Roland Spranger – TIEFENSCHARF (polar. 2018)

Sollte es für Noir eine Steigerung geben, dann ist das der Noiret: „Tiefenscharf“ von Roland Spranger.

Da sind Drogendealer Max und seine seriensüchtige Freundin Kira auf der einen, Videojournalist Sascha und seine schwangere Freundin Lydia auf der anderen Seite. Max vertickt sein Crystal Meth auch an Nazis (ein feiner Zug des Autors, dem Begriff der Bewusstseinserweiterung eine weitere Nuance zu verleihen), und Sascha hat die Schnauze voll von einem Job, der dem des Journalisten so fern ist wie unser Heimatminister einem guten Gefühl von Zuhause.

Die Handlung lässt sich nicht nacherzählen, so sehr die Umschlagtexte auch bemüht werden, denn hier ist sie tatsächlich Aktion. Und was für eine. An ihrem Ende bleibt der Nachgeschmack, mit genau dem Typen mitgegangen zu sein, vor dem uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Der uns in Abgründe blicken lässt und auf den Bodensatz einer Gesellschaft, in der ein Like so wichtig ist, wie es früher die verheißungsvoll hinterlassene Telefonnummer auf einer Zigarettenschachtel war; einer Gesellschaft, in der sich mehr Gaffer als Ersthelfer an einer Unfallstelle einfinden und die von der Wurzel bis zur Krone gedopt scheint. Im Buch wird zwar politisch korrekt geraucht, aber spätestens die erste Szene in Saschas Redaktion spiegelt die perverse Welt, in der wir leben, und das alles in einer „Landschaft, die so freundlich ist, dass man in sie kotzen möchte“.

(Gern wüsste ich, ob man sich tatsächlich selbst aus Kabelbindern befreien kann, mit denen die Leute in Serien dauernd gefesselt werden. Aber das ist auch die einzige Frage, die nach der Lektüre offen bleibt.) Ein peitschender Soundtrack bestimmt das Lesetempo und lässt einen À bout de souffle zurück, wie im  gleichnamigen Film Noir. Großes Kino.

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Roland Spranger

Tiefenscharf

Polar Verlag

Broschur

ISBN 9783945133590

18,– € [D], 18,50 € [A]

 

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Mein allererstes Krankheits-Posting

Facebook benutzt meine Daten, meine Gewohnheiten? Super! Hier meine öffentliche Botschaft an Pharmakonzerne und sonstige Lobbyisten des Gesundheitssystems und JA, ihr Humbug-Analyticas, bitte nehmt ZUGRIFF auf diese äußerst privaten Nutzerdaten, TEILT die Schande und WEIDET sie aus (und da mein GPS im Handy 24/7 angeschaltet ist, kein Problem für euch rauszufinden, wo überall ich mich heute aufgehalten habe, also go ahead FOLLOWING ME!):

Kleine Utopie, am ersten Tag der Osterferien mit entzündeter Arthrose einen Arzt zu finden. PAH! Hab ich schon erwähnt, dass ein aufgeblasenes Knie Schmerzen verursacht und einen Teil der entzündlichen Flüssigkeit als Schweiß auf die Stirn katapultiert? Hangel mich an Geländern und Häuserwänden entlang, mache Fahrstühle und Rolltreppen ausfindig in Ecken, die ich wegen der hohen Konzentration an Pisse bisher gemieden hatte (besteht ein stringenter Zusammenhang zwischen Blasenschwäche und Rollstuhlrampen?).

  • Friedrichstraße, Orthopäde meines Vertrauens: Leider gar nix mehr frei, alle im Urlaub, morgen 15 Uhr. – Ok, noch 30 Stunden bis dahin. Darauf eine Ibu 600.
  • Linienstraße, next exit: Hausarzt meines Vertrauens. Wünsche schöne Ostern, mich vertritt die nette Kollegin in der Dorotheenstraße. – Ok, waren ja nur 1000 Meter. Darauf ein Fishermen´s Friend.
  • Vor der Tür der netten Kollegin die Feststellung, dass sie a) nix Orthopädisches und b) erst in 2 Stunden aufmacht. Dafür nebenan ein … ORTHOPÄDE! Der aber erst in einer Stunde wieder zum Punktieren bereitsteht. – Ok. Ist dann ja nur noch 1 Stunde. Darauf ein Gaffel-Kölsch im Gaffel-Kölsch gegenüber. Iss ja schon Mittag, bin ja schon 3 Stunden auf den Beinen (minus einem entzündeten) unterwegs.
  • Pünktlich beim Orthopäden: Bin Notfall. Bin Schmerzpatient. Laufen nicht mehr möglich (liegt nicht am Bier). Sie lässt mich gar nicht ausreden, soll mich auf 3 Stunden Wartezeit einrichten. Sehne mich zurück ins Gaffel-Kölsch. Zwei Bunte und zwei Gala halten mich davon ab. Nach einer Stunde hab ich Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Und wenn es die einer Notaufnahme ist. Gehe in die Charité, sage ich. Ja, sagt sie lächelnd. Da warten Sie noch länger. Streicht mich – immer noch lächelnd – von der Liste, und ich möchte sie schlagen. – Ok. Sind ja nur 2000 Meter. Darauf ein Tempo an die Stirn und eine Ibu 400 auf Ex.
  • Am Wegesrand das Schild zur Orthopädischen Ambulanz Charité. Weil ich den Leuten mit Messer im Bauch nicht den Platz wegnehmen will, gehe ich lieber dahin. Weit gefehlt. Rothaarige übersieht die Tränen auf meiner Stirn und in mittlerweile auch meinen Augen und erklärt mir das Organigramm einer Universitätsklinik. Was ich hier also wolle, schnickschnack Schmerzen, das gehe so nicht. (Wenn im Gesundheitssystem Deutschlands der Ton die Musik macht, haben wir mehr zu überdenken als unsere Nationalhymne.) – Ok. Nun also doch das harte Programm und nochmal 1000 Meter. Ibu sind alle, kein Gaffel in der Nähe, also wieder ein Fishermen. (An meinem Atem isses bestimmt nicht gescheitert.)
  • Stehe vor der Tür der Notaufnahme. Hohes Gras zwischen  den Betonplatten. Wundere mich über die Ruhe. Ein Graffitikreuz sagt genau das: Ruhe sanft. 26.10.2016. Die sind also umgezogen. Hangel mich neben einem Penner an der Wand entlang und beneide den Typen in seiner Suffsorglosigkeit. Wir haben den gleichen Weg. Aber ich bin die schnellere von uns beiden Lahmen.
  • In der neuen, ganz frischen Emergenzia dann nach zwei Aussortierungen ein weißes Bändchen am Arm wie meine Tochter zu ihrer Geburt hier vor 23 Jahren, zu meinem fußballdicken Knie und mir Simulantin sagt der Arzt wie auf Speed: Haben Sie es schon mit Ibuprophen versucht? Oder an ein künstliches Kniegelenk gedacht? An den Krücken, die er mir als Notbehandlung mitgibt, möchte ich ihn kreuzigen. Frohe Ostern sage ich noch.

Bin ganz friedlich. Habe ja in petto noch den Termin beim Orthopäden meines Vertrauens, bis zu dem es nun nur noch 16 von ehemals 30 Stunden sind. Darauf eine Thrombospritze und eine Ibu 600, die ich zuhause noch gefunden habe. – So, ihr Datentrüffelschweine, nun teilt das auch bitte allen mit, dann sind wir wieder Freunde.

Euer Spirit of Kasimir

 

Transmedialer Nosferatu: Großes Kino im Delphi

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1922 war das Jahr der Erstaufführung von „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“. Stephen Kings kürzlich verfilmte Horrorgeschichte um den grausamen Mord an einer Frau und die Albträume ihres Mörders heißt „1922“, und das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Oder doch?

Genau hier beginnen sie, die wunderbar gesponnenen Theorien aus Horror und Mystik um jenes etwas „Mehr“ zwischen Himmel und Erde, das kein Wissenschaftler beschreiben kann und das doch so gern als bare Münze genommen und ausgegeben wird. Gab es sie wirklich, die transsylvanischen Vampire, wie Graf Orlok einer war?

Friedrich Wilhelm Murnau schuf dem Dämon ein Denkmal in einer Zeit, die ihm selbst hart zusetzte. Da war der Bruch mit seinen Eltern wegen seiner Homosexualität und seiner Berufswahl. Da war sein Einsatz im Ersten Weltkrieg, in dem er sein Flugzeug in den sicheren Hafen Schweiz lenkte, während sein Lebenspartner an der Ostfront buchstäblich verreckte. Sein Stummfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ ist als einer der ersten Vertreter des Horrorgenres Filmgeschichte geworden. Nach heutigen Horrorkriterien eher leichter Tobak, was ziemlich viel – und nichts Gutes – über die Zeit sagt, in der wir leben. Von dem Film gibt es mindestens so viele restaurierte Fassungen wie verschiedene Arten der Aufführung. Der US-amerikanische Experimentalmusiker Sean Derrick Cooper Marquardt hat dieser Galerie nun im ehemaligen Stummfilmkino Delphi in Berlin-Weißensee ein weiteres Bild hinzugefügt. Sein S&M Accidental Orchestra Experience Berlin formiert sich immer wieder neu wie bunte Splitter in einem Kaleidoskop, das Resultat in beiden Fällen nicht planbar. Und das ist gut so. Denn wer im Rahmen des «CTM Festival for Adventurous Music and Art» der Transmediale einen kuscheligen Absinth-Abend bei einem Stummfilmklassiker erwartet, hält Rammstein auch für eine deutsche Schlagerkombo, nur weil ihre Lieder „Amour“, „Du riechst so gut“ und „Engel“ heißen.

An diesem Abend im Delphi gab es Experimentelles, und zwar die volle Packung. Auf einem handgewobenen Klangteppich – gemacht aus Accidental Gitarre, Bass, Elektroniksounds, Gesang, gesprochenem Wort, Klavier, Akkordeon, Perkussion, Sampling, Theremin und Violoncello – suchte der alternde Nosferatu die Erfüllung seines höchsten Verlangens und fand Verderb und schließlich den Tod.

Zwischen dem Konzert und der Uraufführung liegen 96 Jahre. Hätte FW Murnau die Premiere seines Filmes ebenso für eine Rückschau um 96 Jahre genutzt, er hätte sie in einer Sternwarte veranstaltet: unter 20 Galaxien, die allein im Jahr 1826 entdeckt wurden.

NOSFERATU MIT SINFONISCHEM LIVE-SOUNDSCAPE nahm einige Hörgewohnheiten auseinander und setzte sie völlig neu wieder zusammen. Es war dem geneigten Hörer eine Erfahrung des Zulassens, wo sonst der Finger so schnell auf der Fernbedienung ist. Experimentelle Musik ist immer auch ein Experiment für die Musiker selbst, was Energien freisetzt, die im Rahmen vorgefasster Tonfolgen oft zwischen den Notenblättern verglühen. Allein das Akkordeon gab den Filmszenen Akzente, wie es ein Cliffhanger am Ende eines Kapitels tut und so ein Buch zum Pageturner macht. Ein Hörerlebnis, das unweigerlich zu einem Gedankenexperiment führt: Woher kommt sie, unsere Leidenschaft für das Monströse? Für Dracula, Frankenstein und die Aliens? „Das Anarchische des Monsters erscheint uns verführerisch“, schreibt Marcus Stiglegger im arte-Magazin, „und doch zeigen wir mit Abscheu darauf. Das Echo dieser Anklage aber lautet: Das Monster – sind wir selbst.“

Weder Nosferatu, noch das (wunderbarerweise von sehr engagierten Betreibern erhaltene) Delphi, noch die experimentelle Musik eines SDCM und seines Orchesters sind gefällig, indem sie um jeden Preis gefallen wollen. Aber eines ist jeder für sich: ganz großes Kino.

 

Fotos: Emma Holland

 

 

 

Ich bin nicht auf der Welt, um glücklich zu sein….

….heißt die Autobiographie von Frank Schäfer, dem Enfant terrible der DDR-Friseurinnung, dem Ostberliner Punk und Paradiesvogel.

Die etwas andere Autobiographie. Keine Opfer- keine Täterszenarien. Eine Momentaufnahme aus der Perspektive eines Mannes, der als Junge schon gern mit Männern schlief und eigentlich nur Friseur werden wollte, weil er die tratschenden Frauen in ihren Kitteln und Goldsandaletten in den Friseursalons so gut fand.

„Es gibt nichts Schlimmeres, als eine Frau, die vom Frisör kommt und auch so aussieht.“ Frank schneidet heute noch wie ein Herrenmaßschneider, denn das ist der Beruf, den er auf Wunsch seines Vaters, des Schauspielers Gerd E. Schäfer, gelernt hat.

Frank Schäfer, Sohn des bekannten DDR-Schauspielers Gerd E. Schäfer, hatte schon immer etwas gegen Geradlinigkeit. Statt eines bürgerlichen Lebens in der DDR zog er den Exzess in der Ostberliner Partyszene vor, entdeckte seine Liebe zu Männern und wurde aufgrund seiner flippigen Ideen zum gefragten Friseur und Stylisten. In seiner Biografie zeichnet er ein lebhaftes Bild von der Ostberliner Untergrundszene in den Achtzigern sowie dem Umgang mit Homosexualität im Osten. Er berichtet von den täglichen Schikanen der DDR-Obrigkeit, der daraus resultierenden Flucht nach Westberlin und wie er zur Zeit der Wende mit seinen gewagten Ideen auch dort Fuß fasste. Offen und ehrlich schildert Schäfer, wie er allein durch Authentizität, ohne sich von gesellschaftlichem oder politischem Druck leiten zu lassen, zur Stilikone wurde und wie er in seinem Leben das Glück nie gesucht, letztendlich aber immer eine Menge Glück erfahren hat.

SACHBUCH & BIOGRAFIEN
  • Buchpremiere in Berlin am 7. März 2018 im Pfefferberg Theater
    (www.literatur-live-berlin.de)
  • Über Homosexualität, Anderssein
    und Selbstfindung in der DDR
  • Offen und ehrlich erzählt, mit
    viel Witz und Berliner Schnauze

 

Bewegung im Vielvölkerstaat

Momentan scheint alles in Bewegung. Pegida nennt sich so und wird drei Jahre alt.

Ein dritter Geburtstag hat drei Kerzen auf der Torte, und Heliumherzen kleben an der Zimmerdecke. Der Jubilar trägt keine Windeln mehr und weiß ziemlich genau, dass Spinat nicht zu seinen Lieblingsspeisen gehört. Er kann immer längere Satzfetzen spucken und hat mit Kommunikation noch nix an der Pudelmütze. Er hustet raus, was ihm quersitzt, und die geladenen Tanten und Onkels feiern jede dieser Äußerungen wie die Rezitation eines Rilke-Gedichtes.

Nun hat die Evolution aber auch für die Dreijährigen dieser Welt eine Weiterentwicklung vorgesehen und im konkreten Fall die Entwicklung vom Satzhuster zum Gesprächspartner. Gespräche wiederum setzen mindestens ein Gegenüber voraus, solange es sich noch nicht um Selbstgespräche im Greisenstadium handelt. Kurz gefasst: Einer von beiden muss anfangen zu reden. Mit dem anderen.

  (c) Jan Tomaschoff

Pegida nennt sich Bewegung, als gäbe es ringsum nur Starre. Pegida nennt sich „das Volk“, zu dem ich doch auch gehöre, woraus ich schlussfolgere,  in  einem  Vielvölkerstaat zu leben. In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es „Pegida“ nur in Personalunion mit „AfD“. Beide werden in der dritten Person, wahlweise Singular oder Plural, besprochen, wo doch zum Ansprechen die zweite Person gehört.

Nach der Senatswahl 2016 in kleiner Runde sprach selbst unser Regierender nur in der dritten Person und über den Landesvorsitzenden der AfD, der einen Meter neben ihm stand, statt in der ersten mit ihm zu reden. Ich freue mich auf einen regen Austausch, wäre eine Möglichkeit gewesen, die stiernackig vertan wurde. Schiebst du den anderen mit Ignoranz in die Schmuddelecke, passiert genau das, was du nicht willst: Das Schmuddelkind mausert sich zum Outlaw, der Outlaw ist interessant.

Nach der Bundestagswahl 2017 redete die Kanzlerin vor laufender Kamera davon, die Wählerinnen und Wähler der AfD zurück holen zu wollen. Auch das in der dritten Person. Dabei hätte sie vor dem Millionenpublikum der Sendung am Wahlabend die 12 Prozent davon, die sie zurückhaben will, doch ganz einfach direkt ansprechen können. Ich bin auch eure Kanzlerin, nennt mir anstelle von rassistischen Parolen doch ganz einfach die Alternative, nach der sich eure Partei benennt, her damit, wir reden drüber. – Zweite Person Plural, ganz einfach.

Es fehlt der Mut, sich dieser Partei und ihrer Bewegung zu stellen. Natürlich gibt es Erquicklicheres, als mit Menschen zu diskutieren, auf deren Facebook-Chronik es aussieht wie bei Sudel-Ede damals im „Schwarzen Kanal“. Aber es gibt sie, die Möglichkeit. Tatsächlich.

Es ist ein gutes Jahr her, dass irgendein Clown meine Daten an die NPD und die AfD gleichzeitig weitergegeben hat mit dem Hinweis, man müsse mir nur noch Beitrittsformulare schicken, ich sei soweit. Dem Anruf eines NPD-Ortsvereinlers auf meiner privaten Handynummer (er schlug mir einen Hausbesuch vor – bei mir zu Hause, versteht sich!) parierte ich mit der Frage, ob er mir als SPD-Mitglied den Service des Anbieterwechsels gleich mit anböte. So wie das Telekom und Kabel Deutschland praktizierten. Den AfD-Ausweis in der Post einen Tag später bekam der Absender als Puzzle zurück.

Warum ich das hier erwähne? Weil das schon mal zwei Reaktionen meinerseits auf übelste Beleidigungen waren, bei denen ich nicht ein einziges Schimpfwort verwenden musste, um meinen Standpunkt klarzumachen.

Gibt der Klügere nun nach oder gibt er einfach nur klein bei?

Mit Leuten zu reden, die bereit sind, Politiker mit rassistischen Ansichten in den Bundestag einziehen zu lassen, ist keine intellektuelle Herausforderung, sondern eine gesundheitliche, da sich unsereins immer knapp an der Brechreizgrenze entlang diskutieren wird. Aber diese Demokratie haben wir uns nun mal ausgesucht, und zu dieser Demokratie gehört eben auch jener Schulfreund, der heute AfD wählt und vor nicht langer Zeit noch zur Abiturprüfung das Blauhemd zuhause ließ und Protestler war, als das noch unangenehme Folgen hatte.

Die ersten Anleitungen für eine neue Art der Kommunikation zur Rückeroberung der verlorenen Streitkultur erscheinen nach und nach*… Und es wird noch viele brauchen.

Seit ich den Buchtipp heute bei Twitter gepostet habe, geht es übrigens auf meinem Account zu wie auf einem AfD-Parteitag….

Es gibt also noch einiges zu tun.

Fangen wir doch schon mal an.

Euer

Spirit of Kasimir

*

Leo/Steinbeis/Zorn: mit Rechten reden. Ein Leitfaden, Klett-Kotta, 2017

Kleffner/Meisner: Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen. Ch. Links Verlag, 2017

Bildnachweis:

Cartoon © Jan Tomaschoff

 

Udo Voigt lädt zum Sommerfest. (Der Versuch einer Absage)

Ach Udo

ich dachte, das hätten wir hinter uns, aber nun hat Deine Praktikantin schon wieder Mist gebaut und auch mir eine Einladung zu Deinem Sommerfest geschickt.

Es gibt Wildschwein am Spieß und auch Kinder sind willkommen, schreibst Du da. Und dass Du als Veranstalter vom Hausrecht gegen antideutsche, linksextreme oder sonstige menschenverachtende Besucher Gebrauch machen wirst.

Aber wer wird denn dann für Stimmung sorgen? Ich meine, nur ihr kleinen braunen Würstchen mit Starkbier in der Hand am Grill stehend – das ist doch in etwa so aufregend wie eine Rauchpause auf dem Dixi-Klo?

Und dann das Bühnenprogramm! Ein Brite, der als Parteivorsitzender einer Facebookgruppe gilt und ein Tscheche, der seine Arbeiterklasse vertritt, solange sie heterosexuell ist.

Komischerweise kommt erst danach der Kabarettist. Wie soll der Arme das denn toppen? Oder soll der angekündigte „Volkssänger“ auf dem Stimmungsbarometer das „Mädel mit der Fahne“ intonieren, um den Abend zu retten?

Lasst das doch beim nächsten Mal die Profis machen. Das gilt auch für Euren Einladungsverteiler:

SPD-Mitglieder kannste löschen.

Mir mein Hausverbot von Dir, lieber Udo, persönlich abzuholen, klingt in etwa so verlockend wie eine Darmspiegelung. Und die macht unsereins bekanntlich erst, wenn die Kacke am Dampfen ist.

„Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis, wenn nur man ihn zu pflegen weiß“, lockst Du in Deiner Einladung mit Goethe;

wie stark wohl stinkt der kleinste Scheiß, wenn man ihn nicht zu meiden weiß, lautet meine wohltemperierte Absage.

Ich freu mich auf unser Treffen am Sonntag im Wahllokal (denn obwohl Du vergessen hast, Deinen Berliner Kandidaten aufzustellen, wirst Du ja hoffentlich nicht vergessen, ihn nun auch zu wählen 😀 )

Dein

Spirit of Kasimir

 

 

 

Mein Wort zum Sonntag – oder über „Eine einfältige Weise zu beten“

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Nein, Jesus wurde nicht mit Reißzwecken ans Kreuz getackert, aber Luthers Genagele ist auch nicht zu 100 Prozent erwiesen. Eins aber hat er gemacht: dem Meister Peter Beskendorf, Barbier von Wittenberg (der sich im 16. Jahrhundert auch „Chirurg“ nennen und als solcher operieren durfte) auf dessen Frage hin das Beten erklärt.

Seinem „lieben Meister Peter“ verspricht Luther in der Einleitung, es ihm „so gut zu geben, als ich´s hab“, und was dann folgt, ist Luthers To-Do-Liste, die er abarbeitet, wenn er „in die Kirche zum Haufen“ (das sind wir) geht, „und hebe an, die zehn Gebote, den Glauben (die drei Artikel) und, je nachdem ich Zeit habe, etliche Sprüche Christi, Pauli oder Psalmen“ herunterzubeten. Und wer für den Gang in die Kirche keine Zeit hat, könne es doch im stillen Kämmerlein tun oder unterwegs auf der Straße oder sogar bei der Arbeit. Denn nur „wer ohne Unterlaß betet, hütet sich vor Sünden und Unrecht“.

Ich glaube ja auch. Ich glaube nämlich Folgendes: Ich glaube, dass wir gar keine so gottlose Gesellschaft sind, als die wir uns gerne hinstellen. Ich sehe gefaltete Hände um Mobiltelefone allerorts auf Straßen und Plätzen, sehe Fußballgötter in Bronze und Modegötter auf dem Shoppingkanal; und mit welcher Inbrunst die letzte Visite eines Politikers beim Papst – immerhin dem Stellvertreter Gottes – von uns allen verfolgt wurde, ist jedem Missionar bis hin nach Papua-Neuguinea ein innerer Kirchentag. Und es war ja wohl unsere (!!) Kanzlerin, die mit der Raute den weltweiten Trend der neuen Handfaltung beim Beten losgetreten hat.

Auf dem Kirchentag in Berlin sitzen Alt-68er aus Oer Erkenschwick beim Bier, obwohl sie eigentlich (nun schon mal in Berlin) vorauseilend Benno Ohnesorg (50. Todestag 2. Juni) gedenken wollten, man an der Deutschen Oper aber nicht so lecker draußen sitzt wie hier in Mitte. Da wippt man auch gerne mit beim muslimischen Poetry-Slammer, der spontan am Ende des Tisches performt.

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(Sami el-Ali und Dennis Kirschbaum von I-Slam, Poetry zum Kirchentag in der Kreuzberger St.Thomas Kirche; Quelle ndr.de)

Selbst das Halten eines Bierglases hat hierzulande eine spirituelle, wenn nicht gar religiöse Dimension erreicht, der sich nur Wenige entziehen können. Und bringen wir Genossen der SPD einen neuen Kandidaten aufs Podium, dann wird der auch außerhalb der Partei zum Retter – und damit Heiland – erkoren, eine Ehre, die bei den Christlichen Parteien seltsamerweise  noch keinem zuteil wurde. Versucht William Paul Young in seinem Überraschungsknaller „Die Hütte“ (gerade erfolgreicher als erwartet im Kino) einfach nur, Gott ein Gesicht zu geben, dann kapieren wir auch das sehr schnell, und schon sieht der alte Junge da oben aus wie Mark Zuckerberg.

Aber eigentlich halte ich es mit Pfarrer Führer, denn der hatte m.E. die beste Theorie:

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(Pfarrer Christian Führer (1943-2014) vor »seiner« Nikolaikirche im Jahr 2008 © Jan Adler)

Wer seine Hände zum Gebet faltet, hat schon mal keine frei für eine Ohrfeige (und das ergo kennen wir auch: Hat ein anderer genau diese frei und knallt dir eine, dann halt ihm auch noch die andere Wange hin.) Gewaltlosigkeit von Atheisten im völlig unbewussten Gebet zeigte uns der 9. Oktober 1989 in Leipzig. Da waren 70.000 Leute viel zu sehr damit beschäftigt, mit einer Hand die Kerze zu halten und ebenjene mit der anderen vor dem Herbstwind der Friedlichen Revolution zu schützen.

DDR - Friedensgebet in Leipzig

(Leipzig, 9.10.1989 © Waltraud Grubitzsch, P-A/ZB)

Es war schlichtweg keine Hand mehr frei, um einem Vopo im Anschlag einen Pflasterstein an den Kopp zu knallen. (Tomaten waren wegen der damaligen Versorgungslage eh ein No Go.) Leider verbieten die Sicherheits- und Brandschutzverordnungen brennende Kerzen in Fußballstadien, doch warte ich auf den Tag, da sich Hooligans mit kunstvoll dekorierten Altarkerzen vor selbigen drängeln und um friedlichen Einlass bitten, um endlich voller Stolz im Kameraschwenk ihr Meisterwerk ins Öffentlich Rechtliche halten zu können.

Ich lege mir meinen Luther ja gerne so aus, wie es mir pragmatischen, atheistischen Protestantin liegt: frei und passend. Und weil das momentan mit jeder Religion so gehandhabt wird, habe ich noch nicht mal schlechtes Gewissen dabei, sondern ein unendlich gutes Gefühl bei meinem ganz persönlichen Wort zum Sonntag und zu diesem Kirchentag: Wie oft und gut wir alle beten, ist uns gar nicht bewusst. Drum lasst es uns so weiter tun, denn wer die Hände nicht frei hat, der kann auch keinen Unfug damit treiben.

Darauf ein Amen und einen Gin.

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Euer

Spirit of Kasimir

***

Lesenswertes dazu aus der phm’schen Bibliothek:

  • Martin Luther „Eine einfältige Weise zu beten“ Evangelische Verlagsanstalt GmbH. Berlin 1962
  • Christian Führer mit Patricia Holland Moritz „Und wir sind dabei gewesen – Die Revolution, die aus der Kirche kam“. Ullstein Buchverlage GmbH. Berlin 2009
  • William Paul Young „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“. Allegria 2009