Kirai) verfasst.

Héctor García lebt in Tokio. Von dort – der 13 Millionen-Metropole, die dem Rest der Welt immer einen Schritt voraus ist und dennoch wie ein schlafender Riese in sich zu ruhen scheint – zogen die beiden aus, um auf Okinawa das Geheimnis der Hundertjährigen zu erforschen, von denen es dort weltweit die meisten gibt.

Die Regeln des Ikigai

Was ist es, dieses Ikigai, das die Bewohner angeblich so alt werden lässt? Steht es für die Qualität der Nahrung, der Luft, des Wassers, der Sonneneinstrahlung, oder hat es gar einen mystischen Hintergrund?

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Die Autoren Francesc Miralles (li.) und Héctor García in einem Altersheim auf Okinawa.

Das Ikigai ist schnell beschrieben: Es ist das, wofür man lebt, es ist der Grund, morgens aufzustehen. Es ist kein abgezahltes Haus und auch nicht der gerade zurückliegende Urlaub. Es ist keine aktuelle Liebschaft, die sich morgen wieder erledigt haben kann. Ein Ikigai ist mehr, es ist nachhaltig und es war schon immer da, oft verschüttet von Verhaltensmustern, die unsereins sich schneller angewöhnt als diese zehn einfachen Regeln:

  1. Bleiben Sie zeitlebens aktiv, setzen Sie sich nie zur Ruhe.
  2. Bewahren Sie die Ruhe.
  3. Essen Sie sich nicht satt.
  4. Umgeben Sie sich mit guten Freunden.
  5. Halten Sie sich fit für Ihren nächsten Geburtstag.
  6. Lächeln Sie.
  7. Nehmen Sie wieder Kontakt zur Natur auf.
  8. Bedanken Sie sich.
  9. Leben Sie den Augenblick.
  10. Folgen Sie Ihrem Ikigai.*

Wie nun seinem Ikigai folgen, wenn man zwar weiß, was es ist, aber nicht, ob man selbst eines hat? Eine Umfrage im Verlag und unter Lesern zeigte die Vielschichtigkeit des Ikigai – der Verlass auf die Familie, die Neugier auf jeden Tag, die Freiheit im Wochenendhaus, die immer wieder neue Verliebtheit in den eigenen Partner, oder – wie in meinem Falle – ich selbst und damit das gute Gefühl bei jeder getroffenen Entscheidung. Das Ikigai wechselt nicht mit dem Umfeld und ist unabhängig von der eigenen Tagesform. Es geht auch nicht verloren, wenn einem bei einer Trennung oder Pleite die Freundin oder das Vermögen abhanden kommen. Das Ikigai lässt uns jeden Lebensumstand bewusst erleben und auch den Ausweg aus einer ausweglos scheinenden Lage erkennen.

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Ikigai gegen Stress

Und wo liegt der Zusammenhang zwischen Ikigai und langem Leben? Im Stress und wie Ikigai ihn vermeidet.

Stress steht einem langen Leben vermutlich entgegen, und viele Menschen wirken aufgrund von Stress viel älter, als sie tatsächlich sind. Stress setzt degenerative Prozesse im Körper frei, darunter leidet die – eingangs genannte, altersunabhängige – Attraktivität. Was dem Höhlenmenschen die reale Gefahr eines Raubtiers war, ist dem heutigen Menschen das Klingeln des Handys. In der realen Gefahrensituation schüttete der Körper des Höhlenmenschen eine erhöhte Menge an Cortisol zu seinem Schutze aus. Den heutigen Menschen durchströmen permanent kleinere Cortisolmengen.

Viele Menschen hierzulande fühlen sich der japanischen Kultur näher als ihrer eigenen. In Japan sind weder die Teller voll belegt noch die Wohnungen vollgestellt. Minimalismus zieht sich durch jeden Lebensbereich bis hin zur Mode. Das Auge, der Magen, das Äußere, das Umfeld wird von Ballast freigehalten. Nur was im Fokus steht, ist wichtig. Die vielfach belächelte Regelhörigkeit der Deutschen, ihre Disziplin bis hin zur Selbstaufgabe entpuppt sich schnell als Mär. Wir Deutschen sind groß im Verfassen von Regeln, doch im selben Zuge gilt es als hip, sie zu brechen. In Tokio geht  man nicht bei Rot über die Straße. Und dieses Verhalten gilt auch bei einer leeren Kreuzung nicht als lächerlich. Regeln zu befolgen bedeutet, ich muss mich in diesem Moment um rein gar nichts kümmern, auch nicht darum, ob nicht doch ein Auto um die Ecke prescht oder ein Polizist in der Nähe ist. Ich kann hier stehen und warten und ganz bei mir sein, bis die Ampel auf Grün schaltet. Kleine Fluchten im Alltag, bewusstes Annehmen einer Situation, keinerlei Ablenkung durch die Möglichkeit anderer Möglichkeiten, Aufgeräumtheit statt Chaos machen es aus, das kleine gute Gefühl im Alltag und vermeiden ihn, den kleinen alltäglichen Stress.

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Freude an Hachikō, dem Inbegriff von Treue: Der Hund saß noch 10 Jahre nach dem Tod seines Herrchens, einem Universitätsprofessor, am Bahnhof Shibuya und wartete auf dessen Rückkehr.      Foto Tokio 2016 © Patricia Holland Moritz

Dem Ikigai näherkommen

Das Geheimnis jener zu lüften, denen ein langes und ganz offensichtlich glückliches Leben gegönnt ist, war den Autoren Ansporn für ihr Buch. Was kann es für uns alle Spannenderes geben, als das Rezept für ein langes Leben? Mit ihrer Vermutung, damit eine der größten Sehnsüchte des Menschen zu berühren, lagen die Autoren richtig: Ihr Buch „Ikigai“ wurde  unmittelbar nach seinem Erscheinen in Spanien ein großer Erfolg und binnen kurzer Zeit in 30 weitere Länder verkauft. Allein in den Niederlanden gab es im ersten Monat nach dem Erscheinen fünf Auflagen davon. Mittlerweile geht Autor Francesc Miralles mit einem Ikigai-Workshop europaweit auf Lesereise und berichtet von einem überwältigenden Interesse der Menschen. Das eigene Leben mit einem Sinn  und mehr Energie auszustatten, scheint eines der größten Ziele in diesem bewegten Zeiten zu sein. Mit Übungen und in Gesprächen über alles, was sie in ihrem Innersten bewegt, bringt Francesc Miralles jeden Teilnehmer auf die Spur zu dessen Ikigai und damit zu einer einzigartigen Erfahrung.

Sollten Sie nun noch immer nicht wissen, was Ihr Ikigai ist, dann sind das Lesen dieses Artikels und Ihr Nachdenken darüber schon die ersten Vorboten dafür, dass es nicht mehr lange dauern wird und auch Sie ihn haben, den wirklichen Grund, morgens aufzustehen.

Francesc Miralles & Héctor García „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden“. Allegria 10.3. 2017. 224 Seiten. 17,00€. ISBN 978-3-7934-2317-1

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*aus: Francesc Miralles / Héctor García (Kirai): IKIGAI Gesund und glücklich hundert werden, S. 218ff „Zehn Ikigai-Regeln“

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Jung und Alt am Sonntag im Ueno Park. Foto: Tokio 2016 © Patricia Holland Moritz

Robert Baur – Engelsflug (Gmeiner, 2016)

Berlin wird nie die Stadt der Engel sein. Und doch ließen sich zwei von ihnen aus dem Himmel über Berlin auf uns herab. Sie sind Beobachter in der geteilten Stadt, können die Gedanken der Menschen lesen und sind dabei zur Untätigkeit verdammt, erleben den Segen als Fluch. Ausgerechnet eine Trapezkünstlerin am künstlichen Himmel eines Zirkuszeltes gewinnt das Herz eines der beiden … und der Rest ist Filmgeschichte. „Engelsflug“ schreibt Kriminalgeschichte.

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An manchen Büchern lese ich lange. Sie führen mich ständig zu weiteren Büchern.

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Und sie verführen mich dazu, willkürlich Artikel aus der Tageszeitung zu reißen, die ich sonst wohlbehalten dem Katzenklo übergebe. Manche Bücher verführen mich beim Lesen zu Filmen und Dokumentationen, sie schaffen Bilder im Kopf, die wiederum neue Bilder schaffen und sich schließlich zu einem großen Ganzen fügen. Solche Bücher schreibt Robert Baur. „Engelsflug“ ist sein zweiter Kriminalroman um den Exkommissar Robert Grenfeld.

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Er führt in das Berlin der 1920er Jahre und dort in die Friedrichstraße, Ecke Leipziger. Hier hat der privat Ermittelnde Grenfeld sein Büro über einer Galerie.

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Aus ebenjener Galerie wird eine Lithographie mit dem Titel „Zirkus“ gestohlen. Am Tag der Filmpremiere von Fritz Langs „Metropolis“ wird vor dem Ufa-Palast ein Mann überfahren. Der Fahrer begeht Fahrerflucht. Grenfeld war im Kino gewesen und ist somit als Erster vor Ort. In der Manteltasche des Toten findet er eine Zeichnung, das Motiv ist identisch mit der gestohlenen Lithographie. Für Grenfeld gibt es Fügungen, aber keine Zufälle. Unter argwöhnischer Beobachtung durch seine früheren Kollegen ermittelt Grenfeld nun auf eigene Faust gegen die Zeit und gegen die schnell verbreitete Annahme, es habe sich lediglich um einen Unfall gehandelt.

„Nur der Kopf hat sich an den rasanten Verkehr gewöhnt. Die Beine laufen immer noch zwischen den Pferdedroschken. Vom Kopf bis in die Beine, das dauert.“

An seine Seite drängt sich Olja Grekova, die Sekretärin der Galerie unter Grenfelds Büro. Schon lange träumt sie davon, es ihrem Idol Joe Jenkins gleichzutun. Nur widerwillig fügt sich Grenfeld ihrem Ermittlungsdrang und dem einiger schräger Gestalten aus seinem Umfeld, die den Leser in die Berliner Unterwelt und in ein Flüchtlingslager nach Wünsdorf führen. Nun ist es der Leser, der chauffiert wird – allerdings nicht im betulichen Tempo eines Touristenbummels, sondern mit Hochstart und sofort rasant. Und genau hier beginnt auch meine Reise, die mich immer wieder an das eigene Bücherregal und an den Bildschirm führt. Im „Engelsflug“ lande ich bei Ernst Gennat – der Koryphäe Berliner Kriminalgeschichte, die der Autor nicht glorifiziert, sondern als Zeitzeugen hinzuzieht.

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Obwohl es Gennat schon gegeben hat, wird dieser Haudegen kriminalistischer Ermittlungsarbeit immer wieder neu erfunden, er taucht in zahllosen Filmen und Romanen auf, mal als Zitat, mal als Figur, mal als Referenz – aber immer auch als Kompliment. So auch bei Fritz Lang, zu dem mich der „Engelsflug“ führt und der Stadt, die einen Mörder sucht.

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Ich scrolle durch Archive, die mir den Potsdamer Platz zu Zeiten des Hotel Esplanade vor Augen führen und sitze im Kakadu auf einen Cocktail. Ich lande an einem Essensautomaten, der statt Himbeerkuchen Würstchen mit Senf ausspuckt und damit genauso ist wie das Leben, nämlich

„…ein großer Automat voller Verheißungen. Man warf einen Groschen ein und bekam garantiert eine Überraschung serviert.“

Ich lande auf dem Trapez im Zirkus Sternheim, wo ein Mädchen vermisst wird, Amina. Die blutjunge Schönheit aus dem Kaukasus ist die Einzige, die das Wunder des „Engelsfluges“ beherrscht, ein

„Manegenspiel, … das den Mut und die Kraft eines Mädchens aus den Bergvölkern“

zeigt, eine Nummer auf dem Hochseil, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Ein wichtiger Zeuge Grenfelds begeht Selbstmord, denn

„wo der Krieg langsam in Vergessenheit gerät, braucht der Tod neue Verbündete“.

Doch dass in der Masse jener Lebensmüder auch der eine oder andere Mord unentdeckt geparkt werden kann, scheint nur Grenfeld zu interessieren.

Es ist der Sog der Sätze, die ohne unnötige Absätze einen Lesefluss entspringen lassen; ohne Schnörkel wird die Handlung spannend aufgebaut und straft das trotz seines Erfolges seltsam belächelte Genre des „Regionalkrimis“ mit einer großen Portion Geschichtswissen und Gesellschaftskritik ab. Denn was sich hier in der Gigantomanie des 20er Jahre Berlins abspielt, erinnert unmittelbar an das Berlin von heute. In sehr präzisen Metaphern findet der Autor ein Bild für Berlin, das sich bis heute nicht abgenutzt hat. Es ist der Kaukasier Jaragi, dem er die Worte in den Mund legt für diese Stadt, an deren Beschreibung man eigentlich nur scheitern kann.

„Die Gesichter Berlins. Das Phänomen der toten Augen. … Selbst ein Fisch in den Gebirgsbächen seiner Heimat besaß lebendigere Augen. Vielleicht lag es an den Behausungen…. den kilometerlangen gleichförmigen Mietskasernen, in denen die Menschen zu wohnen gedachten.“

Nach „Mord in Metropolis“ (Gmeiner 2014) ein weiteres Glanzstück des Autors mit jenem orwellschen Gespür für einen glaubhaften, wahrhaften und immer spannenden Kontext aus Vergangenheit und dem, was wir mal wieder nicht daraus gelernt haben.

Dieses Buch hat meine ganz persönliche Leseempfehlung.

PS: Eine geniale Ergänzung am Schluss sind das Kapitel „Fiktion und Wirklichkeit“, in dem der Autor den realen Bezug zu den Protagonisten und Handlungsorten in seinem Roman offenlegt, sowie die Danksagung, in der sich für jeden Autoren hilfreiche Informationen über Fachleute und Archive finden.

phm. 12/16

***

photocredits:

1 „Himmel über Berlin“; Bruno Ganz, Solveig Dommartin © wimwendersstiftung.de

2 Desk / phm.2016

3 Sittengeschichte der Inflation von Hans Ostwald / phm.2016

4 Robert Baur „Engelsflug“ © Gmeiner 2016

5 Berliner Verkehr. Friedrichstraße Ecke Leipziger Straße / Robert Baur 2016

6 Ernst Gennat © picture-alliance / Rolf Kremming

7 aus: Fritz Lang „M. Die Stadt sucht einen Mörder“ © Praesens

Die 33. Buch Berlin 2036 – Vorschau statt Rückblick.

DSC_0019.JPGAuf der Straße vor der „Grießmühle“ drängeln sich Musiker mit gehalfterten Gitarren vorbei an Schriftstellern, die auf einer der geduldeten Bühnen eine Lesung aus alten Manuskripten ersteigert haben. Der Vater zerrt seinen Sohn am Ärmel durch das morgengrauende Berlin. „Hashtag: alles ok“ ruft er einem Entgegenkommenden zu, der ihm augenzwinkernd mit „Like“ antwortet.

„Wer war das?“, fragt der Sohn. Der Vater legt mahnend den Zeigefinger auf die Lippen. „Nicht so laut in der Öffentlichkeit“, flüstert er, obwohl auf den letzten Metern zur Buchmesse niemand mehr in Hörweite ist. „Du weißt, dass du die Dudensprache mit keinem außer mir sprechen darfst. Und ich möchte, dass du dich endlich an das Vokabular Web 3.0 gewöhnst, sonst wird das nichts mit deiner Ausbildung!“

Der Sohn schaut trotzig. „Aber das letzte Paintballexamen habe ich mit höchster Punktzahl absolviert. Meinem Bachelorabschluss in Ingenieurswissenschaften steht also nichts mehr im Wege.“

„Nicht so laut!“, brüllt der Vater, als die Ampel auf Grün wechselt.

Auf der anderen Straßenseite leuchtet die Fassade des „Estrel“ im Grau des Tages. Verstohlen schaut sich der Vater um. Am Eingang steht ein Mann mit einem Bauchladen und vergilbten Zeitungen darauf. „Codewort!“

„Schnee, der auf Zedern fällt“, pariert der Vater.

Der Mann wird bleich und deutet eine Verbeugung an. Dann drückt er dem Vater einen Papierschnipsel in die Hand und flüstert: „Ihre Pressekarte!“. Ehrfürchtig bilden die Menschen im Eingangsbereich ein Spalier.

Drinnen zeichnet sich rege Betriebsamkeit ab. Der Sohn deutet auf zwei Männer, die sich über einen Tisch beugen. „Was machen die da?“

„Sie blättern in Büchern. Wahrscheinlich werden sie auch welche kaufen. Damit verdienen sie ihr Geld. Die Buchhändlerin…“, der Vater deutet mit einer Kopfbewegung auf eine junge Frau mit einer Punkfrisur in Buchseitenoptik, „zahlt ihnen den Preis, den jedes Buch kostet. jeweils in bar.“

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Der Sohn wird hellhörig. „Dann könnte ich mir auch mein Geld damit verdienen, Bücher zu kaufen.“

„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du deine Ausbildung riskierst, wenn dich jemand mit einem Buch erwischt! Kapier das doch endlich! Dass ich die diesjährige Pressekarte abbekommen habe, ist nur deiner oberschlauen Mutter zu verdanken! Sie war es, die auf das Guerilla-Marketing des Clubs der Toten Verlage reingefallen ist und unseren Besuch hier gewonnen  hat!“

Ein Mann löst sich aus einer Menschentraube. Mit der rechten Hand, die an der Stelle des Zeigefingers einen blutigen Stumpen hat, weist er auf den Vater. „Wolfram! Du altes widerstandsfähiges Material!“

Erklärend wendet sich der Vater an den Sohn: „Ulli war unser Chemieass in der Klasse. Er gab mir den Spitznamen W 74 und fand das lustig.“

„Chemie?“, fragt der Sohn.

„Schon gut“, der Vater winkt ab, „das führt jetzt zu weit.“

Er wendet sich dem Mann zu. „Es wäre schön, du würdest meinen Besuch hier für dich behalten.“ Der Mann errötet und geht weiter.

Im Vorbeigehen klaubt der Vater eine Handvoll Erdnüsse von einem Büchertisch und gibt seinem Sohn einige davon ab. „Die Lizenz für einen Stand wird nur im Zusammenhang mit Lebensmitteln vergeben. Seitdem treibt die Dekoration der Bücherstapel essbare Blüten.“

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Der Junge kaut gedankenverloren vor sich hin. „Mama sagt, das wäre eine Sekte, die sich hier trifft.“

„Nicht nur Mama sagt das. Mittlerweile ist Lesen und Schreiben das, was zu meiner Zeit Haschkonsum war. Viele tun es, aber es ist nicht legal. Es begann vor etwa zwanzig Jahren. Den Verlegern gingen erst die Floskeln und ihren Lektoren dann die Standartbriefe aus. Den Autoren gingen daraufhin die Ideen aus. In einer landesbreiten Protestaktion schnitten sie sich reihenweise den rechten Zeigefinger ab. Wie van Gogh sein Ohr.“

„Fann wer?“

Der Vater schüttelt den Kopf. „Schon gut. Auch das führt jetzt zu weit.“

„Und dann?“, bohrt der Sohn.

„Viele andere Gewerke waren davon betroffen. Zuerst die Schreiner, weil die Verlage nun auch keine Schubladen für ihre Genres mehr brauchten.“ Der Vater weiß, dass sein Sohn mit dem überholten Wortschatz des frühen 21. Jahrhunderts nichts anfangen kann. Die wenigen Momente, in denen er sich nicht an 3.0 halten muss, will er allerdings rücksichtslos auskosten. „Den Todesstoß versetzte ein Philosoph der ganzen Branche. Gerade als er verbreitete, die Realität habe längst jeden Krimiplot überholt, schrieben die meisten von uns Krimis. Manche Autoren gaben sich sogar schwedische Namen, um ihr Buch besser zu verkaufen. Die Szene war riesig und erfolgreich. Trotzdem folgten wir aus Angst vor ausbleibenden Buchverträgen wie die Lemminge dem Szenario. Das ganze Land, damals eine mit Wohlstand gefüllte Fettblase, wurde von geschürten Ängsten gepiesackt und platzte schließlich. Die freigesetzten Radikale formierten sich sogleich zu Parteien und Gremien. Als erstes wurde ein Verbot entwickelt, das Lesen, Schreiben und damit das Verlegen auf die Schwarze Liste setzte.“

Der Vater hält inne in seinem Vortrag. „Das glaube ich jetzt nicht!“

Mit zitternder Hand berührt er einen Glaskasten, unter dem ein Buch liegt. Plötzlich füllt ohrenbetäubender Lärm den Saal. Vater und Sohn knien als Einzige am Boden und pressen ihre Arme an den Kopf, wie es die neue Alarmverordnung vorschreibt. Wenige Sekunden später ist der Spuk vorbei. Ungläubig schaut sich der Vater um. Eine Frau, deren Sakko von versteckten Büchern aufgebläht ist, tippt ihm vertraulich auf die Schulter. „Das passiert hier alle paar Minuten. Dass noch ein Exemplar von Orwells 1984 existiert, glaubt man wohl erst, wenn man es berührt hat.“ Kichernd verschwindet sie im Getümmel.

„Wir sollten gehen“, sagt der Vater und zieht seinen Sohn am Ärmel zum Ausgang.

Er sieht das herannahende Taxi und hebt den Arm. „Hash…“ Er verstummt.

Der Fahrer schaut ihn mit großen Augen an und sagt ungeduldig: „Hashtag Ziel! Hashtag Nicht Lustig!“

Der Vater lässt seinen Sohn einsteigen und setzt sich schweigend neben ihn.

Jetzt brüllt der Fahrer. „Hashtag Zeitmangel!“

Der Vater lehnt sich entspannt zurück. Der hundertste Alarm an diesem Tag ist ebenso ignoriert worden wie die 99 zuvor. Er zieht den Orwell aus der Innentasche seines Sakkos und blättert darin. Im Rückspiegel begegnet ihm eine steile Stirnfalte über böse blickenden Augen. „Lassen Sie mich kurz überlegen…“, der Vater senkt den Blick und blättert lächelnd in dem Buch, „und nun fahren Sie uns…“, die Stirnfalte des Fahrers füllt sich mit kaltem Schweiß, sein Blick changiert von böse zu angsterfüllt, wie immer, wenn irgendwo  die Dudensprache ertönt, „bitte in die Straße der Ölsardinen.“ Und das Lächeln in seinem Gesicht ähnelt einem IKS-Haken.

***

Rückblick auf 2016 – Das war die 3. Buch Berlin im November 2016 mit einer auffällig hohen Konzentration an Teddybären 😉

Sowas von keiner Alternative für Deutschland

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(Artikel erschienen in ABWÄRTS Nr. 16 / Bestellung @ BasisDruck Verlag)

Eine Steilvorlage überbietet die nächste. Zeiten wie diese waren mal wahre Jagdgründe für Schreiberlinge.

Was würden Brinkmann, Fuchs, Pannach und auch der BAADER Holst wohl aus den Denkdelikten der Gaulands, Festerlings und Petrys zimmern?

Oder gelängen auch ihnen nur Treppenwitze, weil wieder ein Twitterer schneller war als der erste Lyriker?

Was hätte ein Klaus Renft schon zum Thema gejammt?

Warum findet sich keine Gruppe 47 in diesem Wahnsinn zusammen, die statt demokratisch Texte zu verreißen das Gleiche mit den Auswürfen der so genannten Protestbewegung hierzulande macht?

Wo sind die Intellektuellen, wenn man sie mal braucht? Und die, die da sind und schreiben und vorlesen – warum erreichen sie keinen mit dem jetzt notwendigen Witz, der doch so manche Tür nach rechts oder links öffnet?

Warum steht keiner der namhaften Schreiber, den die Nichtleser zumindest aus einer Talkshow kennen könnten, mit den „Alternativen“ an ihrem Stammtisch, Schnapsbier spendierend? Traut sich keiner ran an jenen abgedeckten Brunnen voller geschluckter Kröten, an dem eine Meinung auf allgemeingültig poliert wird?

Dabei haben die Denkdelikte der „Alternativen“ doch richtig gutes Potenzial für den Beginn eines brauchbaren Miteinanders: Nach einer schlafgewandelten Eingebung Alexander Gaulands wurde Jerome Boateng nicht nur zum Lieblingsnachbarn der Deutschen, sondern nun sogar ihr Fußballer des Jahres. Beatrix von Storch lässt sich ausgerechnet auf dem schwulen Motzstraßenfest ablichten und darf sich massenwirksam dem sauber erteilten Platzverbot von „Rauschgolds Lieblingsbar“ fügen.

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Frauke Petry schimpft noch „Lügenpresse!“, während sie mampfend das Buffet des Bundespresseballs leerpflügt.

„Dann lasst sie doch regieren“, rät Klaus Wowereit aus dem politischen Off. Klaro – und lasst sie gefälligst weiter ungestört so brauchbare Pressearbeit machen. Während Berlin und Mecklenburg-Vorpommern angstschlotternd dem Wahlshowdown mit der AfD im September entgegensehen, regeln sich auf diese Art schon mal ein paar Probleme von selbst.

Die „Alternativen“ liefern so viele wunderbare Stilblüten, aus denen sich ganze Bouquets der Zuneigung zu ihnen binden ließen. So haben mir gleich zwei Parteien in den letzten Monaten die Hand zur Freundschaft gereicht. AfD und NPD waren so freundlich, meine Adresse in ihren jeweiligen Interessentenverteiler aufzunehmen. In deutschdisziplinierter Regelmäßigkeit erreichen mich Briefe und Emails beider Parteien mit der wiederholten Bestätigung (sic!) meiner (sic!) Beitrittsanfrage (sic!).

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Gerne wird am Samstagnachmittag auf meinem Handy angerufen und ein Hausbesuch vorgeschlagen. Meinem bekennend dunkelhäutigen Freund hätten die „Alternativen“ bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich gleich das Parteibuch überreicht. Mittlerweile ist ja sogar empirisch bewiesen, dass sich Flüchtlinge und AfD-Anhänger in ihren Ansichten gleichen.* Da kann man doch nicht sagen, die wollen nichts mit Leuten wie mir zu tun haben, im Gegenteil! Meine SPD-Mitgliedschaft scheinen sie auch zu tolerieren, also bitte!

Finden wir uns damit ab, in einem Land zu leben, in dem das Banale die Alternativen bestimmt. Und wenn die Gaulandverschickung nun die Alternative für Deutschland sein soll, dann fetzt das immer noch mehr, als ohne Alternative und damit alternativlos dazustehen. Es gibt immer die Wahl zwischen Pest und Cholera. Und am 18. September bekommt Berlin beides und zwar hochverdient. Und dann fliegt uns diese Stadt so dermaßen laut um die Ohren, dass hoffentlich auch der Letzte wach wird und aus seinen gebrochenen Knochen wieder so etwas wie ein Rückgrat bastelt.

Euer

Spirit of Kasimir

*Umfrage „Flüchtling 2016“ der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW), 15. August 2016

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16. September 2016 Premierenlesung Heft Nr. 16 im BAIZ Berlin.

Vom „Bösen“ im Menschen und der Gretchenfrage nach der Schuld

Eine beliebte Frage in Interviews mit Krimiautoren ist folgende: „Wie können Sie das Böse im Menschen zu Ihrem Thema machen und dabei nicht selbst das Vertrauen in den Menschen verlieren?“

Meine Suche nach dem Bösen im Menschen begann vor Ort in St. Petersburg in Fjodor Dostojewskis Wohnhaus, Kusnetschiniy Pereulok 5. Ein unscheinbares Eckhaus nahe dem Fontanka Kanälchen, auf dem die Bierfreuden der Nacht ins Eis gefroren waren.

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Dostojewskis Bücher standen bis dahin als Drohung in meinem Regal. Sein Bild zeigte einen bärtigen Mann, der die eigene Totenmaske schon zu Lebzeiten zu tragen schien.

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Dazu „Der Idiot“, „Das Totenhaus“, „Schuld und Sühne“ – Buchtitel wie Trauergesänge. Viele davon entstanden in jenem Haus in der Kusnetschiniy, in das er von seinen Spaziergängen am Kanal und von seinen Treffen abends heimkehrte, immer als erstes die Frage rufend: „Gde deti?“ – Wo sind die Kinder?; in dem er vorrangig nachts arbeitete und dabei Selbstgedrehte aus zwei Tabaksorten rauchte… „Hör auf damit“, bat ihn seine Tochter Ljubow, „es wird dich umbringen“. Und so ist es auch ein fast verzweifelter letzter Gruß an ihren Vater, den sie in Tinte auf seiner Tabakdose aus Holzspan hinterließ: „Heute, am 28. Januar 1881 ist Papa gestorben.“

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Hier lebte der Autor zusammen mit seinem bitterarmen, aber hochgradig begabten Protagonisten, dem Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow.

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3a Georgi Taratorkin als Raskolnikow

Jenem Raskolnikow gestattete der Autor „das erlaubte Verbrechen“; einen Mord, begangen zwar mit Tötungsabsicht, aber moralischer Rechtfertigung. Den Mord an der wucherischen Pfandleiherin, dem als Beifang auch ihre zufällig am Tatort erscheinende Schwester zum Opfer fiel, rechtfertigte Raskolnikow aka Dostojewski mit den schändlichen Taten der Alten. Über das Leben einer solchen „Laus“ und den Wert einer solchen Person dürfe er als wirklich großer Mensch entscheiden.

Auf den ersten Blick kein tragbarer Standpunkt und heute allenfalls rechtslastig. Auf den zweiten Blick – beim Weiterlesen nämlich – ist man mittendrin im Flechten eines Bauernzopfes: Da werden von links und rechts immer wieder neue Strähnen hinzugenommen, bis alles zu einem dichten Zopf verflochten ist:

Mit „Schuld und Sühne“ hat Dostojewski den ersten Roman eines Täterprofilings geschrieben. 

Das Böse, es hat sich Dostojewski mehrfach im Leben gezeigt, hat ihn umgarnt, versucht, auf die andere Seite zu ziehen nach seiner Scheinhinrichtung, während seiner Spielsucht, beim Verlust seiner geliebten Kinder an Epilepsie und Hunger. Es hat ihn nicht gekriegt. Dieser Mann lebte, liebte und lachte leidenschaftlich bis zum Schluss. Die dunklen Momente seines Lebens wuchsen nicht in Depression, Missgunst und Hass, sondern zwischen Buchdeckeln weiter und schließlich im Kopf des Lesers, der seine Lehren daraus ziehen oder es bleiben lassen kann.

Welch wunderschöne Utopie: Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich in dem, was er als sein Talent erkennt, zu verwirklichen, abzureagieren und daran zu wachsen. Wo bliebe dann das Böse? Dort, wo es hingehört – in den Gedanken, die gedacht gehören, aber nicht in spontanen Übersprungshandlungen, berechnetem Betrug oder gar Mord gipfeln.

10 11 12 „Die Wölfe sind zurück“ von Rainer Opolka*

„Was sich liebt, imitiert sich“, sagt die Wissenschaft über sich immer ähnlicher werdende Paare. Genauso funktioniert der Hass, genauso verbreitet sich das Böse – momentan sogar bis in die feinsten Verästelungen unserer Gesellschaft. Es wächst hinein in Bereiche, in denen wir uns bisher sicher fühlten – einer Kirche in Rouen, einem Macdonalds in München, einer Strandpromenade in Nizza oder einem Straßencafé in Paris.

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Café La Belle Equipe, Rue de Charonne, 11. Arr. – nach den Anschlägen vom 13. November 2015 – 19 Tote

Auch in unseren Freundeskreisen fühlten wir uns geborgen, bis dann auf einem Klassentreffen oder einer Geburtstagsfete ein vertrauter Mensch zum Besten gibt, er habe nichts gegen Ausländer, aber die Belange des deutschen Volkes gingen schon erstmal vor.

Auch bei Facebook fühlten wir uns sicher, bis die ersten Trolle sich in den Kommentarzeilen einnisteten oder eifersüchtige Partner im Profil wühlten wie früher in den Sakkotaschen auf der Suche nach verdächtigen Telefonnummern.

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Wir erwarten „Benehmen“ von zu uns Geflüchteten und leben Rohheit in Form vom brennenden Heimen und rassistischen Sprüchen vor.

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So betrachtet stellt sich nicht mehr die Frage, ob es das Böse in jedem Menschen gibt, sondern eher, ob da jemals etwas Gutes war.

„Schuld und Sühne“ – sehr schnell sind wir bei den beiden Dostojewskischen Begriffen. Schuldzuweisung als neuer Volkssport.

Wer ist schuld an dem Bösen, das sich in der politischen Landschaft kaum mehr rechts oder links zuordnen lässt, weil mittlerweile beide hierzulande mit den gleichen Feindbildern arbeiten? Schuld sind DDR-Vergangenheit, Islam und seine Radikalisierung. Klar! Schuld woran? An dem Bösen, das jeder von uns in sich trägt und das wir wie auf Kommando in verschiedenen Varianten zum Besten geben? Online, offline, analog – es wird gerotzt, geneidet, geprügelt und angeprangert, was das Zeug hält. Aber wir sind nicht schuld? Der Kindermörder hatte selbst eine schwere Kindheit und ist nicht schuld?

„Mörder muss man Mörder nennen“, sagte Salman Rushdie auf einer Lesung letzten Herbst kurz nach den Paris-Attentaten hier in Berlin.

Und Täter sind Täter. Egal aus welchem Stall wir alle kommen, wie wir sozialisiert wurden: Unsere Taten begehen wir selbst.

Der zweite Teil der Bitte im Vaterunser lautet: „…, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Wir dürfen also bei Gott Schutz suchen vor der Macht des Bösen in uns und in der Welt.

Wir dürfen aber auch – bitteschön – uns selbst endlich wieder etwas an die Kandare nehmen und zur Besinnung kommen, um aus der dunklen Materie gesellschaftlicher Verrohung sichtbare Menschlichkeit zu machen, die uns allen genauso wie das Böse innewohnt…

…meint euer – das Böse in sich zwischen Buchdeckel pressende –

                                                                                                    Spirit of Kasimir

*„Die Wölfe sind zurück“ – Skulpturen von Rainer Opolka

„Mitläufer“, „Anführer“, „NSU-Mann“ – 66 Wolfsskulpturen.

Ausgestellt am Berliner Hauptbahnhof, Washingtonplatz, August 2016.

Menschen, die zu Gewalt aufrufen und Hasskampagnen inszenieren.

71 Jahre nach Hitler redet Pegida-Frontfrau Festerling über „linksgrün versiffte Volksvernichter“, und die Republik im Schatten der Dresdner Frauenkirche jubelt dazu,  spricht Pegida-Chef Bachmann über Flüchtlinge als „Gelumpe, Viehzeug und Dreckspack“ und nennt der Gütersloher AfD-Sprecher die Altparteien „Maden, die sich vom Kadaver BRD vollgefressen haben“ …

(Dank an Sophia Kembowski, dpa, für die Zusammenfassung).

Lektüre zum Thema:

    • Hannah Ahrendt / Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper, 2011
    • Ferdinand von Schirach / Verbrechen. Piper, 2010
    • Ferdinand von Schirach / Schuld. Piper, 2012
    • James Ellroy / Die Rothaarige. Ullstein, 1997
    • James Ellroy / Die schwarze Dahlie. Ullstein, 1994
    • Hans J. Markowitsch und Werner Siefer / Tatort Gehirn. Campus, 2007
    • Claudia Brockmann / Warum Menschen töten. Ullstein extra, 2014
    • Kirsten Heisig / Das Ende der Geduld. Herder, 2010
    • Stephan Harbort / Killerinstinkt. Ullstein, 2012
    • Paul Britton / Das Profil der Mörder. Econ, 2000

Fotocredits:

Fotos und eine Grafik © Patricia Holland Moritz (aufgenommen u.a. im Dostojewski-Museum St. Petersburg, RU)

Foto Internettrolle © http://www.darkpsychology.com